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Es liest Claus Günther.

Wenn die Krokodile weinen

Ich glaube, ich habe zu spät begriffen, wie du das mit den Krokodilen meintest.

Du musst dich richtig zudecken, sagtest du, auch die Füße, die Füße sind besonders wichtig, komm, ich leg dir die Decke darüber. Wenn die Füße unter der Decke rausgucken, sagtest du, kommen nur die Krokodile! Das wollte ich natürlich nicht. Nein, keine Krokodile, jammerte ich, ich fürchte mich vor Krokodilen. Sie sind aber unterm Bett, betontest du, wir müssen deine Füße endlich richtig zudecken, sonst weinen die Krokodile. Krokodile können nicht weinen, entgegnete ich. Hast du eine Ahnung! sagtest du nur. Ins Bett bringen, einen Baldriantee trinken, dann einmummeln und die Füße richtig zudecken, das sind deine Allheilmittel für mich gewesen, seit ich mich erinnern kann. Egal ob ich Schnupfen hatte oder Liebeskummer, heimwehkrank nach einem Umzug oder durch eine Prüfung gefallen war oder mich einfach von Gott und der Welt alleingelassen fühlte, du ließt sofort alles stehen und liegen, kamst zu mir mit diesem immergleichen so tröstlichen Programm, brachtest mich zu Bett und decktest mich zu.
Manchmal legtest du dich neben mich, verschränktest die Arme hinter dem Kopf, fast so, als lägen wir draußen auf einer Wiese und blickten in einen Schäfchenwolkenhimmel wie ihn nur ein wunderbarer Sommertag hervorbringen kann. Du machtest meine oft kaputten Welten immer wieder heile.

Ich hatte mal ein Krokodil, sagtest du an diesem Abend, als du neben mir lagst, und das war grün. Dabei gibt es doch gar keine grünen Krokodile, sind die nicht immer graubraun oder sandfarben oder beige? murmeltest du. Wir sind uns nie einig in der Beschreibung von Farben gewesen, mein braun zum Beispiel war eine ganz andere Farbwelt als deines und als ich dich am Tage meiner letzten mündlichen Prüfung aus der Uni anrief und dich anflehte, bitte sofort in meine Wohnung zu fahren und mir meine nur zweitgute beigefarbene Hose aus dem linken Kleiderschrankfach zu bringen, da ich mir eine Stunde vor der Prüfung Kaffee auf meine erstgute geschüttet hatte, wusste ich schon vorab, dass du stattdessen meine weiße zugegeben schon etwas angegilbte Jeans vorbeibringen würdest. Deine Vorstellung von beige war weißer als meine, wollweiß sei nahe dran, sagtest du, aber da ging dann alles durcheinander, denn die einzigen Kleidungsstücke, die ich meiner Meinung nach in wollweiß (und eben nicht beige oder weiß) besaß, nämlich ein Paar Socken, nanntest du cremefarben. Cremefarben war in deiner Farbwelt noch ein bisschen beiger als beige, für mich jedenfalls viel zu hell als dass meine beigefarbene Hose nicht als solche zu erkennen und schon gar nicht zu verwechseln gewesen wäre mit meiner einzigen wenn auch schon etwas schmuddeligen weißen Jeans, wobei ich jedoch zugeben muss, dass ich jedes Mal, wenn ich von da an meine bebe-Creme benutzte, mich doch fragte, ob an deiner hellen Auslegung von cremefarben nicht zumindest was dran war, denn die Creme ist ja wirklich fast weiß. Ehrlich gesagt hatte ich aber absolut keine Vorstellung davon, welcher Farbwelt Krokodile nun genau zuzuordnen waren, ich hätte sie dir sowohl in graubraun als auch sandfarben abgekauft, aber ganz sicher nicht in beige, weil beige für dich eben schon fast weiß meint und wenn ich eines sicher wusste, dann, dass es keine Krokodile dieser Couleur gibt. Aber du hattest mir früher, sehr viel früher auch schon einen Goldfisch als golden verkauft obwohl der nun definitiv hellorange gewesen war.

Ich hatte mal ein grünes Krokodil, wiederholtest du dich und wenn ich mir auch bezüglich der Farbe nicht ganz sicher war, das mit dem Krokodil glaubte ich dir aus irgendeinem Grund aufs Wort. Wohnte das etwa bei dir unterm Bett? fragte ich im Spaß und dein barsches Nein erschreckte mich fast ein wenig. Nein, sagtest du, natürlich wohnte das nicht unterm Bett, Krokodile wohnen doch nicht unter Betten, sie verstecken sich darunter, weißt du das denn nicht, nein, mein Krokodil wohnte im Schuppen hinter unserem Haus am Ende des Gemüsegartens, weißt du, da wo wir immer unsere Campingausrüstung im Winter einmotteten. Mag sein, dass der Baldriantee meinen Kopf ein klein wenig benebelte, dennoch wurde ich jetzt etwas skeptisch. Aber Krokodile leben doch in Seen oder Flüssen, gab ich zu bedenken, hattet ihr denn da auch einen Teich? fragte ich weiter, denn du hattest mir früher oft schon kleinere Geschichten aus den Zeiten deiner Kindheit erzählt, zu denen wir uns noch nicht gekannt hatten, denn solche Zeiten hat es gegeben, auch wenn ich es mir kaum mehr vorstellen kann, weil du in meiner Welt immer schon einfach da warst, aber jedenfalls war ein von einem Gartenteich nie die Rede gewesen.
Es hatte gelbe Punkte, sagtest du, fette gelbe Punkte; und das Krokodil ist das einzige, was ich von Lena zurückbehalten habe. Wer ist Lena? wurde ich noch einmal hellhörig, von der hattest du nämlich auch noch nie erzählt. Ich war sehr verliebt in Lena, sagtest du und ich bemerkte Traurigkeit in deiner Stimme, ihre Eltern hatten das Ferienhaus neben unserem damals in diesem Ostseestädtchen in diesem einen Sommer, bevor ich in die Schule kam, als es die ganze Zeit nur geregnet hatte. Lena war toll, sie besaß dieses Krokodil und wir ein Zelt im Garten, sagtest du, dort haben wir uns immer vor den Großen versteckt, ganz heimlich, wir dachten, keiner wüsste es. Es war schön, der Regen prasselte auf das Zelt, aber drinnen schien alles warm und trocken und sicher, wenn wir da unter der Wolldecke lagen. Aber dann kam mein Bruder und sagte mir, ich dürfe Lena nicht mehr mit ins Zelt bringen. Aber warum denn nicht? fragte ich und verkniff mir zu sagen, dass das Versteck dann so geheim ja wohl nicht gewesen sein könne. Na, weil der ihren Bruder plötzlich so doof fand und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte und also durfte ich dann auch Lena nicht mehr mögen. Und dann? fragte ich, und fand das sehr gemein von deinem Bruder, der ja immerhin fünf Jahre älter ist als du und sich nicht mehr so kindisch hätte verhalten dürfen. Na ja, dann hab ich ihr eben gesagt, sie dürfe nicht mehr ins Zelt, da war ich sechs, sagtest du, und Lena habe ich nie wiedergesehen. Das Krokodil hatte sie im Zelt vergessen und das habe ich behalten, sagtest du trotzig, aber von da an war alles anders; ich habe es immer halb eingewickelt in die gelbe Wolldecke und mich dann dazugelegt, und eines Nachmittags, als es wieder einmal den ganzen Tag geregnet hatte, hatte das Krokodil plötzlich Tränen in den Augen, echt, sagtest du. Sie tropften dann langsam herab und ich bekam kalte Füße.

Ich weiß nicht, wie lange du noch erzählt hast, irgendwann bin ich vermutlich wie immer einfach eingeschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, warst du fort. Ich habe dir jedes Mal angeboten, bei mir auf der Couch zu übernachten, sollte es wie so oft spät werden, aber diese Gelegenheit hast du nie wahrgenommen. Du wolltest in deinem eigenen Bett schlafen, hast du immer gesagt, und ich habe diesen Satz immer gedankenlos geschluckt, obwohl ich hätte wissen müssen, dass du vielmehr Ich möchte nicht auf deiner Couch aufwachen gemeint hast. Ich jedenfalls wachte auf, weil mir kalt war. Ich lag auf dem Rücken, ganz ungewöhnlich, und von den Knien abwärts lugten meine Beine unter dem Deckbett hervor. Ich wackelte mit den Zehen. Ich fror. Als ich mich aufsetzte und aufblickte, sah ich ganz unten, am Fußende meines Bettes, ein Krokodil sitzen, ein grünes, tatsächlich quietschengrünes aufblasbares Plastikkrokodil mit fetten gelben Punkten. An einigen Stellen klebten kleine Flickenstücke, wie die, die man zum Fahrradschlauchflicken benutzt und aus dem viel zu seitlich am Schädel sitzenden linken Auge blitzte eine dicke Träne.

Aber eine geraume Weile dauerte es schon noch, bis ich wirklich begriff, warum du immer so drauf geachtet hast, mich gut zuzudecken, bevor du gegangen bist. Denn wenn die Krokodile erst ins Bett kommen und weinen, frieren einem so schnell die Füße.

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© Heike Hartmann-Heesch, 02/2010