|
Der 7. Tag
In den ersten sechs Tagen schuf Gott Tag und Nacht;
Himmel; Erde, Meer und Pflanzen; Sonne, Mond und Sterne; die Lebewesen des
Meeres und die Vögel des Himmels; die Tiere des Landes und, natürlich,
die Menschen. Dann ruhte
Gott, nachdem er sein Werk vollendet, begutachtet, für sehr gut befunden
und gesegnet hatte.
Seit Freitag beschleicht mich immer häufiger dies
eine Gefühl: Das, worauf ich so sehnlich warte, ist vielleicht in der Schöpfung
gar nicht vorgesehen.
»Wo
schlafen Träume?« fragte ich dich, als wir das erste Mal in diesem Jahr
auf unserer Bank unter dem kleinen Apfelbaum am östlichen Ende des
Krankenhausgeländes saßen. Es war ein lausig kalter Aprilabend, viel zu
kalt eigentlich, um draußen zu sitzen; wir taten es dennoch. Die Sonne
war eben untergegangen und der Wind wehte kühl. Aber vielleicht hast du
mich gerade deswegen nach dem Abendessen quasi nach draußen genötigt,
hast meinen Protest, oben auf dem Zimmer bleiben zu wollen, mit dem Satz
›Du brauchst jetzt endlich frischen Wind um die Nase!‹ abgeschmettert.
›Los, wir gehen Sterne gucken!‹ sagtest du in einem Tonfall, der keine
Gegenrede zuließ – zu oft schon hattest du mein selbstmitleidiges
Lamento ›Ichkannsowiesonichtmehrselbergehen
gehört – und legtest schon mal ein Kissen auf den Sitz des Rollstuhls.
Die ganzen frostigen und verschneiten Wintermonate lang kam ich kaum
einmal von der Station runter und nach draußen, schon gar nicht, um
Sterne zu gucken; das Prozedere des rollstuhlgerechten warmen An- und später
wieder Aus- oder Umziehens hatte mich stets so sehr angestrengt, dass ich
mich bereits vor dem Rausgehen so verausgabt gefühlt hatte wie im
gesunden Leben nach einem 1000-m-Lauf. Auch ein mobiles Flüssigsauerstoffgerät
mussten wir immer schon mitnehmen, war ich doch seit weit über einem Jahr
auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen.
Gottes Raumluft allein genügt nicht mehr. Ich genüge
nicht mehr. Meine Lunge nicht. Ich benötige eine neue.
»Könnte sein, auf den Wolken«, antwortetest du. Einige Minuten saßen
wir schweigend in der Kälte des Abends. »Aber dann ziehen sie mit den
Wolken davon, die Träume«, sagte ich leise. »Nein«, gabst du zurück,
»wenn Wolken am Himmel tanzen, spielen Träume mit Wünschen Fangen und
manchmal setzen sie sich neu zusammen so wie sich Wolken neu formieren und
in anderen Formen und manchmal sogar Farben wieder für uns sichtbar
werden.«
Unzählige
Stunden verbrachten wir im ausklingenden Frühling und dem langen heißen
Sommer des letzten Jahres gemeinsam auf dieser Bank. In dieser kleinen
Oase der Schöpfung teilten wir unsere Hoffnung auf Leben. Ich bin so
zuversichtlich gewesen in dieser ersten Zeit, im vollen Vertrauen darauf,
dass meine noch verbleibende Lebenszeit länger wäre als die Wartezeit
auf das Spenderorgan. Ich spürte Leben, nicht Sterben, wenn ich mit dir
auf der Bank saß, auch wenn sich meine Lebenswelt zunehmend und radikal
verengte. Mein vorsichtiger Optimismus vertraute aber darauf, dass das für
mich passende Organ bereit stehen würde; und Abend für Abend richteten
wir unsere Bitten, die immer gleichen Bitten nach Mut, nach Zuversicht und
Stärke leise gen Himmel; jeder leuchtende Stern schien die Erfüllung nämlicher
zu verheißen. Ich musste nur durchhalten, mein unbeirrbares Ziel vor
Augen: Leben.
Als sich aber die Tage zu Wochen und die Wochen zu Monaten verlängerten,
wurden im stetig trüber anmutenden Herbst Gottes Tage kürzer, die Abende
dunkler und wolkenverhangener. Immer öfter schließlich fielen Tropfen
wie Tränen von den zunehmend kahlen Ästen unseres Baumes, wegen des
Regens wurden unsere Besuche auf der Bank seltener, bevor die Monate mit Kälte
und Schnee sie ganz unmöglich machten. Fast schien es, als wäre mit den
letzten Blättern auch meine Hoffnung zu Boden gesunken, und während draußen
ein glitzernder Schneeteppich die Reste des vergehenden Jahres bedeckte,
legte sich auf mich eine Decke der Resignation und stillen Verzweiflung.
Gott
schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. So
steht es geschrieben. ›Sind wir etwas Besonderes, weil wir zum Bilde Gottes sind?‹ hatte
ich gefragt und deine Antwort gar nicht abgewartet. ›Als Gottes Ebenbild
fühle ich mich längst nicht mehr.‹
Je
mehr Zeit verging, desto deutlicher manifestierte sich meine Krankheit:
Selbst vielerlei Kleinigkeiten des Krankenhausalltags konnte ich nun nicht
mehr allein bewältigen, ich wurde missmutig und ungerecht. Du schimpftest
mich dafür, wenn ich verallgemeinerte und meinte, einen beträchtlichen
Teil meines Menschseins bereits an der Krankenhaustür getauscht zu haben
gegen eine Datei im System Klinik: Name, Antlitz und Befindlichkeit gegen
Kenn-Nummer, Listenplatz und Laborwerte. Oft sah ich in meinem Zorn über
die zunehmende Bedürftigkeit nicht, was jeder einzelne der Menschen um
mich herum ermöglichte, mich weiter Ich sein zu lassen, mir ein Gefühl
von Vertrautheit und Beständigkeit zu vermitteln und manchmal konnte ich
nicht einmal die Wärme und Zuneigung, die mir entgegen gebracht wurden,
annehmen. Manchmal war einfach alles zu viel. Ich selbst wurde mir zu
Zeiten zu viel, wenn mich die Angst vor der ungewissen Zukunft für
Momente auffraß.
Auch
heute waren die Äste des Apfelbaumes über unserer Bank noch kahl. Obwohl
nachmittags die Sonne hoch genug gestanden hätte, um uns dort an diesem
Ostersonntag über die Gebäude hinweg durch das knorrige Geäst mit ihren
Strahlen zu erreichen und ein wenig zu wärmen, entschiedst du, erst am
Abend rauszugehen. Du wusstest um meine Angst, dass womöglich ein ganzes
zweites Jahr lang alle unsere Spaziergänge zu diesem einzig schönen Ort
führen würden; was ich dir aber noch nicht verraten hatte, war meine
Gewissheit darüber, so ein zweites Jahr körperlich nicht zu überstehen.
Du wolltest also meinen ersten Schmerz lindern, indem du nicht in der
Sonne mit mir zur Bank fuhrst; und dein eigener Schmerz traf dich umso
unvermittelter, als ich unser Gespräch vom Herbst wieder aufnahm.
»Was, wenn jetzt doch meine Zeit ist zu gehen?« fragte ich. »Spürst du
das plötzlich doch so?« fragtest du zurück, besorgter, als du mich
merken lassen wolltest.
»Was«, fragte ich, ohne dir zu antworten, weiter, »wenn auch jetzt
immer noch für niemanden anders Zeit ist zu gehen? Und außerdem«, fügte
ich leise und ein bisschen zynisch hinzu, »wenn ich leben darf, wird ja
nicht nur einfach jemand anders gehen, dieser Jemand wird auch noch mein
Abbild sein müssen: in Blutgruppe, Thoraxtiefe und -größe!«
»Kannst du dir nicht immer noch vorstellen«, fragtest du, »dass deine
Lunge schon da ist? Dass sie auf dich wartet, wenn die Zeit kommt?« »Das
ist inzwischen bar jeglicher Vorstellungskraft. Es gibt doch keine Fülle!
Und wann wird die Zeit sein? Sie ist so zählbar geworden und ich habe
nicht mehr viel davon«, sagte ich leise, »ich spüre mein Wenigerwerden
jeden Tag stärker. Dieser Mangel und die Ungewissheit lassen mich so sehr
wünschen, wünschen, wünschen. Ich werde noch irre!«
»Aber schau doch die Sterne, denk an unsere Bitten«, sagtest du endlich
und deutetest mit deiner Hand in den Himmel, »du musst einfach weiter
vertrauen.« Tatsächlich blitzten zwischen den Wolken vereinzelt Sterne
hervor, und wenn ich ein bisschen blinzelte, sah es fast so aus, als könnte
ich einige von ihnen zwischen den Fingerspitzen kurz festhalten, ganz kurz
nur; und genau
in diesem Moment beschlich mich wieder dies Gefühl: Das, worauf ich so
sehnlich warte, ist vielleicht in der Schöpfung gar nicht vorgesehen.
»Du kannst immer nach den Sternen greifen, du …«
»Ich habe nach all der Zeit nur noch den einen Wunsch, weil alles andere
davon abhängt«, unterbrach ich dich, »aber so oft ich es mir auch wünsche,
ich kann nicht Einfluss nehmen«, sagte ich nun wirklich sehr leise; und für
dich wohl nicht mehr hörbar fügte ich hinzu »Außerdem ist heute wieder
ein siebter Tag. Gott hat Ruhetag.«
zurück
©
Heike Hartmann-Heesch, April 2010
|