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Buch:
„The trick is to keep breathing“ von Janice Galloway
Der
Titel des Buches fasst für mich so unprosaisch wie unzynisch zusammen, um
was es eigentlich geht im Hoffen, im Trauern, im Fühlen, im Leben: nämlich
zuallererst nie das Atmen zu vergessen, und, um es einmal vorwegzunehmen:
Ich benötigte drei Anläufe, um die nur 236 Seiten bis zum Ende zu lesen.
Es ist ein anspruchsvolles Buch, auch sprachlich-formal, das den Leser
unglaublich fordert. Aber nicht deswegen schlugen meine ersten Versuche
fehl: Inhaltlich wird der Leser von Anfang an brutal in die Psyche und
Gedankenwelt der Protagonistin hineingestoßen. Das ist schwer
auszuhalten, geht es hier doch um die Gedanken einer tief verletzten,
zutiefst verstörten Frau und kranken Seele, und das Buch zeigt vor allem
eines deutlich: wie nahe wir alle an den Grenzen dessen sind, was wir als
„psychisch krank“ oder „wahnsinnig“ bezeichnen würden. Ich
vermute, man kann einzelne Abschnitte des Buches nur deswegen ertragen,
weil man sich innerlich immer wieder vor Augen hält, dass die Erzählerin
dieses Buches einen kleinen Schritt näher am Abgrund steht ist als die
meisten von uns.
Das Buch ist wie ein Einblick in die puren Gedanken eines Menschen –
ohne Filter, ohne Ordnung, fast ohne einen roten Faden, an den sich der
Leser klammern könnte. Selten finden sich auch nur ein paar
aufeinanderfolgende Seiten, in der Janice Galloway dem Leser Joys (wir
erfahren im Übrigen auch erst nach gut 2/3 des Buches den Namen der
Protagonistin) Gedanken in einer halbwegs glatten, lesbaren Prosaform
mitteilt. Vieles, wie u.a. den Auslöser der Krankheit, Hintergründe und
zeitliche Abläufe, erfahren wir nur durch Halbsätze, ständige
Wiederholungen derer, fragmentarische Wortfetzen, die an die Ränder der
Seiten gequetscht werden, durch hingekritzelte Notizen in Joys Notizbuch,
durch Postkarten, durch kleine Zettel, die sie als Erinnerungen,
Mahnungen, Aufforderungen in ihrer Wohnung und später auch im Krankenhaus
verteilt. Zudem wird die Ich-Erzählung oft unterbrochen durch
eingeschobene Dialoge, die –wenn man sie liest!- so surreal anmuten,
dass einem schwindelig wird, und die letztendlich doch so real sind, weil
wir sie vermutlich alle in der einen oder anderen Form ebenso gehabt haben
oder gehabt haben könnten, uns nur nicht erinnern oder nicht zu erinnern
trauen. Weil sie Gedanken ähneln, die wir bestenfalls nach bösen Träumen
im Aufwachzustand noch nachvollziehen können, mit dem vollständigen
Aufwachen dann abschütteln und auf gar keinen Fall auf uns selbst
beziehen, weil unsere Wahrnehmung im Wachzustande eben, nun ja, anders
ist. Nicht-psychotisch.
Galloway gibt dem Leser schlussendlich den Zugang zu Joys Welt, indem sie
ihre Psychosen genau so vermittelt wie auch Dr. Thomas Bock, Leiter der
Sozialpsychiatrischen Psychosen Ambulanz am Hamburger Universitätskrankenhaus,
sie beschreibt: „Psychosen sind so etwas wie Träume, nur ohne den
Schutz des Schlafes. Psychosen sind eine extreme Dünnhäutigkeit. Inneres
tritt nach außen, Äußeres trifft einen ohne eine Filter.“
Galloway zeichnet in faszinierender und hochgradig sensibler Weise (und
genau deshalb kann man dann irgendwann auch nicht mehr aufhören mit dem
Buch!) das Porträt einer kranken Frau, die nicht aufgibt, einen Weg zu
suchen, wie sie LEBEN kann. Weder bietet sie allumfassende Lösungen noch
porträtiert sie einen vollständigen Heilungsprozess. Aber, well then,
der erste Schritt ist ganz offensichtlich: „The trick is to keep
breathing.“
Janice Galloway, The trick is to keep breathing, Vintage U.K. Random House
1999, ISBN 0-749-39173-1
Meines Wissens gibt es keine deutsche Ausgabe. Ich würde es nur Lesern
mit wirklich guten englischen Sprachkenntnissen
empfehlen!
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© Heike
Hartmann-Heesch
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