Dieser Text stammt aus meinem Buch „Die Dinge, wie sie sind" (2014).Ursprünglich jedoch stammt er aus meinem Buch „Zwischen den Schatten" (2009).

Heimkehr

Einige Wochen lang bekam ich Besuch. Anfangs täglich, später seltener und fast immer pünktlich zu der Zeit, zu der ich mich anschickte, schlafen zu gehen.
Wie aus dem Nichts stand sie in der anderen Ecke des Zimmers, am Abend des 1. Dezember, und beobachtete mich, während ich mir den Pyjama anzog. Sobald ich das Rollo herabgelassen und mich auf die Bettkante gesetzt hatte, kam sie langsam näher, zögernd, keine Sekunde ließ sie mich aus den Augen, als fürchtete sie, ich könne sie wegschicken.
Ich gebe zu, ich habe anfangs durchaus versucht, genau dies zu tun.
Mit Gedankensätzen wie ´Es war ein langer Tag, ich bin müde`. Aber sie ließ sich dadurch nicht beirren, vielleicht verstand sie aber auch meine Gedanken nicht. Ganz still nur stand sie da und beäugte mich, argwöhnisch, immer auf der Hut, doch sofort wieder verschwinden zu können, sollte sie Gefahr wittern. In den ersten Tagen ihrer Besuche hielt sie noch einen gewissen Abstand zu mir und der Bettkante, auch sprach sie kein Wort. Am fünften Tag traute sie sich näher. Sie setzte sich zu meinen Füßen, im Schneidersitz saß sie da, die Ellenbogen auf ihre Oberschenkel gestützt, ihr Gesicht auf die kleinen Fäuste gelegt. Das spärlich hereinscheinende Licht der Straßenlaterne gab nun mir die Gelegenheit, sie ebenfalls genauer zu betrachten: Zierlich war sie, fast dürr, noch keine fünf Jahre alt, vermutete ich. Flachsblondes Haar hatte sie und sie sah sehr blass aus. Noch immer hatte sie kein Wort gesprochen, und auch ich fragte nicht, was sie eigentlich wolle.
Verwundert stellte ich aber fest, wie schnell ich mich an ihre Anwesenheit gewöhnte, obwohl mir doch gerade das Alleinsein abends im Halbdunkel von jeher so wichtig gewesen ist: Die wenigen Minuten am ausklingenden Tag, in denen ich noch einmal die Ereignisse des Tages Revue passieren lasse und mich sammle für die bevorstehende Nacht und den folgenden Tag.
Am Abend des sechsten Tages brachte sie mir ein Geschenk mit. Sie hielt eine kleine Figur in ihrer ausgestreckten Hand. Es dauerte einen Moment, bis ich erkennen konnte, dass es sich dabei um einen Engel handelte; und ich zögerte wohl einen Augenblick zu lange, denn sie zog ihre Hand wieder zurück. Auch verschwand sie an diesem Abend schnell und ich fühlte mich schuldig. Auch verletzte mich ihr Verschwinden, ich konnte den Schmerz fast körperlich spüren.
Am nächsten Morgen fand ich den Engel auf meinem Schreibtisch stehen, neben der kleinen bronzenen Mönchsfigur, die dort seit einigen Jahren ebenfalls ihren Platz hat: Ein Begleiter für mich, den ich in seltenen, kostbaren Momenten in die Hand nehme und dann spüre, wie sich das Metall erwärmt. Und nun der Engel. Gar nicht kitschig, in sehr reduzierten Formen.
Und zwei Fotos lagen auch dort, vergilbte alte Schwarzweißfotos, die Ecken geknickt und mit kleinen Löchern, so, als wären sie mit Nadeln an einer Pinnwand aufgehängt gewesen. Ich sah mich auf den Fotos, als Kleinkind, einmal auf dem Arm meiner Mutter am Strand, windig muss es wohl gewesen sein, denn wir trugen dicke Anoraks und seltsam altmodische Kopftücher. Und einmal auf dem Arm meines Vaters, das muss wohl zu Hause im Wohnzimmer gewesen sein, auch der helle Lockenkopf meiner Schwester war an einem Bildrand zu erkennen. Ich meinte das zu erkennen. Und wieder spürte ich denselben Schmerz wie abends zuvor. Ernst sah ich aus auf diesen Bildern, kein bisschen kindlich. Ich lächelte nicht, und meine Augen wirkten sehr viel dunkler als sie heute sind. Fragend schaute ich auf beiden Fotos in die Kamera. Nicht direkt in die Kamera, aber das vermittelte nur umso mehr den Eindruck, als blickte ich ein bisschen beschwörend. Einzig mein Gesicht schien weich, ganz weich, so konträr zu den ernsten Augen darinnen.
Den ganzen Tag lang wartete ich darauf, dass es Abend werden würde. Aber sie kam nicht. Auch nicht am nächsten und übernächsten Abend. Fast wollte ich schon glauben, ich hätte mir ihre abendlichen Besuche nur eingebildet, wären da nicht die Fotos und die Engelfigur gewesen. Ich fror.
Am nächsten Tag fing es an zu schneien. Ungewöhnlich viel Schnee blieb liegen, mitten in der Großstadt, und einem Impuls folgend kaufte ich auf dem Markt einen Adventskranz, viel zu groß für meinen Tisch im Wohnzimmer, aber Kränze mit kleinerem Durchmesser gab es nicht mehr zu kaufen, nirgends mehr, der 1. Advent war längst vorüber, also musste ich nehmen, was noch zu haben war, und ich hängte den Kranz mitten ins Zimmer unter die Decke. Auf Augenhöhe. Vier große Stumpenkerzen hatte ich auf ihm drapiert. Minimalistisch, er gefiel mir, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass etwas fehlte, und ohne groß zu überlegen, fädelte ich dünnes weißes Schleifenband durch die Löcher der beiden Schwarzweißfotos und hängte sie unter die erste der angezündeten Kerzen. Das fühlte sich stimmig an. Wenn auch traurig. Danach ging ich in den Keller. Ich wusste, es gab dort die eine Kiste, in die ich bei meinem überstürztem Auszug aus dem Hause meiner Kindheit wahllos drei Krimskrams-Schubladen einer Kommode hineingekippt hatte, solch Schubladen, die man wohl in jeder Wohnung findet, in die Fotos oder Briefe wandern, die nie in ein Album geklebt oder beantwortet worden waren, oder die man erst nur aus den Augen haben möchte und dann später vergisst, solch Schubladen, die man sich regelmäßig vornimmt auszusortieren und es doch nie tut, die immer voller werden, aber nie ganz voll, und die man allerhöchstens bei einem Umzug dann doch einmal ausmistet.
Meine Schubladen nicht. Meine wanderten wahllos umgekippt in die Kiste, weil ich während meines hastigen Auszugs damals in meinen zwei Koffern mit Kleidung und den Bücherkartons keinen Platz mehr gefunden hatte. Und dortlassen konnte ich sie nicht, ich wusste damals, ich würde niemals später Gelegenheit haben, sie zu holen, weil ich nicht „Auf Wiedersehen“ gesagt hatte. Zu dem Haus, zu dem Leben, zu der Ordnung, zu der Zeit. Kleidung und Bücher hatte ich später wieder ausgepackt, diese Kiste nie. Aber auf den Sperrmüll gebracht hatte ich sie auch nie, niemals, jeden Umzug hatte sie mitgemacht, ungeöffnet, von einem Keller in den nächsten war sie gewandert, zwanzig Jahre lang. Bis zu diesem frühen Dezemberabend.
Es war längst dunkel draußen, als ich die Kiste im Wohnzimmer auf den Fußboden stellte. Sie war größer als in meiner Erinnerung, und mir war beileibe nicht klar, was ich eigentlich damit vorhatte. Ich hatte nie auch nur das mindeste Verlangen verspürt, sie heraufzuholen und hineinzuschauen, hatte in den letzten Jahren nicht einmal an die Kiste gedacht.
„Ich aber“, hörte ich eine Stimme wispern. Ich drehte mich um, und, natürlich, da saß sie. Auf dem Fußboden, direkt neben der Kiste, wieder saß sie im Schneidersitz, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, ihr Gesicht auf den kleinen Fäusten, und ihre zierlichen Füße lugten unter einem langen hellen Nachthemd hervor. „Ich aber“, wiederholte sie ihre Worte. Noch bevor mir überhaupt bewusst wurde, dass sie zum ersten Mal mit mir gesprochen hatte, beugte sie sich über die Kiste, öffnete den Deckel und zog einen Stapel weiterer Fotos heraus. Betrachtete jedes einzelne aufmerksam. Liebevoll. Streichelte manchmal vorsichtig über eines der Bilder, eine Geste so voller Zärtlichkeit, dass ich glaubte, mein Herz zerspränge.
In der folgenden Nacht – wie in allen weiteren Nächten –  begegnete sie mir in meinen Träumen. Schwere Träume waren das, in denen sie mich mitnahm in vergessene Tage. Immer war ich Zuschauer in den Träumen, Betrachter aus der Retrospektive, sie war die Akteurin, mehr und anders als ich es wohl je gewesen bin. Und an jedem nächsten Morgen hingen ein paar mehr Fotos unter meinem Adventskranz.
Sie besuchte mich noch ein paar Mal, und jedes Mal schien sie ein bisschen größer geworden zu sein, und ihr Rücken gerader. Nie verlor sie ihren ernsten Gesichtsausdruck, aber ihre Augen leuchteten an jedem Abend ein wenig mehr. Nie sprach sie noch einmal mit mir, aber immer nahm sie das eine oder andere Foto aus der Kiste. Sie schien meine Anwesenheit manchmal nicht einmal zu bemerken, genauso wenig wie meine Abwesenheit, wenn ich später versuchte, in den Schlaf zu finden. Ich fürchtete mich vor den Träumen, vor der Zeit, in der sie mich zwang, mir und meinen Gefühlen zu begegnen; und ich fürchtete mich vor dem Schmerz, der mich morgens bei jedem Foto durchfuhr, das dann neu an meinem Kranz hing.

Am Abend des 24. Dezembers fühlte ich mich leer. Mürbe. Durchlässig. Angreifbar.
Und doch offener als wohl je zuvor.
Als sie kam, war sie wieder genauso klein wie am ersten Abend. Genauso blass. Diesmal setzte sie sich nicht ins Wohnzimmer zur Kiste, sondern kam direkt zu mir ans Bett. Sie blickte mich an, ihre Augen waren verquollen, sie hatte geweint. Im gleichen Moment, als ich das feststellte, spürte ich Bitterkeit in mir hochsteigen. „Das sind meine Tränen“, flüsterte ich. „Mir ist kalt“, flüsterte sie zurück, und „halt mich bitte.“ Ich schluckte. Rang mit mir.
Dann hörte ich auf, mich zu wehren.
Klopfte leicht mit der Hand auf das Bett. Sie kam. Kuschelte sich an mich. Das jedoch war mehr an Nähe, als ich ertragen konnte. Also schob ich sie behutsam ein Stück weg von mir, dabei drehte sie sich auf die linke Seite und streckte sich aus. Ich deckte sie zu. Dann legte ich mich selbst hin, auf die rechte Seite, und zog mir meinen Teil der Bettdecke hoch bis zum Kopf. So lagen wir da, Rücken an Rücken. Ganz kurz nur noch konnte ich ihre Atemzüge vernehmen, ruhig und gleichmäßig, und mein letzter Gedanke galt dem Adventskranz. Ihr Weihnachtsgeschenk für mich. Für jedes vergessen gemachte Jahr ein Bild. Dann schlief ich zum ersten Mal seit Jahren sofort ein. Und kein Traum verfolgte mich.
Am nächsten Morgen war sie fort. Und mit ihr der kleine Engel auf dem Schreibtisch.

Aber ich war nach Hause gekommen.

© mit freundlicher Genehmigung von Mohland Verlag, Goldebek

                                                                                                        zurück