Fortsetzung April 2010
Die Situation ist ganz einfach diese: Ich möchte so gern gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte, dass die Menschen, mit denen ich in Kontakt bin, per Mail, per Brief, oder auch im Gegenüber, verstehen, wie es ist, hier zu sein und auf eine Lungentransplantation zu warten. Seit nunmehr über 40 Wochen eingepfercht (und ständig im Krankenhaus immerhin seit November 08!) in einen Schuhkarton von Zimmer, ohne eigenes Klo, ein Zimmer, in dem sich fast mein gesamtes Leben abspielt, von 0 – 24.00 Uhr. Schlafen, essen, wachen, waschen, lesen, tippen, anziehen, ausziehen, arbeiten, Physiotherapie, Gespräche, Visiten, Besuch empfangen und nicht zuletzt meine ganze Partnerschaft, alles findet auf den paar Quadratmetern Raum statt – ohne dass ich mich selbst dabei noch groß bewegen könnte. O.k., den Weg zur Toilette bewältige ich noch alleine und auch in die Küche schaffe ich es noch, um mir einen neuen Becher Kaffee zu holen. Gerade noch so. Aber nichts ist mehr selbstverständlich. Ich habe das Gefühl, fast nichts mehr selbstständig entscheiden zu können. Ich fühle mich oft ausgeliefert. Nicht falsch verstehen, das Pflegeteam hier auf der Station ist klasse! Sehr, sehr freundlich. Besorgt. Oft liebevoll. Mitfühlend. Und gleichzeitig sehr professionell. Ich fühle mich gut aufgehoben, auch wenn ein paar Dinge nach all den Monaten sehr an mir nagen. Warum „vergessen“ einige immer noch anzuklopfen, bevor sie das Zimmer betreten (und damit meine Lebenswelt)?
Bei vielen (und vielem) spüre ich Hilflosigkeit. Ich weiß nicht, wie viel neue Assistenzärzte oder Studenten im Praktischen Jahr ich hier schon habe beginnen sehen. Die meisten waren nett. Zugänglich. Bemüht. Und hilflos. Gerieten beim Anblick des Hubschrauberlandesplatzes auf dem Dach des Gebäudes gegenüber aus dem Häuschen. „Das ist doch spannend, oder?“ Ja, sicher, bei den ersten drei Malen schon. Aber nach 280 Tagen ist der Blick aus dem Fenster bei mehrmaligen Hubschrauberlandeanflügen täglich ungefähr so spannend wie ein Blick auf das Bullauge der laufenden Waschmaschine zu Hause.
Es gibt auch hier drinnen einen Alltag. Nur fühlt er sich langsam nicht mehr an wie „täglich grüßt das Murmeltier“, leider auch nicht mehr wie wöchentlich oder monatlich, sondern nun schon fast wie jährlich. Das macht mir Angst – und mich zudem unendlich traurig (siehe ambivalente Frühlingsgefühle oben). Ich würde mich so gern mitteilen darüber, wie das ist, hier zu sein, was sich ändert und wie sich das anfühlt. Wie es sich anfühlt, in einer Zeitschleife zu hängen. Wie sich „normal“ anfühlt an einem Tagesablauf, der eben nicht normal ist. „Och, Massagen könnt ich auch 2x die Woche gebrauchen.“ „Genieß die Ruhe, andere Leute müssen sich da teuer in einem Kloster einmieten.“ „Müssen Sie wirklich die ganze Wartezeit stationär verbringen? Was das kostet!“ …
Aber je deutlicher ich schreibe, desto mehr verstummen andere. Oder waren von Anfang an stumm. Was ist so schwer daran zu sagen „Ey, Heike, deine Erfahrungen machen mir Angst und ich möchte mich eigentlich lieber nicht damit auseinandersetzen.“ Mir scheint das gar nicht schwer. Es wäre aber wenigstens ehrlich. Ehrlicher als dann doch mal eine Mail zu schicken nach 9 Monaten und nichts weiter zu sagen als dass man nicht vorbeigekommen ist und nicht gemailt hat, weil man Angst hatte vor falschen Worten.
In Kathrin Aehnlichs wunderbarem Buch „Alle sterben, auch die Löffelstöre“ beschreibt die Autorin folgenden Verlauf, den ich als so wahr und so passend unterschreiben kann, auch, wenn er einen anderen Blickwinkel skizziert (auf meine Situation gemünzt vielleicht eher die Position meines Mannes): „Pauls Krankheit hatte auch eine Bannmeile um Skarlet gezogen. Am Anfang hatten viele Freunde noch gefragt, wie es Paul gehe, sich nach dem Erfolg der Behandlungen erkundigt. Doch je ernster die Situation wurde, umso seltener waren die Fragen geworden. Niemand war wirklich an der Wahrheit interessiert. Sie spürte, wie die anderen ihr die Erzählungen über Pauls langsames Sterben zum Vorwurf machten. Aber sie hatte sich nicht die Augen zuhalten und den Wird-schon-wieder-Parolen anschließen können.“
Gut, bei mir geht es vordergründig (noch) nicht ums Sterben, sondern zunächst mal darum, dass wir eigentlich gar keine Fragen beantworten können. Wir haben selten Neues zu erzählen außer dem, was sich an meinem Gesundheitszustand verschlechtert. Wir wissen auch nach zum 5ten Mal nachfragen nicht, wann die OP endlich stattfinden wird, weil ja nicht voraussagbar ist, wann ein Spenderorgan zur Verfügung steht. Genauso wenig wissen wir, wie die OP ausgehen wird, wenn sie denn mal stattgefunden hat. Ob alles gut wird, mein Körper das Organ annimmt, ob und wenn ja, wie schnell ich wieder auf die Beine komme. Wissen wir auch alles nicht. Kein roter Faden, an dem wir uns langhangeln könnten, nichts Konkretes, das wir ansteuern können. Nur jeden Tag neu beginnen und überleben. Physisch und psychisch.
Was ich aber weiß, ist, was mich zunehmend verletzt: Bei Sätzen wie „Es ist so schön schon wieder draußen. Gehst du ein bisschen spazieren?“ zucke ich zusammen. Innerlich. Ich kann seit weit über einem Jahr keinen Spaziergang mehr machen (außer, ich lasse mich im Rollstuhl schieben). Das weiß doch jeder, der in irgendeiner Form in den letzten anderthalb Jahren zu mir Kontakt hatte. Was soll so eine Frage? Unbedachtheit (trotz besseren Wissens) kann so brutal sein. So schmerzhaft!
Und ich weiß, was mir, was uns oft fehlt, nämlich der normale Kontakt mit normalen Menschen. Freunden. Bekannten. Normale Gespräche unter erwachsenen Leuten. O.k., ich bin momentan sicherlich nicht so informiert darüber, was sich auf der tagespolitischen weltweiten Bühne abspielt, aber solches waren auch früher nicht die wesentlichen Gesprächsthemen beim Treffen auf einen Kaffee. Was mir (und meinem Mann) fehlt, ist das Mittendrinsein im Leben. Das sind wir eben nicht mehr, weil all unsere Kraft in das Leben mit der Krankheit, und die Bewältigung des Krankenhausalltags geht. Das geht auch nicht anders, weil das unsere Gegenwart ist. Und schwer ist es eben, auch für andere, für Außenstehende, weil ich eben nicht zu Hause bin, weil mein Leben nicht einmal in meiner sonstigen Lebenswelt, sondern hier im Krankenhaus stattfindet.
Und da sitze ich jetzt also auf dem Bett, den Laptop auf den Knien. Das Schreiben dieser Zeilen hat mir gut getan, vermeintliche Erleichterung für den Moment, auch wenn es nur ungefähr ein Hundertstel davon ist, was ich eigentlich schreiben wollte und mir auch immer weiter versage zu schreiben. Schließlich will ich ja nicht noch die letzten Kontakte vergraulen. Und ja, bedanken möchte ich mich auch mal wieder. Bei all den Menschen, die mir immer noch die Welt hierher bringen, ans Bett. Mit ihrer Anwesenheit und ihrem Dasein, mit Schokolade und Tulpen, mit Büchern und Forsythien, die sie mitbringen. Danken für die Gespräche und die Geschichten, die sie erzählen oder vorlesen. Danken für das Leben, das sie hereintragen. Der Handvoll Leute, die mich regelmäßig mit Mails beglücken, auch wenn sie bei meinen ewig langen Antworten vermutlich mit den Augen drehen, sage ich auch danke.
Zuletzt muss ich mir fast noch einen garstigen Gedanken verkneifen, denn wenn ich jetzt im Moment aus dem Fenster blicke, ha, entdecke ich dort doch glatt ein paar Schäfchenwolken am Himmel. Wie schön. Vielleicht werden daraus ja noch Regenwolken? Oder gar Schneewolken? Wer weiß, vielleicht hat der Frühling ja doch noch nicht begonnen???

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