Leseprobe: 
Der folgende Text ist eine Erzählung aus meinem Buch Der Rattenfänger und andere Grenzgänge“ (2007).
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Einen musikalisch bearbeiteten Ausschnitt des Textes können Sie
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Die Zeit steht still

Die Zeit stand still, als wir uns das erste Mal in die Augen sahen.

Der Himmel öffnete sich und es gab nichts anderes als weiten Horizont. Die Unendlichkeit des Augenblicks gehörte nur uns. Und ohne, dass wir überhaupt ein einziges Wort miteinander gesprochen hatten, wussten wir, dass wir beide für immer sein würden. Ich wusste es.
Ich wusste, dass du den Raum betreten hattest, ohne dich gesehen zu haben. Ich wusste, wie du schmeckst, ohne dich geküsst zu haben. Ich wusste, wie du riechst, ohne dich in den Armen gehalten zu haben. Ich wusste, wie du dich in mir anfühlst, ohne dich geliebt zu haben.
Die Zeit stand still, weil sie uns nicht mehr geben konnte als einen kurzen Augenblick. Bis wir in unsere Leben zurückkehrten.

Die Zeit stand still, als ich mich nach dir sehnte. Du warst so weit weg. Ich war nicht bei dir. Die Zeit stand still, als du mir ein Foto von dir schicktest: dein nackter Rücken, dein Hinterkopf mit vom Wind zersausten blonden Haar, am Horizont traf das Meer den Himmel und du davor sitzend am Strand. Die Zeit stand still, als du dazu schriebst, du seiest wohl nur eine Station auf dem Weg meiner unabwägbaren Gefühle gewesen, du hättest als Idee kurz für mich gepasst, aber dass ich dabei wäre, mein Leben in der gewohnten Situation zu restaurieren, dass du an meinem Lebensgefüge nichts ändern könntest und deine Liebe zu mir auch nicht. Die Zeit stand still, als du schriebst, du fühltest dich wie ein Satellit in sehr hoher Umlaufbahn, dessen Anziehungskraft ständig sinke. Mein Herz schrie, als du deine Zuneigung als Trockenübung bezeichnetest, als unbelebt. Unbeseelt. Liebe imaginär.

Die Zeit stand still, als ich dich nicht mehr zurückwies und mich von heute auf morgen aus meinem alten Leben verabschiedete und zu dir kam. Ich mich traute, dich zu lieben. Ich wusste nichts von dir und wagte es doch. Das Gefühl meiner Liebe. Deiner Liebe. Sicherheit genug. Nie gab es ein Ich und ein Du, anfangs, es war immer ein Wir. Weil es von mir lange vorher kein Ich gab.

Ich ließ mich aufsaugen von dir. Ich war. Ich fühlte. Ich lebte. Ich glaubte. Ich wollte. Ich sehnte mich. Ich erfüllte.
Wir hatten Monate Leben, die alles waren. Alles Spielen, alles Erforschen, alle Zwischentöne, alle Neugier zu stillen. Berührung wie im Tanz, Herzen, die sich liebkosten, Seelen, die sich in den Augen des anderen spiegelten, Hände, die trösteten, Arme, die umfingen, Blicke, die verstanden. Mein Lachen. Deine Tränen.
Dann kamen die Worte. Meine Worte. In Sätzen, nächtelang aneinandergereiht, zeigte ich dir mein Leben vor dir. Geheimnisse verraten, Blöße gegeben, Unschuld verloren. Deine Worte wähltest du sparsamer. Vorsichtiger.
Unsere gemeinsamen Worte waren oft still. Du verstandst mich ohne Worte. Du hörtest, wenn ich flüsterte, du last meine Fragen in meinen Augen und gabst mir die Antworten durch deine Gesten. Unsere Worte waren oft stumm.

Es sollte lange dauern, bis ein Ich in uns sich doch meldete. Bei dir viel früher als bei mir. Die Zeit stand still, als du von mir gingst. Die Zeit stand still, als ich allein war mit meiner Angst, dich zu verlieren. Ich wollte nicht teilen. Dich nicht teilen. Mit nichts und niemandem.
Ich hatte das Gefühl, nicht mehr zu genügen. Dir nicht zu genügen. Meine Welt war eine so begrenzte und mein Vertrauen in mich noch nicht groß genug, selbst nach außen zu schauen. Ich überschüttete dich mit stummen Vorwürfen. Du ignoriertest meine traurigen Blicke und bliebst dir selber treu. Suchtest neue Wege. Gingst tausend Schritte. Immer nahmst du mich mit, aber ganz folgen konnte ich dir nie. Mein Herz schrie, aber du wolltest nicht hören.

Als ich selbst die ersten tapsigen Schritte in neue Welten wagte, warst du ganz ruhig. Du unterstütztest alles, was ich tat, still und liebevoll. Jetzt waren deine Arme wieder da, die mich auffingen, wenn ich stolperte, und ich stolperte oft. Wenn ich dich ausnutzte. Deine Gutmütigkeit belächelte. Wenn ich dich um nichts bat und doch alles verlangte. Wenn ich dich in meine Welten mitnahm und dich nicht einmal fragte. Als du selbstverständlich für mich wurdest. Als ich begann, dich wie Inventar zu behandeln und dich auch noch dafür verantwortlich machte.

Die Zeit stand still, als ich beschloss, dich innerlich zu verlassen. Denn plötzlich gab es für mich andere Dus. Worte für andere Menschen. Neue Seelen, die mich empfingen, neue Weiten, neue Herzen, die ich eroberte. Ich quälte dich damit, wollte dich quälen, ich wollte dich auf die Probe stellen. Ich wollte dir wehtun, ich wollte dich verletzen. Wollte meine Grenzen austesten. Wollte in deine Augen blicken, wenn ich dir gleichzeitig von Gefühlen für andere berichtete. Beichtete. Dein unerschütterliches Vertrauen in mich interpretierte ich als Gleichmut, deine Ruhe als Indifferenz. Deine Passivität als Desinteresse.

Die Zeit stand still, als ich meine Aggressionen kennen lernte. Ich war so wütend auf dich, wenn du abends einfach einschliefst, nachdem ich dich mit Fragen gequält und keine Antworten bekommen hatte. Wenn deine bloße Anwesenheit im Raum mich zu Zornesausbrüchen reizte, wenn wir uns körperlich aus dem Wege gingen. Als ich keine Sehnsucht nach dir mehr spürte, kein Verlangen. Als ich dir nachts nicht mehr zärtlich über die Wangen streicheln konnte, wenn ich nicht schlafen konnte. Als dein schlafender Anblick, dein leichtes Atmen mir kein Trost mehr war. Mein stiller Gruß an dich nur bitterer Vorwurf.

Die Zeit stand still, als die Zeit der Ruhe kam. Als die Blätter draußen an den Bäumen wieder einmal bunt wurden und die Sonne tief stand. Als wir getrennt ins Bett gingen und gemeinsam aufstanden. Als wir uns in der Morgendämmerung auf die Fensterbank setzten und uns schweigend eine Zigarette teilten. Du einen Zug, ich einen. Bis du aufstandst, um Kaffee zu kochen. Als das Wasser kochte, nahmst du mich in den Arm, drücktest mich ganz fest. Dann riebst du deine Nase in meinem Haar, in meinem Nacken, strichst leicht über die Gänsehaut auf meinen Armen und ich hielt die Zigarette zwischen meinen Fingern, du nahmst den letzten Zug und ich verbrannte mich dabei. Dann nahmst du mein Gesicht in deine Hände, sagtest ganz ruhig: „Nun hast du aufgehört zu kämpfen.“ und meine Antwort blieb mir im Halse stecken.

Nur diesen einen Satz sagtest du.

Du hast es immer gewusst, nicht wahr? Die Zeit hat niemals stillgestanden.
Auch nicht für uns. Und auch nicht in diesem Moment.

PS: Ja. Ich dich auch.

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