Anthologie „Unterwegs“ von Marco Frohberger und Sina Schneider (Herausgeber)

Bei Kurzgeschichten-Anthologien kann ich mich oft des Eindrucks nicht verwehren, diese seien einfach „zusammengestückelt“. Selbst wenn diese unter einem bestimmten Thema oder Motto stehen, fehlt mir oft so etwas wie ein roter Faden, der die Sammlung von oft grundsätzlich unterschiedlichen Texten, Textsorten, zusammenhält. Dass das nicht so sein muss, zeigen Herausgeber Marco Frohberger und Sina Schneider mit der im Februar erschienenen  Anthologie „Unterwegs“

Hervorgegangen aus einem Schreibwettbewerb „rund um öffentliche Verkehrsmittel“ aus dem letzten Jahr ist diese Anthologie nicht nur einfach eine Sammlung von Reiseerlebnissen oder Reiseberichten, wie der Untertitel „30 Autoren auf Reisen“ noch andeutet. In „Unterwegs“ bekommt das Reisen einen tiefen metaphorischen Beigeschmack.
Reisen bedeutet Begegnungen: Begegnungen mit dem eigenen Ich, den eigenen Zielen, Wertvorstellungen, Träumen, Wünschen, Sehnsüchten. Reisen steht hier für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, der Vergangenheit oder zukünftigen Plänen. Zufälliges Aufeinandertreffen mit Mitreisenden ebenfalls. Da entstehen Kommunikationssituationen zwischen Reisenden, die realer nicht beschrieben oder gar erlebt werden könnten und die doch oft innere Monologe sind, in denen sich allzu deutlich auch unsere Urängste manifestieren: Trennung von geliebten Menschen, Tod, Zukunftsangst oder aber die Frage, ob sich nicht manchmal das Aussteigen an einer vermeintlich falschen Haltestelle doch als die richtige Entscheidung erwiesen hat. Oder vielleicht das gar nicht erst Losfahren, obwohl eine Fahrt doch schon fest geplant war…
Reisen bedeutet hier auch Reflexion über die Haltestellen des Lebens. Bedeutet, manchmal einen Ausflug ins Unbekannte zu wagen. Und das ganz unabhängig davon, ob die jeweiligen Autoren tatsächlich eine eigene Reise beschreiben oder fiktive oder gar reale Personen auf Reisen schicken, wie zum Beispiel Gabriela Weil, die sich mit Sigmund Freuds Reise von Wien nach London 1938 beschäftigt.

„Unterwegs“ ist spannend, witzig, wehmütig, melancholisch und macht unterm Strich einfach Lust, sich selbst auch auf Reisen ins Leben oder auf Reisen des Lebens zu begeben. Und Marco Frohberger zeigt nach „Terror“, „Frieden“ und „Zeit“ wieder einmal, dass Anthologien mehr sein können als eine bloße (An-) Sammlung von Texten. Nämlich unterhaltsame, sorgfältig ausgewählt und zusammengestellte Lektüre. Hut ab!

„Unterwegs“, Lerato Verlag 2007, ISBN 978-3-938882-37-5, € 9,95

Auf www.antho-logisch.com finden Sie auch die jeweils aktuellen Termine für Lesungen, auf denen das Buch vorgestellt wird.

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© Heike Hartmann-Heesch, 4-07