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Nein, ich habe mich nicht vertippt, Sie lesen ganz richtig: Amerika. Ich
schreibe über Amerika. Nicht Großbritannien, wie man es wohl von mir am
ehesten erwarten dürfte, nicht über London, nein, Amerika…
Überlegen Sie mal einen Moment: Erinnern Sie sich noch an den 2. Mai
1986? Wahrscheinlich genauso wenig wie ich, sofern nicht an diesem Tag
irgendetwas in Ihrem Leben passiert ist, das Sie sowieso nicht vergessen
werden, egal, wie viel Jahre später Sie danach gefragt werden. Mein
Augenmerk wurde neulich just auf dies Datum gerichtet, als ich im
Antiquariat um die Ecke auf den Bildband „Ein Tag im Leben von
Amerika“ stieß.
Am 26. April 1986 unterbrachen 200 damals führende und preisgekrönte
Fotografen und Bildjournalisten aus 30 Ländern ihre Arbeit, um u.a. aus
Nicaragua, von den Philippinen, aus der Sahelzone, aus der Pariser
Modewelt oder den High-Tech-Fabriken Japans nach Denver, Colorado, ins
Herz des amerikanischen Westens zu fliegen. Dort bekamen sie vom
Bildjournalisten Rick Smolan und dem Redakteur David Cohen den Auftrag,
dass jeder von ihnen innerhalb von 24 Stunden einen bestimmten Aspekt des
amerikanischen Lebens wiedergeben sollte, und zwar mit folgenden
Instruktionen: „Konzentrieren Sie sich nicht auf die Reichen und Mächtigen,
und zeigen Sie das Land auch nicht aus touristischen Blickwinkel.
Entdecken Sie das Alltagsleben des amerikanischen Volkes, und vermeiden
Sie dabei Klischees. Stellen Sie sich die schwerste Aufgabe von allen –
machen Sie außergewöhnliche Bilder von gewöhnlichen Ereignissen.“
Projektleiter Smolan verfolgte mit diesem Buch auf dem Hintergrund seiner
„Ahnung“, dass sich in Amerika etwas gewandelt hatte und dass dieser
Wandel sich ganz langsam in aller Stille vollzogen hatte, zwar mehrere
Ziele, aber das erste und wichtigste war, ein überragendes fotografisches
Dokument zu schaffen, welches sich nicht allgemein auf Landschaften,
Sehenswürdigkeiten oder Tourismus beschränkt, sondern eher eines, „das
möglicherweise ein paar Fragen über die Vereinigten Staaten beantwortet
und vielleicht ein paar neue aufwirft“, ohne dabei erschöpfende oder
gar endgültige Aussagen über Amerika zu machen. (Wie im Übrigen auch
bei den vier vorangegangenen Büchern in der Reihe „Ein-Tag-im-Leben-von…“,
nach Australien (1981), Hawaii (1983), Kanada (1984) und Japan (1985).)
Freitag, der 2. Mai 1986 war dann der entscheidende Tag, an dem die 200
Fotografen 24 Stunden im Wettlauf mit der Zeit arbeiteten. Entstanden sind
dabei schließlich über 235.000 Aufnahmen, von denen ein internationales
Gremium 266 Farb- und 29 Schwarzweißfotografien auswählte, die in diesem
Bildband präsentiert werden und chronologisch – von 5.30 Uhr bis 23.15
Uhr – den Tagesverlauf des 2. Mai in Amerika illustrieren.
Der Schwerpunkt des Buches liegt eben nicht darin, Sensationen zu liefern,
auch wenn sich unter den Aufnahmen spektakuläre Bilder wie eine
Kreuzverbrennung des Ku-Klux -Clans, illegale Einwanderer an der
mexikanischen Grenze, Angehörige des Indianerstammes Havasupai auf dem
Grunde des Gran Canyon befinden, sondern ein (möglichst)
unvoreingenommenes Bild des normalen Lebens der Menschen zu vermitteln.
Und das ist durchaus gelungen, meiner Meinung nach.
Ergänzt werden die Fotografien durch Bildtexte und Kommentare, die
jeweils Thema, Ort, Anlass und Hintergründe der Bilder erläutern, durch
Kurzbiografien der Fotografen und durch kleine Landkarten, auf denen
Entstehungsort und –zeit der einzelnen Bilder verzeichnet sind. Und vor
allem auch durch das Nachwort, das in fast anekdotischer Weise erzählt
und damit mehr als deutlich macht, dass zum Zauber der entstandenen Bilder
wahrlich viel mehr gehörte, als nur „zur rechten Zeit bei richtigem
Licht am richtigen Ort zu sein und die richtige Blende eingestellt zu
haben“ (obwohl das alles sicherlich nicht geschadet hat…).
Ein wirklich klasse Buch. Gerade auch heute, zwanzig Jahre „danach“.
Und spannend natürlich die Frage, die sich automatisch stellt: Was haben
die letzten zwanzig Jahre an Wandel gebracht? In Amerika und überhaupt,
bei mir zuhause vor der Haustür? Wandel, der sich vielleicht nicht langsam und in aller Stille vollzogen hat? Aber wie misst man
Wandel? Heute?
Wirklich bedauerlich ist nur, dass das Buch nicht mehr im Buchhandel bzw.
über Libri zu beziehen ist, auch nicht in der Originalausgabe. Sie müssten
also ein bisschen im Internet stöbern oder gut sortierte Antiquariate
abklappern. Aber das Buch ist die Mühe auf jeden Fall wert!
Ein Tag im Leben von Amerika, Christian Verlag, München 1988, ISBN
3-88472-146-1 oder
A Day in the Life of America by Collins Publishers, New York 1986
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© Heike
Hartmann-Heesch
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