In diesem Monat erscheint mein neues Buch „Möwen hatte ich doch gemeint“ im Wiesenburg Verlag. Ich freue mich sehr darüber.
Ein großes Dankeschön an meinen Mann Detlef für den wunderbaren Bucheinband, an den Fotografen Martin Stromann, der mir das großartige Möwenfoto zur Verfügung gestellt hat, und an Werner Schmid vom Verlag. 

„Möwen hatte ich doch gemeint“,
Erzählungen

Wiesenburg Verlag 2017,
ISBN 978-3-95632-599-1
172 Seiten mit einigen Illustrationen, € 11,90

Klappentext:

„15 Geschichten, 15 Frauen.
Eine erwacht auf einer Intensivstation und stellt fest, dass sie nicht mehr sprechen kann. Eine andere führt einen atemlosen inneren Monolog mit dem verstorbenen Geliebten, eine dritte hat die gemeinsame Sprache mit ihrem Partner verloren. Einer weiteren scheint das, worüber sie reden möchte, so ungeheuerlich auszusprechen, dass sie es nicht ein einziges Mal benennen kann. Eine spricht nur noch durch das, was und wie sie isst, und eine nur noch mithilfe kleiner Schwarz-Weiß-Skizzen auf Schmierpapier.

Wenn Sprache verschwindet oder sich zwischen Menschen verliert, wird es einsam. Damit konfrontiert Walter-Kempowski-Literaturpreisträgerin Heike Suzanne Hartmann-Heesch ihre Figuren. 15 Frauen, die aus diesem Gefühl heraus neue Wege finden, sich auszudrücken.“

Bestellungen sehr gern ab sofort bei mir, beim Verlag, in der Buchhandlung Ihres Vertrauens und, wenn’s sein muss, auch über amazon. EBook folgt.

 

Vor gut zwei Jahren startete auf sueddeutsche.de die Serie „ÜberLeben“, initiiert von sz-Redakteur Lars Langenau. Seitdem sind in loser Folge rund 70 Menschen zu Wort gekommen, deren Leben aus den verschiedensten Gründen einmal aus den Fugen geraten ist, die von einschneidenden Erlebnissen berichten; ein bisschen unter der Fragestellung „Warum sind wir das, was wir sind? Wie geht Überlebenskunst?“ Eine Auflistung aller Artikel finden Sie, wenn Sie hier klicken.
Vor nun genau zwei Jahren, im April 2015, habe ich dort über einige Aspekte meines Lebens nach der Transplantation geschrieben – unter diesem Link noch einmal nachzulesen.
50 dieser Protokolle werden nun im Herbst als Buch bei Gräfe & Unzer veröffentlicht, meines wird auch darunter sein. Ich bin sehr gespannt! 

Ebenso gespannt bin ich auf ein ganz anderes Buch mit fast gleichnamigen Titel: dem des „Projekts ÜBERleben“, initiiert von Barbara Hauter, Lena und Ute Reiner. Ich habe in den vergangenen zwei Jahren öfter hier auf der Papiersinfonie darüber berichtet. In diesem Bildband werden 50 Menschen porträtiert: Fotos von Überlebenden und ihren jeweiligen Geschichten, die über Angst und Verzweiflung, aber auch über Löwenmut, Entschlossenheit und Vertrauen, Lebensfreude und Lebenssinn erzählen, über Fröhlichkeit und über die Liebe. Das Buch soll ein Mutmacher sein, eine Hommage ans Leben.
Ich durfte auch dabei sein. Der Bildband ist druckfertig – den genauen Erscheinungstermin werde ich beizeiten bekannt geben.

Weniger gespannt, eher sehr vorfreudig bin ich auf mein nächstes Buch „Möwen hatte ich doch gemeint“, das demnächst im Wiesenburg Verlag erscheinen wird. Auch dies ist sozusagen das Resultat meiner Arbeit der letzten zwei Jahre, und übers Leben geht’s in den 15 Geschichten dieses Erzählbandes auch. Ich bin übrigens besonders glücklich und sehr dankbar, dass mir der Fotograf des Ostfriesland Magazins Martin Stromann ein Foto für den Bucheinband zur Verfügung gestellt hat, bei dem ich buchstäblich auf die Knie gefallen bin, weil es so wunderbar zum Titel passt. 

Und noch etwas begleitete mich die letzten zwei Jahre: nämlich die App „Literiki“, ein Start Up-Projekt der Schweizerin Isabella Hoegger, auch hierüber habe ich des öfteren auf der Papiersinfonie geschrieben. Mit dieser App kann man sich jeden Morgen an einer heiteren rund dreiminütigen Kürzestgeschichte erfreuen, die einem vorgelesen wird. Den Tag mit einem Schmunzeln beginnen!
Isabella lernte ich ebenfalls vor genau zwei Jahren kennen, im April 2015. Damals war das Projekt noch in der Vorbereitungsphase, an den Start ging es nach einigen Kinderkrankheiten im September 2015. Etwa ein halbes Dutzend eigene Geschichten habe ich dafür beigesteuert, wesentlicher aber war meine Aufgabe als Sprecherin. Rund 70 (in Worten: siebzig!) Texte durfte ich für diverse Autorinnen (und einen Autor J) seitdem einlesen, und ich hatte riesigen Spaß daran.
Das Projekt endet in diesem Monat, was ich sehr bedauere. Es war ein einziges Vergnügen, und nebenbei ich habe viel dabei gelernt! Auf diesem Wege bedanke ich mich bei den vielen AutorInnen, denen ich meine Stimme für ihre Texte leihen durfte, insbesondere bei Andrea Gehlen, Brigitte Fuchs, Dörte Müller – um nur drei zu nennen. Ihre Geschichten haben auch mich sehr oft zum Schmunzeln gebracht und mich bereichert. Ich bedanke mich bei den anderen beiden Sprechern Petra Kopf und Dirk Kuckertz, die ich leider bislang nur virtuell kennen lernen durfte. Nicht zuletzt danke ich auch Isabella – für die Freundschaft, die in den letzten zwei Jahren entstanden ist.

In diesem Sinne: Mal sehen, was (und über welche Projekte) ich in zwei Jahren schreiben werde. Haben Sie einen wunderbaren Frühling.

Heike Hartmann-Heesch

Auch in diesem Jahr stellt die Harburger Kulturinitiative Suedkultur wieder Literaturtage auf die Beine: Vom 21. März bis 13. April findet die „SuedLese“ statt mit einem reichhaltigen Angebot an Literaturveranstaltungen und Lesungen an diversen Veranstaltungsorten. Maren Schönfeld, Wolfgang CG Schönfeld und ich sind auch dabei, und zwar mit einer Auswahl unseres „Literatur trifft Komposition“-Programms. Am 25. März sind wir nun nach 2015 zum zweiten Mal Gast im Harburger Kulturcafé „Komm du“ (siehe Flyer unter diesem Eintrag), und wir haben ein ausgesprochen klasse Format vorbereitet, das wir unter das Thema „Grenzen und Horizonte“ gestellt haben: Von inneren Horizonten und äußerlichen Begrenzungen handeln Marens Lyrik und meine Erzählungen. Da kommen grüne Krokodile vor und schwarze Marienkäfer mit roten Punkten. Die Farben des Alltags und der Natur, an denen wir meist achtlos vorbeigehen, rücken in das Zentrum literarischer Texte. Alltägliche Erfahrungen in der Enge der Stadt, in der wir drei Künstler leben, und vor der Weite der norddeutschen Ebene, existenzielle Erfahrungen mit uns selbst und den Mitmenschen haben uns inspiriert. „Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle – es sind Erfahrungen“, sagte schon Rilke.
Wolfgang CG Schönfeld findet Melodien und Töne, um seine Eindrücke in musikalische Dichtung zu fassen. Instrumentalmusik für Orchester, Band und die sechssaitige Bassgitarre (teilweise mit Halbplayback präsentiert) geben Raum für Imaginationen und vor dem inneren Auge ablaufende Bilder.
Poesie und Komposition bilden bei Maren und Wolfgang CG Schönfeld eine Einheit, bauen aufeinander auf oder bilden gegensätzliche Positionen. Auch mit meinen Erzählungen hat sich Wolfgang befasst und dazu klangliche Werke gestaltet. Durch das gezielte künstlerische Arbeiten zum Werk des Anderen entsteht ein Programm, das wie „aus einem Guss“ wirkt, bei dem eines zum anderen überleitet, man mühelos von Erzählung zu Musik zu Lyrik wechseln kann und von Worten sowie Klängen getragen wird.
Wir freuen uns schon riesig, seien Sie also herzlich eingeladen. Eine ausführliche Ankündigung findet sich im „Schattenblick“. Herzlichen Dank an Dr. Susanne Schöning vom Kulurcafé „Komm du“-Eventmanagement! 

Und sonst so?
Um Grenzen und Horizonte, vornehmlich um sprachliche, geht es auch vorrangig in meinem neuen Erzählband „Möwen hatte ich doch gemeint“, der im Frühsommer im Wiesenburg-Verlag erscheinen wird. Sprachverlust – und die Konsequenzen, die dieser Verlust in der Kommunikation zwischen (zwei) Menschen hat – zieht sich wie ein roter Faden als Thema durch fast alle der 15 Kurzprosastücke des neuen Buches. Mehr darüber in Kürze!

Eher um Grenzen als Horizonte gings in meinem persönlichen Erleben in den letzten Wochen: Ein so richtig fieser Infekt in der Lunge hatte mich für Wochen komplett lahmgelegt und mich körperlich zurückversetzt in die Zeit VOR der Transplantation, wie ich sie hier auf der Papiersinfonie in der Zeit von Ende 2008 - 2010 beschrieben habe. Ein Déjà-vu ohne Gleichen. Da ich körperlich kaum in Lage war, zehn Schritte ohne Atemnot zu gehen, habe ich viel Zeit auf dem Sessel verbracht und sehr viel gelesen. Aufgefallen ist mir dabei (obwohl ich nicht sicher bin, ob ich das situationsbedingt nur so sehen wollte …), dass sich ausnahmslos die AutorInnen aller der von mir in dieser Zeit gelesenen Werke ebenfalls im weiteren Sinne mit Grenzen und Horizonten des Seins beschäftigt haben. Viele ihrer Protagonisten und/oder ErzählerInnen beschäftigen sich mehr oder weniger bewusst mit Fragen wie wer wir sind, weshalb wir so sind, wie wir sind, weshalb wir handeln, wie wir handeln, und welche Situationen uns manchmal, auch oft ganz unvorbereitet, die Entscheidung abverlangte, den weiteren Lebensweg neu zu überdenken. Erstaunlich finde ich das umso mehr, als ich ganz unterschiedliche Arten von Literatur in den Fingern hatte: Romane („Wir kennen uns nicht“ von Birgit Rabisch, „Wittensee“ von Susanne Bienwald, „Die Wintermädchen“ von Cristina Sanchez-Andrade), Kurz- und Kürzestprosa („Junger Hund“ von Matthias Kröner), ein Gespräch („Mein Vaterland war ein Apfelkern“ von Herta Müller) sowie eine Autobiografie („Heile, heile Hitler – Szenen einer Kindheit“ von Claus Günther). All diese Werke habe ich in Teilen nahezu verschlungen, die Worte aufgesogen, und kann sie nur allen ans Herz legen. Dazu aber gegebenenfalls mehr im nächsten Monat.

Was ich jetzt brauche, ist mal wieder ein bisschen Horizont; Grenzen hab ich genug. In diesem Sinne: Ich trotze dem Regen, dem (gefühlt) seit Monaten grauen Himmel und der nassen Kälte, packe mich warm ein und gehe mit meinem Mann an die Elbe. Himmel gucken. Und Wasser. Und Möwen. Kann man nix mit verkehrt machen!

Heike Hartmann-Heesch

Wie alles begann
Im Jahre 2003 war es, und ich erinnere mich gar nicht mehr, was genau damals kaputt war – jedenfalls lief der Computer nicht mehr. Über eine Kleinanzeige im Wochenblatt orderten wir einen Techniker. Dieser saß dann einige Stunden in meinem Schreibtischstuhl an meinem Schreibtisch vor meinem PC, qualmte eine Zigarette und trank eine Tasse Kaffee nach der anderen und fluchte vor sich hin. Er probierte dieses und jenes und anderes; nichts jedoch brachte den erwünschten Erfolg, und nach einer weiteren Tasse Kaffee und einer Zigarette packte er seinen Kram zusammen und stieß beim Aufstehen etwas ungeschickt an das olle Baumarktregal neben dem Schreibtisch. Dies wackelte bedrohlich, und vom oberen Regalboden segelten ein paar DIN-A-4-Seiten direkt vor seine Füße. „Tschuldigung“, murmelte er, hob die Blätter auf, nicht, ohne einen Blick auf das oberste zu werfen. „Ach, Sie schreiben?“, fragte er. „Hmhm“, nuschelte ich. „Meine Frau auch“, sagte er. „Ach ja?“ „Haben Sie schon einen Verlag?“ „Nee.“ „Ich kenn da einen kleinen aus Schleswig-Holstein; meine Frau hat da auch was eingereicht, soll ich Ihnen die Adresse nachher mal rüberschicken?“ „Hmhm“, antwortete ich erneut, nahm das alles aber nicht wirklich ernst und, zugegeben, ich wollte damals eigentlich nur noch, dass er endlich ging. Wie gesagt, den Defekt unseres Computers konnte er damals nicht beheben, aber anderthalb Jahre später erschien mein erstes Buch tatsächlich in dem Verlag, dessen Adresse er mir nach diesem missglückten Computerreparaturversuch zukommen ließ. 

Wie es weiterging
Drei Jahre später: Wieder erinnere ich mich gar nicht mehr, was diesmal kaputt war – jedenfalls hatten wir erneut Computerprobleme. Diesmal orderten wir über einen wie wir vermuteten seriösen PC-Reparaturservice einen Techniker. Gibt es Zufälle im Leben? Der Mann, den diese Firma schickte, war in der Tat derselbe, der bereits drei Jahre zuvor einen Defekt nicht beheben konnte. Jener war inzwischen auf koffeinfreien Kaffee umgestiegen („das Herz“), das Rauchen aber hatte er nicht aufgegeben, und so saß er wieder gefühlte lange Stunden in meinem Schreibtischstuhl an meinem Schreibtisch und schlussendlich fand er diesmal den Defekt – und behob ihn. (…) „Was ist eigentlich aus Ihrer Schreiberei geworden?“, fragte er noch, bevor er ging. „Hat geklappt damals“, antwortete ich, „und das zweite Buch kommt noch vor Weihnachten.“ „Hmhm“, meinte er daraufhin, und „haben Sie schon eine Webseite?“ „Hab ich was?“ „Na, Sie brauchen doch jetzt eine Internetpräsenz!“ „Hmhm.“ Ich erspare Ihnen weitere „hmhms“; und noch bevor ich wusste, wie mir geschah, war ich im Besitz der Internetseite www.papiersinfonie.de. D.h., eine Seite gab es damals ja noch gar nicht, nur die Adresse – und es dauerte nun noch ein knappes Jahr, bis ich dann tatsächlich mit der Papiersinfonie online ging: Im Februar 2007 ging es los.

Anfangs gab es im Wesentlichen „nur“ die Startseite; und ich begann, jeweils zum Beginn eines Monats kurze Einträge zu posten (wobei: Dies Wort kannte ich damals glaub ich noch gar nicht). Zu der Zeit schrieb ich zum einen noch für das monatlich erscheinende Eimsbütteler Stadtteilmagazin „Das Viertel“, und aus diesen Artikeln und Leseproben meiner Kurzprosatexte entstand dann der Menüpunkt „Schreibtisch“. Zum anderen veröffentlichte ich damals noch Buchrezensionen in der Netzversion der Zeitschrift „Verstäker“ – diese übernahm ich dann für die Papiersinfonie-Rubrik „Lesezeichen“. Als ich begann, regelmäßig Texte auf Lesebühnen vorzutragen, kam der Menüpunkt „Ausgesprochenes“ mit den Leseterminen dazu – ein bisschen peinlich damals vielleicht, denn außer der monatlichen Lesebühne „Spätlese“ von Wolfgang A. Gogolin oder auch der im Literaturcafé Mathilde stand da noch wenig anderes auf der Agenda … Das kam erst so nach und nach. Eigenwerbung (meine Bücher!) gibt es nach wie vor unter „PS", kurze biografische Informationen unter „Pinnwand".
Viele Ideen habe ich auch wieder verworfen, was mir allerdings über all die Jahre zur Herzensangelegenheit geworden ist, ist die Startseite. Dies gilt besonders für die Jahre, die ich aufgrund der Lungentransplantation in verschiedenen Krankenhäusern verbrachte. In dieser Zeit wurde die Startseite auch persönlicher: Im Vordergrund stand nicht mehr unbedingt, was ich woanders neu geschrieben hatte oder wo was wann veröffentlicht wurde, sondern eher, wie es um mich und meine Gefühlswelt bestellt war. In den Monaten, in denen ich nach der Transplantation komplett bewegungsunfähig auf den verschiedenen Intensivstationen lag und Kommunikation mit (und Kontakt zu) mir nicht möglich war, hat mein Mann jeden Monat kurze Einträge verfasst, quasi als Statusbeschreibung.
Und ich? Ich habe, sobald ich mit am Beistelltisch festgebundenen Arm (weil ich ihn noch nicht allein halten konnte) mit einem Finger wieder Buchstaben in die Welt schicken konnte, einfach weitergemacht. Schreiben hat mich in den Monaten, als ich noch 24 Stunden am Tag beatmet wurde, deswegen nicht sprechen konnte, ich sauerstoff- und dialysepflichtig und ja eh bettlägerig war, vermutlich davor bewahrt, wahnsinnig zu werden, weil ich mit dieser neuen Lebenssituation nicht umgehen konnte und es anfangs auch nicht abzusehen war, dass sich daran überhaupt etwas ändern würde. Klingt vielleicht ein bisschen melodramatisch, aber neben E-Mails war die Papiersinfonie mein Kontakt zur Welt: Ich wollte nicht vergessen werden.
Aus den Beiträgen der Startseite von März 2009 – Juni 2011 entstand dann letztendlich auch mein fünftes Buch „Langer Atem“.
Melodramatisch bin ich vermutlich eh des Öfteren gewesen; vielleicht bin ich auch manchmal mit den persönlichen Statements und Bekenntnissen ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen. Ein Leser schrieb mir zum Beispiel zum letzten Januar-Eintrag, dass es „(…) sehr schwer [bleibt], dem nachzufühlen, was deine Wünsche auslöst, denn Gesunde können nicht einmal ansatzweise empfinden, wie es dir tagtäglich, Nacht um Nacht ergeht. Und das löst bei mir als Leser schlicht und einfach Schuldgefühle aus. Das wirst du, so glaube ich zumindest, ja nicht bewirken wollen. Aber da man sich dem nicht entziehen kann, wirkt die Papiersinfonie im äußersten Maße deprimierend, ja sogar verstörend (…)“
Sollte dies so sein, tut es mir aufrichtig leid: Das ist natürlich keineswegs beabsichtigt – und ich kann dem nur entgegenhalten, dass es auch andere, ganz andere Beiträge auf der Startseite gibt, die sicherlich weder deprimierend noch verstörend sind; besonders zum Beispiel der Eintrag „Stairways to Heaven“ vom August 2015 oder auch „Über Vergessen und Erinnern, ungehörigen Gegenwind und was das mit Lebensfreudensehnsucht zu tun hat“ vom Mai 2016.

Wie es weitergehen wird
Nun ja, die Papiersinfonie ist in dem Format, wie sie jetzt seit also zehn Jahren besteht, sicherlich nicht mehr zeitgemäß. Sie wird nach wie vor mit einem inzwischen vorsintflutlichen Programm erstellt, das unter Windows XP gerad noch so läuft. Sie ist weder tablet- noch smartphonetauglich, und soweit ich weiß, können manche Browser sie auch schon gar nicht mehr lesen. Es wird also Zeit, sie auf WordPress umzustellen. Hätte auch fast geklappt, die Umstellung, rechtzeitig zum 10-jährigen Geburtstag. Wie gesagt, fast. Aber ich bleibe dran. Man braucht ja Ziele.
In diesem Sinne: Happy 10th birthday, Papiersinfonie.

Heike Hartmann-Heesch
PS: Mein Mann sagt, es sei ungehörig, sich selbst zu gratulieren.

 

Ein neues Jahr. 365 Tage, 52kommaetwas Wochen. Und die Kalenderseiten noch leer.
Na ja, das stimmt natürlich nicht – man steht ja schließlich nicht am letzten Dezembertag des alten Jahres da und schaut auf tatsächlich noch keine Einträge, Termine, was auch immer für das beginnende neue Jahr. Aber ein kleines Gedankenspiel wäre das doch mal wert: Stellen Sie sich vor, Sie bekämen ein ganzes Jahr geschenkt; oder – diese Vorstellung ist wahrscheinlich doch zu ungeheuerlich – sagen wir, Sie bekämen einen Monat geschenkt. 30 Tage, 720 Stunden. Zeit, in der Sie nichts müssen. Keine Termine, keine Verpflichtungen, gar nichts. Wie also würden Sie die geschenkte Zeit verbringen?
Diese Frage habe ich mir auch gestellt; bin allerdings zu dem Ergebnis gekommen, dass ich gar keinen Monat geschenkt bekommen möchte. Es ist nicht Zeit, an der es mir mangelt, und sicherlich abgesehen von den ganzen immer wiederkehrenden, lästigen medizinischen Kontrolluntersuchungen, die nicht nur faktisch Zeitfresser sind, sondern vielmehr ungeheure psychische Belastungen darstellen, hege ich ganz andere, ganz stille Wünsche.

Ich sehne mich zum Beispiel danach, mal wieder eine Nacht ohne Beatmungsmaschine schlafen zu können.
Nicht, weil diese ein untrügliches Zeichen dafür ist, wie krank ich denn tatsächlich bin; auch nicht, weil es natürlich nicht sonderlich bequem und entspannend ist, mir, bevor ich mich in die Waagerechte begebe, Schläuche, die an Anschlussschläuche einer Waschmaschine erinnern, zwischen Hals und Maschine zu stöpseln, sondern ganz vordringlich deswegen, weil ich mich so danach sehne, mal wieder abends Hand in Hand mit meinem Mann im Bett liegen und mich mit ihm in die Nacht und in den Schlaf zu plaudern. Das geht aber eben nicht, denn die Beatmung erfolgt über eine geblockte Kanüle in der Trachea, und neben vielen weiteren Dingen, die dann nicht mehr gehen (riechen, schmecken, husten …) kann ich dann eben auch nicht sprechen. Das vermisse ich sehr, so sehr. Ich kann, auch das dürfte den meisten von Ihnen bekannt sein, generell im Liegen (oder auch nur im Sitzen mit hochgelegten Beinen) nicht spontan, also nicht selbst atmen, und hier folgt schon ein zweiter stiller Wunsch: Ich würde so gern mal wieder eine kleine Weile draußen, irgendwo draußen, auf einer Sommerwiese oder am Strand einfach nur so daliegen und in den Himmel gucken. Geht aber auch nicht. Oder mich einfach mal nur auf die Couch verkümeln, Füße hoch, und ein Buch lesen. Geht auch nicht. Ich muss immer „anständig“, aufrecht sitzen.
Dann würde ich liebend gern mal wieder ins Kino oder ins Theater gehen. Solcherlei Aktivitäten scheitern nicht etwa daran, dass viele Veranstaltungsorte nicht barrierefrei wären – das sind Probleme, die ich mit Hilfe bislang immer irgendwie lösen konnte. Ich kann an solcherlei Aktivitäten aber dennoch nicht teilnehmen, weil ich nie vorhersagen kann, wann und wie häufig ich Sekret absaugen muss. Das kann ich nicht planen; es kommt eben, wann es kommt. Und so fallen Kino- oder Theaterbesuche flach, ich kann ja nicht mitten im ersten Akt mal kurz nach vorne auf die Bühne brüllen und darum bitten, die Pause doch jetzt schon zu machen (haha). Oder im Kino nach 20 Minuten Film die Vorführung unterbrechen lassen. (Und, nein, einfach „mal eben“ kurz rausgehen geht auch nicht: Zu Hause stehen natürlich alle Gerätschaften gebrauchsfertig bereit – außerhalb der häuslichen Umgebung benötige ich a) immer Hilfe dabei und b) müssen halt alle Gerätschaften in einem Notfallrucksack mitgeschleppt werden plus natürlich dem mobilen Sauerstoffkanister etc.pp.) Und wenn ich absaugen muss, muss das sofort sein. Ich kann damit nicht warten, auch nicht zwei oder drei Minuten, und schon gar nicht kann ich dann noch irgendwohin laufen. Und apropos Laufen und Schleppen: Ich würde auch sehr gern mal wieder spontan aus dem Haus gehen. Jacke und Schuhe an und los – ohne mir Gedanken darüber zu machen, was alles mitgeschleppt werden muss und wie ich das am besten auf dem Rolli verlade und ob noch genug Sauerstoff im Kanister ist und ob ich das überhaupt alleine schaffe und falls nicht, wer als Begleitung infrage käme und vor allem: wann. So viel dann zu Spontaneität. Mir fallen Dutzende weiterer stille Wünsche ein, die zu äußern schon schwierig genug sind, und ich scheue mich umso mehr davor, weil ich mich dabei ertappe, dann elendig lang zu erklären, weshalb was eben nicht geht - und ich sehne mich eben sehr auch danach, mich nicht mehr ständig und überall und immer wieder erklären zu wollen, und das Bedürfnis zu befriedigen, einfach verstanden zu werden. Das geht eben wohl nicht.

Am allermeisten allerdings sehne ich mich danach, nicht mehr zu hadern. Mit all dem. Sondern mich eher darauf zu konzentrieren, was eben doch geht, trotz aller Einschränkungen. Das, letztendlich, ist wohl mein dringendster stiller Wunsch für das Neue Jahr. (In den Schlaf plaudern und in den Himmel gucken wär aber trotzdem schön; einfach mal wieder, einfach mal so. 

In diesem Sinne: Frohes neues Jahr. Mögen viele Ihrer stillen Wünsche in Erfüllung gehen.
Heike Hartmann-Heesch

 

Für mich persönlich neigt sich ein wahrlich turbulentes Jahr dem Ende; und wie schon in vielen Jahren zuvor empfinde ich die gerade beginnende Adventszeit als etwas ganz Besonderes: als Anfang im Ende, als Zeit mit Rückbesinnung, Innehalten, aber auch Vorwärtsschauen; als Abschluss, aber auch Neubeginn nach einem wirklich nicht ganz einfachen Jahr.
Wieder einmal sage ich Dank allen, die mir und meinem Mann in diesem Jahr zur Seite gestanden haben, die vielen Auf und Abs miterlebt und geteilt haben; ich sage Dank für viele wunderbare Begegnungen, Gespräche, für Beständigkeit und Verlässlichkeit.
Ein neues Jahr wird beginnen; für meinen Mann und mich noch dazu in einer neuen Umgebung, einer neuen Wohnung … Den Umzug haben wir hinter uns gebracht, die kleinen und größeren Nestbaudesaster ausgestanden, und wir blicken nach vorn, wenngleich mir der Abschied aus dem alten Viertel wahrlich nicht leicht gefallen ist. Dies können Sie in einem kleinen Artikel nachlesen, den ich für das Elbe-Wochenblatt geschrieben habe. Klicken Sie einfach auf das Bild, um den ganzen Artikel zu lesen. Mein Dank an Carsten Vitt, der dies möglich gemacht hat.

Und sonst so?

Das begleitende Leseheft zu den „Kriegsspuren“-Lesungen im Rahmen der diesjährigen Ökumenischen Friedensdekade ist nun auch erhältlich. Es enthält alle auf den Lesungen vorgetragenen Texte sowie einige weiterführende. Alle weiteren Informationen dazu unter dem Menüpunkt „PS“.

Am 15. Dezember findet im Logensaal der Hamburger Kammerspiele eine weihnachtliche Lesung statt. Zusammen mit weiteren AutorInnen der Hamburger Autorenvereinigung werde ich dort lesen – fühlen Sie sich herzlich eingeladen. Ich freue mich darauf, zu dieser Gelegenheit meinen Text „Heimkehr“ lesen zu dürfen: DAS fühlt sich so stimmig an für mich als quasi Jahresabschluss!

Mein Mann und ich wünschen Ihnen und allen, die Sie im Herzen tragen, eine gesegnete Adventszeit und einen guten Übergang ins Neue Jahr: Es wird weitergehen, einfach immer weiter. Ich wünsche Ihnen ein stabiles und lebendiges 2017. „Siehe, Neues ist geworden.“

Heike Hartmann-Heesch

 

Seit Anfang der 80er Jahre findet die Ökumenische FriedensDekade regelmäßig im November während der zehn Tage vor dem Buß- und Bettag statt, 2016 also vom 6.-16. November. In diesem Jahr lautet das Motto: Kriegsspuren.

Krieg hinterlässt Spuren an Leib und Seele, im Leben und in der Kultur betroffener Gesellschaften, aber auch auf den Gesichtern und in den Seelen. Sichtbare und unsichtbare Kriegsspuren finden sich in Familien, im Miteinander der Gesellschaft und in jedem einzelnen. Zusammen mit Roswitha Borrmann, Sibylle Hoffmann, Maren Schönfeld und Martina Seebohm bin ich solchen Spuren nachgegangen, und wir haben Texte zusammengestellt, Gedichte und Geschichten, die sich mit Kriegsspuren geprägt aus Politik, Gesellschaft, aber auch persönlichem Schicksal beschäftigen. Diese Texte werden wir im Rahmen der FriedensDekade auf zwei Lesungen vorstellen: zum einen am 12. November in der Krypta des Mahnmals St. Nikolai in Hamburg, zum anderen am 15. November im Offenen Forum der Hamburger Hafencity.

Wolfgang CG Schönfeld hat sich musikalisch mit dem Thema auseinandergesetzt und wird unsere Veranstaltungen begleiten, während Detlef Heesch das Thema grafisch umsetzte und so die Illustration (s.o.) beisteuerte, die auch den Einband des Büchleins ziert, das wir zeitgleich zu den Lesungen herausgeben. In diesem werden alle auf den Veranstaltungen vorgetragen Texte sowie einige zusätzliche nachzulesen sein. Dies Leseheft wird nicht über den Buchhandel erhältlich sein, sondern kann direkt auf den Lesungen erworben werden oder über uns Autorinnen.

Alle weiteren Infos zu den Lesungen unter Ausgesprochenes – wir freuen uns auf zahlreiche Zuhörer!

Es ist wieder so weit! Am 28. und 29. Oktober stellen sich Hamburger Autorinnen und Autoren auf dem Literatrubel in der Zentralbibliothek vor, veranstaltet vom Verband Deutscher Schriftsteller (VS) und der Hamburger Autorenvereinigung (HAV). Der Eintritt zu den Lesungen ist frei.

Ich werde in diesem Jahr auch dabei sein und am 29.10. um 12.20 Uhr meine Erzählung „Bald, bald vielleicht“ präsentieren, die 2014 zu den 25 besten des mdr-Literaturwettbewerbs gehörte. Ich freue mich sehr darauf!


Es war ein grauer, nebelverhangener Morgen und die Temperaturen einstellig: Der frühe Oktober wartete auf den Herbst. Wie anders hatten wir uns das vorgestellt, damals, im Jahre 2000, als wir das schon vom äußeren Erscheinungsbild sowieso nicht sonderlich romantisch anmutende Standesamt in Eimsbüttel am Grindel betraten: Im Frühling hatte es doch eigentlich schon sein sollen, mit überall blühenden Sträuchern, grünen Bäumen und strahlender Sonne. Aus verschiedentlichen Gründen hatten wir den ursprünglich zunächst im Mai, dann im Juni und schließlich im August angesetzten Termin immer kurzfristig absagen müssen – und so begrüßte uns der Standesbeamte also an jenem besagten kühl-grauen Oktobermorgen mit den Worten: „Sind Sie wirklich sicher, dass Sie sich heute trauen?“ (Sicherlich sagte er „trauen lassen wollen“; vermutlich hörte ich damals das, was ich hören wollte …)
… und gefühlte zehn Minuten später tauschten wir nach einer kurzen Zeremonie die Ringe und waren verheiratet. So schnell ging das. Der Standesbeamte mahnte mich noch, nicht mit meinem Mädchennamen zu unterschreiben („… haha, haben Sie ja sicherlich schon geübt, haha …“), ein Fotograf, der vor Ort war, knipste ein paar Fotos und schon standen wir wieder draußen vor den Grindelhochhäusern. Klingt nicht sehr romantisch?
War es auch nicht. Trotzdem war es etwas ganz besonderes.
Ein traditionelles Ehegelöbnis (uns zu lieben, achten und ehren alle Tage unseres Lebens, in guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, bis das der Tod uns scheidet) haben wir uns auch nicht gegeben; kirchlich geheiratet haben wir nämlich nicht, aber unsere Liebe und das Leben miteinander zu teilen hatten wir uns eh längst selbst versprochen.
Wir haben sie gehabt, die guten und die schlechten Zeiten, und auch von „Krankheit“ haben wir reichlich abbekommen in den letzten 16 Jahren. Nie jedoch haben wir unser Wesentliches verloren: den Kontakt, den Respekt. Und dies erleben wir nach wie vor mit jedem Tag neu: in Liebe und manchmal im Zorn, in lauten und in leisen Stunden. Das ist immer wieder Hochzeit, eine hohe Zeit für Gefühle, die manchmal auch traurig oder schmerzlich sein können, verletzend oder ungerecht. Aber wir dürfen sie alle fühlen und leben und auflösen, und sie alle sind Teil des Versprechens, das wir uns gaben, lange bevor uns der Standesbeamte in das Trauzimmer bat.

Detlef, seit ich dich kenne, trage ich Glück im Blick.

Da denkt man, man ist wohnungstechnisch gesettled.
Lebt seit fast 17 Jahren in einer ruhigen Straße in natürlich einem der schönsten Stadtteile Hamburgs. Auch wenn die Wohnung anfangs, im Jahre 2000 – wir brauchten halt schnell eine –  eine vorübergehende Lösung sein sollte (zu klein, zu teuer, zu schlecht geschnitten), der Stadtteil Eimsbüttel war mir als Quiddje von Beginn an ans Herz gewachsen: Ich war sicher, hier und nur hier würde ich leben wollen. Hin und wieder, anfangs, hielten wir noch Ausschau nach einer anderen Wohnung hier im Viertel, aber es passte irgendwie nie, und so ist diese Wohnung mit den Jahren nach diversen einrichtungstechnischen Metamorphosen ein Zuhause geworden. Wir haben unser Zuhause daraus gemacht.
Im September 2007 schrieb ich für das damalige Eimsbütteler Stadtteilmagazin „Das Viertel“ den Artikel „Vogelperspektive“ im Rahmen der Serie „Mein Viertel“ – in der Eimsbütteler AutorInnen über eben ihr Viertel Eimsbüttel schrieben:

Nur ein Jahr später wurde ich krank und verbrachte die folgenden drei Jahre in verschiedenen Krankenhäusern. Gerade in dieser Zeit ist unsere kleine Wohnung, unser Zuhause, für mich überlebenswichtig gewesen: Vor der Transplantation träumte ich immer von der Zeit, in der ich wieder zu Hause sein würde. Nach der Transplantation mit den horrenden Komplikationen und der Aussicht auf ein womöglich langes Dahinsiechen in einem Pflegeheim war mein Wunsch, vielleicht doch irgendwann wieder zu Hause leben können, unter welchen Umständen auch immer, zu Zeiten mit einer der größten Motivationsfaktoren; und als dieser Wunsch im September 2011 Realität wurde (in diesem Monat vor fünf Jahren!), schien es irgendwie besiegelt: Dies Zuhause würde unser Zuhause bleiben – vermutlich für den Rest unseres Lebens. Natürlich war unsere Wohnung in keiner Weise behindertengerecht (Küche und Bad weder mit Rollstuhl noch mit Rollator zugänglich), aber auch gerade das motivierte immer wieder neu, alles irgendwann (schnell!) wieder allein oder mit möglichst wenig Hilfe von außen zu bewältigen. Außerhalb der Wohnung ließ die Hausverwaltung eine Rampe bauen, damit man den Bürgersteig erreichen konnte, und ich sah es als ganz persönliches Geschenk meines Eimsbüttels an mich, dass kurze Zeit, nachdem ich wieder zu Hause leben konnte, auch die U-Bahnstation behindertengerecht umgebaut wurde! Es passte einfach alles; mehr noch: Mein Viertel bekam fast dörflichen Charakter. Mit Rolli – und anfangs noch Beatmungsmaschine – ist man ja doch „wiedererkennbarer“, und es hat mich oft erstaunt (und manchmal auch beglückt und motiviert), dass auch Supermarktverkäuferinnen, Postangestellte, die PTAs in der Apotheke, die Buchhändlerin von nebenan, Joggerinnen am Weiher und noch viel mehr Menschen ganz direkt Anteil nahmen an meinen Fortschritten, anfangs mit vorsichtigen allgemeinen Bemerkungen wie „Oh, heute ganz allein unterwegs?“ bis später sehr persönlichen Äußerungen „Ich finde es ja so xxx, wie Sie …“ Auch das alles trug natürlich sehr zu dem Gefühl des Mich-zu-Hause-Fühlens bei, genauso wie die für mich so wichtigen Strukturen, die ich die Krankheit betreffend hier geschaffen habe: die Organisation mit dem Pflegedienst und den Assistenten, die Vernetzung mit Ärzten, Dialyse etc.

Tja, da denkt man also, man ist wohnungstechnisch gesettled. Und nun, nach fast 17 Jahren, werden wir jetzt doch Abschied nehmen von unserem Stadtteil und unserem Zuhause. Wir werden in eine Wohnung ziehen, wie wir sie immer erträumt haben: mit viel mehr Platz, unendlich viel schöner geschnitten, Altbau, Holzfußboden, Stuck – vor allem aber Tür an Tür mit lieben Freunden. Nur: Diese Wohnung liegt nicht in Eimsbüttel; und die Entscheidung, hier wegzuziehen, fühlt sich nicht nur ein bisschen an wie „Verrat“ an meinem Viertel und meinem Zuhause …. (Fortsetzung folgt … J)

Und sonst so?
Weblesung: Ende letzten Monats konnten Sie sich eine Woche lang bei den Hamburger Weblesungen meinen Text „Marienkäfer können fliegen“ anhören. Ab jetzt liegt er dort im Archiv – oder Sie können ihn ebenfalls noch hören, wenn Sie einfach auf das Bild weiter unten klicken.

Lesung! Wie im letzten Monat schon kurz erwähnt, freue ich mich, wenn Sie Zeit und Lust haben, zu meiner Lesung am 4. September um 16.00 Uhr ins „Waschhaus“ zu kommen. Ich lese dort einige kurze Erzählungen zum Thema „Sprachverlust“ in seinen verschiedensten Ausprägungen. Kaffee und Kuchen gibt es auch, der Eintritt ist frei und moderieren wird Peter Schütt. Alle weiteren Infos auf dem Flyer unter diesem Eintrag.

Haben Sie einen wunderbaren September.
Heike Hartmann-Heesch


Vom 23.-29. August können Sie meinen Text „Marienkäfer können fliegen“ bei den Weblesungen anhören. Klicken Sie einfach auf das Bild.

Die ersten Jahre meines Studiums Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts finanzierte ich im Wesentlichen mit zwei Jobs. Zum einen unterrichtete ich in mehreren kleinen norddeutschen Städten Englisch an der Volkshochschule. Das war ein super Job: tolle Kurse, tolle Teilnehmer, tolle Kollegen, klasse Fortbildungen, super Bezahlung und die Kurse lagen abends nach den Uni-Vorlesungen. Zum anderen arbeitete ich in einer dänischen Eisdiele. Das passte einfach strategisch gut: Die Eisdiele lag fußläufig zu meiner Wohnung, ich konnte oft am Wochenende arbeiten oder vormittags vor der Uni. Der Job war dennoch weniger nett. Grottenschlechte Bezahlung, ein seltsamer Chef und oft verbrannte Finger – das „Besondere“ an dieser Eisdiele war nämlich nicht unbedingt das Eis an sich (wenngleich sehr lecker), sondern dass die Eiswaffeltüten vor Ort mitten in der Eisdiele frisch gebacken wurden, ein bisschen also wie das heutige oft praktizierte Front- oder Live-Cooking in der Gastronomie. Und das lief damals so: Sechs Waffeleisen ähnlich denen, wie man sie auch für den Hausgebrauch kennt, ein bisschen größer vielleicht, waren auf einer Art Drehtisch fest installiert (siehe Foto oben in der Bildleiste). Kurz vor Ladenöffnung wurden diese Waffeleisen also vorgeheizt, und wenn die richtige Temperatur erreicht war, konnte man loslegen: Man saß auf einem Schemel vor einem der Waffeleisen, füllte den Teig ein (der vor Ladenöffnung auch selbst angerührt wurde!), schloss den Deckel, drehte den Tisch ein Stückchen nach links, dann stand das nächste Waffeleisen vor einem. Dasselbe Prozedere: Teig einfüllen, Deckel schließen, Tisch wieder drehen; bis man alle sechs Eisen befüllt hatte. Dann war man also einmal rum, und wenn nun das erste Waffeleisen wieder vor einem stand, entsprach das in etwa genau der Zeit, die der Teig benötigte, um fertig zu backen – nicht zu hell, nicht zu dunkel. Dann öffnete man also das erste Eisen, nahm einen Waffelformer in Hörnchenform, drehte die gebackene, aber noch platte Waffel um die Form, steckte die nun fertige Eiswaffeltüte in einen Behälter über dem Eisen zum Abkühlen, füllte das Eisen erneut mit Teig, schloss den Deckel, drehte den Tisch wieder ein Stückchen nach links, öffnete das zweite Eisen, drehte die noch platte Waffel um die Form usw. usw.
So weit, so gut. Wenn alles glatt lief, hätte das eine durchaus meditative Arbeit sein können: Eisen für Eisen, Runde für Runde. War es aber natürlich nicht, denn selbst wenn man alle Vorgänge und Verrichtungen im Schlaf beherrschte und die Waffeleisen nach einer Weile durchaus routiniert bedienen konnte: Verbrannte Hände oder Fingerspitzen gab es doch ständig. Die Waffeleisen waren nach außen nicht isoliert, also glühend heiß, und selbstverständlich hatten wir Schutzhandschuhe zur Verfügung. Die ähnelten aber eher rustikalen Handwerkerhandschuhen, man hätte damit problemlos Steine schleppen können. Mit solchen Dingern aber grazile Waffeln zu rollen, war eine zumindest für mich doch etwas zu hohe Kunst – also arbeiteten wir weitgehend ohne. Und natürlich gab es auch eine Salbe, die wir uns auf verbrannte Finger oder Hände hätten schmieren können – allerdings nur in der Theorie: Wer möchte schon Eiswaffeltüten mit Brandsalbengeschmack? Eben. Und unnötig zu erwähnen eigentlich, dass dies schöne Runde-für-Runde-Waffelbacken natürlich völlig aus den Fugen geriet, wenn eben so ein Zwischenfall wie eine kleine Verbrennung oder so dazwischenkam: Man konnte nicht einfach mal eben ein paar Minuten pausieren, sich selbst bemitleiden und die verbrannten Finger pusten: In der Zeit wären sonst nämlich die restlichen Waffeln in den restlichen Eisen bestenfalls nur verbrannt und schwarz gewesen, schlimmstenfalls so sehr in die Eisen eingebrannt, dass man eh alles unterbrechen musste, alle eingebrannten Waffeln erst mal aus den Eisen kratzen und diese säubern musste, um dann von neuem loszulegen …
Eine Schicht dauerte manchmal vier bis fünf Stunden, und damals habe ich mir immer gesagt: Es ist nur ein Job. Übergangsweise. Es sind nur Waffeln. Es ist nur eine verbrannte Fingerspitze – es geht nicht um Leben und Tod; und letztendlich konnte man der ganzen Angelegenheit ja auch durchaus etwas Komisches abgewinnen: Ein bisschen waren wir Backende ja wie Äffchen im Zoo – den von außen zuschauenden Kunden jedenfalls schien das alles gut zu gefallen; und es duftete natürlich auch meist ganz wunderbar (vorausgesetzt, es waren nicht gerade die Waffeln verbrannt). Jedenfalls aber hatte ich mir damals geschworen: Nie im Leben werde ich später wieder so einen Job machen, der so langweilig und langatmig ist, dass man ihn eigentlich im Schlaf erledigen könnte, was aber wiederum natürlich nicht möglich war, weil man ja doch ständig höllisch aufpassen muss, dass „nichts passiert“. Nie wieder etwas, was jeden Tag (bzw. damals eben in jeder Schicht) dasselbe ist, was immer wieder von neuem beginnt, was nie wirklich endet und vor allem, bei dem irgendwie auch nie ein handfestes Resultat (außer vielleicht leckeren Waffeln …) zu erwarten ist, ein Ergebnis, das einen irgendwie weiterbringt oder Voraussetzung für etwas Neues sein kann. Täglich grüßt das Murmeltier.

An diese Eisdielenwaffelbacksituation musste ich gestern wieder einmal denken, als ich mit meinem Mann routinemäßig meine Trachealkanüle wechselte. Wie dieser Vorgang vonstatten geht, lässt sich nicht so kurz und knapp erklären wie das Waffelbacken, bei Interesse gibt’s dazu hinter diesem Link genauere Infos. (Es ist das „beste“ darüber, was ich im Netz finden konnte, was aber nicht heißt, dass ich es gut finde.)
Ich bin ja inzwischen durchaus vertraut mit diesem Vorgang, beherrsche ihn wie das Waffelbacken früher fast wie im Schlaf und kann einen Wechsel durchaus routiniert durchführen – aber dennoch mache ich es nicht „einfach so im Vorbeigehen“. Es ist immer ein Angang: Es ist eben doch nicht etwas Alltägliches, sich eine Kanüle zuerst aus der Luftröhre zu ziehen und dann eine neue wieder einzusetzen; und kleine Fehler sollte man sich besser nicht erlauben, Fehler, die bei aller Routine eben doch passieren können. Aber es gehört, neben wirklich unzähligen anderen, zu den Dingen, den vielen Situationen, in denen ich auch heute denke: Und täglich grüßt das Murmeltier. Mein Leben nach der Transplantation 2010 bzw. sagen wir ab der Zeit, in der ich danach wieder zu Hause lebte und langsam doch vielerlei Sachen in Bezug auf meine „Pflege“ selbst erledigen kann (also dann so etwa ab Mitte 2012) ähnelt nun doch also ziemlich genau dem, wie ich es damals in der Eisdiele nicht hätte für immer haben wollen: endlose Routine, immer dieselben Sachen. Es fängt morgens direkt beim Aufstehen an, geht vom ständigen Inhalieren über noch ständigeres Seketsabsaugen, über Stomapflege und Maschinen- und Schläuchewartung bis zu ach-was-weiß-ich-denn; und endet abends nicht mit einem letzten Absaugen vor der Nacht bzw. dem Anstöpseln an die maschinelle Beatmung nachts, denn auch nachts muss ich drei- bis viermal Sekret absaugen – und an der Beatmungsmaschine hänge ich so auch noch nebenbei, also in der Zeit kann ich nicht mal sprechen oder fluchen. Alles routinierte Handgriffe, und zur Not ist mein Mann ja da – und alles letztendlich ohne, dass es jemals aufhört. Es gibt keine 5-Stunden-Schichten, nach der man den Waffelformer in die Ecke schmeißen kann und sich den angenehmeren Dingen des Lebens widmet. Ich bin immer da. Und jeden Tag aufs Neue. Wenn man alle Dinge zusammenrechnet, die ich allein erledigen kann, komme ich – welch Zufall – tatsächlich auf locker fünf Stunden, die ich alles in allem benötige (plus 10 Stunden an der Beatmung plus all dem, was mein Mann und/oder der Pflegedienst noch leistet), aber die sind natürlich nicht glatt hintereinander sondern schön über den ganzen Tag verteilt, und ich kann sie mir ja auch nicht einteilen, wie es mir gerade passt: Absaugen muss ich halt dann, wenn ich es muss, egal, ob die Situation gerade dafür ausgelegt ist oder nicht. Zu Hause ist es gut, wenn alles routiniert ablaufen kann, alle Geräte und Maschinen so stehen, dass ich sie blind und wie im Schlaf bedienen kann, aber ich bin eben nun mal nicht nur zu Hause, wenngleich ich merke, dass sich mein sowieso schon sehr eingeschränkter Radius (allein geht eben gar nüscht) langsam, aber sicher noch weiter verengt, ein bisschen auch deshalb, weil ich mir eben schon vorher einen Kopf mache, ob ich es außerhäusig – selbst mit Hilfe – alles so hinkriege, wie es eben muss: Gibt es bei einer Lesung einen wenn auch noch so winzigen Rückzugsraum, in den ich mich eben mit meinem Mann zurückziehen kann, um z.B. Sekret abzusaugen oder muss ich das vor versammelter Mannschaft (Äffchen im Zoo, siehe oben) erledigen? Und was wäre eigentlich, wenn es mir mal mitten während eines Textvortrages passieren sollte? Vielleicht wäre ich sogar souverän genug (sofern ich das vor Hustenanfall und Japsen und dann eigentlich Nicht-mehr-groß-Sprechen-Könnnen überhaupt noch zustande bringe), die Lesung zu unterbrechen, um eben Sekret abzusaugen (wo? Vor allen Zuhörern?) – aber wie überbrücken die Zuhörer so eine Situation? Kann ja locker mal 5-8 Minuten dauern, und ist auch nicht unbedingt ein schöner Anblick, und leise ist es auch nicht.
Ich habe keine Idee dazu, merke aber, dass ich vielerlei außerhäusige Veranstaltungen schon deshalb ausschließe, nicht mehr besuche, meinen Radius, siehe oben, doch verenge. Das ist Scheiße!
Ich will kein einsames Murmeltier sein/werden – kann aber auch nicht wirklich verhindern, dass mir solche Gedanken wie oben beschrieben, in letzter Zeit zunehmend schlaflose Nächte bereiten. Ich bin immer (noch) da. Aber um welchen Preis? Täglich grüßt das Murmeltier.

Und sonst so?
Im letzten Monat fand die 18. „altonale“ statt. Dazu gehört auch die „literatur altonale Lesebühne“. In diesem Jahr traten 12 AutorInnen im Lesewettstreit um den 2. Hamburger „Bahman“-Preis statt, benannt nach Bahman Nader-Nezhad, dem Betreiber des gastgebenden Bistros Roth. Diesen Preis hatte ich im letzten Jahr gewonnen; und, tja, was soll ich sagen, mit dem Vortrag meines Textes „Meer ist Nacht“ hat es auch in diesem Jahr wieder geklappt. Zwei kleine Nachlesen finden Sie zum einen in einem Artikel in „Die Auswärtige Presse“ hier sowie auf der Webseite der Textfabrique51, die die altonale Lesebühne seit Jahren organisiert. Vielen Dank.

Weblesung: Den Text „Marienkäfer können fliegen“, mit dem ich den „Bahman“-Preis im vergangenen Jahr gewonnen habe, gibt es vom 23.-29. August bei den Hamburger Weblesungen anzuhören: Dank an Rüdiger Käßner, der seit 2001 im Auftrag der Hamburger Kulturbehörde die Weblesungen organisiert.

Lesung im Waschhaus: Da diese Lesung gleich Anfang September stattfindet, hier schon einmal ein Hinweis: Am 4. September lese ich zum Thema „Sprachverlust“ wieder einmal im Waschhaus in der City Nord (siehe Ausgesprochenes): sonntagnachmittags, Kaffee und Kuchen gibt es auch, herzlichen Dank an Peter Schütt für die Einladung. Drücken Sie mir die Daumen, dass ich bis dahin eine praktikable Lösung gefunden habe, wie ich souverän z.B. mit dem Absaugproblem umgehe. Ich möchte mich nämlich gern auf die Lesung freuen und nicht mit Bauchschmerzen daran denken, was wäre, wenn …

Haben Sie einen besonderen August.
Heike Hartmann-Heesch

PS: Wenn Sie hier klicken, finden Sie ein Rezept für schnelle, einfache Waffeln … J

Es gibt Tage, da spaziere ich eine winzige Runde bei uns durchs Viertel so, wie ich das halt tun kann, wenn ich richtig gut drauf bin und es mir zutraue, eben besagte winzige Runde mal allein zu wagen: den Rolli als Packesel vor mir herschiebend, beladen mit all dem Gedöns, das ich halt mitnehmen muss, wenn ich unterwegs bin: Notfallrucksack mit mobilem Sekretabsauggerät und weiterem Kram, Handtäschchen und natürlich dem mobilen Sauerstoffkanister, an dem ich dann wie ein Hündchen an der Leine hinter dem Rolli herdackel. An diesen Tagen empfinde ich das als äußerst beglückend, denn es ist dies winzige Stückchen Freiheit, das mich dann beflügelt. Das sind Tage, an denen es mich freut, wenn die Kassiererin im Supermarkt lächelt und fragt „Oh, wo haben Sie denn Ihren Mann gelassen?“ Am meisten aber freut es mich, wenn gar nichts passiert, wenn ich das Gefühl habe, als sei ich nur eine in der Masse, wie jeder andere auch, jemand, die halt ihrer Wege geht.
Gleichzeitig sind das auch diese Tage, an denen ich die (zumeist älteren) Damen im Viertel beneide, die mich äußerst behände mit ihren Gehwagen überholen. Ich hab auch einen im Keller stehen, aber all meine Versuche, mein „Gepäck“ auf einem solchen unterzubringen, sind gescheitert – es ist schlicht zu viel, als dass es auf einem Rollator unterzubringen ist (und selbst wenn dies gelänge, wäre er dann kaum noch zu händeln, denn wirklich geländegängig sind die Dinger nicht). Es gibt Tage, an denen wünschte ich mir dennoch, auch „nur“ mit Rollator unterwegs sein zu können, denn scheinbar sieht es völlig beknackt/absurd/bemitleidenswert aus, wenn ich mit Rolli unterwegs bin, in dem ich nicht sitze, sondern den ich voll beladen schiebe. Vielleicht sehe ich ja auch beknackt aus, und es gibt eben diese Tage, da begegne ich nur Leuten, die gucken. Die mich angucken. Das fühlt sich dann sofort so an, als würde ich dort nackt mit pumuckelroten Haaren und zudem einer Torte auf dem Kopf rumlaufen; und automatisch greife ich dann sofort an meinen Hals und kontrolliere, ob mein Halstuch noch richtig sitzt, das ich ja immer trage, weil die hervorstehende Trachealkanüle in der Luftröhre nun mal bei weitem kein so schickes Accessoire ist wie eine topstylische Brille. Oder was weiß ich.
Nun kann man gucken oder gucken. Man kann neugierig gucken. Okay, geschenkt, tue ich auch, wenn ich irgendwas/irgendwem auf der Straße begegne, der/die/das halt, na, ungewöhnlich aussieht. Man kann gucken mit einem Blick aus Mitleid/Mitgefühl. Okay, ebenfalls geschenkt, auch das kann ich nachempfinden. Und dann kann man starren. Mich anstarren. Es gibt Tage, an denen kommen mir Leute entgegen, manchmal sogar auf dem Fahrrad, und starren mich an. Sie starren sogar noch dann, wenn sie schon an mir vorbei sind – indem sie ihre Köpfe noch zurückwenden. Das sind Blicke aus einer Mischung unverhohlener Neugier, gleichzeitig abwertend, verachtend irgendwie, herabwürdigend, herablassend, ablehnend; und ich habe mich bereits einige Male dabei ertappt, dass mir dann unwillkürlich ein „Was guckst du?“ rausgerutscht ist (ganz verhalten, Gott sei Dank), manchmal machen mich solche Blicke selbst so aggressiv, so wütend, dass ich am liebsten meinen Mittelfinger zum Gruß heben würde.
Am Schlimmsten sind diese Blicke in Situationen, in denen ich dann auch noch irgendwo am Rand einer Straße, bestenfalls an einer Parkbank, „pausiere“, weil ich dringend Sekret absaugen muss. Sie können mir glauben, es macht mir auch keine besondere Freude, dies in aller Öffentlichkeit tun zu müssen, wahrlich nicht, aber es kommt nun mal immer wieder vor. Ich bin nach all den Jahren sehr routiniert in dem Ablauf (hinsetzten, Notfallrucksack öffnen, Einmalhandschuhe überstreifen (schön dezent in quietschblau …), Absaugkatheter an Absaugschlauch am Absauggerät befestigen, Halstuch abnehmen, Sprechventil von Kanüle entfernen, Absauggerät (im Notfallrucksack verstaut) anstellen (das röhrt natürlich auch schön), Absaugkatheter in Kanüle einführen, Sekret absaugen (kann einige Minuten dauern), dann alles retour, Handschuhe ausziehen, Halstuch wieder umbinden, fertig; und habe, während ich absauge, alle Zeit der Welt, aufzublicken und in die Gesichter der Menschen zu schauen, die das mitbekommen. Die dann gucken. Wie oben beschrieben. Nur in dieser Situation kommt noch so was wie Ekel in den Blicken dazu. Manche Leute bleiben stehen; und ich fühle mich vorgeführt wie eine (furchtbare) Zirkusattraktion, na, Sie wissen, was ich meine. Im besten Fall würde ich dann am liebsten einen Hut rumgehen lassen!
Das Schlimmste, glaube ich, ist halt die Diskrepanz zwischen dem, wie ich mich ja eigentlich fühle, wenn ich so allein durch die Welt spaziere und dem, wie es sich dann anfühlt, wenn so geguckt wird: Ich unternehme solche Spaziergänge ja eh nur, wenn ich richtig richtig gut drauf bin, wenn es mir richtig gut geht – und die Ernüchterung folgt dann prompt. In den Augen anderer sieht das, was ich als Glück empfinde, dann wohl doch eher – na ja, nicht so aus, und in manchen Momenten fühle ich mich dann nur noch wie ein Abziehbild meiner selbst. 

Und dann gibt es diese Nächte. Aber über die lesen Sie besser in dem Text „Eine Nacht wie jede“, den ich hier auf den Schreibtisch gelegt habe. 

Und sonst so?
Im vergangenen Monat wurde der erste Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung verliehen. Meine herzlichsten Glückwünsche an Joachim Frank, der mit seinem Text „El Condor pasa“ den ersten Platz belegte. Den zweiten Preis erhielt Maren Schönfeld für ihren wunderbaren Text „Rosas Hut“.

Vom 1.-17. Juli findet in diesem Jahr die 18. altonale in Hamburg-Altona statt, natürlich auch wieder mit der literatur-altonale. Dazu gehört auch die altonale Lesebühne des Literaturnetzwerks Textfabrique51 im Bistro Roth in Ottensen am 11.7. um 19.30 Uhr. Dort wird zum zweiten Mal der „Bahman“-Preis verliehen, benannt nach dem Betreiber des Bistro. Den habe ich im letzten Jahr erhalten – und ich bin wild entschlossen, ihn in diesem Jahr gebührend zu verteidigen! J Einen kurzen Bericht über die Veranstaltung des vergangenen Jahres können Sie hier noch einmal nachlesen. Der „Bahman“-Preis ist ein Publikumspreis, also kommen Sie zuhauf und geben Ihre Stimme ab!

Einen sonnigen Juli wünscht
Heike Hartmann-Heesch

 

Heute, am Samstag des letzten Mai-Wochenendes, ist der Himmel endlich mal wieder strahlend blau, die Temperaturen sind angenehm: eigentlich beste Voraussetzungen für einen kleinen Ausflug an den Elbstrand nach Wittenbergen, dem Fleckchen Erde, der für mich und meinen Mann in den letzten Jahren oft ein kleiner Fluchtort war. Zum Spazieren gehen, genauer zum Selbst-Spazieren gehen, Laufen und Treppen steigen üben oder um einfach nur die Nase in den Wind zu halten, sich durchpusten zu lassen oder auch mal schweigend auf einer Bank in der Sonne zu sitzen. Vor allem aber auch für die kleinen Freiheitsglücksmomente, die ich dort immer und immer erleben durfte, wenn ich mich kurzerhand mal vom Sauerstoff abstöpselte und für einige Zeit allein (!) über den Strand zum Wasser lief, ohne mich am Rolli festzuhalten, ohne einen Sauerstoffkanister schleppen zu müssen, einfach mal mit den Füßen im Sand und Schlick und Wasser. Großartig. So was geht nie lang, aber es geht immer wieder mal; und das sind Momente, von denen ich immer lange zehre.
Wie gesagt, heute wäre ein perfekter Tag für einen solchen Ausflug, allein: Es geht nicht, denn mein Mann ist krank. Also nicht bettlägerig oder so, aber durch eine böse und äußerst schmerzhafte Entzündung im Schulterbereich weitgehend ausgeknockt. Er kann kein Fahrrad fahren, kann (und darf eh nicht wegen der starken Medikamente) Auto fahren, er ist in seinen Bewegungen so eingeschränkt, dass er oft nicht mal den Rolli schieben kann, ohne dass der Schmerz ihn umhaut. Ich habe in den letzten Jahren ja zunehmend realisiert, wie abhängig ich von der Hilfe anderer bin, um nur einen ganz gewöhnlichen Alltag auf die Reihe zu bekommen und fast alles hat sich ja gut eingependelt. In den Zeiten, in denen mein Mann üblicherweise im Büro sitzt, komme ich zu Hause gut allein klar. Für manches habe ich nach wie vor einen ambulanten Pflegedienst, und auch das läuft mittlerweile super. Aber ohne meinen Mann bin ich wirklich aufgeschmissen: Er ist – mal abgesehen von seinen Büroarbeitszeiten – der RundumdieUhrPfleger: immer für alles, was die Häusliche Pflege betrifft, dann für alles, was ich im Haushalt nicht allein schaffe, für Kellergänge, um Hilfsmittel nach oben zu holen (wöchentlich etwa ein Karton in der Größe einer kleinen Waschmaschine), fürs Sauerstoffnachladen, für Einkäufe, für Behörden-, Arzt-, Krankenhaus-, Friseur- und alle anderen Termine außerhalb, die ich wahrnehmen muss oder möchte; natürlich auch für die schiere Möglichkeit, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, als Chauffeur, als Lastenschlepper (Sauerstoff, Notfallrucksack, mobiles Absauggerät …) und Rollischieber. Für alles, was außerhalb der Wohnung passiert, ist er aber ja auch noch Pfleger: Außerhalb der Wohnung brauche ich immer Unterstützung z.B. beim Sekretabsaugen, um nur das häufigste zu nennen. Und natürlich auch, damit ich überhaupt mal aus der Wohnung rauskomme – kleine Fluchten, siehe oben. Und nachts hilft er bei allem, was irgendwie ansteht oder nottut: Dann bin ich an der Beatmungsmaschine, kann nicht sprechen, mein Aktionsradius ist nun ja, das Bett.
Fällt er aus, stehe ich  - stehen wir – zunächst mal ziemlich auf dem Schlauch.
In all den Jahren, in denen ich nun schon wieder zu Hause lebe, ist das bislang nicht vorgekommen und ich muss gestehen: Ich zwar oft daran gedacht habe, dass wir uns mal einen Plan B zulegen müssten, eben für den Fall, dass …, aber genauso oft habe ich solche Gedanken dann schnell wieder beiseite geschoben. Und nu haben wir den Salat: Es ist noch nicht genau abzusehen, wie lange er mit dieser Entzündung herumlaborieren muss, also nüchtern gesprochen: wie lange er ausfällt. To the lighthouse bleibt zurzeit tatsächlich ein Sehnsuchtsort, wichtiger sind die ganz praktischen Fragen: Wie kriegen wir den Alltag organisiert, wenn ich nun mal bin, wie ich bin und er eben nicht so kann, wie er „müsste“? Klingt furchtbar rational, ich weiß, und es bricht mir schier das Herz, wenn ich sehe, dass er gar nicht sorgenfrei gesunden kann, sich keine wirkliche Rekonvaleszenz „gönnen“ kann, weil die Gedanken, was eigentlich alles getan werden müsste, immer im Hinterkopf rumspuken. Gerade diese ganz alltäglichen praktischen Dinge müssen aber ja irgendwie geklärt werden, müssen laufen.

Wir bleiben dran. Wir kriegen es bislang hin. Zum Glück wohnen wir in einem lebendigen Stadtteil, in dem einiges fußläufig zu erreichen ist. Alles andere wird sich finden.

Aber falls einer von Ihnen, die Sie dies lesen, jetzt auf die Idee kommt, mir anzubieten, mal einen Wochenendeinkauf mit mir zu erledigen oder überhaupt mal eine Runde durch den Park zu spazieren: immer gern. Melden Sie sich flugs, ich werde dann schnellstmöglich noch eine kleine Fortbildung organisieren, welche Sie leider Gottes vorab besuchen müssen, um einen wenigstens winzigen Einblick in außerklinische Beatmungspflege zu bekommen, denn ein wie auch immer gearteter kleiner Ausflug mit mir ist eben, bildlich gesprochen, nicht immer ein Spaziergang. Sie werden gewappnet sein müssen, wenn Sie mit mir allein unterwegs sind. Sie werden genau wissen müssen, was Sie zu tun haben, wenn ich Ihnen (Sie natürlich beladen mit all dem oben beschriebenen Gepäck auf dem Rücken und Rolli schiebender Weise) zwischen Obst-und Gemüse- und Süßwarenabteilung bei Edeka röchelnd signalisiere, dass ich standepede endochtracheal Sekret absaugen muss oder an der Osterstraßenkreuzung feststelle, dass sofort (und sofort heißt sofort!) die Trachealkanüle gewechselt werden muss, weil sie dicht ist und ich keine Luft mehr bekomme … Vielleicht kann ich für diese Fortbildung ja eine Gummipuppe besorgen, an der Sie realitätsnah üben können. Zu Ihrer Beruhigung versichere ich Ihnen vorab, dass ich nie hysterisch werde und auch selten panisch: Ich weiß in der Regel immer, was zu tun ist – nur kann ich das, was zu tun ist, außerhalb der eigenen vier Wände eben nicht allein. Freiwillige vor. J

To the lighthouse. Ich hatte nicht das gleichnamige, 1927 erschienende Buch von Virginia Woolf im Kopf, als ich die Überschrift für diesen Monat getippt habe, und es ist mindestens ein Vierteljahrhundert her, dass ich es las. Dunkel in Erinnerung geblieben sind mir von damals Interpretationsansätze, nach denen sich Woolf – laut ihrer Tagebucheinträgen aus der Entstehungszeit des Buches – vor allem auch mit der Frage beschäftigte, wie sich ein Alltagsleben ohne die Schwere des Wahnsinns darstellen lässt.
Insofern: Passt ja doch irgendwie, diese Juni-Überschrift. J

Und sonst so?
Im letzten Monat fand im Kulturhof Dulsberg das 10. Dulsberger MaiRauschen statt; das Thema in diesem Jahr lautete „Katze von links“ – weil der Veranstaltungsabend ein Freitag, der 13. war … J Wie zu jeder Veranstaltung vorher auch gibt es eine kleine Anthologie mit allen auf der Lesung vorgetragenen und natürlich weiteren Texten. Ich bin auch im Büchlein vertreten, und zwar mit meinem Text „Ein Leben ohne Hund ist ein Irrtum“.

Mit eben jenem Text können Sie sich auch am 4.6. wecken lassen, vorausgesetzt, Sie haben die App „Literiki“ inzwischen abonniert! Noch nicht? Dann sollten Sie das schleunigst tun! Im Herbst dieses Jahres geht die App nun ins zweite Jahr, und die Vorbereitungen dafür sind bereits angelaufen. Für die zweite Staffel gibt es kleine Änderungen, zum Beispiel werden ab Herbst nach und nach alle Guten-Morgen-Geschichten von „nur noch“ vier Sprechern präsentiert, zwei männlichen, zwei weiblichen, und ich freue mich riesig, dass ich eine der weiblichen Sprecherinnen bin. Alle weiteren Infos zur App mit den fröhlichen Morgen-Texten finden Sie hier www.literiki.com

In diesem Monat wird außerdem der 1. Kurzgeschichten-Preis der Hamburger Autorenvereinigung vergeben. Das Thema der Ausschreibung lautete „Unterwegs“. Sechs Finalisten werden am 13. Juni im Logensaal der Hamburger Kammerspiele um den Preis lesen – und das Publikum ist die Jury ... Also, kommen Sie zahlreich und stimmen Sie mit ab über den Siegertext! J

Ich wünsche einen so gesunden Juni wie irgend möglich.
Heike Hartmann-Heesch

Ich habe mich oft in den vergangenen fast 2200 Tagen gefragt, ob Vergessen auch eine Form von Erinnern ist.
Ich habe kleine Oasen gesucht, den Himmel berührt und neue Welten betreten. Ich habe Kälte gespürt, Frühlingsvögel gehört, Sterne gezählt und im Sturm gestanden. Ich gab Antworten auf die Frage, was ich mir nicht wünsche. Ich habe Schnee im Frühling gesehen und über weinende Krokodile geschrieben; über Wolkenfänger, Erdverbundenheit und das Festhängen in brutalen Zeitschleifen. Ich suchte nach Zeichen, hoffte auf Wunder und gelegentlich fand ich andere Perspektiven. Ich betrat einen Weg nach innen; in Momentaufnahmen erlaubte ich mir, mich zurückzubesinnen und gleichzeitig vorwärts zu schauen: Der Horizont schien immer sehr weit entfernt beim Blick über stille Wasser am Weiher, im Zwielichtgrün, unter frühen Schatten, wenn bonny swans und andere Regenenten ihre Kreise zogen. Am Ende wird nicht immer alles gut, aber der ungehörige Gegenwind, der mir oft entgegenpeitschte, vermochte doch zumindest häufig die Anflüge von Melancholie einfach wegzuwehen.
Was blieb, hin und wieder, waren Regenfreiheitsglücksmomente, kleine Glücksgefühle, die ich ganz hoch gehängt habe neben den alltäglichen Widrigkeiten. Was auch blieb, war eine Lebensfreudensehnsucht; einfach immer weiter zu gehen, einfach immer weiter.
Jedes Frühjahr verhieß und versprach Leben, auch wenn Zeit zählbar geworden war; jeder Herbst erneuerte den Laubfarbenklang, erinnerte an Vergänglichkeit und gestattete einen Blick auf das Wesentliche, auf die Dinge, wie sie waren.
Ich machte mir Luft, manchmal. Ich machte mir Luft, indem ich weiter schrieb: über die Idee von der Möglichkeit der Möglichkeit, über Fragen nach Praktikabilität, Nutzen und Außenwirkung. Ich schrieb übers Finden und Werden, über Wünsche und Wirklichkeit, über Enttäuschung und über die Relativität der Zeitwahrnehmung. Ich schrieb über das Scheitern, über Gammel vor meinen Fenstern, Grenzerfahrungen und Standpunkte.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 2010 wurde ich transplantiert. Heute, fast 2200 Tage danach, frage ich mich immer noch häufig, ob Vergessen auch eine Form von Erinnern ist.
Da bekannterweise die ersehnte und gefürchtete Transplantation nicht den erhofften Neuanfang, sondern zunächst eher das Ende gebracht hatte, musste ich in den vergangenen fast 2200 Tagen meinen weiteren Lebensweg oft ganz neu überdenken, zuallererst um überhaupt einen Weg zu finden, dies nun ganz andere Leben in all seinen Facetten annehmen zu können. Die letzten fast 2200 Tage jedenfalls haben mir immer wieder gezeigt, dass – frei nach Grönemeyer – alles anders bleibt … J Anders als gedacht, als erwartet, als prognostiziert, aber oft auch eben anders als befürchtet, auch – oder gerade – dann, wenn der Mut klein war.
Es ist Zeit, wieder einmal Dank zu sagen. Dank all jenen Menschen, die jeden Tag dieser Tage zu einem besonderen machen, die einfach immer, immer noch oder durch neue Begegnungen inzwischen ganz neu da sind, in lauten, aber vor allem in den ganz leisen Stunden. Die ihr dies lest: Fühlt euch angesprochen – danke.
Ich habe einen Wunsch, einen großen Wunsch an diesen Mai, in dem sich eben nicht nur die Transplantation zum sechsten Mal jährt, sondern der ja sowieso mein Geburtstagsmonat ist: Ich wünsche mir die Chance auf weitere 2200 Tage. Mit mehr Mut und weniger Verzagtheit, einer größeren Portion Unbeschwertheit und möglichst weniger Komplikationen. Das wäre schön. Das wäre großes Glück. Das wäre das, wonach ich mich bei allem ungehörigen Gegenwind besonders sehne.

Ich wünsche einen richtig stürmischen Mai.
Heike Hartmann-Heesch

Ich wünsche einen ganz anderen April!

* O-Ton H. Grönemeyer

Knapp vier Wochen bin ich nun schon wieder zu Hause und bin so froh, dass – fast hätte ich jetzt getippt „das Leben mich“ – na, also dass ich mein Leben wieder habe. Klingt ein bisschen pathetisch, ist auch genauso gemeint. Noch froher allerdings bin ich darüber, dass ich immer wieder feststellen kann: Gott sei Dank habe ich mir über die ganzen letzten Jahre eines bewahrt – meinen Humor. Selbst diesem Zwei-Wochen-Horror „beatmete Patientin im Krankenhaus“ kann ich jetzt rückblickend durchaus komische Seiten abgewinnen. Ich erspare Ihnen die Albtraum-Einzelheiten und verweise stattdessen auf eine neue kurze Erzählung von mir, die Sie unter dem Menüpunkt Schreibtisch (hier) nachlesen können. Ich hoffe, Sie können mit mir lachen!
Feststellen musste ich auch, dass sich die Welt weiterdrehte, während ich in den Schuhkarton von Isolierzimmer eingepfercht war und Facebook mein Draht nach draußen war: Als wir, nachdem ich wieder zu Hause war, zum ersten Mal wieder an der Elbe auf meinem Lieblingsparcours (inklusive Treppe) flanieren wollten, ging das nicht. Na ja, nicht so gut, denn schon auf Höhe des Wittenberger Leuchtturms war der weitere Weg abgesperrt mit dem Hinweis: „Otto-Schokoll-Höhenweg gesperrt wegen Hangrutschung. Unfallgefahr. Betreten verboten.“ Beim ersten Mal haben wir uns brav daran gehalten. Beim zweiten auch – wir haben den Höhenweg also gemieden und sind stattdessen auf dem unteren Weg direkt an der Elbe marschiert. Von dort aus, also sozusagen mit Blick auf den Hang, konnte man durchaus sehen, dass an diversen Stellen das Geländer des oberen Weges fast weggebrochen war – es sah nicht sehr anheimelnd aus. Dann aber wollte ich diese Stelle auch von oben angucken. Mit etwas schlechtem Gewissen und mich selber ein bisschen ausschimpfend (so eine bröckelnde Stelle wird sicherlich nicht besser dadurch, dass Schaulustige wie wir da auch noch drumrumtrampeln) hoben wir also den Rolli über die Absperrung – und ehrlich, die Stelle sah in der Tat nicht so aus, als könne der Schaden flugs behoben werden.
Schimpfe bekam ich dann auch noch von anderer Seite: Bei einer meiner regelmäßigen Kontrollbesuchen beim Arzt guckte mich die MTA musternd an „Sie haben abgenommen!“ Bevor ich noch irgendetwas erwidern konnte, musste ich auch auf schon auf die Waage. Leider hatte die gute Frau Recht und mein Gewicht hatte den einen magischen Wert, bei dem alle Alarmglocken zu läuten beginnen, unterschritten. „Haben Sie im Krankenhaus nicht genug zu essen bekommen?“, fragte sie. „Doch, schon“, sagte ich, „reichhaltige Mittagsmenüs und sogar zwei Pullen kalorienreiche Zusatznahrung am Tag.“ (Alle Facebookfreunde können sich vermutlich gut an meine geposteten Mittagessentabletts erinnern …) Weshalb ich das jetzt erwähne? Nun ja, lesen Sie meine neue Erzählung. Das war jetzt aber wirklich ein Wink mit dem Zaunpfahl! 

Und sonst so?
Zwei der im letzten Jahr gestarteten Projekte laufen beständig weiter: das wunderbare Projekt ÜBERleben und auch die App LITERIKI.

Zur Erinnerung: Der geplante Bildband des Projekts ÜBERleben ist vollständig. Porträtiert wurden 50 Menschen, die von Angst und Verzweiflung, Löwenmut und Sanftmut, Lebensfreude, Fröhlichkeit, Lebenssinn und über die Liebe erzählen. Damit das Projekt seinen Abschluss finden und der geplante Bildband in Krankenhäusern und an Interessierte und Betroffene verschenkt werden kann, werden nach wie vor  Sponsoren für den Druck gesucht; benötigt werden rund € 5000 für 1000 Bücher; zurzeit fehlen noch rund € 3000. Spenden geht ganz einfach über Paypal an kontakt@ueberleben.info oder Konto 540 281 83 86 bei der Ing-DiBa AG, BLZ 500 105 17, IBAN DE56 5001 0517 5402 8183 86, SWIFT/BIC INGDDEFFXXX.
Am 24. Februar waren die zwei Initiatorinnen des Projekts Lena und Ute Reiner zum wiederholten Mal in der „Landesschau“ im SWR-Fernsehen zu Gast. Der Bericht kann hier angesehen werden.

  Die App LITERIKI, für die ich mich sowohl als Autorin als auch als Sprecherin engagiere, läuft jetzt problemlos – auch die Kinderkrankheiten der Apple-Version sind ausgeheilt, sodass die App auch für iPhones abonniert werden kann. Zur Erinnerung: Mit dieser App können Sie sich jeden Morgen statt durch grausames Weckerklingeln mit einer heiteren Kurzgeschichte wecken lassen, die Ihnen vorgelesen wird (oder Sie können die Geschichten natürlich auch immer dann hören, wenn Sie wollen – allerdings nur einen Tag lang, am Folgetag gibt’s eine neue.)
Vor einiger Zeit war die Initiatorin der App Isabella Hoegger zu Gast beim Schweizer Radiosender DRS 2-Kultur – ein toller Beitrag inklusive einer wunderbaren kleinen Portion Schwyzerdütsch … J Hier gibt’s den Beitrag zum Nachhören!

Was das alles mit Pilzen zu tun hat? Nun, äh, bislang nicht viel, zugegeben. Aber lesen Sie einfach meine neue Erzählung auf dem Schreibtisch. Dann werden Sie es wissen! J

Ich wünsche Ihnen einen frühlingsfrischen März,
Heike Hartmann-Heesch

Mit den Zeilen »„Ich möchte jetzt bitte nach Hause“, denke ich, „kannst du mich nach Hause bringen?“, frage ich. […] „Bald, bald vielleicht“, flüsterst du nach einer Weile.« beginnt der letzte Absatz meiner Erzählung  „Bald, bald vielleicht“, entstanden 2014 für den mdr-Literaturpreis.

Fast überall im Asklepios Barmbek hängen in den Fluren an den Wänden gerahmte Kunstplakate, und unter ihnen vor einem blauen Hintergrund Sinnsprüche, Sprichwörter oder allgemeine Weisheiten. In der kleinen Passage im Erdgeschoss, da, wo sich Apotheke, Frisierstube und Bäcker befinden, hängt ein Kunstdruck einer wohl sehr vergrößerten Skizze von Rembrandts „Der Heilige Hieronymus in einer Landschaft“, um 1649, Feder und Pinsel in Braun, der auf die Ausstellung „Rembrandt und sein Jahrhundert, Niederländische Zeichnungen in der Hamburger Kunsthalle vom 21.10.94-15.01.95 verweist.

Ich bin zwar im UKE transplantiert worden, habe aber 2010 auch einige Monate auf einer der Intensivstationen im Asklepios Barmbek verbracht. Wenn mein Mann mich damals besuchte, kam er meist mit dem Rad von Eimsbüttel und nahm für gewöhnlich nicht den Haupteingang, sondern den Eingang Süd – und dieser führt eben direkt durch die Passage, in der besagter Rembrandt-Druck hing. Er fühlte sich damals sehr angesprochen von dem Plakat, fuhr deswegen kurzerhand also einfach mal im Shop der Kunsthalle vorbei, und, siehe da, konnte es sogar noch erwerben. Er nahm es mit nach Hause und rollte es zunächst zu einigen anderen Kunstdrucken, die eben zu der Zeit nicht an den Wänden unserer Wohnung hingen, sondern in Papp-Aufbewahrungsrollen, die vermutlich noch aus der Zeit seines Grafik-Design-Studiums an der Kunstschule Alsterdamm stammten. Nun, meine Zeit im Asklepios  Barmbek war vorbei, als ich in das Betreute Wohnen Intensiv in Volksdorf verlegt wurde. Das war eine Art Pflege-WG: rund-um-die-Uhr-Pflegedienstbetreuung, gemeinschaftlicher Aufenthaltsraum, ebenso Küche, Bäder, WCs, aber eben eigene gemietete Zimmer. Diese waren zwar teilmöbliert, die Wände aber weiß und  kahl. Und so wanderte der nicht lang zuvor erworbene Kunstdruck, seitdem liebevoll „Löwi“ genannt, dorthin. Ich, damals noch so ziemlich jenseits von Gut und Böse, verliebte mich auf Anhieb in diesen Druck, habe aber zum damaligen Zeitpunkt nie darüber nachgedacht (oder gefragt), woher mein Mann dies Plakat hatte – ich bin wohl einfach davon ausgegangen, dass es, da er es in dieser alten Papprolle mitbrachte, ein Überbleibsel aus seinem Leben „vor mir“ war (wir lernten uns ja erst 1999 kennen), von denen ja noch ein paar im Keller lagern.

Die meisten von Ihnen wissen vermutlich, dass ich mich seit einiger Zeit wieder im Asklepios Barmbek befinde. Am ersten Nachmittags meines Aufenthaltes hier, als ich noch nicht, wie zum jetzigen Zeitpunkt, da ich diesen Text schreibe, unglaublich („Willkommen in der Hölle“) an den Nebenwirkungen der verabreichten Medikamente litt, vertraten mein Mann und ich also ein bisschen die Beine und landeten zwangsläufig auch in oben erwähnter Passage. In Höhe des Bäckers zeigte mein Mann dann mit dem Finger weiter geradeaus und meinte „Da hinten ist übrigens der Eingang, von dem ich damals immer zu dir hereingekommen bin.“ Ich blickte in die Richtung, in die er deutete, und aus den Augenwinkeln nahm ich dann plötzlich das Plakat der Hamburger Kunsthalle wahr. „DA!“, rief ich. „Was, da?“, fragte mein Mann. „Da hängt unser Löwi“; vermutlich überschlug sich meine Stimme schon leicht. „Stimmt“, erwiderte mein Mann, „den hatte ich dir ja schon immer mal zeigen wollen.“ „Wie, immer mal zeigen wollen“, fragte ich. „Na ja“, sagte er, „jedes Mal, wenn wir seit deiner Entlassung aus Volksdorf hier mal zur Nachkontrolle waren und dann hinterher beim Bäcker einen Kaffee getrunken haben, dann wollte ich ihn dir zeigen. Nur, weil ich, wenn ich dich damals auf der Intensivstation besuchte, immer an ihm vorbeigegangen bin, er mich quasi schon begrüßt hatte, bevor ich dir Guten Tag sagen konnte, selbst wenn er mir damals auch schon immer nur sein Hinterteil entgegengereckt hatte, bin ich damals losgefahren und hab ihn besorgt und dir dann später mit nach Volksdorf gebracht.“ „Davon wusste ich ja gar nichts, diese Geschichte ist mir völlig neu“, erwiderte ich, zugegeben ein bisschen euphorisch-fassungslos.

Unseren „Löwi“ haben wir natürlich mit nach Hause genommen, als ich im September 2011 wieder dorthin zog. Seitdem steht er neben meinem Schreibtisch auf dem Fußboden. Noch immer zeigt er mir wie im Betreuten Wohnen und wie meinem Mann im AK Barmbek sein Hinterteil, und gerade um dieses Hinterteil und den Bedeutungen, die die Ich-Erzählerin ihnen beimisst, dreht es sich in sehr vielen Passagen meiner dann zweieinhalb Jahre später entstandenen Erzählung in „Bald, bald vielleicht“. „Davon wusste ich ja überhaupt nichts“, wiederholte ich mich.

Nun bin wieder im Asklepios Barmbek und stand also eigenfüßig vor ein paar Tagen zum ersten Mal vor meinem „Löwi“. Mein Herz ist schwer; und wenngleich ich an diesem ersten Nachmittag dort keinesfalls abschätzen konnte, wie heftig ich jetzt nicht nur unter dem Infekt, sondern auch unter multiplen Nebenwirkungen der Therapien würde leiden müssen, erinnere ich mich jetzt natürlich an die ersten Zeilen des letzten Absatzes meines Textes „Bald, bald vielleicht“ – und „unterschreiben“  kann ich sie sofort: »„Ich möchte jetzt bitte nach Hause“, denke ich, „kannst du mich nach Hause bringen?“, frage ich. […] „Bald, bald vielleicht“, flüsterst du nach einer Weile.«

Ich wünsche Ihnen einen gesunden und zuhausigen Februar.

Heike Hartmann-Heesch

PS: Die vollständige Erzählung können Sie sich unter dem Menüpunkt „Ausgesprochenes“ anhören. Wenn Sie den Text lieber nachlesen möchten, dann geht das in „Die Taubenjägerin – Die besten Geschichten aus dem MDR-Literaturwettbewerb 2014“, poetenladen Verlag Leipzig, ISBN: 978-3-94069-157-6, erschienen im Mai 2014

Es regnet. Heute, am Silvestertag 2015, ist es draußen merklich kühler geworden und ein ziemlich frischer Wind weht. Dennoch frage ich mich, ob ich mich irgendwann an diese Zeit zwischen den Jahren als an die Zeit erinnern werde, in der die Temperaturen bis zu 14°C warm waren, der Zierkirschbaum auf der gegenüberliegenden Straßenseite in fast voller Blüte stand und man frühmorgens um zehn nach vier die ersten Vögel zwitschern hören konnte. Vielleicht werde ich mich auch daran erinnern, dass es die Zeit war, in der an meiner Lieblingsjeans seitlich am Knie ein dickes Loch klaffte: Seit Ewigkeiten sicherlich habe ich keine Hose mehr so aufgetragen, dass der Stoff an einigen Stellen durchgescheuerte und aufriss. Was nun tun damit? Tragen könnte man sie noch problemlos, ist ja sogar angesagt dieser Tage, Jeans im „destroyed look“; man kann Hosen sogar im Laden „used“ erwerben, und das meint dann nicht etwa second hand. Anfreunden konnte ich mich mit dieser Modeströmung bislang allerdings nicht und mein Versuch, das Loch zu stopfen, vergrößerte ehrlich gesagt den Schaden nur noch – der Stoff rund um das Loch war zu mürbe, als dass… nun ja. Früher hätte ich so eine Jeans in eine hintere Schrankecke verbannt mit Gedanken wie „… kann man ja noch bei der Gartenarbeit oder der nächsten Tapezieraktion anziehen …“. Nun, Gartenarbeit kann ich schon lange nicht mehr betreiben und an die Wohnung selbst zu tapezieren brauche ich ebenfalls seit Jahren keinen Gedanken mehr zu verschwenden: So was geht eben nicht mehr. Vielleicht werde ich mich deshalb an die Zeit zwischen gerade diesen Jahren als an die Zeit erinnern, in der die Gedanken oft trübe waren, weil sich gesundheitlich so dermaßen viele Baustellen auf einmal auftaten, die nicht einfach mal so eben mit einem Medikament oder ähnlichem zu flicken waren: Ich kränkel vor mich hin und weiß schon nicht mehr, was schlimmer auszuhalten ist: die körperlichen Maleschen oder die ängstlichen Gedanken im Kopf, die – so bin ich wohl nun mal gestrickt – im Geiste immer öfter einen worst case konstruieren. Nachdem im September der schöne Artikel über mich und die Entwicklungen der ganzen letzten Jahre „Eine Frau macht sich Luft“ in der Fachzeitschrift „beatmet leben“ erschienen ist, habe ich diese Zeitschrift regelmäßig gelesen und unglaublich viel erfahren über Menschen, die ebenfalls mit maschineller Beatmung leben, allerdings die allermeisten von ihnen sehr viel weniger selbständig als ich, die allermeisten leben, ich sage es so brutal, in einem Zustand, der mich an die ersten sagen wir 12 Monate nach der Transplantation erinnert: bettlägerig, für fast jede Lebenssituation auf fremde Hilfe angewiesen, oft kaum kommunikationsfähig und und und. Viel erfahren habe ich auch über verschiedene Möglichkeiten, solch ein Leben zu gestalten, wenn dies nicht, wie bei mir glücklicherweise, zu Hause geht: über Pflegeeinrichtungen, Betreute Wohneinheiten usw. und natürlich auch über die Arbeit derjenigen, die diese Menschen pflegen: KrankenpflegerInnen, Betreuer, Angehörige. All diesen Menschen bringe ich den höchsten Respekt und große Bewunderung entgegen; es ist großartig, was sie leisten. Nur: Ich möchte so nicht leben, bitte nie mehr so leben – zu gut erinnere ich mich an die Zeit, die lange Zeit vor und nach der Transplantation, auf den verschiedenen Intensivstationen mehrerer Krankenhäuser, dann dem Jahr in der Intensiv-Wohngruppe bis zu dem Zeitpunkt, als ich wieder nach Hause zog; und auch hier zu Hause funktionierte (und letztendlich funktioniert auch heute) ein „Alltag“ auch nur mit 24-stündiger Hilfe von Pflegedienst und meinem Mann. Zwischen Morgenfarben und Abendlicht liegen viele lange Stunden, und zwischen Abendlicht und Morgenfarben gefühlt noch einmal so viele. Diese sind lang, sehr lang, wenn man nichts oder kaum etwas kann, aber der Kopf einwandfrei funktioniert; Gedanken gehen selten schlafen. Ich ertappe mich also derzeit dabei, mein Augenmerk nicht mehr, wie eigentlich immer in den ganzen letzten Jahren, so stark auf die vielen kleinen Fortschritte zu richten, sondern eher darauf, was jetzt plötzlich (und vielleicht ja auch nur für eine kleine Weile) nicht mehr geht, was weniger wird. Das tut nicht gut, ich weiß, ich kann mich nur davon selten befreien, weil ich mich derzeit mit all dem komplett überfordert fühle. Es gelingt mir nicht, meine (gesundheitlichen) Löcher zu stopfen, denn die Enden der Nähte halten nicht, weil drumherum auch schon so vieles bröckelt.
Ich werde mich also ganz sicherlich an diese Zeit zwischen den Jahren erinnern als an die Zeit, in der der Wunsch nach ein bisschen Unbeschwertheit, nach Fröhlichkeit und wohl auch nach Mut übermäßig groß war. Vielleicht auch nur schlicht der Wunsch, es möge Lösungen geben.
Auf jeden Fall werde ich mich an die Zeit zwischen diesen Jahren erinnern an eine, in der noch eine Ära zuende geht. Heute, am Silvestertag 2015, erhielt ich vom Mohland-Verlag, der in den letzten zehn Jahren all meine bisherigen Bücher veröffentlicht hat, die Mitteilung, dass er zum 31.12. schließt. Heute also. Ich müsste jetzt lügen, wenn ich sagte, diese Nachricht käme aus völlig heiterem Himmel; dem ist nicht so, ich habe so etwas im letzten Jahr schon befürchtet. Aber es jetzt so schwarz auf weiß zu lesen, hat mich dann doch schockiert, weil es mir ja auch ein bisschen von der Sicherheit nimmt, auf die ich in den letzten Jahren gebaut habe, etwas, das einfach lief. Mohland hat ja nicht nur meine Bücher verlegt, sondern ich habe seit 2008 auch im Lektorat bei Mohland gearbeitet, früher sehr viel, dann zunehmend weniger, in diesem Jahr dann schon gar nicht mehr: Auch hier deutete also alles auf eine Schließung hin. Wie auch immer: Für alles, was mein Schreiben anbelangt, stehen die Zeichen jetzt Anfang 2016 also auch auf Null. Ich muss mich um einen neuen Verlag kümmern, allem voran für meinen neuesten Erzählband, der in 2015 immer mehr Gestalt angenommen hat; eventuell aber eben auch für eine Neuauflage von einigen der alten Bücher. Ich bin lange genug im Geschäft, um realistisch zu sagen, dass das keine leichte Aufgabe wird, zumal ich sicherlich auch fast alle der Fehler gemacht habe, die man (nicht nur als Anfängerin) eben macht, wenn man schreibt und möchte, dass die Texte auch ihre Leserschaft finden: Diese möchte ich nicht wiederholen. Aber wem sag ich das?

So. Inzwischen haben wir Neujahr, und mir gelingt es augenblicklich nicht, diesem Text irgendwie noch einen positiven Dreh zu geben, dafür ist mein Gefühl, in fast allen Bereichen des Lebens momentan langsam aber sicher von der Bildfläche zu verschwinden, zu vorherrschend. So bleibt mir nur, auch wenn das jetzt komisch klingt, von Herzen ein frohes Neues Jahr zu wünschen: zwischen Morgenfarben und Abendlicht und für alle Stunden dazwischen, jeden Tag.

Heike Hartmann-Heesch

Ein wirklich nicht ganz einfaches Jahr geht nun zu Ende, und ich möchte hiermit noch einmal Dank sagen an alle, die mir und meinem Mann in diesem Jahr zur Seite gestanden und die vielen kleinen und großen Aufs und Abs miterlebt und mit mir geteilt haben; Dank auch für viele wunderbare Begegnungen, intensive Gespräche und Gedankenaustausch, für Beständig- und Verlässlichkeit: All dies hat mich sehr bereichert und mir nur allzu oft einen neuen Motivationsschub gegeben, Dinge anzugehen, die nach Veränderung schrien.
Die kleine Tanne auf dem Foto ist unser Weihnachtsbäumchen aus dem vergangenen Jahr. Sie hat den Sommer über im Vorgarten verbracht und ist sogar stolze 15 cm gewachsen. Für unsere diesjährigen Weihnachtsgrüße haben wir sie ins Auto geladen und nach Wittenbergen an die Elbe gebracht: Dieser Ort dort hatte für mich, wie diejenigen, die die Papiersinfonie regelmäßig verfolgen, wissen, ja nicht nur im vergangenen Jahr große Bedeutung, weil ich dort meine kleinen und großen Fort- und manchmal auch Rückschritte deutlich spüren konnte. Deshalb dachten wir, es sei eine gute Idee, das kleine Bäumchen dorthin für ein Foto zu verbringen, als kleines Symbol für die Adventszeit: als Anfang im Ende, als Zeichen für Beständigkeit, aber auch Abschluss und Neubeginn nach den letzten wirklich schwierigen Monaten. Noch kann ich mit diesen nicht ganz abschließen, dafür gibt es zurzeit leider zu viele Baustellen, aber ich freue mich jetzt auf ein paar ruhige Tage.
Mein Mann und ich wünschen Ihnen und allen, die Sie im Herzen tragen, eine frohe Zeit. Ein neues Jahr wird beginnen und es wird weitergehen. Einfach immer weiter. Ein neues Jahr wird beginnen, möge es für Sie ein stabiles, glückliches und lebendiges Jahr werden.

Heike Hartmann-Heesch

Ungefähr auf Höhe des Wittenbergener Leuchtturms liegt sie, „meine“ Treppe. Steht man direkt vor ihr, hat man den Leuchtturm und die Elbe im Rücken, linkerhand teilt sich der Weg in Richtung Wedel, einmal kann man unten direkt an der Elbe lang, und oben verläuft der Otto-Schokoll-Höhenweg. Rechterhand geht’s zurück zum Parkplatz des Wittenbergener Elbstrands (Rissener Ufer) – und vor einem 148 Stufen einer Steintreppe, die hoch in die Wittenbergener Heide führen und dort auf den Elbhöhenweg. Das erste Mal stand ich dort unten vor ziemlich genau vier Jahren, das heißt, stehen stimmt gar nicht, ich saß sozusagen vor ihr, nämlich noch im Rolli. An Laufen, jedenfalls außerhalb der häuslichen Umgebung, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zu denken, noch nicht einmal an Sprechen, war ich doch damals auch tagsüber noch fast immer maschinell beatmet. Vieles hat sich getan in den letzten vier Jahren; inzwischen atme ich längst tagsüber selbst, auch das Laufen, die Ausdauer, hat sich enorm verbessert, an Tagen, an denen ich richtig gut drauf bin, schaffe ich sogar den ganzen Weg von Wittenbergen Richtung Wedel und zurück, vorausgesetzt, jemand anderes, normalerweise mein Mann, schiebt den Rolli nebenher, den wir zur Sicherheit, falls ich doch unterwegs schlappmache, natürlich mitnehmen – vor allem aber auch, um all das Gedöns, was wir zusätzlich ja immer dabei haben müssen, zu transportieren (und somit nicht auch noch schleppen müssen): den mobilen Sauerstoffkanister, den Notfallrucksack mit Sekretabsauggerät u.ä.
Die Treppe aber blieb meine große Sehnsucht. Irgendwann auf unseren unzähligen Spaziergängen standen wir natürlich auch einmal oben, am anderen Ende der Treppe, und blickten hinunter. Da sie relativ gewunden ist, kann man weder von unten noch von oben das jeweils andere Ende der Treppe sehen, und natürlich auch nicht den genauen Verlauf. Erst am Anfang diesen Jahres, in einer Phase, in der ich unglaublich gut drauf war, ließen wir den Rolli im Auto auf dem Parkplatz und machten uns – mein Mann dann doch all die oben schon erwähnten Dinge schleppend – auf den Weg; und am Fuß der Treppe hielt ich meinen Mann am Arm fest und zeigte hinauf. Nachdem er sich dreimal vergewissert hatte, dass ich das völlig ernst meine, stapften wir also los, Stufe für Stufe, legten eine kleine Pause ein nach ungefähr ein Viertel der Stufen, denn dort steht eine Bank, liefen weiter, pausierten, liefen weiter, und je weiter wir liefen, desto höher raste mein Puls, parallel dazu sank die Sauerstoffsättigung, das Herz klopfte buchstäblich bis zum Hals, und irgendwann, nach der letzten Biegung, konnten wir das obere Ende der Treppe erkennen. Mein Adrenalinpegel war hoch genug, um auch die letzten Stufen zu meistern. Es war ein schier unbeschreibliches Glücksgefühl, dort oben zu stehen, auch wenn ich mich ob der Anstrengung kaum mehr auf den Beinen halten konnte: die Treppe auch wieder runterzugehen, ging dann nicht mehr; wir mussten den „Umweg“ über den Elbhöhen- und den Otto-Schokoll-Höhenweg nehmen. Ein knappes halbes Jahr später – ich habe es hier auf der Papiersinfonie im August unter dem Titel „Stairway to Heaven“ ausführlich beschrieben – ging ich die Treppe zum ersten Mal allein hoch, ohne Mann, ohne Sauerstoff (den Kanister auch noch selbst zu tragen schaffe ich nicht), ohne alles. Oben angekommen nahm mich mein Mann in Empfang, der, wenngleich die Strecke über den Elbhöhen- und den Otto-Schokoll-Höhenweg um einiges länger ist als die Abkürzung über die Treppe, selbstredend als erster dort oben war, und ich weinte vor Glück. (Nebenbei: Heute bin ich schneller als mein Mann …). Und hinuntergehen kann ich die Treppe natürlich inzwischen auch problemlos.
Seitdem ist die Treppe, wenn Sie so wollen, der Indikator dafür, wie es mir geht – unabhängig davon, was alle Messwerte oder Laboruntersuchungen oder Lungenfunktionsprüfungen sagen: Schaffe ich die Treppe so, dass ich mich oben noch gut fühle, die Sättigung und der Puls sich innerhalb kürzester Zeit wieder auf  Normalniveau einpendeln, mache ich mir wenig Sorgen.
An all die Entwicklungen musste ich heute, am 1. Advent 2015, denken, als ich auf unserem Spaziergang wieder einmal dort oben an der Treppe stand, außer Atem, aber nicht ungewöhnlich stark, und nur mit leichtem Herzklopfen, dennoch unendlich traurig.

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Heute ist der 1. Advent, und zum ersten Mal in all den Jahren, seit es die Papiersinfonie gibt, wollte ich in diesem Monat den Beitrag zum Monatsanfang ausfallen lassen.
Heute ist der erste Advent, und wie schon in den letzten drei Jahren vermisse ich dies ganz besondere Adventsgefühl, das sich früher immer automatisch eingestellt hatte: Advent als ganz besondere Zeit, als Anfang im Ende, als Zeit mit Rückbesinnung, Innehalten, aber auch Vorwärtsschauen, als Ende eines meist grauen Novembers, über den ich oft gesagt habe, ich bin froh, dass er vorüber ist. Gleichwohl habe ich in den letzen Jahren immer den Dreh bekommen, dies oft traurige, manchmal wehmütige Gefühl ins Positive umzukehren: Es versetzte mich in Aufbruchstimmung, weil immer vieles noch nach Veränderung schrie und oft konnte ich gerade in den Adventswochen Mut in mir entdecken, Veränderungen, die ich selbst in der Hand habe, auch anzugehen. Die Bilanz, mal ganz pragmatisch ausgedrückt, die ich in den letzten Jahren immer am Jahresende gezogen habe, war positiv: Mein Augenmerk lag auf den Dingen, die gut waren, auf den Fortschritten, die das Jahr mit sich gebracht hatte, auf Verbesserungen, die ich verspürte und den Möglichkeiten, die sich für mich dadurch ergeben haben, noch mehr Blicke über den Tellerrand hinaus zu wagen.

Heute, am 1. Advent 2015, ist mein Mut klein.
Die meisten der Wünsche und Pläne, die ich noch im Januar hier formuliert habe, konnte ich mir nicht erfüllen bzw. konnte sie nicht realisieren; und das nicht nur in gesundheitlicher Sicht, wenngleich sich hier sicherlich die größten Baustellen auftun, und weil ein wenigstens halbwegs verlässlicher und beständiger Gesundheitszustand ja die Voraussetzung für alles andere ist. Meine Lungenfunktion hat sich nicht nur nicht verbessert, sondern im Laufe des Jahres verschlechtert. Meine Keimbesiedelungsprobleme in der Lunge sind nicht kleiner, sondern größer geworden. Zudem taten sich einige alte Baustellen wieder auf, die ich eigentlich schon als erledigt abgehakt hatte, sowie auch ganz neue: Meine Lunge schafft es nicht mehr, das Kohlendioxid vernünftig abzuatmen, es konzentriert sich schon wieder ziemlich hoch im Blut und erinnert damit leider sogar schon an den Zustand vor der Transplantation. Zu all den gesundheitlichen Problemen kommt – unter anderem in Bezug auf mein Schreiben – das hinzu, was ich im Oktobereintrag unter „Scheitern oder: Der Gammel vorm Fenster“ beschrieben habe; ich möchte das alles nicht noch einmal durchkauen jetzt, aber wie auch immer: Mein Mut ist klein.
Und als ich da heute oben an der Treppe stand, war ich bestürzt über das Gefühl, das mich, als Momentaufnahme, dort beschlich: Ich sehnte mich zurück in die Zeit, als ich die Treppe – oder wenigstens die letzten Stufen – noch vor mir hatte; als ich beseelt war vom Gefühl, dass immer noch mehr geht, dass es weiter geht, höher … Heute, dort oben, war in mir nur eine bestürzende Art von Gewissheit: Es geht runter.

Heike Hartmann-Heesch

Vor zehn Jahren erschien mein erstes Buch. Kurze Zeit danach begann ich, regelmäßig Lesungen abzuhalten, zuerst in kleinerem Rahmen, auf Lesebühnen, später auch solo oder mit Kollegen zusammen. Immer wieder mal denke ich seitdem nach bestimmten Lesungen „Boah, besser geht’s nicht!“, aber wenn ich so zurückblicke, gehört die Lesung „Literatur trifft Komposition“ vom vergangenen Monat im Kulturcafé „Komm du“ in HH-Harburg wohl tatsächlich zu den schönsten. Danke, Maren und Wolfgang Schönfeld – das war einfach toll! Einen kleinen, feinen Artikel über die Veranstaltung können Sie in „Die Auswärtige Presse e.V.“ nachlesen, wenn Sie hier klicken. Dankeschön Johanna Renate Wöhlke.

Und da nach der Lesung vor der Lesung ist, hier gleich der Termin, den Sie sich für diesen Monat vormerken können: Am Ewigkeitssonntag, 22.11., lese ich erneut zusammen mit Maren Schönfeld, außerdem dabei Roswitha Borrmann und Martina Seebohm, und zwar im Rahmen der diesjährigen Ökumenischen Friedensdekade. Diese findet vom 8.-18. November statt, wir sind also quasi Nachzügler (saving the best for last …). J Die Lesung findet um 17.00 Uhr in der Kreuzkirche Lüneburg statt, und musikalisch begleitet werden wir von dem wunderbaren Pianisten Joachim Goerke auf einem Steinway-Flügel – deswegen trägt die Kirche den passenden Namen „Piano-Kirche“.
Das Thema bzw. Motto der diesjährigen Friedensdekade lautet „Grenzerfahrung“. Unwillkürlich denkt man dabei sicherlich als allererstes an Flüchtlinge und ihre Erfahrungen an den (nicht nur) europäischen Grenzen. Doch „Grenzerfahrung“ geht weit über diesen wichtigen Aspekt hinaus; schließlich erfahren wir alle täglich Grenzen im Umgang mit Alter, Krankheit oder auch Tod. Wir werden von außen im alltäglichen Sein begrenzt und begrenzen uns nicht zuletzt auch selbst, immer wieder haben wir uns inneren und äußeren Grenzerfahrungen zu stellen. Während unserer Lesung gewähren wir vier Autorinnen Einblicke in unsere Ideen zu und Erlebnissen von Grenzerfahrung, beobachtet und festgehalten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und Lebenssituationen. Wir möchten mit unseren Gedichten und Geschichten Denkanstöße geben – und dort ansetzen, wo wir Grenzerfahrungen in unserem Umfeld machen oder gemacht haben oder wo sich unser Erleben von Grenzen vielleicht auch überschneidet.
Besonders schön finde ich, dass wir vier es geschafft haben, ein begleitendes Leseheft mit allen vorgetragenen und weiteren Texten zu erstellen, das am Tag der Lesung erhältlich sein wird. Wenn Sie hier klicken, finden Sie das Plakat zur Lesung, einige Infos aus dem Gemeindebrief und Sie können auch schon einen Blick auf das Cover unseres Büchleins werfen. Fühlen Sie sich herzlich eingeladen!

Ich werde außerdem nicht müde, noch einmal auf das wunderbare Projekt „Überleben“ hinzuweisen, über das ich ja schon mehrfach berichtet habe. Thematisch passt es ohne Frage ebenfalls in das Thema „Grenzerfahrungen“, denn um nichts anderes handelt es sich bei den Erfahrungen, die im geplanten Bildband von uns 50 Porträtierten beschrieben werden. Nach wie vor werden Sponsoren bzw. Spenden gesucht, damit das Projekt seinen Abschluss finden und der geplante Bildband in Krankenhäusern und an Interessierte und Betroffene verschenkt werden kann. Benötigt werden rund € 5000 für 1000 Bücher. Spenden geht ganz einfach über Paypal an kontakt@ueberleben.info oder Konto 540 281 83 86 bei der Ing-DiBa AG, BLZ 500 105 17, IBAN DE56 5001 0517 5402 8183 86, SWIFT/BIC INGDDEFFXXX. Kontoinhaberin ist Ute Reiner.
Weitere Infos zum Projekt unter www.überleben.info (ja, mit Umlaut).

„Eigentlich existiert keine Finsternis an sich. Sie ist nur ein Mangel an Licht.“ lässt Jostein Gaarder seine Sofie in „Sofies Welt“ sagen. In diesem Sinne wünsche ich einen November voller Licht.

Heike Hartmann-Heesch

PS: „Die Spießbürger das Fürchten lehren“
Am 20. November 1947 starb Wolfgang Borchert, dessen Hörspiel „Draußen vor der Tür“, das später auch am Theater zu einem großen Erfolg wurde, heute als ein Hauptwerk der Antikriegsliteratur gilt: Auch da geht es um Grenzerfahrungen. Borchert verarbeitet das Schicksal des Kriegsheimkehrers, der nicht nur die schrecklichen Erlebnisse des Krieges nicht vergessen kann, sondern genauso vergeblich versucht, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, in der sich die eigentlichen „Schuldigen“ bereits wieder breitgemacht haben. Borchert starb einen Tag vor der Uraufführung von „Draußen vor der Tür“ in den Hamburger Kammerspielen. Zur 85. Wiederkehr von Borcherts Geburtstag schrieb ich einen Artikel über ihn für ein Hamburger Stadtteilmagazin, der, wie ich finde, bis heute nichts an seiner Aktualität verloren hat: „Die Spießbürger das Fürchten lehren“. Wenn Sie den Artikel lesen möchten, klicken Sie unter PS (auf der Seite etwas runterscrollen) auf das Titelbild der entsprechenden Ausgabe von „Das Viertel“.

Ich weiß nicht, ob es an der Jahreszeit liegt. Seit einigen Jahren versinke ich stets so um diese Zeit herum in einer Art Innerlichkeit, die sich mitunter melancholisch, vielleicht sogar ein bisschen schwermütig anfühlt. Gerade habe ich ein bisschen auf der Papiersinfonie zurückgeblättert und bin im Herbst 2012 hängengeblieben. Vieles, was ich z.B. im November 2012 geschrieben habe, kann ich auch heute noch so unterschreiben. Damals, im Herbst 2012, ich lebte gerade ein Jahr wieder zu Hause, hatte ich die Jahre im Krankenhaus und der Intensiv-Pflege-WG oft beschrieben als eine Reise, die mir aber wenig präsent war, weil mir eben die Erinnerung fehlte, es kaum Aufzeichnungen oder Fotografien gab, die mich aber in damaligen Herbst dann doch mehr einholte, als mir lieb war: in (Alb-)Träumen, Flashbacks. Und da ich ja eh nicht davor weglaufen konnte, habe ich dann damals den Teil des Gehirns, der wohl für Erinnerungen zuständig ist, wahrlich ausgeschlachtet wie ein altes Auto auf dem Schrott immer auf der Suche nach kleinen, nach kleinsten Puzzleteilen, die ich in die jetzige Zeit hinüberretten konnte, die sozusagen noch gebrauchsfähig waren, um sie wieder zu einem ganzen Bild zu rekonstruieren. Mit den meisten Puzzleteilchen, aus denen ich damals versuchte, die vergangenen Jahre zu einem Ganzen zusammenzusetzen, wurde ich gefüttert wie mit den anfangs mundgerecht zurechtgeschnittenen Marmeladentoastbrothäppchen; aber weder beruhigte es mich noch erleichterte es mich sonderlich, dass ich wenigstens wusste: Rote Marmelade schmeckte mir wie früher besser als gelbe. (Ist übrigens auch heute noch so.)
Ich wollte mich auch mitteilen, nun endlich, ich wollte erzählen, musste aber feststellen, dass es eigentlich niemanden wirklich interessierte, wie die Jahre zuvor verlaufen waren, wie sich mein Leben (und das der Leute, die mit mir zusammen leben) verändert hatte: Ich war ja wieder da – fühlte mich durch das Nicht-Mitteilen-Können, durch das gefühlte Desinteresse, aber irgendwie gescheitert.
Also habe begonnen, wieder zu schreiben, wieder „richtig“ zu schreiben, was in der Zeit  vorher oft unmöglich war: Es ging da einfach oft nicht. Ich habe geschrieben über das, was mir am Herzen lag: darüber, wie es sich anfühlt, (aus medizinischen) Gründen nicht mehr sprechen zu können, und welche Konsequenzen das für die gesamte Kommunikation mit „der Welt“ hat, wenn man zudem noch körperlich eingeschränkt, nicht mobil (anfangs noch bettlägerig) ist, welche Auswirkungen das auf die Beziehung zwischen mir und anderen hat, wenn man eben nicht oder nur sehr eingeschränkt überhaupt kommunizieren kann, auch in der Beziehung zwischen mir und meinem Partner; wie es sich zudem anfühlt, wenn das politische, gesellschaftliche Weltgeschehen an einem förmlich vorbeirauscht, weil man im eigenen Muspott so gefangen ist, man quasi in einer Parallelwelt lebt und nur versucht, den eigenen Alltag irgendwie auf die Reihe zu bekommen. Ich habe darüber geschrieben, wie sich meine Ansichten zu Leben und Tod, zu Sterben, zu Würde verändert haben, zu dem, was für mich ein würdiges Leben und Sterben ausmacht. Ich habe mich mitteilen wollen.
Ich habe mich in fast allen literarischen Texten (wie z.B. in „Bald, bald vielleicht“, „Der Mann, der mich liebt“, „Der siebte Tag“, „Kaulquappen, atemlos“) distanziert, habe abstrahiert, habe verallgemeinert, Allgemeinplätze eingebaut, habe ernste Themen in Liebesgeschichten verpackt, um sie weniger ungeheuerlich, weniger befremdlich erscheinen zu lassen. Dennoch stelle ich wieder, wie damals im Herbst 2012, fest, dass ich damit auch heute oft genug scheitere, unter anderem auch, weil mir nach wie vor immer wieder bewusst wird oder auch vor Augen gehalten wird: Eigentlich, ja, eigentlich interessiert es noch immer nicht wirklich jemanden. Sprich: Irgendwie (ja, genauso vage) lohnt es sich nicht, zu schreiben, es hilft nicht, nicht beim Sortieren der Gedanken, nicht im Alltag, es bildet oft nicht mal die Basis für eine Auseinandersetzung, und so bringt es vermutlich auch niemandem anderen etwas, sich mit dem zu beschäftigen, was ich zu sagen oder zu schreiben oder überhaupt mitzuteilen habe. Diese Erkenntnis traf mich 2012 schon weder wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel noch kann ich behaupten, dass sie in mir langsam heranreifte. Nein, sie war eher auf einmal ganz selbstverständlich da, und kehrt seitdem in schöner Regelmäßigkeit, meist zu dieser Jahreszeit, wieder (sofern eine Erkenntnis überhaupt wiederkehren kann). So auch in den letzten Wochen, und zum wiederholten Male ertappe ich mich bei einem Rückzug in eine Innerlichkeit, in der sich das frustrierende Gefühl breit macht, mich nicht mal mehr mitteilen zu wollen. Melancholie überdeckt viele der anderen Gefühle in mir wie der gerade langsam wieder wachsende Laubteppich den Rasen vor meinem Fenster, und die manchmal so verspürte Leichtigkeit des Sommers weicht, wie auch im Herbst 2012, einer Stille, die ein bisschen gespenstisch anmutet; ich verspüre Gleichmut, der schon fast indifferent wirkt und dennoch aber auch eine entsetzliche Angst, dass alles, was da jetzt vom Laub verdeckt wird, schlicht über Winter vergammelt.

Manchmal denke ich, ich sollte aufhören zu schreiben. Manchmal denke ich, ich sollte selbst die „Papiersinfonie“ ad acta legen; das Posten auf Facebook (das ich ja gerade erst ein Jahr betreibe) zuallererst, und oft geht es mir sogar nach Lesungen mal ganz frei nach Brecht „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen“.
Allem voran ist es wohl der Wunsch nach Rückmeldung, die so sehr und so oft fehlt, vielleicht ein Mangel an Unterstützung und Verstärkung, der mich oft traurig macht, auch ratlos, und das natürlich auch nicht nur, wenn es um mein eigenes Schreiben, meine eigenen Texte geht. Genauso natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass gerade soziale Netzwerke der richtige Rahmen für fundierte Rückmeldung seien, dennoch nehme ich manchmal fassungslos zur Kenntnis, dass ein Post über zum Beispiel die Fortschritte beim geplanten Bildband des großartigen Projekts ÜBERleben keinem einen Kommentar wert ist und oft nicht mal einen einzigen Like-Daumen bekommt.

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Wie dem auch sei. Ich kann ja gar nicht aufhören zu schreiben, und erst recht kann ich nicht aufhören zu lesen. Seien Sie deshalb ganz herzlich eingeladen zur Lesung „Literatur trifft Komposition“ am 22. diesen Monats in das Kulturcafé „Komm du“ in Hamburg-Harburg. Dort treffen meine Prosatexte und Maren Schönfelds Lyrik auf Wolfgang Schönfelds Kompositionen, die zum Teil zu einigen der Texte entstanden sind und bei denen Wolfgang die sechssaitige Bassgitarre als Liedinstrument einsetzt. Mehr Infos gibt es unter Ausgesprochenes oder http://www.schattenblick.de/infopool/d-brille/veranst/dbvl5063.html, zum Plakat geht’s hier.

Und noch einmal möchte ich auf das Projekt ÜBERleben aufmerksam machen: Der geplante Bildband ist vollständig. Porträtiert wurden 50 Menschen, die von Angst und Verzweiflung, Löwenmut und Sanftmut, Lebensfreude, Fröhlichkeit, Lebenssinn und über die Liebe erzählen. Damit das Projekt seinen Abschluss finden und der geplante Bildband in Krankenhäusern und an Interessierte und Betroffene verschenkt werden kann, werden weiterhin Sponsoren für den Druck gesucht; benötigt werden rund € 5000 für 1000 Bücher. Spenden geht ganz einfach über Paypal an kontakt@ueberleben.info oder Konto 540 281 83 86 bei der Ing-DiBa AG, BLZ 500 105 17, IBAN DE56 5001 0517 5402 8183 86, SWIFT/BIC INGDDEFFXXX.
Weitere Infos zum Projekt unter www.überleben.info (ja, mit Umlaut).

Ich wünsche Ihnen einen wohligen, keinesfalls melancholischen Herbst.
Heike Hartmann-Heesch


Wenn Sie auf die Abbildung unter diesen Zeilen klicken, können Sie den Artikel „Eine Frau macht sich Luft“, der in der September/Oktober-Ausgabe der Fachzeitschrift „beatmet leben“ erschienen ist, nachlesen. Vielen Dank an Martina Weber und Anette Arnold.

In der September/Oktober-Ausgabe der Fachzeitschrift „beatmet leben“ finden Sie einen sehr schönen und ausführlichen Artikel über die Zeit nach meiner Transplantation, den diversen Schwierigkeiten, die vor allem das Nicht-sprechen-Können in der ersten Zeit mit sich brachte, den Weg zurück in einen Alltag, der für mich heute „normal“ erscheint, über die Hilfe meines Mannes in den vergangenen Jahren und auch über die Entstehung meiner letzten beiden Bücher „Langer Atem“ (2011) und „Die Dinge, wie sie sind“ (2014). „Eine Frau macht sich Luft“ lautet der Titel des Artikels; und dieser Titel verweist auf den Text „Der Mann, der mich liebt“, für den ich 2013 mit dem Walter-Kempowski Preis ausgezeichnet worden bin und der dem Artikel in Auszügen beigefügt ist: „Sie macht sich Luft in einer außergewöhnlichen Liebeserklärung an ihren Mann und das Leben“. Ich freue mich besonders, dass der Artikel gerade in der Septemberausgabe erscheint. Zu gut erinnere ich mich noch an den 1.9. vor vier Jahren: Da nämlich kehrte ich ja nach fast drei Jahren Krankenhaus und Intensiv-Pflege-WG wieder nach Hause zurück; und genauso erinnere ich mich an den langen Weg, der dem Nachhausekommen vorausging, allem voran an das Wieder-selbst-atmen-Lernen. „Sich Luft machen“ bekommt da doch gleich noch eine ganz andere Bedeutung. Vielen Dank an Martina Weber von „beatmet leben“. Ich werde versuchen, den Artikel schnellstmöglich zum Nachlesen hier bereitzustellen. Klicken Sie also demnächst noch mal wieder rein.

Mit einem ganz anderen Thema beschäftige ich mich in meinem hier auch schon des Öfteren erwähnten Text „FINDELKINDHEIT“ (4. Platz im 1. g[y]nt-Literaturpreis 2015); einen Auszug aus diesem Text konnten Sie sich unlängst bei den Hamburger Weblesungen anhören, dort jetzt im Archiv (oder auf dieser Seite auf dem Schreibtisch). Wenn Sie den ganzen Text hören möchten, und noch dazu live und nicht aus der Konserve, kommen Sie doch am 21. September ins Bistro Roth in der Rothestraße in HH-Ottensen. Die Sommerpause der Lesebühne HH-West ist nämlich vorüber. Als Autorin des Monats September erhalte ich doppelte Lesezeit – und das gibt mir die Gelegenheit, diesen Text, den ich so sehr mag, endlich einmal ungekürzt bzw. nicht in Auszügen vor Publikum zu lesen. Ich freue mich sehr darauf! Zum Plakat gehts hier!

Von Herzen danke sage ich Lena Reiner vom Projekt „ÜBERleben“. Sie hat mich vor einigen Tagen besucht, um die Fotos für den geplanten Bildband zu machen. Eine tolle Begegnung mit einer tollen Frau. Mehr Informationen zum Projekt auf der Webseite hier. Es werden übrigens immer noch Sponsoren gesucht. Wer das Projekt unterstützen möchte oder jemanden kennt, der dies tun möchte, bitte unbedingt gern Kontakt aufnehmen!

Zu guter Letzt noch einmal der Hinweis auf die App „Literiki“: Mit dieser können Sie das Wort „Morgenblues“ getrost aus Ihrem Sprachgebrauch streichen – versüßen Sie sich in Zukunft das Aufstehen, indem Sie sich jeden Morgen eine etwa zwei- bis dreiminütige heitere Geschichte vorlesen lassen. Entweder die App als Wecker programmieren oder zur schönen ersten Tasse Kaffee oder in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder … J Seit dem 30.8.sollte sie zum Download im App-Store bzw. Play-Store bereitstehen, aber kleine Kinderkrankheiten verzögern den Download. Sollte die App also nicht wie geplant pünktlich zum 1.9. starten können, werden die geplanten Beiträge vorerst hier veröffentlicht. Dort können Sie im Übrigen auch die Gesichter der Verfasser hinter den Geschichten anschauen und Sie finden, falls vorhanden, auch Angaben zu den Autorenwebsites, zwecks Kontaktaufnahme (Lob!) und ähnlichem … Einen kleinen Vorgeschmack, einen Trailer, finden Sie dort ebenso: damit der Morgen ein Lächeln schöner wird – ganz besonders jetzt, wenn die Morgen wieder dunkler werden, das Aufstehen vielleicht noch schwerer fällt … Mein erster Beitrag „Die Schattenseite der Nacht“ wird übrigens am 16. September präsentiert. Ich verspreche Ihnen: Wenn Sie den gehört haben, werden Sie sich freuen, aufstehen zu dürfen … J

Der Herbst kommt mit großen Schritten, befürchte ich, aber er hält neben oben schon Erwähntem einiges mehr bereit: viele tolle Lesungen und weitere Projekte; ich werde im nächsten Monat ausführlicher berichten. Für Lesungen klicken Sie doch ruhig schon mal die Ankündigungen unter Ausgesprochenes durch.

Haben Sie einen wunderbaren September.
Heike Hartmann-Heesch

Der Sommer hat ein Loch. Sommerloch, sagt man gemeinhin. Ein paar Wochen im Jahr, in denen nix los ist, also alltagsmäßig, so. In denen sich viele eine Auszeit nehmen. Man nennt das Urlaub, oder Ferien. Viele Menschen sind dann weg. Man merkt das hier in Eimsbüttel oft daran, dass man tagsüber und sogar manchmal abends, manchmal sogar spätabends, verhältnismäßig problemlos einen Parkplatz in einer solchen Entfernung zu seinem Zuhause bekommt, dass man für diese Strecke zwischen Parkplatz und Wohnung nicht noch die U-Bahn benutzen muss. Darüber freuen sich viele der Menschen, die nicht weg sind; sie freuen sich auch darüber, dass man eigentlich immer einen Platz in einem Gartencafé bekommt, auch wenn man wegen des vielen Regens oft unter einem Sonnenschirm sitzen und sich in eine Fleecedecke hüllen muss, weil sich die Außentemperaturen eher wie im Frühmärz oder Spätoktober anfühlen. Mein Mann und ich hatten auch Urlaub, oder Ferien, na, jedenfalls eine Auszeit vom Alltag, und wir sind zu Hause geblieben. Es fühlte sich tatsächlich in den ersten Tagen fremd an, so gar nix aufm Zettel zu haben; wir kamen uns selbst ein bisschen fremd vor, wir sind fast so früh aufgestanden wie sonst auch immer (jede freie Minute auskosten!), wir mussten uns dran gewöhnen, Zeit zu haben, wir haben uns dabei ertappt, Dinge zu tun, die man ja mal tun muss, weil man sie sonst nicht tut, obwohl es niemandem weh tun würde, täte man sie nicht, kleine Reparaturen hie und da von Dingen, die man eigentlich sowieso nie wirklich benutzt, Schränke ausräumen, all das Geschirr abwaschen, das man eh nur zweimal im Jahr braucht; und je mehr man so was tut, desto mehr fallen einem die kleinen Ecken und Kanten in der Wohnung und im Vorgarten auf, um die man sich auch längst schon mal wieder gekümmert haben wollte, aber was solls, man hat ja Urlaub jetzt und Zeit, alles hat Zeit und bleibt dann doch liegen, weil die Zeit ja morgen auch noch da ist. Und dann kommt man manchmal auf ganz komische Ideen, oder vielleicht sind die Ideen gar nicht komisch, sie kommen einem nur so vor, wenn es draußen zwar nicht sibirisch kalt ist, aber in Strömen regnet und man sich anguckt und sagt „Komm, lass uns doch mal raus an die Elbe fahren.“ und man ist erst entsetzt „Bei dem Wetter?“ und denkt sich dann „Ach, was solls.“ und kramt die olle Regenjacke aus dem Keller, die vermutlich eh nicht mehr wasser-, dafür aber vielleicht immerhin noch winddicht ist; und man mault „Aber im Rolli macht das bei Regen nicht wirklich Spaß.“ und der Mann sagt „Dann läufst du eben.“ und man denkt „Klar, dann lauf ich eben.“, merkt noch an, dass es dem mobilen Sauerstoffkanister nicht so gut bekommt, wenn er durch den Regen spazieren getragen wird und der Regen womöglich durch irgendwelche Ritzen irgendwo reindringt, aber der Mann erwidert nur lapidar „Dann läufst du eben ohne Sauerstoff, wolltest du ja eh mal wieder probieren.“ Und weil das ja stimmt, der Mann kennt einen ja so gut und den inneren Schweinehund noch besser, und alles so einfach und selbstverständlich klingt, widerspricht man dann nicht mehr, schmiert ein paar Stullen und füllt heißen Kaffee in eine Thermoskanne, und dann, wie durch ein Wunder, hört es ganz abrupt auf zu regnen und der Himmel über Hamburg hat auch ein Sommerloch, ein Sommersonnenloch, und in der Sonne fühlt es sich draußen sofort gleich noch mindestens 10° wärmer an. Man schmeißt die Regenjacke in die Ecke, tauscht die Boots gegen Sandalen und die Jeans gegen Sommerkleidchen, der Mann guckt noch komisch, weil man ja sonst immer so friert, sagt aber nichts und dann fährt man los, an die Elbe, kommt an, der Parkplatz ist fast leer, Hamburger sind wohl misstrauisch, sie trauen dem Sommersonnenloch noch nicht so richtig. Und dann hat man den ganzen Strand fast für sich allein, es ist Flut, das Wasser ganz nah, und man vergisst, dass man ohne Sauerstoff läuft, und man vergisst, dass barfuß laufen am Strand anstrengender ist als beschuht auf ebener Strecke, man läuft dem Wasser zu und jauchzt glückselig, als die erste Welle vom Schwell des vorbeigefahrenen Containerriesens einem um die Füße schwappt und fast den Boden wegzieht, wie gut, dass der Mann einen hält, wie gut sich das anfühlt, Sand und Wasser und Kies und sogar einzelne Muscheln unter den Füßen. Und dann geht man irgendwann weiter, zieht sich die Sandalen wieder an, der Mann fragt „Übliche Strecke?“ und man nickt nur und läuft los, so ohne alles, ohne Schläuche, frei. Der Mann schiebt derweil den Rolli, mit Sauerstoffkanister, nebenher, und man schmunzelt und denkt „Sieht komisch aus, wie der Mann da Rucksack und Täschchen und Sauerstoff spazieren fährt“ und dann gabelt sich der Weg, entweder unten an der Elbe weiter oder oben auf dem Otto-Schokoll-Höhenweg mit Blick von oben auf die Elbe oder aber rechterhand die Treppe rauf, die zum Elbhöhenweg im Buchenwald führt, 148 Stufen, man hatte ja früher schon mal genau gezählt, als man sie zum ersten Mal hochzusteigen wagte, mit Sauerstoff, und einer Hand am Geländer und der anderen Hand in der Hand des Mannes, und der Mann guckt einen an und fragt nix und man sagt „Ich Treppe, du mit Rolli unten rum, bitte warte oben auf mich“ und der Mann sagt noch „Du wirst eher oben sein als ich“ und man lacht und setzt sich vorsichtshalber das kleine Puls-Oxi auf den Finger, will Puls und Sättigung im Auge behalten, aber das Ding funktioniert nicht richtig, die Finger sind zu kalt, das Display sagt immer nur „Finger Out“ oder zeigt völlig unrealistische Werte an, gäbe es einen Alarmton an dem Gerät, würde er erschrocken loslegen jetzt, jetzt, bevor man überhaupt eine Stufe erklommen hat. Der Mann zockelt los, dreht sich noch mal um, man lächelt ein bisschen gequält und nimmt dann die ersten Stufen, im Visier eine kleine Bank auf ungefähr ein Viertel der Treppe. Aber die braucht man gar nicht, man setzt einfach einen Fuß vor den anderen, langsam und stetig, bleibt ab und zu kurz stehen, wirft einen Blick auf das Puls-Oxy, anscheinend ist der Finger jetzt warm genug, Werte noch im Rahmen, man atmet ganz bewusst und plötzlich ist man schon auf halber Höhe, dann noch weiter, irgendwann kann man oben das Ende des Geländers erkennen, das Geländerende, aber nicht den Mann, und es fühlt sich so frei an, allein diese Stufen raufzusteigen, langsam, aber stetig, auch wenn der Puls rast und die Atmung schneller wird, und dann, dann kommt man oben an und ist fertig, völlig fertig und man erinnert sich an ein ähnliches Gefühl, das lange zurück liegt, in die Schulzeit zurückgeht, als ein sadistisch angelegter Vertretungssportlehrer uns völlig ungeübte Schülerinnen einen 5000-m-Lauf absolvieren ließ.
Und dann ist alles gut. Der Mann kommt, man setzt sich dann doch für ein paar Minuten in den Rolli, ruht sich aus, trinkt einen Schluck Kaffee, strahlt und weint und weint und strahlt. 
Und man weiß, dass Sommerlöcher nur dazu da sind, gefüllt zu werden.

Heike Hartmann-Heesch

PS 1 – Weblesung: Noch bis zum 3.8. und danach dort im Archiv können Sie sich bei den Hamburger Weblesungen einen Ausschnitt aus meinem Text „FINDELKINDHEIT“ anhören. Da geht’s nicht um Löcher, sondern um Höhlen, und er spielt nicht im Sommer. Aber Wald gibt’s auch, wenn auch ohne Treppe. Klicken Sie einfach auf das Bild unter diesem August-Eintrag. Falls Sie den Text lieber live hören wollen, kommen Sie am 21. September ins Bistro Roth in Ottensen. Dort werde ich ihn ab 19.30 Uhr in der vollen Länge lesen.

PS 2 – „Literiki“: Noch mehr zu hören wird es ab dem 1. September geben. Dann nämlich startet die „Literiki“-App der WakeApp-GmbH von Isabella Hoegger aus St. Gallen in der Schweiz. Und die funktioniert so einfach: Ab ca. dem 29. August die App downloaden, und sich dann ab 1.9. jeden Tag eine ca. dreiminütige heitere Kurzgeschichte vorlesen lassen, von bislang mehr als 100 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Den Tag mit einem Schmunzeln beginnen! Man kann die App als Wecker programmieren und sich quasi mit der Geschichte wecken lassen, oder man kann sie auch so abrufen, vielleicht zur schönen ersten Tasse Kaffee morgens … J Die App ist also ein perfektes Mittel gegen Morgen-Blues, gibt der Seele einen positiven Dreh, ist rezeptfrei und fast kostenlos in Ihrem App-Store oder Play-Store erhältlich: Sie kostet nur € 1 pro Quartal und ist werbefrei! Mehr Infos dazu in etwa zwei Wochen, wenn die Webseite der App online geht. Auf dieser finden Sie dann auch Porträts der Autoren und Kontaktmöglichkeiten zu ihnen. Ich bin übrigens auch vertreten: nicht nur als Autorin und Vorleserin einiger eigener Geschichten, sondern auch als Sprecherin, denn ich habe meine Stimme auch anderen Autorinnen für ihre Texte geliehen … J
Klicken Sie also bald noch mal hier rein für alle weiteren Infos.

PS 3 - Projekt ÜBERleben: Das Projekt nimmt jetzt richtig Gestalt an, und es werde Förderer und Sponsoren gesucht, um unter anderem den Druck des Bildbandes zu finanzieren. Wer das Projekt unterstützen möchte oder jemanden kennt, der dies tun möchte: Alle weiteren Infos hier http://überleben.info/

Nachtrag Juli 2015: FINDELKINDHEIT

Vom 28.07.-03.08 gibt es in den Hamburger Weblesungen einen Ausschnitt aus meinem Text „FINDELKINDHEIT“ zu hören. Klicken Sie einfach auf das Bild unter diesem Eintrag. Den vollständigen Text können Sie auf dem Schreibtisch nachlesen. Übrigens: Live werde ich diese Erzählung am Montag, 21. September, ab 19.30 Uhr im Bistro Roth in Hamburg-Ottensen lesen.

In diesem Monat eröffnet in Hamburg-Eilbek das „Zentrum für Beatmung und Intensivpflege“, eine Fachpflegeeinrichtung für außerklinische Beatmung und Intensivpflege, die eine spezialisierte Versorgung für Menschen mit Beatmung und Menschen im Wachkoma anbieten wird. Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltungen findet am 9. Juli das 1. Hamburger Fachsymposium „NeuroCare und Außerklinische Beatmung“ mit zahlreichen Vorträgen und Workshops zu verschiedenen Themen wie „außerklinisches Weaning“, „Komaarbeit“, „Vorsorgevollmacht“ und vielen weiteren statt. Ein Programmpunkt wird auch eine Lesung von mir sein – ich bin ja ein gutes Beispiel für jemanden, der in den letzten Jahren gut gelernt hat, mit außerklinischer Beatmung zu leben; und auch meine Zeit des Weaning, also der Entwöhnung von der maschinellen Beatmung, bei mir ja zumindest für den Zeitraum „tagsüber“, fand im großen und ganzen nach dem Krankenhausaufenthalt statt.
Nach Berlin und Marl ist Hamburg der dritte Standpunkt, oder eher: Standort dieser Einrichtung. Ich freue mich sehr über die Einladung und bin gespannt. Mehr Infos gibt es hier.

Das im letzten Monat erwähnte Projekt „ÜBERleben“ (siehe auch hier) nimmt Gestalt an. Anfang Juni fand das Interview für mein Portrait in dem geplanten Bildband statt; ich bedanke mich bei Ute Reiner für das unglaublich intensive Gespräch. Dies hat mich, muss ich gestehen, sehr aufgewühlt, nicht zuletzt, weil ich anhand des von ihr vorab geschickten Fragenkatalogs zum einen die letzten Jahre noch einmal gründlich habe Revue passieren lassen und mir wieder einmal bewusst wurde, wie viel ich doch vergessen oder verdrängt habe: In der Tat sind wir Menschen wohl so gestrickt, dazu zu tendieren, schlimme Erfahrungen nicht ewig präsent zu haben, und das ist ja auch gut so. Letztendlich schützt es. Zum anderen kam ich in der Vorbereitung auf das Interview nicht drumrum, tatsächlich eigene Standpunkte auch mal deutlich auszuformulieren; es ging in dem Gespräch ja nicht nur um einen Abriss des Krankheitsverlaufs oder die aktuelle Gesundheits- oder Lebenssituation, sondern auch um Fragen nach (vielleicht veränderten?) Haltungen zu Leben, Tod und Sterben, zu Religiosität und letztlich auch um Ausdrucksmöglichkeiten, die ich in Verbindung mit der Krankheit bzw. der Geschichte der Krankheit nutze. Auch wenn ich zu einigen Themen, wie unter anderem zu Tod und Sterben, ganz klar Position beziehen kann und ebenso klare Vorstellungen habe, wie ich z.B. ein für mich menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben und auch Sterben definiere, so wurde mir aber auch bewusst, dass ich zu anderen Fragen, wie zu Religiosität, keinen klaren Standpunkt habe, oder anders ausgedrückt, eher keinen klaren Standpunkt haben möchte, wenn ich ehrlich bin. Das hat mich überrascht, ich hätte mich eigentlich meiner selbst sicherer, klarer eingeschätzt.
Jetzt freue ich mich auf den Termin mit der Fotografin Lena Reiner für die dann im geplanten Bildband verwendeten Fotos und bin sehr gespannt darauf.

„Standpunkt“ ist ein gutes Stichwort für einen etwas saloppen Übergang – unter Ausgesprochenes können Sie sich einige Fotos der „Gestatten Sie, mein Name ist …“-Lesung mit Katharina Münk, Elmar Dod und mir im Logensaal der Hamburger Kammerspiele vom vergangenen Monat anschauen. „Wir haben noch keinen Standpunkt.“ ist ein Satz, den Katharina Münk ihrer Protagonistin (ich sag nur: Kanzlerin) aus ihrem Buch „Die Eisläuferin“ in den Mund gelegt hat, dem Buch, aus dem sie an diesem Abend gelesen hat (ich hoffe, ich habe den O-Ton getroffen!) und der seitdem zwischen meinem Mann und mir fast zu einem geflügelten Wort geworden ist: „Oh, dazu habe ich leider noch keinen Standpunkt.“ Übrigens: Besagtes Buch ist gerade vom NDR/Studio Hamburg mit Ulrich Noethen und Iris Berben in den Hauptrollen verfilmt worden und läuft am 10. Juli auf arte! Ich bin auch darauf sehr gespannt.

In meiner Erzählung „FINDELKINDHEIT“ gerät die kindliche Protagonistin in Situationen, in denen sie unter schier unerträglich auszuhaltender (An-)Spannung zum ersten Mal in ihrem Leben Standpunkte für sich finden muss. Einen Ausschnitt aus dieser Erzählung können Sie sich vom 28.7.-3.8. unter www.weblesungen.de anhören. Den vollständigen Text finden Sie hier auf dem Schreibtisch.

Der im letzten Monat bereits erwähnte „Bahman-Preis“ ist natürlich kein Verschreiber, sondern ein Preis benannt nach Bahman Nader-Nezhad, dem Inhaber des Bistro Roth in der Rothestraße in Ottensen, in dem auch dies Jahr die literatur-altonale-Lesebühne des Autorennetzwerks Textfabrique 51 stattfand, und der am 29.6. zum ersten Mal vergeben wurde. Was soll ich sagen? Ich hab ihn bekommen, und ich freue mich riesig. An dem anderen, na, Sie wissen schon, dem mit „c“ und dem doppelten „n“ arbeite ich dann mal weiter … J
Alles darüber können Sie hier in einem Artikel in „Die Auswärtige Presse“ nachlesen, ein Dankeschön an Maren Schönfeld!

Haben Sie einen guten Juli, der sich hoffentlich nicht so benimmt, als sei er April oder Spät-Oktober. Immerhin: Die Schafskälte (benannt nach, jawoll, Schafen, die traditionell bis Anfang/Mitte Juni bereits geschoren wurden und für die ein Kälteeinbruch um bis zu fünf bis zehn Grad dann durchaus bedrohlich werden kann), haben wir ja wohl überstanden und die Wettervorhersage prognostiziert für die erste Juli-Woche die Ankunft des Sommers. Juchu!

Heike Hartmann-Heesch

„Es ist Mai und es schneit Zierkirschbaumblüten; wie verrückt schneit es Zierkirschbaumblüten.“
Wir haben natürlich nicht mehr Mai sondern schon Juni, die Zierkirschbaumblüten sind längst abgeschneit, vielmehr abgeregnet oder schlicht verblüht, aber diese Zeilen stammen aus meinem neuesten Text „Marienkäfer können fliegen“. Diesen und weitere werde ich am 16. Juni um 19.30 Uhr auf einer Lesung mit dem schönen Titel „Gestatten Sie, mein Name ist …“ im Logensaal der Hamburger Kammerspiele vorstellen, zusammen mit Petra Balzer (alias Katharina Münk) und Elmar Dod. Wir drei stellen uns dort als neue Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung mit einem Ausschnitt aus unseren Werken vor. Alle weiteren Infos zu dieser Veranstaltung finden Sie unter Ausgesprochenes. Ich hoffe, wir sehen uns dort!

Was bietet der Juni sonst noch?

Nun, für mich die Teilnahme am „Projekt ÜBERleben“, wobei das Wort „Teilnahme“ ein viel zu pragmatisches ist. „ÜBERleben“ ist ein Projekt von Barbara Hauter, Lena Reiner (Fotografin) und Ute Reiner (Supervisorin), die „Überlebensgeschichten“ sammeln, um damit einen Bildband herauszugeben: Fotos von Überlebenden und deren jeweilige Geschichte dazu. Unter anderem die Krankenhausseelsorge in Konstanz wird dafür sorgen, dass diese Bücher dann kostenlos bei Patienten in Krankenhäusern landen, die gerade eine ähnlich harte Zeit durchmachen, wie sie die Porträtierten bereits gemeistert haben. Das Buch soll ein Mutmacher sein, eine Hommage ans Leben an sich. Barbara Hauter, eine der Initiatorinnen des Projekts, sagt dazu: „Wir wollen Menschen, die in einer extremen Situation stecken, z.B. eine sehr schwere Krankheit durchmachen, Mut geben. Ihnen zeigen, wie ein Leben „danach”, aussehen kann. Dass das Leben an sich wertvoll ist. Auch, wenn die Möglichkeiten eingeschränkter sind, der Körper und die Seele Wunden davongetragen haben.  Auch, oder vielleicht gerade dann, wenn man das Spiel um „schöner, schneller, reicher, toller” nicht mehr mitspielen kann. Denn Leben ist DER Wert an sich. […] Es lohnt sich immer zu kämpfen. Das ist unsere Botschaft.“ Mehr Informationen gibt es hier.
Ich bin dankbar, dabei sein zu dürfen.

Vom 19.6. bis zum 5.7. findet zum 17. Mal die altonale in Hamburg-Altona statt, natürlich auch wieder mit der literatur altonale, in diesem Jahr bereits zum 13. Mal, und zwar mit mehr als 30 Veranstaltungen: großartige Autoren, Lesungen an ungewöhnlichen (z.B. auf der MS Commodore, vor einem Kiosk, in Wohnzimmern …) oder auch neuen Orten sowie mit beliebten Formaten. Dazu gehört auch die altonale Lesebühne des Literaturnetzwerks Textfabrique 51 im Bistro Roth in der Rothestraße. Neu dort in diesem Jahr ist die Verleihung des Publikumspreises „Bahman-Preis“, benannt nach dem gastgebenden Betreiber des Bistro Roth (und, jawoll, ausgesprochen fast wie der andere, na ja, Sie wissen schon … J). Alle weiteren Infos dazu hier.

Zu guter Letzt: Nach „Die Luft anhalten bis zum Meer“ (2012) und „Wo du bist“ (2013, siehe auch Buchbesprechung unter Lesezeichen) ist jetzt bei michason & may der letzte Band von Sven-André Dreyers Trilogie erschienen: „Kleiner Vogel Tod“. Wie auch die beiden Vorgänger ist die Lektüre keine leichte Kost: Viele Texte sind düster, nicht sehr hoffnungsvoll, und auch der Titel impliziert es nicht unbedingt – dennoch möchte ich dieses Buch auch als eine Hommage an das Leben lesen und verstehen.
„Kleiner Vogel Tod“ trägt autobiografische Züge. Dreyer setzt sich mit dem Krankheitsbild Depression auseinander, von dem er selbst betroffen ist: Vor anderthalb Jahren wurden bei ihm Depressionen diagnostiziert und er begann eine Therapie. Viele der Texte sind in der Erinnerung an diese Talsohle und den Notizen entstanden, die er damals auf Post Its oder auch Rückseiten von Einkaufszetteln gekritzelt hatte: Schreiben, also „richtig“ schreiben, konnte er in dieser Zeit nicht. „Mitunter / Es gibt Tage, an denen lese ich nicht. Es gibt Tage, an denen schreibe ich nicht. Es gibt Tage, an denen ich nicht rede. Es geht dann einfach nicht, es geht dann nicht.“ (Seite 71) Geschrieben hat er jetzt wieder, und er redet: wortgewaltig in vielen Texten – und sein Anliegen ist deutlich: die Entstigmatisierung des Themas Depression.
Furcht / Wie stellst du dir das vor? Ich meine, wie soll das gehen, so ohne Himmel? Man verliert den Kompass, man verliert sich. Dunkle Wälder, keine Pfade und Ewigkeit nur noch ein Wort. Was soll das heißen, für immer, was heißt das schon, Ewigkeit? Wir flüstern in der Dunkelheit, wir pfeifen vor Angst in der Nacht […]“ (Seite 99) und „Dem Himmel näher / Jetzt, nach dem Drachensommer, sitze ich auf den Bäumen, dem Himmel näher, am Fluss. Im Herbst. Es sind immer noch keine hohen Bäume hier unten, es sind immer noch keine hohen Bäume am Fluss und trotzdem kann man, sitzt man auf einem von ihnen, weit über das Ufer sehen. Nach links zur Quelle. Und nach rechts zum Meer.“ (Seite 40) Lesen Sie alle drei Bücher!

Haben Sie einen guten Juni.
Heike Hartmann-Heesch

„Fundstücke“ lautete das Thema des 1. Literaturpreises der Online-Illustrierten g[y]nt 1, dessen Preisträger jetzt feststehen. 1024 Einsendungen erreichten die Redaktion, und ich freue mich sehr, hierbei den 4. Platz erreicht zu haben! Das ist klasse – wenngleich ich seufzend gestehe, dass nun gerade der vierte Platz ja wohl der undankbarste aller undankbaren Plätze ist … L Meine dort eingereichte Erzählung „FINDELKINDHEIT“ können Sie hier auf dem Schreibtisch nachlesen, ich wünsche viel Freude bei der Lektüre! 
Viele weitere Fundstücke, nicht nur literarische, finden Sie hier.

Meine eben erwähnte Erzählung „FINDELKINDHEIT“ spielt im Monat Mai (wie passend), und die kindliche Protagonistin hat Geburtstag. Nein – um das mal gleich klarzustellen – diese Parallele zu mir ist zufällig. Sehr viele Transplantierte begehen nach ihrer Transplantation quasi zwei Geburtstage im Jahr: den ursprünglichen und den des Transplantationstages. Ich tue das aus diversen Gründen nicht; würde ich es, gäbe es aber im Monat Mai gleich zwei Gründe zu feiern, denn mein Geburtstag liegt nur sechs Tage nach dem Transplantationstag. Dieser jährt sich jetzt zum 5. Mal, und das ist schon etwas sehr Besonderes, finde ich, denn niemand ging anfangs, im Mai 2010, davon aus, dass ich überhaupt auch nur den ersten „Jahrestag“ erleben würde. Insofern möchte ich einfach mal allen Menschen, allen voran meinem Mann, ein Dankeschön aussprechen, die mich seitdem im Alltag, im Leben unterstützt haben. Danke für helfende Hände, offene Ohren, für manchmal unbürokratische Wege. Bei dieser Gelegenheit bedanke ich mich ebenso für den Zuspruch und all die Kommentare und E-Mails, die mich nach der Veröffentlichung „meiner Geschichte“ als der Teil der Serie „ÜberLeben“ (hier noch mal der Link) auf sueddeutsche.de erreicht haben. Diese haben mich sehr berührt.
Nicht persönlich bedanken kann ich mich bei der Spenderin/dem Spender (und ein Dankesbrief an Angehörige bleibt aus verständlichen Gründen anonym); gleichwohl möchte ich einmal wieder betonen, dass ein Organ das größte aller Geschenke ist, von unschätzbarem Wert. Auch wenn der „Tag der Organspende“ in diesem Jahr am 6. Juni (immer der erste Samstag im Juni) begangen wird, ist es niemals zu spät oder zu früh, sich mit dem Thema „Organspende“ zu beschäftigen, sich für einen Organspendeausweis zu entscheiden. Mehr Informationen dazu finden Sie hier oder hier.

In „FINDELKINDHEIT“ klaffen Wunsch und Wirklichkeit der Protagonistin ziemlich weit auseinander, wie so oft im Leben, wie so oft auch bei mir; aber auch wie so oft ist ja vieles eine Frage der Perspektive. Das klingt so banal wie es vielleicht auch ist. Wenn ich mir nur das letzte halbe Jahr angucke, dann geht meine „Wachstumslinie“ wohl steil nach oben, in der subjektiven Wahrnehmung, sicher auch in der Außenwahrnehmung: Ich laufe sehr viel besser bzw. ich laufe überhaupt, und zwar ständig und ausdauernd, ich laufe vor allem sicherer, längere Strecken, steige Treppen, alles mit Hilfe, okay, aber immerhin. Meine Waden muten nicht mehr wie Spargel an, sondern man kann tatsächlich so was wie Muskeln erkennen. Kein Scherz. Der Frust nach dem letzten Lungenfunktionstest vor ein paar Tagen war dann groß: Ich hatte mir, vielleicht naiv, so sehr gewünscht, dass solch subjektiv erlebte, auch objektiv wahrzunehmende Fortschritte (3,5 Kilometer sind nun mal mehr als 350 Meter und fünf oder zehn Stockwerke sind nun mal erheblich mehr als zwei Treppenstufen), solch wirklich enorme Verbesserungen sich auch mal in den gemessenen Werten Schwarz auf Weiß nachlesen lassen würden. Das Gegenteil war der Fall. Die Werte waren, wenn auch nur minimal, schlechter als im Dezember. Okay, das kann man auf Messungenauigkeiten schieben oder darauf, dass ein Wert eh nie zu 100 Prozent reproduzierbar ist, dennoch: Ich hatte ja eigentlich sogar auf verbesserte Werte gehofft. Wie gesagt, naiv vielleicht, die Lunge lässt sich halt nicht trainieren. Es dauerte eine gute Weile, bis auch mir klar wurde, dass meine „Fortschritte“ dennoch keine Illusionen sind, ich mir nicht was vormache, denn: Ich nutze halt nur das, was mir zur Verfügung steht, sehr viel besser als noch vor einem halben Jahr. Ich habe halt andere Muskeln trainiert, Beinmuskeln zum Beispiel. Das führt letztendlich natürlich zu einer besseren Umsetzung, zu einer besseren Verwertung des Sauerstoffs. Es geht mehr. Mit dem, was da ist. Es kommt halt auf den Blickwinkel an. Und: Verbesserungen, Wachstum sind/ist nicht von jetzt auf gleich sichtbar. Manchmal muss ich halt einen Monat, ein Jahr, ja, vielleicht auch fünf Jahre später zurückblicken.

In diesem Sinne: Ich wünsche einen guten Mai und empfehle „FINDELKINDHEIT“ – allen Katzenfreunden ganz besonders … J

Heike Hartmann-Heesch

1 O-Ton g[y]nt: „g[y]nt heißt eigentlich günt, ist plattdeutsch und bedeutet so viel wie: gegenüber. Wobei nicht definiert ist, wie weit entfernt das Gegenüber ist. Einmal über die Straße oder über den Ozean. Diese Bedeutung ist Namensgeber unserer Online-Illustrierten für Entdecker des Alltags. g[y]nt möchte über den Tellerrand sehen, unterhalten, anregen, erinnern, animieren und inspirieren. g[y]nt ist neugierig. g[y]nt mag die kleinen Wunder des Lebens. g[y]nt wechselt die Perspektive, […]“

 

Nachtrag 22. April 2015

Heute sind nun auf sueddeutsche.de im Rahmen der Serie „ÜberLeben“ einige Aspekte meiner Geschichte nach der Lungentransplantation 2010 online gegangen. Klicken Sie einfach auf das Bild. Dank an Lars Langenau von der Süddeutschen! Als Ergänzung :-) empfehle ich natürlich meine Erzählungen „Der Mann, der mich liebt“ oder auch „Bald, bald vielleicht“, beide finden Sie unter Schreibtisch, auch zum Anhören. Über Rückmeldungen freue ich mich natürlich auch sehr! Wenn Sie mögen, kommentieren Sie auch gern auf meiner Facebookseite.

Schade, dass ich mich über manche Dinge nicht einfach nur vorbehaltlos freuen kann, sondern dass ich mir automatisch dann doch oft Fragen stelle wie „Und, was bringt mir das letztendlich?“ Oder: „Wie wirkt denn das eigentlich auf andere, auf Außenstehende?“
Ich möchte das mal an zwei, drei Beispielen erläutern … Der Text ist relativ ausführlich geworden, zu ausführlich hier für die Startseite. Wenn es Sie interessiert, lesen Sie bitte hier weiter (was mich sehr freuen würde!). 

Ansonsten: Es ist eine ruhige Zeit momentan.

Seit Montag, 30.3., können Sie sich im Hamburger Literaturradio meinen Text „Bald, bald vielleicht“ aus der Anthologie des MDR-Literaturpreises 2014 anhören. Vielen Dank, Rena Larf! Klicken Sie einfach auf das Bild im Eintrag unter diesem Text hier oder wechseln Sie zur Rubrik Ausgesprochenes. Dort finden Sie auch schon Hinweise auf weitere geplante Lesungen.

Dann noch dies: Auf sueddeutsche.de gibt es unter der Rubrik „Leben“ seit Februar eine neue Serie: „ÜberLeben“. In dieser kommen Menschen zu Wort, deren Leben einmal aus den Fugen geraten ist, die von einschneidenden Erlebnissen berichten, ein bisschen unter der Fragestellung „Warum sind wir das, was wir sind? Wie geht Überlebenskunst?“ Einige Aspekte meines Lebens nach der Transplantation werden im Verlauf dieses Monats Teil der Serie sein, darüber freue ich mich sehr. Ich melde mich zu gegebener Zeit dann noch einmal mit dem entsprechenden Link. Klicken Sie also bald mal wieder rein.

Ich wünsche ein bezauberndes Frühjahr!
Heike Hartmann-Heesch

Nachtrag März 2015: Das Hamburger Literatur-Radio

Autorin und Literaturinterpretin Rena Larf präsentiert ab dem 30. März, 11.00 Uhr meinen Text „Bald, bald vielleicht" in der Gastlesereihe des Hamburger Literaturradios. Vielen herzlichen Dank, Rena! 
Zum Reinhören klicken Sie bitte einfach auf das Bild.

1971 / 2015 J
Ich wünsche einen bezaubernden März!

PS: Falls Sie eine Lesung mit bzw. von mir wünschen: Unter „Ausgesprochenes“ habe ich eine Auflistung verschiedener Themenbereiche hochgeladen, zu denen ich Ihnen eine Lesung anbieten kann. Falls Sie andere Ideen oder Wünsche haben, schicken Sie mir doch gern einfach eine E-Mail; ich werde dann schauen, inwieweit ich dies realisieren kann.

Was ein einzelner Satz in mir ausgelöst hat: „Da können wir ja in fünf Jahren noch mal drüber reden.“
Seit lange vor der Transplantation habe ich nicht mehr in Kategorien „Jahren“ gedacht, und bekomme von der Ärztin gegen Ende eines Gesprächs ein Geschenk, bei dem ich um Fassung ringe: allein die Idee von Möglichkeit der Möglichkeit. Sie sagt (der Zusammenhang ist hier nicht weiter wichtig): „Da können wir in fünf Jahren noch mal drüber reden.“
Beseelt fühle ich mich seit vorgestern, 29.1., und bleibe für den Moment sprachlos.

Heike Hartmann-Heesch

PS: Wenn Sie hier klicken, können Sie sich einige Fotos der „… aber die Liebe ist die größte …“-Lesung vom 22. Januar anschauen. Oder unter Ausgesprochenes.

Ich freue mich sehr auf die erste Solo-Lesung in diesem Jahr und natürlich auf viele Zuhörer! Eintritt frei!

Gute Vorsätze waren gestern.
Hier also meine ganz persönlichen guten Gründe, weshalb 2015 sowieso ein wunderbares Jahr werden wird … J. Natürlich gibt es viel mehr als 12, würde ich jetzt noch länger nachdenken, fände ich vermutlich sogar noch weitere 20 und 15.

1. Mein Mann und ich werden 2015 unseren 15. Hochzeitstag begehen – „Der Mann, der mich liebt“ ist und bleibt an meiner Seite. Das Geschenk eines weiteren Jahres mit ihm wäre allein schon Grund genug, dass 2015 ein glückliches Jahr wird.
2. Zudem werden wir 2 105 Jahre alt, wobei wir 1 am 20.5. begehen werden.
3. Die Papiersinfonie, die sich im Laufe von 2015 aus technischen Gründen in völlig neuem Gewand präsentieren muss, wird hingegen 2 + 0 + 1 + 5 Jahre alt;
4. und mindestens ebenso viele wunderbare Erzählungen werde ich schreiben J.
5. Ich werde bestimmt 20 und 15 tolle Begegnungen haben.
6. Es wird mir mindestens 2-mal gelingen, den FEV1-Wert in meiner Lungenfunktion um 0,15 zu verbessern (behaupte ich in einem Anfall von Größenwahn).
7. Ich werde hoffentlich 15 - 20 gute Bücher lesen.
8. Ich glaube fest daran, dass sich 2015 meine elendigen Lungenkeimbesiedelungsprobleme werden lösen lassen.
9. Die Sonne wird wahrscheinlich noch viel mehr als 20 und 15 Tage durchgehend scheinen, weshalb ich viele Nachmittage von diesen Sonnentagen damit verbringen werde, auf diversen Strecken des Elbwanderweges meine Laufausdauer zu verbessern.
10. Ich werde meinen im vergangenen Monat wieder einmal gestarteten Versuch weiterführen, den zusätzlichen Sauerstoff zu reduzieren. Wenn die Messwerte der Blutgasanalysen weiter stabil bleiben, könnte es meinem Kopf ja vielleicht gelingen, wenigstens mal die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es auch ohne gehen könnte, ohne gleich in Panik zu verfallen … J Die Möglichkeiten, die das eröffnen würde, wären grandios.
11. Ich werde noch gelassener sein, g-e-l-a-s-s-e-n, gg-ee-ll-aa-ss-ss-ee-nn, ach, so was von gelassen werde ich sein, das glauben Sie gar nicht!
12. werde ich noch ein bisschen achtsamer mit mir umgehen, nicht, dass mir wieder die Puste ausgeht.
Und einen gibt’s noch obendrauf: 2015 werde ich natürlich auch endlich damit aufhören, Listen zu schreiben!

2014 war in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Jahr, vor allem gesundheitlich, aber dennoch ein wirklich gutes. Für 2015 glaube ich fest an ein bisschen weniger „schwierig“ und ein noch bisschen mehr „gut“. In diesem Sinne

willkommen 2015!

PS: Wunderbare Lesungen wird es 2015 natürlich auch geben; gleich im Januar geht’s los. Am 22.1. werde ich im Café/Restaurant „Zur Gondel“ in Winterhude unter dem Motto „…aber die Liebe ist die größte …“*** lesen, für mich als Premiere im Format einer Lesung mit anschließendem Menü. Dazu müssten Sie sich dort bitte voranmelden, das sollten Sie tun, sowie ich Ihnen die Details dazu mitteilen kann, äh, mitgeteilt habe. Klicken Sie also baldmöglichst noch einmal hier rein oder besuchen Sie mich auf meiner Facebookseite, auf der Sie die notwendigen Infos dann auch finden werden.

*** wobei wir ja wieder bei Punkt 1 meiner guten Gründe wären!

 

24. Dezember 2014

Wenn Sie auf das Kärtchen klicken, können Sie meinen Adventstext „Heimkehr“ (aus dem Buch „Die Dinge, wie sie sind“) lesen. Ich wünsche allen ein segensreiches Weihnachtsfest!

„Man kann ein reales Leben nicht auf eine Zukunftshoffnung bauen“ schreibt Christa Wolf in ihrem Buch „Der geteilte Himmel“; und ich finde diesen Satz sehr treffend und wahr. Gleichwohl erinnere ich mich, wie oft ich in den vergangenen Jahren – immer im Dezember, immer also, wenn sich wieder ein Jahr dem Ende neigte – am Schluss des Dezemberbeitrages hier gesagt, vielleicht vielmehr gewünscht habe, das kommende Jahr verheiße „Leben“; als ob ich in dem jeweils zu Ende gehenden nicht gelebt hätte oder zumindest nur mit dem, was Christa Wolf die „Zukunftshoffnung“ nennt. Wenn ich auf die letzten sagen wir sechs Jahre zurückblicke, muss ich gestehen, dass ich in einigen davon in der Tat stark auf eine Zukunftshoffnung fixiert war: in der Zeit vor der Transplantation natürlich auf ein neues, wieder anderes, besseres Leben nach der Transplantation. Als die ersehnt-gefürchtete Transplantation dann nicht den erhofften Neuanfang sondern eher das Ende gebracht hatte und ich mir der damaligen Situation nach Monaten mehr oder weniger im Dämmerzustand irgendwann bewusst wurde, glaubte ich zunächst nicht an Besserung, auf Veränderung zum Guten, ja, ich bat nicht mal mehr um ein Wunder: Eher sehnte ich das Ende herbei.

Kucke ich heute mein Leben, meinen Alltag, mal ganz pragmatisch und realistisch an, sehe ich, dass nach inzwischen drei Jahren, in denen ich jetzt schon wieder zu Hause lebe, doch vieles funktioniert, vieles sich eingespielt hat, ich vieles als „normal“ empfinde, was ich mir vor vielleicht zehn Jahren nicht einmal in bösen Träumen hätte vorstellen können.
Gleichzeitig ist mir täglich mehr als bewusst, dass vieles tatsächlich nur funktioniert, weil es einige Helfer gibt, die mich unterstützen. Ich spreche jetzt hier nicht von mentaler, sondern ganz praktischer Hilfe. Allen voran steht mein Mann. Ohne ihn wäre vieles, sehr vieles nicht denkbar. Nach wie vor kann ich mich ja zum Beispiel ohne Hilfe außerhalb der eigenen Wohnung nicht fortbewegen. Ja, ich bin zwar durchaus in der Lage, einige Stecken eigenständig zu Fuß zu gehen, allerdings nur in Begleitung: Immer benötige ich dabei jemanden, der sowohl den mobilen Sauerstoffkanister als auch den wirklich nicht leichten Notfallrucksack inklusive mobilem Sekretaubsauggerät trägt, allein den Rucksack würde ich nicht mal auf meinen Rücken bekommen. So gehen also Strecken bis zum Bäcker oder zum nächsten Supermarkt, wenn jemand dabei ist, der all dies trägt bzw. der den Rollstuhl als Packesel benutzt, denn ohne denselben traue ich mich doch eigentlich gar nicht raus. Für Strecken jenseits der sagen wir 500m-Grenze benötige ich also jemanden, der mich fährt, also quasi für alles außer der Strecke zum Bäcker, und zwar nicht nur wegen der Schlepperei, sondern vor allem auch, weil ich bei längerer Abwesenheit von zu Hause immer jemanden als Begleitung brauche, der sich mit Sekretabsaugen auskennt und der zur Not, falls sich die Trachelakanüle, durch die ich ja atme, mit Sekret verlegt, diese auch wechseln kann: also jemanden vom Pflegedienst oder wiederum meinen Mann. Planen wir gar einen Tagesausflug, braucht allein mein Mann mit gesunden Händen und Füßen zwei oder drei Gänge von der Wohnung zum Auto, um all das Gepäck einzuladen: Dann kommen nämlich noch Ersatzsauerstoffkanister hinzu, denn einer hält pi mal Daumen ein paar Stunden, ein mobiler Sauerstoffkonzentrator, der über den Zigarettenanzünder des Wagens läuft, die Beatmungsmaschine für den Notfall, sämtliche Schlauchsysteme, die für eine Beatmung notwendig sind, sowie natürlich alle Hilfsmittel in dutzendfacher Ausfertigung, die ich so am Tag benötige: Sekretabsaugschläuche, Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und und und. Irgendwoanders als zu Hause zu übernachten habe ich mich in all den Jahren noch nicht getraut, und das nicht nur, weil zum einen irgendwann der Sauerstoff verbraucht wäre. Am sichersten fühle ich doch zu Hause, wo alles bereit steht, wo ich mich mit allen Geräten blind, soll heißen: auch im Dunkeln, auskenne und weil ich deshalb hier relativ selbständig bin. Selbst um den Schreibtisch herum steht alles griffbereit: Muss ich Sekret absaugen, brauche ich nur den Schreibtischstuhl zu drehen und schon kann ich alle Apparate bedienen. Das erleichtert vieles, und es spart auch Zeit, denn ein Absaugvorgang kann mit allem Drum und Dran schon mal gut zehn Minuten dauern, hier zu Hause, meine ich, unterwegs dauert dies, weil ich es eben dann nicht allein bewältigen kann, entsprechend länger. Und das, je nachdem, auch oft 20-mal am Tag plus nachts. Dazu kommt, dass ich hier zu Hause natürlich nicht immer einen mobilen Sauerstoffkanister mit mir rumtragen muss, da ich hier eine 45-l-Tonne in einer Abseite, die glücklicherweise ziemlich in der Mitte der Wohnung liegt, stehen habe, und mit einem 7,5-m-Schlauch kann ich mich innerhalb der ganzen Wohnung frei bewegen, habe beide Hände frei und muss sozusagen nur aufpassen, dass ich mich mit dem langen Schlauch nicht verheddere. Zwei freie Hände sind Gold wert, denn nur eine zur Verfügung zu haben, weil die andere immer einen doch relativ schweren Kanister trägt, schränkt die Mobilität doch arg ein, insbesondere, wenn man eben doch nicht so sicher auf seinen Beinen ist.
Was ich auch oft noch als sehr schwierig empfinde, ist nach wie vor das Nicht-sprechen-Können in Zeiten, in denen ich über die Maschine atme, also vorrangig nachts oder in den etwa zwei Stunden über den Tag verteilten Zeiten, wenn ich über die Maschine inhaliere. Nur nachts sei nicht schlimm, denken Sie vielleicht. Na ja, stimmt insoweit, als das nicht mal ich während des Schlafens das Bedürfnis habe zu sprechen, aber doch beim Schlafengehen, beim Aufwachen morgens oder in schlaflosen Phasen nachts, wenn mich manchmal in 45-minütigen Abständen Krämpfe plagen, die so viehisch schmerzen, dass ich, könnte ich es, am liebsten das Haus zusammenbrüllen würde, aber selbst ein Krächzen ist bei geblockter Kanüle an der Maschine nicht drin. Essenzieller dennoch sind die erstgenannten Zeiten: Nicht mal dem Liebsten gute Nacht oder guten Morgen sagen können, eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen oder abends im Bett Grundsatzdiskussionen anzetteln. Darin war ich früher ganz besonders gut und vermutlich ist das das einzig Positive, was mein Mann diesen zum Stummsein verdonnerten Situationen abgewinnen kann … J Aber im Ernst: Sprechen ist nicht dann. Gar nicht. Versuchen Sie das mal: von sagen wir 22.00 Uhr bis nach dem Aufstehen morgens nicht zu sprechen. Wenn Ihr Partner schon auf dem Sprung zur Arbeit ist und Sie doch noch tausend Sachen zu klären haben. Geht nicht. Ach, Sie können schnell schreiben? Ha! Funktioniert für kurze Sätze wie „Bring auf dem Heimweg einen Liter Milch mit.“ Aber wenn Sie über Albträume und Ängste berichten wollen, alternativ vielleicht über einen Fortschritt, der sich gerade morgens bemerkbar macht? Geht nicht, sag ich Ihnen. Sie müssten Steno lernen und Ihr Partner auch. Oder Ihr Partner müsste Lippen lesen lernen, und ich verrate Ihnen: Auch das ist kein Stück einfach.

Das sind nur einige ausgewählte Situationen, sicherlich, aber welche, die sich immer wiederholen, immer wieder. Und eben täglich; mehrfach, oft. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht so weinerlich, wehleidig oder gar selbstmitleidig bin wie ich hier klinge, glücklicherweise, dennoch empfinde ich die beschriebenen und auch viele andere Momente oft als äußerst belastend. Belastender allerdings sind Momente, in denen dann doch Fragen in mir auftauchen, deren Beantwortung ich mich irgendwann stellen muss: Was, wenn es mir doch irgendwann schlechter gehen wird als heute? Wenn ich tagsüber nicht mehr immer werde selbst atmen können? Dann wieder an der Beatmungsmaschine hänge? Nicht sprechen, mich nicht bewegen kann? Was, wenn es richtig schlecht wird? Ich mich womöglich wieder in einem Zustand befinden werde wie sagen wir die ersten Monate, dem ersten Jahr nach der Transplantation? Und wie werde ich irgendwann sterben (wollen)? Und wie „gesetzlich“ wäre das dann? Keine Sorge, solch Gedanken kann ich zurzeit oft noch ganz gut wieder wegstecken, das Im-Heute-Leben-und-Bleiben gelingt mir in der Regel gut, mal abgesehen davon, dass ich zu einigen der gerade genannten Fragen ganz eindeutige und entschiedene Antworten für mich gefunden habe, auch wenn deren Umsetzung natürlich in den Sternen steht. Schlimmer auszuhalten und schwieriger wegzustecken ist ein anderes Szenario, das meinen Kopf auch manchmal überfällt: Was, wenn meinem Mann plötzlich etwas zustößt, jetzt, morgen, übermorgen, also zu einer Zeit, in der es mir also noch so gut geht wie es mir eben geht, in der ich nach außen und mit seiner Hilfe ein für mich inzwischen meist doch akzeptables Leben führen kann? Solch Gedanken bringen mich manchmal schier zur Verzweiflung; und legen auch einen gewissen Druck auf meinen Mann: Wie vermag er mit all dem umzugehen? Ich kann auch solche Fragen dann meist irgendwann wieder ruhen lassen, kann aber auch nicht verhindern, dass sie mich dennoch immer wieder überfallen.

Nicht gerade aufbauende Fragen zum Jahreswechsel, ich weiß. Und auch nicht gerade die Themen, die man gern und ausdauernd mit Freunden und Bekannten bei Kaffee oder Tee erörtert. Die manchmal, insbesondere die am Anfang geschilderten alltäglichen Schwierigkeiten, eigentlich auch nicht wirklich jemanden interessieren; die ich auch nicht mal in zwei Sätzen bei Fragen „Wie läuft´s denn so?“ beantworten kann – Sie sehen ja selbst, wie lang ich hier geschrieben habe, für eigentlich nur ein paar wenige Gedankengänge.
Wie dem auch sei: Dies ist die Beschreibung (m)eines realen Lebens, in dem vieles, sehr vieles schon gut funktioniert, in dem viele Kompromisse gemacht, Einschränkungen akzeptiert worden sind – und ich versuche, alle Möglichkeiten, die sich mir auftun, zu nutzen. Wir versuchen, alles zu nutzen. Nun bleiben wieder, ja, Glaube, ganz sicher auch Hoffnung und vor allem Liebe: Denn die Liebe ist die größte unter ihnen. Ja, so singe ich dann zum Jahreswechsel ein Hohelied der Liebe …

… und stelle diesen (Teil-)Satz „… aber die Liebe ist die größte …“ auch als Motto über eine Lesung im Januar, auf die ich Sie aber jetzt schon einmal hinweise. Das Café/Restaurant „Zur Gondel“ hier in Hamburg veranstaltet im Dezember und Januar die „Zur-Gondel-Lesetage“. Los geht’s am 3. und 4. Advent mit je einer vorweihnachtlichen Lesung; im Januar folgen dann jeweils donnerstags, ab dem 8.1., immer 19.00 Uhr, drei Lesetage zu bestimmten Themen: Reise, Krimi, und eben Liebe. Letzteren Themenabend werde ich gestalten, also am 22.1., mehr Informationen gebe ich Ihnen Anfang nächsten Monats.
Wenn Sie mögen, klicken Sie am 24. noch einmal rein, dann können Sie hier meine Adventsgeschichte aus dem Jahre 2008 „Heimkehr“ nachlesen, ganz anders im Stil als wohl alle meine neueren Texte, aber doch immer wieder schön. Wenn Sie sich den Text lieber anhören mögen, kommen Sie doch zur monatlichen Spät-Lese in den Kulturpunkt Barmbek°Basch am 17.12., dort werde ich ihn lesen.
Einige Fotos der letzten Lesungen können Sie sich inzwischen übrigens auch auf meiner Facebookseite anschauen.

Schön auch, wenn Sie bis hierhin durchgehalten haben.
Ich wünsche einen besinnlichen Advent. Falls wir uns nicht mehr vorher lesen: Kommen Sie gut ins Neue Jahr – wieder verheißt es Leben.

Heike Hartmann-Heesch

Stofftieren konnte ich schon als Kind nicht unbedingt was abgewinnen, und Haustiere hab ich aus eigener Entscheidung heraus nie besessen: Die Goldfische und Wellensittiche in Kindheitstagen wurden von den Eltern angeschafft, als junger Twen bekam ich mal einen Goldhamster geschenkt, und für ein paar Jahre lang lebte ich sogar mit einer Katze, die ich beim Bezug einer neuen Wohnung neben der Waschmaschine und einem Küchenregal vom Vormieter übernahm (und die ich nach meinem Auszug meiner Nachmieterin vermachte). Die Katze aus ihrem gewohnten Lebensumwelt und Revier herauszureißen brachten weder mein Vormieter noch ich über uns. Ich bin Tieren gegenüber keineswegs herzlos, lebe sogar – bis auf wenige Momente, in denen mich manchmal ein ungeheuerlicher Appetit auf Fleisch  überkommt – annähernd vegetarisch, zugegeben aber weniger aus ethischen Gründen sondern, weil mir Fleischwaren in der Regel schlicht nicht sonderlich schmecken. Sie können folgerichtig schließen, dass man die Anzahl der von mir angeschauten Filme, in denen ein Tier Protagonist ist, in meinem bisherigen Leben auch an weniger Fingern abzählen kann, die an einer gesunden Hand sind. Dennoch die Frage: Was haben Schabrackenschakale und Blutbrustpaviane gemeinsam? Ich verrate es Ihnen: An einem der letzten traumhaft sonnigen Oktobertage spielten mein Mann und ich ein bisschen Touristen in der eigenen Stadt und durchstreiften diverse Stadtteile zu Fuß und mit Rolli. Dabei besuchten wir zwei (der mehreren) Open-Air-Ausstellungen, die Sie zurzeit in Hamburg anschauen können.
Eine davon ist „Dem Sturm ins Auge schauen“, die noch bis zum 6. November in der Hamburger Hafencity zu sehen ist – und zum ersten Mal in meinem Leben war ich ehrlich und aufrichtig fasziniert von Tierfotografien. Die Ausstellung wurde anlässlich des ExtremWetterKongresses eröffnet, der Anfang Oktober ebendort stattfand und auf dem sich Meteorologen und Klimaforscher getroffen haben mit dem Ziel, ihre wissenschaftlichen Arbeiten einem größerem Publikum zugänglich zu machen, insbesondere auch im Hinblick auf die Zunahme extremer Wettereignisse durch den Klimawandel. Die Ausstellung nun zeigt auf dem Überseeboulevard 50 großformatige Bilder (1,20 x 1,80m) des Fotografen Thorsten Milse, die in unterschiedlichen Regionen der Erde aufgenommen worden sind und zumeist bedrohte Tierarten und ihre Lebensbedingungen zeigen. Oben genannte Tiere finden Sie dort also genauso wie Sandgeckos oder Wüstennashörner. Der World Wide Fund of Nature sowie der Verein Klimabotschafter e.V. sind Partner der Ausstellung und zu ihren Gunsten werden am letzten Tag fünf Motive versteigert.
Nicht minder fasziniert hat mich die Open-Air-Ausstellung „Halbzeit“, die Sie noch bis zum 6. Dezember an der äußeren Fensterfront der Hamburger Messehallen anschauen können. Sie zeigt 50 50-jährige Menschen, die der Künstler Michael Korte auf der Straße (in Hamburg) fotografiert hat – 2014 ist nämlich das Jahr, in dem der geburtenstärkste Jahrgang der Bundesrepublik seinen 50. Geburtstag feiert. Die Fotos (größtenteils Gesichter) wurden nicht retuschiert und bewusst im öffentlichen Raum gezeigt, „um dahin (überlebensgroß) zurückzukehren, wo der Fotograf sie angetroffen hat, in den Alltag.“* Es geht in den Bildern um Persönlichkeit, Reife, Individualität und Diversität – und natürlich das Älterwerden inmitten einer Gesellschaft, in der auch dies ein Thema ist, das ja sehr ambivalent behandelt wird.  

Bleiben wir bei den Menschen, auch wenn ich jetzt in meinen Gedanken springe vom Anschauen zum Lesen oder Anhören. Tiere spielen auch in meinen Erzählungen eine eher untergeordnete Rolle, wenngleich ich durchaus schon über welche geschrieben habe: über oben bereits erwähnte Goldfische und die Katze, ja sogar schon über Hunde. Aber meist stehen ja doch Menschen im Mittelpunkt. Um Menschen in ihren unterschiedlichsten Beziehungen zueinander, in ihren Erinnerungen und in der Gegenwart in verschiedenen Lebensphasen, vielleicht sogar in Grenzsituationen, geht es auch in den Texten, die ich für die beiden Lesungen ausgesucht habe, die mir im November sehr am Herzen liegen und auf die ich hier noch einmal hinweisen möchte: Da wäre zum einen die Lesung am 10. November im Literaturkeller des Bistro Roth in Ottensen. Diese habe ich unter das Motto „Grenzgänge(r)“ gestellt, und dort stelle ich Ihnen hauptsächlich neuere Texte aus der Zeit nach „Die Dinge, wie sie sind“ vor (aber nicht nur). „Grenzgänge(r)“ klingt hochdramatisch, so ist es gar nicht gemeint; es geht eher um die vielen kleinen Grenzgänge(r) in unserem Alltag, die manchmal aber dann wesentliche Veränderungen in unserem Denken oder Handeln nach sich ziehen.
Das Motto würde tatsächlich auch zu der zweiten Lesung eine Woche später, am 17. November, passen. Ich freue mich sehr über die Einladung in den Ambulanten Hospizdienst der Diakoniestation Alten Eichen hier in Hamburg. Im Rahmen der Ausbildung von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich zusätzlich zu den Intensivkurswochenenden auch einmal monatlich zu einem Gruppenabend treffen, darf ich einen dieser Abende mit einer Lesung aus „Langer Atem“ und „Die Dinge, wie sie sind“ gestalten. (Aus verständlichen Gründen ist dies eine geschlossene Veranstaltung.)
Alle weiteren Infos zu diesen und sonstigen Lesungen finden Sie wie immer unter „Ausgesprochenes“. Kurz und kompakt finden Sie Aktuelles wie gehabt auch auf meiner Facebookseite. Klicken Sie doch mal rein!

Ich wünsche einen November, der dem Oktober in nichts nachstehen möge!
Ach ja: was die Überschrift für November und die Bilderleiste mit diesem Text zu tun haben? Nun, nichts, um ehrlich zu sein. Sie waren einfach zuerst da.

Heike Hartmann-Heesch

* Quelle: www.halbzeit-hamburg.de

Wie schön, wenn man sich manchmal irrt: Die im letzten Monat schon erwähnte Wachsjacke konnte in den vergangenen Wochen oft genug doch noch einmal zurück in den Schrank. Das milde Wetter mit all den Möglichkeiten, noch viel Zeit draußen zu verbringen, entschädigt mich ein bisschen für all die Zeit, die ich mich momentan gezwungen sehe, drinnen zu verbringen. Ein regulärer Kontrolltermin im Krankenhaus ergab zunächst eine doch signifikante Verschlechterung der Lungenfunktion, in den gemessenen Werten, wohlgemerkt, nicht in meinem subjektiven Empfinden. Da, ganz im Gegenteil, lief ich zu Höchstleistungen auf: über eine Stunde Spazierengehen am Stück, am Elbufer sogar bergauf (ich sag nur „Otto-Schokoll-Höhenweg“ …), selbst simple Dinge wie Wochenendeinkauf (rin in die Läden, rumstehen, raus, rein in den nächsten …) oder die Runde um meinen geliebten Eimsbütteler Weiher (siehe Bilderleiste oben) empfand ich als viel weniger mühsam, eher genoss ich das Gefühl, endlich mal für längere Zeit wieder auf Augenhöhe mit anderen zu sein – oder auch einfach mal wieder Hand in Hand mit meinem Mann spazieren gehen zu können, selbst wenn er den Rollstuhl mit der anderen Hand noch schob. Nichtsdestotrotz mussten Grund und Ursache dieser schlechten Werte natürlich gesucht werden, schon allein, um eine womöglich jetzt langsam einsetzende chronische Abstoßung des Organs auszuschließen bzw. um zu gucken, ob die Werte doch auf einen multiresistenten Keim (und/oder Pilz) zurückzuführen sind, den ich mir schon vor Jahren im Krankenhaus zugezogen habe. Nach einer ersten Therapie mit einem Antibiotikum verbesserte sich zwar die Lungenfunktion wieder ein wenig, ist aber bislang noch nicht auf meinem „gewöhnlichen“ Stand. So folgt gerade eine zweite, deren Ergebnisse noch ausstehen. Lange Rede kurzer Sinn: Das ist verdammt zeitaufwändig. Fünf Stunden am Tag sind zurzeit einfach mal weg allein durch Sekretabsaugen und 5x täglich Inhalieren. Letzteres über die Beatmungsmaschine, das heißt, ich sitze also mehr oder weniger gemütlich im Sessel, kann mich nicht groß bewegen und vor allem in diesen Zeiten dann ja auch nicht sprechen. Kommen dann noch ein Arztbesuch oder ein Kontrolltermin dazu, womöglich auch noch ein Kanülenwechsel, und wenn dann am gleichen Tage zufällig auch noch Hilfsmittel geliefert werden, die ausgepackt, in den Keller gebracht und eingeräumt werden müssen, die Sauerstofftonne gewechselt wird und vielleicht auch noch ein, zwei Telefonate oder Mails bürokratischer Natur dazukommen, dann sind, wie neulich, mal eben über siebeneinhalb Stunden des wachen Tages einfach vergangen, also fast ein normaler Arbeitstag, der nur für „Pflege“, „Therapie“ oder ähnliches der Art draufgeht – und dann sind noch keine Schläuche gewechselt, die Maschinen nicht gereinigt und desinfiziert. Eingekauft, gekocht, gegessen hab ich dann natürlich auch noch nichts, nix im Haushalt gemacht und erst recht war noch keine Zeit, am Schreibtisch zu sitzen, um zu schreiben oder korrigieren … Ich überlege ernsthaft, das Korrigieren ganz zu schmeißen und mich stattdessen mit Vorträgen und Seminaren selbständig zu machen zu Themen wie „Wie motiviere ich mich immer wieder, Dinge anzugehen, die sich nun mal manchmal nicht ändern lassen (und die sich monoton wiederholen …)?“ – wenn ich denn wüsste, wann ich die überhaupt halten sollte. J

Genug gejammert. Da kommt es gerade recht, dass am 10. Oktober die jährliche Veranstaltung der Lungenclinic Großhansdorf (in Zusammenarbeit mit dem Universitären Herzzentrum des UKE) stattfindet, auf der sich bereits Lungentransplantierte und noch auf die Transplantation Wartende treffen, um sich auszutauschen und um verschiedene kleine Vorträge zu neueren Operationsmethoden, Entwicklungen und Forschung in Bezug auf Immunsuppresiva zu hören oder ganz allgemeine Fragen die Ernährung oder den Alltag betreffend zu besprechen. Neu in diesem Jahr ist allerdings, dass ich dort einen kleinen Teil des Programms mit einer kurzen Lesung aus „Die Dinge, wie sie sind“ gestalten werde. Darauf freue ich mich sehr, gleichwohl bin ich ehrlich gesagt auch ein bisschen angespannt. Nachdem ich meine Zusage dort gegeben hatte, gingen mir – vermutlich ein wenig zermürbende – Gedanken durch den Kopf wie: Ich bin ja nun nicht gerade das Paradebeispiel einer „gelungenen“ Transplantation (das in wirklich dicken Anführungsstrichen). Was also löst z.B. ein Text wie „Der Mann, der mich liebt“, der ja recht schonungslos über alle Schwierigkeiten und Komplikationen nach der Transplantation erzählt – auch wenn alles in eine „Liebesgeschichte“ verpackt ist – in jemandem aus, dem eben die Transplantation noch bevorsteht???

Neu in diesem Monat hier: Auf dem Schreibtisch können Sie sich wie schon angekündigt nun meinen Text „Bald, bald vielleicht“ in voller Länge anhören.
Ebenfalls neu: Sie können mich jetzt auch auf einer Facebookseite besuchen. Klicken Sie einfach auf den blauen Facebook-Button unten in der Menüleiste. Da finden Sie kurz und kompakt Informationen zu mir, meinen Büchern, den weiteren Lesungen etc. Ein paar Fotos der Lesung vom 28. September im Offenen Atelier in Quickborn können Sie sich dort auch anschauen. Sie können sich auch gerne mit mir befreunden, und wenn Sie mich liken, freue ich mich besonders (ich mag es nämlich, gemocht zu werden … J )

In diesem Sinne – bis bald

Heike Hartmann-Heesch

Unter www.weblesungen.de können Sie sich vom 9.-15.9. einen Ausschnitt aus meinem Text „Bald, bald vielleicht“ anhören. Danach dann dort im Archiv.

Vorbei ist die brütende Hitze, die Sonne steht selbst um die Mittagszeit schon so tief, dass sie nicht mehr über die Häuser auf der anderen Straßenseite reicht und der kleine Vorgarten bei uns fast nur noch im Schatten liegt. Eine eigene Hokkaidozucht in ebendiesem ist kläglich gescheitert: Mehr als drei Früchte in etwa cocktailtomatengroßem Format, allerdings in annähernd quietschorangener Farbe, sind bei diesem ersten Versuch nicht herausgekommen. Geblüht haben die Kürbispflanzen aber wunderbar – und in Teig gebackene Hokkaidoblüten sind ja auch nicht zu verachten! Immerhin. J
Brombeeren aus dem Volkspark und die Holunderbeeren vom Baum im Vorgarten sind gepflückt und zu Gelee verarbeitet; und zum bislang letzten in diesem Sommer zu einem schönen Ritual gewordenen Sonntagsfrühstückspicknick am Elbstrand musste ich schon meine gute alte wind- und (nicht-mehr-ganz) regendichte (nicht-mal-original-) englische Wachsjacke vorkramen. Noch sind die Temperaturen zwar zweistellig, das Café nebenan hat aber trotzdem schon mal die Fleecedecken herausgeholt, und wenn ich abends das Wohnzimmerfenster noch weit geöffnet habe, kann ich kaum noch Gelächter und Stimmengewirr aus dem Garten des Cafés vernehmen. So schade. Ich ertappe mich in einer ersten spätsommerlich-frühherbstlichen Melancholie – erinnere ich mich doch noch so gut an die Zeilen, die ich hier im März diesen Jahres schrieb: „Die Zeit steht still, einen Moment; ein wunderbarer Moment Glückseligkeit. Die Wärme auf der Haut und die nur durch das dunkle Geäst der Baumgerippe gedämpfte Helligkeit lassen vergessen, dass es je kalte lange dunkle Wintertage gegeben hat, gaukeln mir vor, dass es auch nie wieder welche geben wird.“ Nun, die Zeit hat natürlich nicht stillgestanden, die Wärme auf der Haut spüre ich nur noch, wenn ich direkt in der Sonne sitze. Noch tragen die Bäume ihr Grün, und auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass es bis zu den langen Wintertagen noch eine ganze Weile hin ist: Die Tage sind nun mal nicht mehr so lange hell und so warm. Höchste Zeit also, ein paar Freizeitaktivitäten wieder nach drinnen zu verlagern, und beste Gelegenheit, sich mal wieder was vorlesen zu lassen.

Die Sommerpause der Offenen Bühne im Bistro Roth ist vorüber, los geht’s wieder am 08. September wie gehabt um 20.00 Uhr.
Vom 09.-15. September bleiben Sie doch gern auf dem eigenen Sofa sitzen, Sie können sich unter www.weblesungen.de dann einen Ausschnitt aus meinem Text „Bald, bald vielleicht“ anhören. Danach dann dort im Archiv sowie in der Vollversion hier auf dem Schreibtisch.
Den zweiten Teil meines neuen Textes „Tapetenwechsel“ kriegen Sie auf der monatlichen Spätlese im Kulturpunkt Barmbek°Basch zu hören – am 17. September ab 19.30 Uhr.
Auf den 26. September freue ich mich schon eine ganze Weile. Dann findet die jährliche Glinder Autorennacht im Alten Gutshaus in Glinde statt, in diesem Jahr bereits zum 9. Mal! Ich bin immer wieder begeistert von der tollen Atmosphäre dort im Kaminzimmer. Kleine Köstlichkeiten versüßen die Pause, und Livemusik gibt’s natürlich auch wieder. Alle weiteren Infos, Plakat und Presse finden Sie hier.
Und als besonderen Leckerbissen gibt’s am 28. September von 14.00 – 16.00 Uhr eine Lesung im Offenen Atelier in Quickborn: Beate Finkenzeller, Karsten Meyer und ich präsentieren einen Querschnitt aus unseren Programmen. Das wird super, sag ich Ihnen. Detaillierte Infos zu allen Lesungen finden Sie wie immer unter Ausgesprochenes.

Ich hoffe, wir sehen uns!

Dies ist schon der achte August, der hier auf der Papiersinfonie beginnt.

Als ich mit dieser Webseite startete, gab es monatlich im Wesentlichen nur kurze Ankündigungen in Bezug auf neue Texte, Anthologien, Lesungen, damals ja noch recht selten, oder Hinweise auf Artikel im monatlich erscheinenden Eimsbütteler Stadtteilmagazin „Das Viertel“, für das ich damals schrieb. So auch im August 2007. Den damals dort angekündigten Artikel „Vogelperspektive“, eine kleine Hommage an meinen Stadtteil, können Sie hier nachlesen J.
Im Jahr darauf folgte bereits das erste Sommerloch.
Im August 2009 stand ich bereits auf der Hochdringlichkeitsliste für die Transplantation und war bereits seit knapp einem Dreivierteljahr fast ununterbrochen im Krankenhaus. Ich schrieb über das Warten sowie über mein sich veränderndes Gefühl für zeitliche Relationen und andere Verhältnismäßigkeiten; über meine Schwierigkeiten, meinen kleinen Kosmos „Alltag“ im Krankenhaus irgendwie funktionieren zu lassen: Wie konnte ich mich am besten unsichtbar machen, um nicht unnötig oft aufzufallen und gleichzeitig am lautesten schreien, um bloß nicht überhört zu werden? Fast jeder Tag glich damals dem vorhergegangen und dem folgenden; nur ich hatte das Gefühl, mir immer weniger zu „gleichen“.
Im August 2010 konnte ich gar nicht schreiben, die Transplantation war gerade zweieinhalb Monate her, ich lag bewegungsunfähig, beatmet und nicht sprechen könnend auf der Intensivstation – mein Mann Detlef schrieb damals fast ein halbes Jahr lang an meiner Stelle: „Zeit wird zur Summe bewältigter Tage, Zuversicht und Verzagen liegen nah beieinander, das Wort G e d u l d  klingt provozierend ...“
2011 nun stand ich nach fast drei Jahren Krankenhaus und Betreutes Wohnen Intensivpflege kurz vor meiner Rückkehr nach Hause, und zitierte zum wiederholten Male die letzten Sätze aus Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“, die mir auch heute noch und immer wieder neu sehr viel bedeuten:
„Sie hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse.
Aber sie hat keine Angst.
Das wiegt alles auf: Daß wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen. Daß wir aus dem vollen leben, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben.
Als könnte er nie zu Ende gehen.“
Der August 2012, oje, ist ein bisschen ambivalent: Retrospektiv glaube ich, dass sich da meine erste Krise andeutete. Zwar war ich inzwischen den ganzen Tag spontanatmend, und damit auch wieder sprechend, ich hatte sogar schon meine erste Lesung bewältigt, ich war seit über einem halben Jahr dialysefrei bei sich zumindest nicht verschlechternden Werten, aber dennoch hatte ich das Gefühl einer Stagnation: Es ging irgendwie nichts mehr voran und ich begann zu hadern, unter anderem auch deshalb, weil ich Schwierigkeiten hatte, mich täglich wieder aufs Neue zu motivieren, nicht aufzugeben zu kämpfen, zu hoffen, zu glauben, an Verbesserungen zu arbeiten. Das alles spiegelt sich wohl in dem August-Text von 2012 wieder. Gleichzeitig war ich unruhig, wünschte mir aber eigentlich nichts sehnlicher als doch mal auszuruhen, einfach mal auszuruhen. Das spiegelt sich wohl eher in der Bilderleiste mit Fotos rund um den Eimsbütteler Weiher und der dazugehörigen Überschrift wieder – die mir übrigens auch heute noch gut gefällt und die so viel preisgibt von dieser Sehnsucht: „Stille Wasser, Zwielichtgrün, frühe Schatten, bonny swans und andere Regenenten“.
Im August 2013, betitelt mit „Kleine Glücksgefühle und alltägliche Widrigkeiten“, plagte mich gerade mal wieder ein gesundheitliches Problem, ein Kollateralschaden sozusagen. Das Problem war in den Griff zu bekommen, wie bislang immer, dennoch fehlte mir damals sogar der Elan für vollständige Sätze und ich begnügte mich mit einer Aneinanderreihung von Stichworten; und, wieder einmal, musste Christa Wolf herhalten. Gäbe es einen Preis für das am häufigsten verwendete und am meisten geliebte Zitat, nun, ich würde mit diesem (Sie kamen nicht umhin, es ja selbst noch einmal zu lesen) sicherlich zumindest nominiert werden.
Jetzt haben wir August 2014. Seit Wochen beschert uns dieses Jahr einen wunderbaren Sommer, inklusive, Sie werden es an meinen obigen Zeilen gemerkt haben, Sommerloch. Aber im September, da geht’s wieder los, versprochen: Neue Texte, neue Lesungen. Ich freue mich darauf. Sie können ja vorab schon einmal einen Blick auf die Ankündigungen unter „Ausgesprochenes“ werfen. Oder kommen Sie am 20.08. zur monatlichen Spät-Lese in den Kulturpunkt Barmbek°Basch. Da gibt's einen weiteren kleinen Einblick in einen Text nach „Die Dinge, wie sie sind“: „Tapetenwechsel, Teil 1“.
Bis dahin genießen Sie den Sommer und haben Sie eine gute Zeit 

Heike Hartmann-Heesch

 

Gezählt wird überall: die Tore beim Fußball, Kalorien beim Essen; Dagobert Duck (nicht nur der) zählt sein Geld; schon in der Bibel wurde das Volk gezählt, auch die Tierpopulation wird regelmäßig zahlenmäßig erfasst, nicht nur in Hagenbecks Tierpark. Auch im übertragenden Sinn nutzt unser Sprachgebrauch das Wort „zählen“ in vielerlei Variationen: Man kann ausgezählt werden; wer nicht einschlafen kann, zählt Schäfchen; kleinliche Menschen werden als Erbsenzähler bezeichnet; geizige zählen einem die Bissen in den Mund; vermeintlich dumme Menschen können nicht bis drei zählen; bei sehr schlanken Menschen kann man die Rippen zählen; bei schwer kranken Menschen können unter Umstände die Tage gezählt sein; auf verlässliche kann man zählen. Etwas sehr Wichtiges kann das Einzige sein, das zählt; manche Dinge sind sogar so wichtig, dass sie doppelt zählen.
Zählen ist, nach Wikipedia, „eine Handlung zur Ermittlung der Anzahl der Elemente in einer endlichen Menge von gleichwertigen Objekten. Das Zählen erfolgt in Zählschritten, oft in Einerschritten, wobei die entsprechende Zahlenfolge als Folge von Zahlwörtern, zum Beispiel „eins, zwei, drei“ […] durchlaufen wird. Bei einer aufsteigenden Folge wird vorwärts gezählt, bei einer absteigenden Folge rückwärts.“ So weit, so logisch.

Wie ist das mit Zeit? Wie zählbar ist Zeit?
Man kann sicherlich die Tage bis zum nächsten Urlaub, bis Weihnachten, bis zu einem bestimmten Ereignis zählen, aber bei der Zeitbestimmung spricht man in der Regel wohl eher von „Messung“, also der Angabe von Messgrößen der Zeit in eindeutigen Bezugseinheiten: Man kann zum Beispiel einen ganz bestimmen Zeitpunkt bestimmen („Wahre Zeit“, Sonnen- bzw. Sternzeit); Zeitmessung umfasst aber auch Messung von Zeitintervallen, zum Beispiel in der Physik und Kinematik (Bewegung, Geschwindigkeit); im Sport; oder auch zur Bestimmung einer Dauer bei Vorgängen im Alltag.
Zu letzterem hätte ich dann auch etwas beizusteuern; allerdings habe ich bei der oben erwähnten „Bestimmung einer Dauer“ tatsächlich weniger gemessen als doch gezählt, und, mit Verlaub, ich war eine wahre Meisterin des Zählens!, sowohl was „vorwärts zählen“, siehe Definition oben, als auch „rückwärts zählen“ betrifft. Beides erscheint mir rückblickend nicht positiv.
In Bezug auf „rückwärts zählen“ erinnere ich mich an folgende Situationen auf einer der Intensivstationen direkt nach der Transplantation, es muss also im frühen Sommer 2010 gewesen sein: Ich war damals noch komplett bettlägerig, konnte weder Arme noch Beine noch den Körper selbständig bewegen, den Kopf allerdings ein bisschen drehen, und an der Wand rechts neben meinem Bett hing oben so eine ganz typische Wanduhr, rund, mit weißem Hintergrund, schwarzen Ziffern und einem in meiner Erinnerung extrem fetten Sekundenzeiger! Diese Uhr, respektive die Zeiger, war mein Fixpunkt; nicht nur in den unendlich erscheinenden schlaflosen Nächten verfolgte ich den Lauf des Sekundenzeigers (also vorwärts zählen …), sondern vor allem während der ersten Versuche in Sachen Entwöhnung von der Beatmungsmaschine damals. Oft liefen diese Versuch so ab: Einer der Pfleger stöpselte mich von der Maschine ab und an die so genannte Feuchte Nase an, um das Selbstatmen zu trainieren, und sagte so etwas wie „Nun atmen Sie man schön, ich schaue in fünf (alternativ: zehn, fünfzehn, zwanzig) Minuten wieder nach Ihnen.“ Da stieg oft sofort Panik in mir auf, trotz Beruhigungsmittel, die ich oft vorher extra deswegen bekam. Ich habe dann diesen Sekundenzeiger genau verfolgt, und nach fünf Minuten geklingelt, wenn niemand kam. In einigen Situationen dann hat ein Pfleger immer, wenn ich spontan atmen sollte, entweder die Uhr mit einem Kissenbezug abgedeckt!!! oder mir die Klingel nicht auf den Bauch gelegt (ich konnte meine Arme ja noch nicht bewegen). Nie habe ich mich hilfloser und ohnmächtiger gefühlt als in diesen Momenten, in denen ich dann nicht mal mehr die Sekunden und Minuten rückwärts zählen durfte, auch wenn sie natürlich vorwärts liefen: gestohlene Zeit.

Im Dezember 2010, also knapp sieben Monate nach meiner Transplantation, ich lebte damals bereits anderthalb Monate im Betreuten Wohnen Intensiv, startete ich dann einen erneuten Versuch in Sachen Beatmungsmaschinenentwöhnung, nachdem die von den Ärzten initiierten Versuche auf den Intensivstationen vorher alle fehlgeschlagen waren. Damals, im Dezember 2010 also, war ich immer noch komplett bettlägerig, konnte aber die Arme schon wieder ein bisschen bewegen. Ich war aber dennoch stets darauf angewiesen, dass mich jemand vom Pflegepersonal oder später dann mein Mann von der Maschine ab- und an die Feuchte Nase stöpselte, und ich war immer sehr sehr sehr darauf erpicht, dass jemand anderes anwesend war, während ich meine Spontanatmungsphasen hatte, da ich mich an die Situationen auf den Intensivstationen erinnerte. Kurz gesagt, ich wollte bei diesen erneuten Versuchen nie allein spontanatmend sein, anfangs nicht mal eine Minute. Da das im Betreuten Wohnen möglich war, glücklicherweise war der Personalschlüssel dort anfangs entsprechend hoch!, kam ich zunächst ganz gut voran, jeden Tag ein paar Minuten länger. All das wurde von den Pflegekräften natürlich genauestens protokolliert. So etwa im März 2011 war ich dann so mobil, konnte meine Hände und auch den Oberkörper so weit bewegen, dass ich mich allein von der Maschine ab-, um- und wenn es nicht mehr ging auch wieder anstöpseln konnte. Von da an nahm ich das Spontanatmungstraining langsam selbst in die Hand. Anfangs sagte ich dem Pflegepersonal natürlich noch Bescheid, damit die Zeiten entsprechend notiert wurden, später habe ich das dann auch selbst protokolliert. Das ist irgendwann zum Selbstgänger geworden. Da ich, wie Sie hier in den letzten Jahren ja auch mitverfolgen konnten, viele Rückschläge hatte, was Spontanatmen betrifft, habe ich stets akribisch jede Minute am Tag, die ich selbst geatmet hatte, aufgeschrieben, um zumindest einen Überblick über den Tages-, später Wochen- oder Monatsdurchschnitt zu haben. Das habe ich beibehalten, auch, als ich dann wieder zu Hause lebte, besonders, als dann das so genannte Sprechventil ins Spiel kam, welches ich ja auch heute noch tagsüber benutze und welches mich dazu befähigte, wenigstens wieder sprechen zu können, was vorher ja gar nicht möglich war, und ich so ab Februar 2012 sowieso (fast) den ganzen wachen Tag spontanatmend war und nur noch nachts an der Maschine. Trotzdem habe ich weiter Minuten notiert, selbst die nachts, wenn ich mal aufgestanden war, weil ich nicht schlafen konnte; ich habe die Zeit, die ich tagsüber an der Maschine verbrachte, wenn ich zum Beispiel morgens und abends inhalierte, abgezogen, ganz akribisch, weil ich immer das Gefühl hatte, so eine gewisse Kontrolle zu behalten, so überblicken zu können, ob ich mich „verbessere“ oder ob es mal Rückschritte gab. Das ging so weit, dass ich sogar morgens ein bisschen eher aufgestanden bin, um noch eine halbe Stunde mehr auf den Zettel zu kriegen, abends das Zubettgehen herausgezögert habe oder mich auch nachmittags nicht hingelegt habe (Liegen geht auch heute nur an der Maschine), obwohl es zu Zeiten mal notwendig gewesen wäre. Ganz besonders „gute“ Tage habe ich sogar rot markiert. Seit über anderthalb Jahren liegt mein Durchschnitt immer bei etwas über 15 Stunden, mal ein bisschen weniger, meist ein bisschen mehr, je nachdem, wie schlecht ich schlafe oder wie häufig ich inhaliere oder ob ich mir, wenn ich nicht so gut drauf bin, doch mal erlaube, mich eine Stunde tagsüber hinzulegen… Es gibt keine großartigen Unterschiede mehr, keine Höhen oder Tiefen, rote Markierungen auch schon lange nicht mehr, kleine Changierungen, aber der Schnitt bleibt immer ähnlich. Trotzdem schien ich wie besessen mit der Protokollierung!

Vor gut zwei Wochen nun habe ich beschlossen, nicht mehr zu zählen.
Für Außenstehende mag das albern klingen, für mich ist es eine Revolution. Ich habe meine „Listen“ zwar nicht weggeschmissen, aber tief in einen der hintersten Ordner verbannt, es liegen kein Zettel und kein Stift mehr am Bett – und neben dem kleinen Gefühl einer Befreiung, das ich so langsam verspüre, habe ich doch noch permanent ein schlechtes Gewissen. Irgendwie. Als würde ich etwas falsch machen. Etwas versäumen zu tun. Verrückt, oder?
Dabei habe ich bloß aufgehört, die Minuten zu zählen.

Ich wünsche langen einen sonnigen Juli – lassen Sie sich nicht auszählen!

Heike Hartmann-Heesch

Vom 20.6.-6.7. findet in Hamburg Altona zum 16. Mal das Kulturfest altonale statt. An vielen Orten in Altona wird es eine bunte Mischung aus kulturellen Veranstaltungen geben; und auch literarisch wird die altonale entfacht: Bereits zum 12. Mal gibt es die literatur altonale mit über 30 Veranstaltungen in unterschiedlichen Formaten, an außergewöhnlichen Orten, für Kinder und Erwachsene. Gelesen wird zu Land, zu Wasser, im Bus, auf dem Rad, vorm Kiosk, in einer Kirche und an vielen weiteren Orten. Eine Veranstaltung ist die altonale Lesebühne der Textfabrique 51 am Montag, 23.6. um 19.00 Uhr im Bistro Roth in der Rothestraße. Ich werde auch dabei sein und hoffe, wir sehen – und hören – uns dort!

Hören können Sie auch wieder mal hier. Auf dem Schreibtisch können Sie sich nun auch meinen Text „Dich schlafen sehen“ aus meinem Buch „Die Dinge, wie sie sind“ anhören. Das Besondere daran? Nun, zum einen handelt es sich um einen Live-Mitschnitt aus meiner Lesung vom 11. Mai im Waschhaus, und zum anderen könnten Sie sich ja mal fragen, ob es einen Unterschied macht, ob dieser Text von einer Frau oder einem Mann vorgelesen wird … Hier hören Sie also mal eine „männliche“ Interpretation … J

Wenn Sie wissen wollen, wie es mit meinem Projekt „Samstagsgeschichten“ weiter geht, kommen Sie doch am 18.6. zur monatlichen Spät-Lese in den Kulturpunkt Barmbek°Basch. Dort stelle ich den zweiten Teil des Textes „An einem Samstag im Mai“ vor, den ich immer mit etwas gerümpfter Nase, aber augenzwinkernd als „Kätzchentext“ bezeichne. (Wollen wir nicht alle endlich mal einen Kätzchentext schreiben?) Ich verrate Ihnen auch: In dem im letzten Monat vorgetragenen Teil sind die Kätzchen noch nicht aufgetaucht, insofern haben Sie bislang nichts verpasst außer dem wunderbaren Porträt eines Samstagsmittags in einer von Grund auf spießigen Bundeswehrsiedlung Mitte der Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit all den schönen Ansichten, Eigenheiten und Gewohnheiten ihrer Bewohner. Aber, versprochen, eigentlich geht’s wirklich um Kätzchen …

Ich wünsche einen sommerlichen Juni!

Ich freue mich sehr, dass mein Text „Bald, bald vielleicht“ zu den 25 Texten gehört, die in der diesjährigen Anthologie des MDR-Literaturwettbewerbs veröffentlicht werden. Das Buch „Die Taubenjägerin – Die besten Geschichten aus dem MDR-Literaturwettbewerb 2014“ erscheint am 5. Mai zur Leipziger Literaturnacht. Alle weiteren Infos unter PS. Dort können Sie auch einen Blick ins Buch werfen.

Wenn Sie nicht selbst lesen wollen, lassen Sie sich doch was vorlesen: Wo früher gewaschen wurde, wird heute gelesen. Am 11. Mai stelle ich im Rahmen von „Literatur im Waschhaus“ mein Buch „Die Dinge, wie sie sind“ auf einer Lesung in City Nord vor. Auch darüber und darauf freue ich mich sehr. Den Text aus der Taubenjägerin gibt’s dort natürlich auch, ebenso wie Kaffee und Kuchen in der Pause. Alle weiteren Infos und wie Sie dorthin finden unter Ausgesprochenes.

Das Buch „Die Dinge, wie sie sind“ steht in gewisser Weise in einem unmittelbaren Zusammenhang zu einem anderen Tag in diesem Monat, dem 14. Mai. Da nämlich jährt sich meine Transplantation zum 4. Mal, und das Buch ist, wenn Sie so wollen, ja auch eine kleine Bestandsaufnahme: Weit mehr als die Hälfte der Texte sind in der Zeit direkt vor der Transplantation oder eben seitdem entstanden; und einige Texte tragen, da erzähle ich Ihnen nichts Neues, autobiografische Züge. Nun ist das mit autobiografischen Texten ja immer so eine Sache: Ist das wirklich Literatur? Das rein biografische wahrscheinlich nicht, zumal der Brunnen, aus dem Ideen, Motive etc. … geschöpft werden, ja auch früher oder später möglicherweise versiegt. Und wie hält man es als Erzählerin mit der Distanz (oder eher der auf der Hand liegenden Unmöglichkeit von Distanz)? Vielleicht bedeutet (auto-)biografische Literatur, einen Punkt im Erzählen zu finden, von dem aus man distanziert auf sich schauen kann wie auf eine Fremde, über die man aber dennoch alles weiß.

Nebenbei laufe ich als jemand, der grundsätzlich in der 1. Person Singular schreibt, natürlich sowieso immer Gefahr, dass Leser Ereignisse, Sachverhalte und Gefühle, über die ich schreibe, 1:1 übertragen. Da kommen dann manchmal, selbst von (engeren) Bekannten, so Sätze wie „Aber das stimmt ja gar nicht! Wenn man hier auf dem Sessel sitzt, kann man ja gar nicht ins andere Zimmer gucken!“ (zum Text „Dich schlafen sehen“) oder „Ich hatte ja nicht geahnt, dass Sie eine Tochter hatten. Hatten Sie denn keinen Kontakt …?“ (zum Text „Spuren“) oder auch „Wo um alles in der Welt steht denn da auf dem Gelände ein Apfelbaum?“ (zum Text „Der siebte Tag“).
Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ich hatte schon immer eine ziemlich blühende Fantasie. Konnte Sachen gut ausschmücken. Aus einer Mücke einen Elefanten machen (im beschreibenden Sinn, wohlgemerkt). Meine Text-Ichs sind, bis auf wenige Ausnahmen, völlig fiktive Figuren, die vielleicht ein paar Eigenschaften, Erlebnisse oder auch Macken mit mir teilen. Und manchmal ist es auch andersrum. Dann gestatte ich diesen Ichs, zum Beispiel Sätze zu äußern, die ich selbst niemals sagen würde – vielleicht aber liebend gern sagen würde, oder in bestimmten Weisen zu handeln, wie ich es nicht tun würde, vielleicht aber gern täte.
Wie auch immer: Kommen Sie doch gern am 11. Mai zur Lesung und lernen mich und die anderen Ichs einfach mal kennen, ein bisschen. Zur Not können Sie ja immer noch mal nachfragen „Wie viel Ich steckt denn in Ich in …?“ J

Bis zum 11., wir, ääh, ich freue mich auf Sie.
Heike Hartmann-Heesch

PS: Sollten Sie am 11.5. verhindert sein, kommen Sie doch gern am 21.5. zur monatlichen Spät-Lese im Kulturpunkt Barmbek°Basch (siehe Ausgesprochenes): Dort stelle ich den ersten Teil eines neuen Projekts „Samstagsgeschichten“ vor.

Unter dem Titel „Blick auf das Wesentliche“ ist am 23.4. im Elbe Wochenblatt ein Porträt erschienen. Dank an Carsten Vitt. Klicken Sie für den Artikel einfach auf das Bild. (Oder hier für die Online-Version.)

 

 

 

Autorin und Literaturinterpretin Rena Larf präsentiert ab dem 11. April, 10.45 Uhr meinen Text „Der Mann, der mich liebt" in der Gastlesereihe des Hamburger Literaturradios. Vielen herzlichen Dank, Rena!

 

Ich finde es immer wieder spannend (wenn auch nicht verwunderlich) zu beobachten, wie sehr ein paar Tage gutes Wetter, vor allem aber wärmere Temperaturen, mein ganzes Lebensgefühl positiv beeinflussen: Das geht sogar so weit, dass ich mir mehr zutraue. Kleinigkeiten, die sich jedoch so groß anfühlen. Alltägliches, das sich für mich keineswegs von selbst versteht. Dinge gelingen, die in den letzten Jahren schier unmöglich waren/schienen: Ein Gang zur nächstgelegenen Postfiliale, zusammen mit meinem Mann (den mobilen Sauerstoffcontainer tragend), aber gänzlich ohne Rollstuhl. Zugegeben, alles in allem beträgt die Wegstrecke dorthin und zurück weniger als einen Kilometer, das entspricht einer Entfernung, die ich, wenn ich gut drauf bin, durchaus auch früher schon selbst gelaufen bin – aber niemals ohne die Sicherheit des Rollis dabei! Ich hatte neulich einfach den Impuls, den Rolli zu Hause stehen zu lassen – „zur Not“ gibt es unterwegs ja einige Bänke (dort zu pausieren ist bei Minustemperaturen natürlich kein Spaß). Auf halber Strecke plötzlich eine Stimme von hinten: „Das sieht ja gut aus.“: die Buchhändlerin aus dem Buchladen bei uns um die Ecke! Das ging runter wie Öl, kann ich nur salopp sagen! Dann plauderten wir eine kurze Weile auf dem Bürgersteig stehend – ein unheimlich schönes Gefühl, „auf Augenhöhe“ mit ihr – und überhaupt allen – zu sein, ihr gerade ins Gesicht schauen zu können (was sonst nur bei Kindern im Grundschulalter gelingt …).
Letztes Wochenende dann waren wir wieder einmal zu einem Sonnensonntagspicknick im Park, da hatten wir den Rolli zwar dabei, aber nie vorher, seit ich wieder zu Hause leben, bin ich einmal quer durch ein Stück des Volksparks auf eigenen Füßen gelaufen. Ich sage nicht, dass das einfach war. Aber es ging. Vielmehr: Ich ging. Auf dem Rückweg begegneten wir einem Paar, das gerade ihren Kindern (Zwillingen) das Radfahren beibrachte: die kleinen Knirpse auf den kleinen Rädern, ohne Stürzräder (hach, welch schöner Verschreiber!), wahlweise Mama oder Papa hinterher „Das machst du schon super. Immer weiter treten.“ Es klappte schon ziemlich prima, nur als wir (Mann + ich + Rolli) uns ziemlich breit auf dem Weg machten, kamen die Kleinen buchstäblich ein bisschen ins Schleudern: das mit dem Bremsen oder gar Ausweichen musste wohl noch ein bisschen geübt werden … J Fahrrad fahren nun ist etwas, an das ich schon vor und erst recht nach der Transplantation überhaupt keinen Gedanken mehr verschwendet habe, weil es so völlig im Bereich des Unmöglichen lag, dass daran wirklich nicht zu denken war. Nicht nur, weil buchstäblich die Puste nicht reicht, sondern auch, weil es motorisch schwierig zu bewältigen schien: Wie steigt man vernünftig auf (vor allem: ab), wenn das Bein vom Knie an taub ist, eben einfach wegknickt? Beim normalen Gehen lässt sich das relativ gut kompensieren, bergab, treppab ist extrem schwierig, aber es geht irgendwie. Dennoch rutschte mir dann der Satz aus: „Ich will auch mal wieder ne Runde Rad fahren.“ Zurück zu Hause kam mein Mann nach einer kleinen Weile zu mir an den Schreibtisch und meinte „Na, dann los. Ich hab mal die Luft auf den Reifen deines Fahrrades aufgepumpt und den Sattel so niedrig wie möglich gesetzt. Für den Sauerstoffkanister hab ich mir einen Korb vom Nachbarfahrrad „geborgt“ (bei uns parken die Fahrräder aller Hausbewohner in einer Art Atrium im Hausflur), den müssen wir nur noch festzurren …“ Es folgte eine kleine Trockenübung im Flur: Kann ich überhaupt noch auf dem Teil sitzen? J Ging. Dann also raus. Wir wohnen in einer kleinen Nebenstraße, 30-Zone, Einbahnstraße und sonntagnachmittags ist der Verkehr überschaubar – dennoch blieb ich für die erste Runde „um den Pudding“ lieber auf dem Bürgersteig. Es war ein kleines Déjà-vu: Mein Mann neben- bzw. hinterher. Was soll ich Ihnen sagen? Es ging, irgendwie. Gleichgewichtsmäßig war es überhaupt kein Problem, Treten im 1. Gang ging auch, na ja, eben halt so, gebremst habe ich mit beiden Handbremsen (mein Fahrrad hat glücklicherweise sowohl Hand- als auch Fußbremsen) und das mit dem Absteigen, okay, das muss ich wohl noch ein bisschen üben … Nach einer Runde stieg mein Adrenalinspiegel parallel zum Puls, ich aber hatte Feuer gefangen, wechselte vom Bürgersteig auf die Straße und legte eine zweite und dritte Runde hinterher. Danach war erst mal Ende. Wegen Puste, vor allem aber wegen des Gefühls in den Oberschenkeln: So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn jemand 24 Stunden im Sattel hoch zu Pferde gewesen ist … Es war super. Und wird wiederholt. Garantiert. (Und ich hatte noch Stunden später ein sehr breites Grinsen im Gesicht …) Ich werde sicherlich keine ausdauernden Radtouren unternehmen können, das wage ich jetzt schon zu prognostizieren, und dies Ereignis wird auch keine wahnsinnig spannenden neuen Möglichkeiten eröffnen, aber, hey, so what? Ich kann Fahrrad fahren. Und zur Postfiliale laufen. Dem Frühling sei Dank.

Ich wünsche einen ganz aufbrüchigen April!

Ein Sonntagmittag im März, ein Sonnensonntagmittag, wie habe ich mich während der letzten Monate auf diesen Moment gefreut: der erste Kaffee draußen in dem kleinen Café im Park. Den ganzen Sommer über liegt dies Café eher im Dunkeln, mitten unter den riesigen Bäumen,  kaum durchlässig für einen Sonnenstrahl. Aber jetzt, am gestrigen Sonnensonntagmittag, sind die Bäume noch kahl und die Sonne steht hoch. Der Kaffeebecher auf dem Tisch vor mir dampft ein wenig, ich schließe die Augen, die Sonne blendet. Nach ein paar Minuten merke ich, dass ich in meinem wollenen Wintermantel viel zu warm angezogen bin, öffne zuerst nur die Knöpfe, noch ein paar Minuten später ziehe ich ihn ganz aus, noch ein paar Minuten später wage ich, die Pulloverärmel hochzukrempeln. Irgendwann krame ich die Sonnenbrille vor. Das fehlende Laub und damit auch das unterschwellige leichte Dauerrascheln der Blätter machen diesen Platz irgendwie hellhöriger als sonst, viel hellhöriger, ich kann jeden Satz der Menschen an den Tischen um uns rum verstehen, ich weiß nicht, vielleicht reden wir in solchen ersten Momenten draußen auch noch viel lauter, weil wir uns noch nicht wieder daran gewöhnt haben, dass wir nicht allein auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen, sondern jeder alles mithören kann – ich weiß es nicht, ist auch nicht wichtig. Kindergejauchze vom großen Spielplatz auf der anderen Seite des Weges, Grillgerüche ziehen vom Grillplatz vorbei, Pommesgerüche vom Büdchen hinter uns, egal. Das Leben draußen hat mich wieder.

Ich schließe die Augen erneut. Die Zeit steht still, einen Moment; ein wunderbarer Moment Glückseligkeit. Die Wärme auf der Haut und die nur durch das dunkle Geäst der Baumgerippe gedämpfte Helligkeit lassen vergessen, dass es je kalte lange dunkle Wintertage gegeben hat, gaukeln mir vor, dass es auch nie wieder welche geben wird.


… wird endlich gut!

Eigentlich gilt die Überschrift für letzten Monat auch noch für diesen: Die Dinge sind halt, wie sie sind. Das Erscheinungsdatum meines neuen Buches verzögerte sich, aus diesen und aus jenen Gründen, oder auch aus ganz anderen. Ich fühlte mich auf dem Sprung; „alert“ würden die Briten vielleicht dazu sagen, ein schönes Wort, für das das Deutsche irgendwie kein so wirklich passendes kurzes Äquivalent hat; und „alert“ beinhaltet so viel: die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die Anspannung, ein bisschen wie in Alarmbereitschaft versetzt sein. Na ja, so in etwa fühlte es sich an. Das frustrierte ein bisschen, weil ich das Gefühl hatte, mir ginge die Puste aus, ohne überhaupt losgelaufen zu sein: zu lange in Startposition zu stehen, ohne losrennen zu können, verkrampft dann doch eher.
Jetzt aber ist es endlich so weit, und ich freue mich sehr über die Veröffentlichung von „Die Dinge, wie sie sind“: über 100 Seiten Erzählungen, die meisten von ihnen lesebühnenerprobt, eine sogar preisgekrönt (Walter-Kempowski-Literaturpreis 2013) J, alle jedoch mit viel Herzblut.
Begleiten Sie mich auf der Reise über ein paar Stationen des Lebens und werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen des oft Fremden im Eigenen, des Neuen im Alten, des Glaubens im Zweifel und der Freundschaft in der Liebe …
Was bleibt, unterm Strich des Vordergründigen, sind Die Dinge, wie sie sind.
So einfach ist das manchmal. Viel Freude bei der Lektüre.
Bestellungen ab sofort gerne bei mir, beim Verlag, in der Buchhandlung Ihres Vertrauens und wenn’s sein muss auch über amazon, wenn es denn dort gelistet ist irgendwann. Über Rückmeldungen freue ich mich natürlich auch sehr!

Ich wünsche einen bezaubernden Frühlingsbeginn!

Heike Hartmann-Heesch

Fast hätte es geklappt, und mein neues Buch wäre so rechtzeitig erschienen, dass ich es zum Monatsanfang hier hätte ankündigen können. Wie gesagt, fast. Nun dauert es aber doch noch einige Tage. Aber wenn Sie hier klicken, finden Sie einen kleinen Vorgeschmack. Nein, keine Leseprobe, sondern ein Lesezeichen … Sie brauchen bloß eine für Ihren Drucker geeignete starke Papiersorte einzulegen, auszudrucken und auszuschneiden – fertig! Wenn Sie wollen, können Sie natürlich noch an der markierten Stelle oben ein Loch reinstanzen und ein farblich passendes Bändchen hindurchfädeln. Is´ nur etwas schwierig, dies virtuell mitzuliefern … J

Für alles weitere, das Buch und das Leben betreffend, melde ich mich in Kürze noch einmal. Haben Sie bis dahin eine möglichst frostfreie Zeit.

Heike Hartmann-Heesch

Unter dem Titel „Eine Hommage an die Sprache" ist in den Eimsbütteler Nachrichten heute ein sehr schönes Porträt veröffentlicht worden. Ich bedanke mich bei Ghasal Falaki (Text) und Christine Klein (Fotos). Lesen Sie selbst: hier. Christine Klein bloggt übrigens unter stratford2000. Unbedingt reinklicken!

Und, übrigens: Wie Sie feststellen werden, habe ich die Website auf eine andere Schrift umgestellt. Leider will dies alte Programm nicht so wie ich - an vielen Stellen ist das Layout noch etwas verrutscht bzw. es tauchen mittendrin doch noch andere bzw. das alte Schriftbild(er) auf. Tut mir sehr leid. Ich arbeite dran ...







 

In diesem Monat auf der Papiersinfonie: eine Besprechung des neuen Romans „Dunkles Licht in heller Nacht“ von Wolfgang A. Gogolin unter Lesezeichen. Mein Text „Spuren“ dauerhaft zum Anhören auf dem Schreibtisch. Ein kleiner Artikel mit ziemlich großem Schmunzelfaktor (O-Ton: „Hamburgs tapferste Schriftstellerin“) an der Pinnwand.

„Ein Jahr zählt mit so vielen Tagen, wie man genutzt hat“ sagte George Bernard Shaw (1856-1950). Manchmal zählt auch eine einzelne Stunde, finde ich. Ich gehe mit vielen Ideen, einigen konkreten Plänen, vor allem aber mit großer Hoffnung und Freude ins neue Jahr. Sie hoffentlich auch. Es wird ein gutes.

Heike Hartmann-Heesch

 

Ich hatte Ihnen ja im letzten Monat versprochen, Ihnen meinen Text „Spuren“ online zu stellen, habe mich jedoch anders entschieden, da Sie sich den Text genauso gut auch anhören können: bei den Hamburger Weblesungen, unter www.weblesungen.de, vom 17.-23. Dezember. Danach dann dort im Archiv. Stattdessen können Sie auf dem Schreibtisch meinen Text „Der Mann, der mich liebt“ nachlesen, für den ich im vergangenen Monat mit dem Walter-Kempowski-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Von dieser Stelle aus den beiden anderen Gewinnern Jürgen Helm und Florian Gmeiner noch einmal meine herzlichsten Glückwünsche! Ein Foto der Preisverleihung ist unter Ausgesprochenes anzuklicken.
Wie Sie feststellen werden, habe ich den Schreibtisch aufgeräumt und dabei einige ältere Texte entfernt. Das macht aber gar nichts – denn schon im kommenden Monat gibt’s dafür was Handfestes: mein neues Buch „Die Dinge, wie sie sind“. Unter PS können Sie schon einen Blick darauf werden. Ist doch sowieso viel schöner, ein Buch in der Hand zu halten als am Bildschirm zu lesen, oder? Vorbestellungen also gern ab sofort bei mir! (Ich stelle Ihnen natürlich auch liebend gern einen Geschenkgutschein aus, damit Sie das Buch – wenigstens gedanklich – schon zu Weihnachten unter Ihre Lieben bringen können … J)

So neigt sich wieder ein Jahr dem Ende; und ich bin nicht sicher, ob es sich eher positiv oder negativ für mich anfühlt, dass sich meine Grundstimmung nicht wesentlich verändert hat gegenüber meinem Eintrag hier vor einem Jahr. Jedenfalls: Es geht mir ganz gut, auch wenn ich immer wieder Zeiten habe, in denen (da zitier ich mich mal selbst ganz frei …) die verdammte Abhängigkeit von Mensch, Maschinen und Medikamenten so schwer wiegt, sich die Eingeschränktheit sehr beklemmend anfühlt und ich eine gewisse Leichtigkeit im Sein vermisse, weil alles immer bedacht, bemessen werden muss und das (Weiter-) Leben manchmal als ein fragiles Konstrukt aus ziemlich vielen Unbekannten erscheint. Ich hatte auf einen ruhigen Herbst im Gleichklang gehofft, nun, daraus ist nichts geworden, stürmisch waren sie eher, die letzten Wochen, und das ist bitte nicht wettertechnisch zu verstehen. So fühle ich mich derzeit ein bisschen ausgepowert: Die Luft ist raus, sagt man doch so schön, und ich sehne mich nach einer jetzt wenigstens ruhigen Adventszeit. Dabei vermisse ich jedoch dies besondere Adventgefühl, das sich eigentlich immer automatisch einstellte, weil ich den Advent immer als besondere Zeit empfunden habe: als Anfang im Ende, als Zeit mit Rückbesinnung, Innehalten, aber auch Vorwärtsschauen. Doch vielleicht ist das ja auch ganz gut so – wozu Bilanz ziehen, jetzt, wenn es doch weiter geht. Einfach immer weiter. Ein paar Schritte vor, oft auch mal einen zurück, aber immer weiter. Im letzten Jahr fühlte ich mich in Aufbruchstimmung, weil einfach so viel in mir nach Veränderung schrie, und ich hatte mir für dies Jahr den Mut gewünscht, zumindest die Veränderungen auch zu wagen, die ich selbst in der Hand habe. Immerhin brauche ich nicht lange zu überlegen: Das ist mir gelungen. Geglückt. Und das ist prima. Dazu gekommen sind einige Veränderungen, die ich ganz sicher nicht von mir selbst aus angegangen wäre, ganz zu schweigen davon, dass ich sie gewollt hätte, bei denen ich aber vor vollendete Tatsachen gestellt wurde (z.B. der überraschend anstehende Wechsel des Pflegedienstes im Sommer, was ja ein ziemlicher Akt war) – und soll ich Ihnen mal was sagen? Auch das fühlt sich inzwischen so an, als habe es einfach sein sollen. Mit der jetzigen Situation geht es mir tatsächlich sehr viel besser als vorher.
Als ich 2011 den Schritt nach Hause wagte, habe ich nie für länger als ein paar Wochen im Voraus gedacht und geplant, weil ich mir solch Gedankenspiele gar nicht erlaubt habe aus Angst, zu enttäuscht zu sein, würden viele Hoffnungen und Wünsche schon allein deshalb nicht zu erfüllen sein, weil mir die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Das hat sich natürlich relativiert mit den Jahren. Aber, mal ganz ehrlich, an eine Zeit nach „jetzt“ habe ich tatsächlich noch nie wirklich gedacht, komischerweise „endete“ meine gedankliche Planung immer im Herbst diesen Jahres.
Nun, jener jedoch ist so gut wie vorüber. Der Advent klopft bereits an die Tür. Und auch wenn ich also jetzt nicht sonderlich adventlich gestimmt bin: Es wird weitergehen. Einfach immer weiter.

Haben Sie eine gesegnete Adventszeit.
Heike Hartmann-Heesch

 

Mein Großvater Otto (1909-1992) ist zeit seines Lebens ein großer Verehrer Willy Brandts (1913-ebenfalls 1992) gewesen. Nur ein einziges Mal ist er, mein Opa, ihm, dem Willy, wie er ihn immer nannte, auf einer Veranstaltung begegnet; und noch heute geht folgende Kunde in meiner Familie: Vor den Neuwahlen zum Bundestag im November 1972 (Willy Brandt hatte im September die Vertrauensfrage gestellt, die Bundesminister enthielten sich – im Sinne Brandts –, sodass die Vertrauensfrage negativ beantwortet wurde und Bundespräsident Gustav Heinemann den Bundestag auflösen konnte) drückte mir mein Großvater auf jedem Spaziergang, den er mit mir, damals als gerade 3-Jährige noch in der Kinderkarre, unternahm, ein kleines rotes SPD-Fähnchen in die Hand – und ich begrüßte alle Menschen, die uns auf diesen Spaziergängen (Kleinstadt!) begegneten, laut juchzend mit „Willy wählen!“. Nach Willy Brandts Tod im Oktober 1992, mein Großvater war zu diesem Zeitpunkt auch bereits sterbenskrank, sagte Opa zu mir: „Du, der Willy ist tot. Jetzt kann ich auch abtreten.“
Das ist O-Ton.
Im Foyer des Verlagshauses Gruner & Jahr am Baumwall in Hamburg läuft zurzeit die Ausstellung „100 Jahre Willy Brandt – eine Hommage in Bildern“. Knapp 100 Fotos von Volker Hinz, Robert Leck, Thomas Hoepker und Max Scheler zeigen ein Gesicht Willy Brandts, „das wie geschaffen war für Fotografen, die nicht die glatte Oberfläche, sondern Tiefe suchen. […] Sie zeigen uns immer ein wenig mehr, als Brandt preisgeben wollte.“
Meinen Großvater hätte diese Ausstellung sehr beeindruckt. Er überlebte Willy Brandt nur 22 Tage.
Die Ausstellung ist noch bis zum 24. November zu sehen. Der Eintritt ist frei.  

Nicht immer kann Kunst kostenlos sein (auch Künstler müssen leben). Dennoch gibt es unzählige Veranstaltungen in und um Hamburg, die keinen Eintritt kosten.  Der „Kulturlotse Hamburg e.V.“ hilft auf seinem Internetportal Menschen, ohne Geld am Kulturleben von Hamburg teilzunehmen und bietet gleichzeitig Veranstaltern und Kulturschaffenden eine Plattform, um kostenfrei ihre Events bekannt zu machen: www.kulturlotse.de Klicken Sie doch mal rein!

Kostenfrei ist auch unser Literarischer Stadtteilspaziergang über den Dulsberg am 16.11. In schön-düsterer Novemberatmosphäre präsentieren Ihnen Beate Finkenzeller, Rüdiger N. Aboreas, ich und weitere an verschiedenen Stationen Texte zum Thema „Herbststürme“, durchaus auch im übertragenen Sinn zu verstehen! Los geht’s um 17.00 Uhr am Marktmeisterhäuschen. Wir wärmen Ihnen die Herzen mit unseren Texten, Glühwein und heiße Würstchen gibt’s hinterher. Und Musik. Alle weiteren Infos hier auf dem Plakat. Ziehen Sie sich warm an – es wird stürmisch! Unsere Hommage an den Herbst. Meinen Text zur Herbstlese „Spuren" können Sie nach dem 16.11. hier auf dem Schreibtisch nachlesen. Sollte es an diesem Samstag wider Erwarten in Strömen regnen, verbleiben wir im Marktmeisterhäuschen.

Ob es zwei Tage vorher auch stürmisch wird, kann ich natürlich nicht sagen, dennoch ahne ich, dass zumindest mein Inneres in Aufruhr sein wird. Denn am 14.11. finden die Endausscheidung (um die Plätze 1-3) und Preisverleihung des diesjährigen Walter-Kempowski-Preises statt, der als Förderpreis der Hamburger Autorenvereinigung alle zwei Jahre an deutschsprachige AutorInnen für einen bisher unveröffentlichten Prosa-Text in Form einer Kurzgeschichte vergeben wird. Ich freue mich sehr sehr sehr, zu den Preisträgern zu gehören und bin mächtig aufgewühlt. So eine Preisverleihung erlebt man ja schließlich auch nicht alle Tage.

Ganz anders aufgewühlt und zutiefst berührt hat mich die Lektüre von „Wo Du Bist“, dem neuen Buch des Düsseldorfer Autors Sven-André Dreyer, erschienen Ende September. Wer die Papiersinfonie über die letzten Jahre verfolgt hat, weiß, wie sehr ich Sven schätze. Immer geschätzt habe. Dies Buch allerdings übertrifft bei weitem alles, was ich je von ihm gelesen habe; und darüber zu schreiben kann nur ein Abklatsch dessen sein, was das Buch tatsächlich ist. Ich versuche es trotzdem: unter Lesezeichen.

Haben Sie einen stürmischen November.
Heike Hartmann-Heesch

Zunächst dies: Ich freue mich sehr, zu den diesjährigen Preisträgern des Walter-Kempowski-Literaturpreises zu gehören, der als Förderpreis der Hamburger Autorenvereinigung alle zwei Jahre an deutschsprachige AutorInnen für einen bisher unveröffentlichten Prosa-Text in Form einer Kurzgeschichte vergeben wird. Die Endausscheidung (um die Plätze 1-3) und Preisverleihung finden am 14. November in Hamburg statt. Weitere Informationen dazu zu gegebener Zeit unter Ausgesprochenes.

Ebenfalls unter Ausgesprochenes finden Sie zwei Links zu Nachlesen in Wort und Bild zur 8. Glinder Autorennnacht vom 27.9. sowie die weiteren Infos zu den kommenden Herbstlesungen.

Der September begrüßt den Oktober zwar mit Sonnenschein, allerdings auch mit durchaus schon kräftigem, ungehörigem und ungnädigem Wind. Dieser weht jedoch die leichten Anflüge von Melancholie gleich fort, die mich beim Gedanken an den bevorstehenden Herbst beschleichen. Noch halten sich die schweren, diesigen Nebelschwaden, die schon an Novembergeisternächte erinnern, nur in den frühmorgendlichen Stunden. Dennoch bin ich seltsam überrascht, wie sich gleichsam über Nacht das Laub verfärbt (als sähe ich dies zum ersten Mal) und zu Boden fallen beginnt: Der Laubfarbenklang klingt in der Höhe hohl und tönt auf der Erde raschelig, ein Herbstgold überzieht die Landschaft, das sogar den Himmel manchmal buntgewölkt erscheinen lässt. Lebensfreudensehnsucht. Ich möchte dies Gefühl festhalten, ganz fest, weil ich ahne und befürchte, dass das Gegengefühl – das Ende der vermeintlichen Sommerleichtigkeit – nur darauf lauert, mich einzuholen und zu packen. Aber: in diesem Jahr nicht mit mir –  ich bin gewappnet!
Schon vor fünf Jahren schrieb ich, dass der Herbst in meinem Leben oft eine Zeit des Umbruchs gewesen ist; das kann ich jetzt nur wieder bestätigen, wenn ich an die vergangenen Jahre zurückdenke, und dass sich entscheidende Veränderungen in meinem Leben oft im Herbst manifestierten und diese Veränderungen oft verbunden waren mit Gefühlen von Wehmut, von Abschiednehmen (und dies noch gar nicht wollen), von Loslassen (und dies vielleicht noch gar nicht können). In diesem Jahr baue ich auf eine ruhigen Herbst im Gleichklang: Der September brachte einige gute Lösungen für alltägliche Unzulänglichkeiten und Probleme, vieles scheint ganz einfach im Lot jetzt. Darauf werde ich bauen.

Ich wünsche einen stürmischen Herbst, der trübe Gedanken fortweht, wenn das Licht des Abends keine Schatten mehr wirft. Denken Sie dran: Die Tage werden nicht kürzer, sie werden nur ein kleines bisschen länger dunkel.

Heike Hartmann-Heesch

 

***

Die Luft schmeckt heute anders als noch vor vier Wochen; die Sonne scheint müde: Der erste Regen seit langem prasselt an die Scheiben. Ich hatte erwartet, dass ich, wie in manchen Jahren zuvor, in diesen Tagen wieder einmal fassungslos vor den Regalen mit ersten Spekulatius und Lebkuchenherzen (gesehen in einem ALDI-Markt am 29.8.) stehen würde, erstaunlicherweise lässt mich das dies Jahr ziemlich kalt. Auch wenn die Holunder- und Brombeeren eingekocht sind, fühlt sich mein Sommer noch nicht beendet an.
Auf den Tag genau zwei Jahre lebe ich nun schon wieder zu  Hause, vieles hat sich eingespielt, ich habe den Alltag im Griff oder er mich, wie mans nimmt. Die meisten Fortschritte der letzten Jahre sind bislang von Dauer, einige wenige waren es nicht (Stichwort: ohne zusätzlichen Sauerstoff leben können), trotz vielerlei Einschränkungen und vor allem häufiger gesundheitlicher Unzulänglichkeiten und Probleme, die mich manchmal an die Grenzen dessen bringen, was ich auszuhalten bereit bin, befinde ich mich in einem relativ stabilen Gebilde aus Kompromissen, Loslassen und neuen Zielen – ich fühle mich im Großen und Ganzen recht sicher und recht wohl: Jeder Verlust zurzeit stachelt an zu neuen Versuchen, jede Schwierigkeit potenziert meine „Kampfeslust“; ich bin, wie sagt man doch so schön, auf Krawall gebürstet, und das ist auch gut so: Ich bin wütend. Manchmal ist auch Wut ein wunderbarer Motivator, Veränderungen zu wagen.
Gleichwohl bin ich auch ruhig, zu ruhig manchmal; müde, vielleicht sogar rechtschaffen müde. Manchmal fühle ich mich ausgelaugt; viele, zu viele immergleiche tägliche Abläufe und Zwänge, die unter anderem das Tracheotomiertsein mit sich bringt, strengen mich an, erschöpfen mich mehr als mir lieb ist, absorbieren Zeit und Gedanken und schränken ein; Gespräche mit anderen Menschen darüber sind selten möglich und noch weniger erquicklich, denn kaum einer bekommt ja etwas davon mit, wie ganz anders mein alltägliches Leben tatsächlich ist als früher, vor der Transplantation: Wenn ich rausgehe, wenn ich unter Leuten bin, auf Lesungen, auf Besuchen zum Kaffee, wirkt ja vieles fast normal, wirke ich fast normal: Wer mir in geschlossenen Räumen begegnet, erlebt mich ja nicht einmal mit Rollstuhl, und plappern, tagsüber, wenn ich das Sprechventil aufgesetzt habe, kann ich immer noch wie ein Wasserfall. An den mobilen Sauerstoffkanister, den ich immer mitschleppe, haben sich alle gewöhnt, er fällt kaum einem noch als etwas Besonderes auf, und auch das ist gut so – und wird gleichzeitig doch immer verwechselt bzw. gleichgesetzt mit „Beatmung“ und ich kann zwar immer und wieder erklären (ohne, dass es tatsächlich jemanden wirklich interessierte), dass die Beatmungsmaschine eine zweite, eine weitere Maschine ist, an der ich dann nachts zusätzlich angeschlossen bin; aber vielleicht ist das kaum vorstellbar, wenn man es nicht kennt, vielleicht ist es wirklich zu ungeheuerlich, um weiter darüber nachzudenken, was das de facto bedeutet: das wirklich „Gefesselt“-Sein an einen Ort, wenn ich an der Maschine bin (vornehmlich das Bett), dann das Nicht-sprechen-nicht-riechen-nicht-schmecken-nicht-niesen-nicht-husten-nicht-Nase-putzen-Können an der Maschine und vor allem natürlich das Gefühl, das Elementarste auf der Welt – einatmen, ausatmen – nicht selbst zu können sondern sich beatmen zu lassen. Wie dem auch sei, ich habe mich daran gewöhnt, ich arrangiere mich, ich lebe damit: Ich überlebe damit.
„Es ist ein Wunder, wie gut es dir jetzt geht.“ Diesen Satz höre ich oft, und ja, er stimmt sicherlich auch, im Großen und Ganzen gesehen. Die Tücken liegen wie immer im Detail, in jenen vielen Stunden, in denen mich niemand sieht, in der Zeit, in der ich Tag für Tag kämpfe und mich anstrenge, um für einige Stunden so leben zu können, dass es fast normal anmutet. Dass das geht, ist für mich das wahre Wunder, und das wiegt fast alles auf.
Wütend bin ich also, und erschöpft; und allem voran wahrscheinlich eines: immer noch ungesehen. Aber wie gesagt, mein Sommer ist noch nicht zu Ende, auch wenn die Luft heute anders schmeckt, der Himmel seine Farbe ändert und die Sonne müde scheint.

***

Alle zukünftigen Lesungen finden Sie wie immer unter Ausgesprochenes. Besonders ans Herz lege ich Ihnen die 8. Glinder Autorennacht  (Open Mike 2013) am 27.09. in Glinde. Ich freue mich sehr, nach 2007 wieder einmal dort lesen zu dürfen. Alle weiteren Infos zur Veranstaltung auf dem Plakat. Wie in jedem Jahr gibt es neben Live-Musik auch köstliche Leckereien für den kleinen Hunger in der Pause ... und stimmungsvolles Ambiente mit Kerzenlicht und Kaminfeuer. 

Haben Sie einen guten, einen ganz besonderen September (und treffen Sie eine gute Wahl).
Heike Hartmann-Heesch
PS: Jetzt endlich können Sie sich auch ein paar Fotos der letzen Lesungen (MaiRauschen, Langer Tag der Stadtnatur) anschauen. Wenn Sie hier klicken ...

Sonnenschein und endlich nicht mehr frieren – nächtliche Krämpfe, bis zu 5-, 6-mal, in beiden Beinen von den Zehen bis zu den Kniekehlen – Picknicks im Park – der Hämoglobinwert im Blut sinkt schon wieder mal auf bedrohliche 5-Komma- irgendwas – der Elbstrand an der Hetlinger Schanze – anämisch, ohne geblutet zu haben – mit den Füßen im Schlick – Leukozyten werden auch nicht mehr genügend gebildet – Wellen, die die Knöchel umspülen – die Sättigung fällt – den Holunderbeeren im Vorgarten beim Reifen zusehen – wieder „am“ Sauerstoff, 24 Stunden am Tag – Hortensienbüsche und Fleißige Lieschen vorm Wohnzimmerfenster – Atemnot bei der kleinsten Bewegung – Halloumi auf dem Grill – mentaler Stillstand – Marmeladen und Chutneys kochen – schon Aufstehen morgens ist zu viel – die Vorrunde beim Walter-Kempowski-Preis geschafft – lange Tage ohne Antrieb – ein „Guten-Morgen-mein-Herz-Ich-liebe-dich“ meines Mannes nach dem Weckerklingeln um halb vier – lange Nächte ohne Schlaf – Kaffeetrinken mit Freundin am Weiher und eine Elba-Urlaubsansichtskarte – zähes Sekret und 25x Absaugen täglich – einmal auf eigenen Füßen um den Weiher und noch ein Stückchen weiter gelaufen – Trachealkanülen, die einfach nicht „sitzen“ wollen und ein vernünftiges Ausatmen (oder auch nur Husten) erschweren – lächelnde Nachbarn – der Pflegedienst, der mir aus heiterem Himmel den Versorgungsvertrag aufkündigt – ein frisch renoviertes Schlaf- und Arbeitszimmer und über vierzig Jahre „Warten“ auf ein Billy-Regal …

… und dergleichen mehr.
Manchmal fällt es unendlich schwer, ein Gleichgewicht zu halten, und das meine ich jetzt nicht physisch oder motorisch. Genauso schwer fällt es, auch mal zuzulassen, dass es eben nicht immer gelingt, auszugleichen. Manchmal wiegt die verdammte Abhängigkeit von Mensch, Maschinen und Medikamenten so ungleich schwerer, fühlt sich die Eingeschränktheit noch beklemmender an und ich vermisse eine wenigstens gewisse Leichtigkeit im Sein: wenn alles immer bedacht, bemessen werden muss und das (Weiter-) Leben als ein fragiles Konstrukt aus immer mehr Unbekannten erscheint. Wieder einmal mehr krame ich die schon oft von mir beschworenen Worte Christa Wolfs hervor, die mich seit Jahren, ach, inzwischen schon Jahrzehnten, begleiten – so tröstlich oft, ein bisschen widersprüchlich manchmal:

„Sie hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse.
Aber sie hat keine Angst.
Das wiegt alles auf: Daß wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen. Daß wir aus dem vollen leben, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben.
Als könnte er nie zu Ende gehen.“
(Christa Wolf, „Der geteilte Himmel“)

Ich wünsche einen freundlichen August und hoffentlich nie zu Ende gehenden Lebensstoff.
Heike Hartmann-Heesch

PS: In diesem Monat erscheint das Mohland-Jahrbuch 2013 zum Thema „Anfang und Ende“. Mit dabei mein Text „Der siebte Tag“ (siehe Schreibtisch), der zwar nicht ganz neu ist, sich für mich aber gerade mal wieder brandaktuell anfühlt. Alle weiteren Infos dazu unter PS!

 


In diesem Jahr bin ich voll hineingeplumpst in das Sommerloch. 
Ich melde mich  zu Wort, wenn ich wieder hochgekraxelt bin. Haben Sie bis dahin einen angenehmen Juli.

Heike Hartmann-Heesch

In diesem Monat neu:
Auf dem Schreibtisch finden Sie meine neue Erzählung „Butter".
Unter Ausgesprochenes können Sie sich einige Fotoimpressionen der MaiRauschen-Lesung anschauen.
Und wenn Sie diesen Monat einmal ein bisschen literarisch spazieren gehen wollen, kommen Sie doch am 
15. Juni in den Botanischen Sondergarten in Wandsbek. Dort findet im Rahmen von „Der lange Tag der Stadtnatur" eine musikalische Lesung statt: An verschiedenen kleinen Oasen - mitten im Grün, auf einem Baum, an der Sonnenuhr, zwischen den „Schafen" - präsentieren Ihnen die Autoren Texte zum Thema „SommerErwachen". Zu den einzelnen Stationen werden Sie dann mit Musik geleitet. Kommen Sie doch gern zum Zuhören, wir freuen uns auf Sie. Mehr Infos unter Ausgesprochenes.

Haben Sie einen zauberhaften Juni.


In diesem Monat angesagt:

Punkt 1: 10. Mai – 7. Dulsberger MaiRauschen
8 Hamburger AutorInnen, darunter Wolfgang A. Gogolin, Volker Maaßen, Beate Finkenzeller und ich, präsentieren ab 19.30 Uhr Gedichte und Geschichten zum Thema „Huch, der Frühling!“. Musikalisch unterstützt wird die Lesung unter anderem von Crazy Joe und Christoph Hachmann. Für leiblichen Genuss ist auch bestens gesorgt und das Buch zur Lesung mit allen vorgetragenen und vielen weiteren Texten erscheint pünktlich zur Veranstaltung. Meinen Text „Dich schlafen sehen“ finden Sie natürlich auch im Buch und hier auf dem Schreibtisch, allerdings erst nach dem 10. Mai. Alle weiteren Infos zur Veranstaltung unter Ausgesprochenes, zum Buch unter PS. Wir freuen uns auf Sie! Direkt zum Plakat geht's hier und zum Trailer hier.

Punkt 2: 27. Mai – „Konfetti im Kopf“, eine außergewöhnliche Kampagne zum Thema Demenz
Die bunte Kampagne „Konfetti im Kopf – Demenz berührt mit vielen Gesichtern“ möchte zwischen dem 24. Mai und 2. Juni dafür sorgen, dass eine breite Öffentlichkeit neue Sichtweisen auf das Thema Demenz gewinnt, denn viele assoziieren mit Demenz trostlose Bilder verwirrter Menschen, deren Persönlichkeit nach und nach erlischt. Dies düstere Klischee soll gesprengt werden. Im Mittelpunkt der Kampagne steht eine große Open-Air-Ausstellung in der Hamburger Innenstadt, die auf Plakatwänden, Citylights und Großbannern außergewöhnliche Farbporträts von Menschen mit Demenz zeigt, die Freude, Staunen, Würde und Individualität ausstrahlen, durch die Betrachter ermutigt werden, ganz neu hinzuschauen. Die Ausstellung wird begleitet von einem bunten Rahmenprogramm mit Vorträgen, Talkrunden, Filmabenden, Theater, Museumsführungen und auch einem „Lesefest zu Wasser“: Am 27. Mai zwischen 16 und 20 Uhr geht es auf einen kleinen Törn durch den Hamburger Hafen zu einem Lese-Segel-Fest. Los geht’s am Anleger Sandtorhöft, Am Sandtorkai (gegenüber der U-Bahn Baumwall). 12 AutorInnen präsentieren Texte zum Thema „Erinnern/Vergessen“. Ich freue mich sehr darüber, auf dieser Lesung dabei sein zu dürfen. Alle weiteren Infos zur Lesung unter Ausgesprochenes, weitere Infos zur Kampagne unter www.konfetti-im-kopf.de.
(Meinen Beitrag zur Lesung „Butter" können Sie im nächsten Monat hier nachlesen.)

Punkt 3: „Löffelweise Alltagsscheiße"
Poetry Slammerin Sabrina Schauer hat keine Kinder. Aber sie ist lange schwanger gegangen, nein, nicht mit einem Kind, sondern mit ihrem ersten Buch. Nun ist es endlich da: Nach ihrem Spoken Word Album „Die Liebenden“ hier also ihr erstes Werk auf Papier „Löffelweise Alltagsscheiße“. Druckfrisch sozusagen. Unter „Lesezeichen“ stelle ich es Ihnen vor.

Haben Sie einen wunderbaren Mai. Wir sehen uns hoffentlich!
Heike Hartmann-Heesch


Hier nur kurz die Erinnerung an den Literatur Quickie mit mir am 3.4. im „Feldstern“, Sternstraße 2, 22.02 Uhr. Kommen Sie doch gern zum Zuhören, ich freue mich auf Sie.
Den 10. Mai können Sie sich auch schon einmal vormerken. Dann findet das diesjährige Dulsberger MaiRauschen statt. Wieder im  Kulturhof Dulsberg, Alter Teichweg 200, 19.30 Uhr. Für Leib und Wohl wird bestens gesorgt sein, ebenso für musikalischen Genuss mit Klavier und Gitarre. Und natürlich lesen wieder acht Hamburger AutorInnen, so Wolfgang A. Gogolin, Claus Günther, Beate Finkenzeller, Volker Maaßen, ich und weitere. Das Motto in diesem Jahr lautet „Huch, der Frühling!“. Der wird sich bis dahin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von seiner schönsten Seite zeigen! Das Plakat zur Veranstaltung mit allen Infos finden Sie hier. Unter PS können Sie auch schon einen Blick auf das Buch werfen, das ebenfalls wie in jedem Jahr zeitgleich zur Veranstaltung erscheint - mit den vorgetragenen und vielen weiteren Geschichten.
Demnächst mehr!

Versuch eines März-Textes.
Mit dem euphorischen Satz „Dies wird ein wunderbarer, ein vom Glück des Schreibens erfüllter Tag!“ (man beachte das Ausrufezeichen!) beginnt Ernst Osterkamp seinen Beitrag in der unlängst erschienenen Anthologie „Vademekum der Inspirationsmittel“. Ja, so ähnlich dachte ich heute Morgen auch, als ich mich an den Schreibtisch setzte. Es war 7.00 Uhr, draußen wurde es bereits hell, auch wenn mir beim Blick aus dem Fenster vorm Schreibtisch aufgrund der auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegenden Häuserzeile der Horizont fehlt, um genauere Prognosen über das Wetter und den Himmel abzugeben. „Die Nachtruhe war erquickend (meine nicht, danke der Nachfrage)“, fährt Osterkamp fort, „das Frühstück ausgezeichnet (hab ich ausfallen lassen zugunsten eines großen Bechers Milchkaffee mit Vanillezucker), der Rotwein des gestrigen Abends hat keine nennenswerte Spuren hinterlassen (ich trinke seit Jahren keinen Rotwein mehr), die Sonne tönt ebenfalls nach alter Weise (s.o. kann ich noch nicht beurteilen), und Termine gibt es heute keine (das stimmt allerdings auch bei mir).“
Einen Festvortrag will er schreiben, Herr Osterkamp, bei mir liegen zunächst fünf Ks an: Klappentext (für meinen neuen Erzählband), Korrektur (eben desselbigen, es wäre mir sehr peinlich, das Manuskript mit Tipp- oder womöglich gar Rechtschreibfehlern oder, noch schlimmer, nicht korrekt wiedergegebenen Zitaten beim Verlag einzureichen), Kurzgeschichte (noch fertigzustellende, Thema war vorgegeben, hier nicht von weiterem Interesse, aber: Einsendeschluss heute, 28.2., Datum des Poststempels), Kochen (vorkochen, um genau zu sein, hier auch nicht weiter wichtig) und Kurztext (für die Papiersinfonie eben). Beschränke ich mich erst mal aufs Letztere. Papiersinfonie. Osterkamp kann sich glücklich schätzen: „Das Thema“ (wie gesagt, für seinen Festvortrag) „ist glücklich gewählt, …“ (Ich hab noch nicht mal eines, wenigstens nicht so genau.) „... so etwas schreibt sich fast von selbst.“ (Ich schreibe also erst mal drauf los.) „Nur noch ein kurzer Blick in die Notizen (jaha, so was habe ich allerdings auch!), dann kann es losgehen.“
„Die Notizen sind, da muss man ehrlich mit sich sein, insgesamt eine Enttäuschung. Ich hatte sie irgendwie substanzieller, origineller, mit einem Wort: glänzender in Erinnerung. Konsistenter auch. Bei Lichte besehen – herrlich die Morgensonne, der Rasen müsste auch mal wieder gemäht werden – “ (gefühlte 123 E-Mails warten auch noch darauf, beantwortet zu werden, und, wie gesagt, die anderen Ks liegen auch noch an) „bei Lichte besehen also lässt sich keine rechte Kohärenz zwischen den leitenden Stichworten ausmachen. […] Aber der Tag ist ja noch lang, der Optimismus ungebrochen […] Ein Anfangssatz wäre jetzt gut! Ich hatte mir da doch dies herrliche Zitat notiert … leider ungenau. Leider auch die Quelle ungenau.“

Ich nicht! Die Quelle brauchte ich nicht zu notieren, das Büchlein liegt aufgeschlagen vor mir, den Anfang des erwähnten Zitats haben Sie hier nachlesen können. Ob der Herr Osterkamp es geschafft hat, seinen Festvortrag im Verlauf des Tages zu Ende zu schreiben, verrate ich Ihnen hier nicht. *
Ich bin allerdings nun auch noch nicht sehr viel weiter. Ich kann Ihnen ja mal einen virtuellen Blick auf meinen Notizzettel gestatten. Darauf steht, zugegeben etwas wahllos und, ja, anfangs durchaus einsilbig: Pferd, Eier, Lunge, mitohneSauerstofftagsüberläuftgut, Frühlingssehnsucht, WirsindbaldnichtmehrPapst und einige durchgekritzelte Wörter, die ich Sie gar nicht erst lesen lasse. Von den ersteren haben Sie vermutlich eh schon die Nase gestrichen voll, bei den nächsten beiden bin ich auch nicht sicher, ob Sie das überhaupt weiter interessiert, manchmal projiziere ich so was wie „Oh Gott, nicht schon wieder langatmige Erklärungen zu Gesundheitszustand und Fort- oder Rückschritten oder Stillstand“, über Frühlingssehnsucht hab ich mich in verschiedenen Märzen der Vorjahre bereits ausführlich ausgelassen, zum Thema Papst fällt mir spontan nur ein recht garstiges Zitat aus dem Lied „Crusader“ (glaub ich) ein „The devil still cheats and wins more souls and as for the lord, well, he´s just doing his best“.

Tja, und nun kommen Sie!

Ja, kommen Sie doch, zu meiner nächsten Lesung. Die ist zwar erst Anfang April, aber dazwischen ist noch Ostern und besser früher ankündigen als zu spät: 3. April, „Literatur Quickie“ im „Feldstern“ in der Sternstraße 2 (altes Schlachthofgelände). 22.02 Uhr. Die Gute-Nacht-Geschichte zum Schlafengehen oder zum Start in die Nacht. Sein (Schlaf-)Bier kann man dabei auch trinken. 17 Minuten. (Kurz und gut ist lang genug.) Ich freue mich auf Sie. Bis dahin ein gesegnetes Osterfest. Verzichten Sie doch mal auf Eier oder beschränken Sie sich auf die aus Schokolade. Da steht ganz sicher gar nicht drauf, was drin ist, aber schlimmstenfalls sind es die eingeschmolzenen Schokoladenweihnachtsmänner. Wir sind doch alle ein bisschen Kannibale.

* Herausfinden können Sie es hier: „Vademekum der Inspirationsmittel“, herausgegeben von Christoph Markschies und Ernst Osterkamp, Wallstein Verlag, Göttingen 2012, Seiten 17-19

Drei Minuten pures Glück.
Ein paar Schritte nur, aus der Wohnung raus auf den Rasen in den Vorgarten. Über die zwei Treppenstufen im Hausflur und die hüfthohe Mauer draußen. Allein. Ohne Rollstuhl. Ohne Rollator. Aber vor allem: ohne zusätzliche Sauerstoffgabe. Kein Schlauch hängt rum, kein mobiler Sauerstoffkanister muss mitgeschleppt werden. Nichts verheddert sich, nichts bleibt irgendwo hängen.
Ein paar Schritte, zwei Treppenstufen, irgendwie über die Mauer und ich stehe im Vorgarten auf dem Rasen. Es regnet. Ach was, es gießt. Bindfäden; schwere fette Tropfen fallen fast senkrecht vom Himmel, prallen auf meinen Kopf, meine Wangen, das Wasser läuft mir in den Mantelkragen, den Hals hinab, eine Minute und ich bin klatschnass. Der Boden ist aufgeweicht, ich halte irgendwie die Balance, ich stehe. Ich stehe einfach nur. Ich spüre. Ich spüre Regen am vorletzten Januartag. Eine Minute. Zwei Minuten.
Drei Minuten pures Glück.
Regenfreiheitsglücksmomente.

Ich wünsche einen Februar mit vielen glücklichen Momenten!

Ab dem 19. Februar können Sie sich unter www.weblesungen.de meinen Text „Wenn die Krokodile weinen“ anhören. Da geht’s auch um Regen. Irgendwie. Dank an Rüdiger Käßner, der seit 2001die Weblesungen für die Hamburger Kulturbehörde organisiert!

Sonett Nr. 19

Nur eines möcht ich nicht: daß du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, braucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, braucht ich, was du siehst.

Und wenn du blind wärst, möcht ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!

So gilt kein „Laß mich, denn ich bin verwundet!"
So gilt kein „Irgendwo" und nur ein „Hier"
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.

Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie´s immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

Bertold Brecht
(Werke. Bd. 14: Gedichte 4, Suhrkamp 1993)

Ich wünsche ein segensreiches 2013.

… ist der Titel einer der Erzählungen aus dem gerade erschienenen Buch „Dienstagsgeschichten – Berichte vom Leben und Sterben“ von Doris zur Linden. Lesen Sie mehr über das Buch unter „Lesezeichen“.

„Wenn klein der Mut“ – mit diesen Worten könnte ich auch meine innere Befindlichkeit der letzten Wochen beschreiben. Das Grundgefühl dabei war ein Nicht-so-Können-wie-ich-will, wobei ich das „Das“, was ich denn nicht so kann, wie ich will, zwar an vielerlei Einzelheiten aufzählen kann, es mich aber letztlich in einem nicht zu definierenden „Alles“ aufzufressen drohte. Bezeichnenderweise fiel mir da ein weiteres Buch in die Finger, aus dem ich Ihnen zwei kurze Aufsätze vorstellen und ans Herz legen möchte, die in den Grundzügen meine unbestimmten Gefühle spiegeln und die sich beide mit einer Ethik der Lebensführung beschäftigen. Zum einen: Wie autonom ist die Entscheidung eines Menschen, eines kranken Menschen, der sich eben aufgrund der Krankheit dazu genötigt sieht, sein Leben neu auszurichten? Der sich immer wieder damit konfrontiert sieht, dass er nicht nur (einstige) Lebensziele sondern oft auch den ganz normalen Alltag nicht mehr verwirklichen oder leben kann, wie er möchte, weil z.B. der Körper ihn im Stich lässt (also wenn das Vertrauen in die Zuverlässigkeit  bestimmter Körperfunktionen, das uns uns als handlungsfähige Individuen erfahren lässt, nicht mehr gegeben ist). Zum anderen: Was ist denn normal, wenn der bloße Wunsch nach der Möglichkeit, ein einfach auch nur „durchschnittliches“ Leben zu führen, die Welt auf vielfältige Art erfahren, sich unbeschwert bewegen, nach Belieben kommunizieren zu können, als besonders attraktiv empfunden wird, weil er sich eben keineswegs von selbst versteht, wenn elementare Lebensvollzüge durch Krankheit in Mitleidenschaft gezogen sind, wenn der Körper sozusagen eigenmächtig wird und uns daran hindert (oder einschränkt), unser Leben in eigener Regie zu führen. Lesen Sie mehr über „An den Grenzen unserer Lebensform – Texte zur Bioethik und Anthropologie“ von Andreas Kuhlmann ebenfalls unter „Lesezeichen“.

„Wenn klein der Mut“ – dies Gefühl also begleitete mich durch den grauen November, über den ich erleichtert sage: Ich bin froh, dass er vorüber ist.
Was kommt, ist das Ende. Das Ende dieses Jahres. Was kommt, ist Advent: Der Anfang im Ende. Die Adventszeit hatte für mich schon immer eine besondere Bedeutung. Sie geht einher mit Innehalten, mit Rückbesinnung, pragmatisch ausgedrückt vielleicht sogar mit Bilanzziehen; gleichwohl aber auch mit Vorwärtsschauen: Ich fühle mich in Aufbruchstimmung. Vieles schreit nach Veränderung; und ich wünsche mir für die kommende Zeit, für das kommende Jahr, Mut, Veränderungen anzugehen, die ich selbst in der Hand habe.  

Heike Hartmann-Heesch

Wenn einer eine Reise tut, sagt man gemeinhin, dann hat er viel zu erzählen, noch dazu, wenn es eine lange war.  Aber wie berichtet man von einer Reise, an die man sich in großen Teilen nicht erinnert? Von der es kaum Aufzeichnungen gibt, kaum Fotografien und bei der man fast ausschließlich auf das Gedächtnis dritter Personen angewiesen ist, um die eigenen Erinnerung zu vervollständigen?
Mit den meisten Puzzleteilchen, aus denen ich versuche, die vergangenen Jahre zu einem Ganzen zusammenzusetzen, werde ich gefüttert wie mit den anfangs mundgerecht zurechtgeschnittenen Marmeladentoastbrothäppchen; und weder beruhigt es mich noch erleichtert es mich sonderlich, dass ich wenigstens weiß, rote Marmelade schmeckt mir wie früher besser als gelbe.
Die Jahre im Krankenhaus und der Intensiv-Pflege-WG holen mich momentan mehr ein als mir lieb ist, in (Alb-)Träumen, Flashbacks, und da ich ja eh nicht davor weglaufen kann, habe ich den Teil des Gehirns, der wohl für Erinnerungen zuständig ist, wahrlich ausgeschlachtet wie ein altes Auto auf dem Schrott immer auf der Suche nach kleinen, nach Kleinstteilen, die ich hinüberretten kann, die sozusagen noch gebrauchsfähig sind, um sie wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Ich muss dennoch immer wieder feststellen, dass ich da aktiv nicht wirklich viel bewegen kann, mir fehlt einfach zu viel. Immerhin versuche ich kontinuierlich, das Wenige schriftlich zu fixieren, aber selbst da scheitere ich zurzeit oft genug, unter anderem auch, weil mir immer wieder eines bewusst wird: Eigentlich, ja, eigentlich interessiert es nicht wirklich jemanden. Sprich: Irgendwie (ja, genauso vage) lohnt es sich nicht, zu schreiben, es erleichtert nicht wirklich, es hilft nicht, nicht beim Sortieren der Gedanken, nicht im Alltag, es bildet oft nicht mal die Basis für eine Auseinandersetzung – mit mir selbst, mit den Puzzleteilchen und noch viel seltener mit anderen.
Diese Erkenntnis traf mich weder wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel noch kann ich behaupten, dass sie in mir langsam heranreifte. Nein, sie war eher auf einmal ganz selbstverständlich da; und überdeckte die Melancholie der vorangegangenen Wochen wie der Laubteppich den Rasen vor meinem Fenster, der Wochen, in denen die doch manchmal so gespürte Leichtigkeit des Sommers der Gewissheit wich, dass auch ich wohl der allgemeinen Tendenz zum Opfer gefallen bin, mich (respektive die Situation; das Leben) in der Erinnerung anders darzustellen, als ich/es war. Dies wird jetzt nur noch von der Brutalität des Gefühls übertroffen, mit dem mir bewusst wird, dass ich mich ertappe, die Vergangenheit (respektive die letzten Jahre) wohl korrigiert zu haben, weil das tatsächliche Erleben gegenüber dem nach außen gezeigten Bild zu ungeheuerlich angemutet hätte: für andere Menschen sowieso, aber auch für mich selbst.
Unterm Strich bleiben, momentan, eine Stille, die ein bisschen gespenstisch anmutet; Gleichmut, der schon fast indifferent wirkt; dennoch aber auch eine entsetzliche Angst, dass alles, was da jetzt vom Laub verdeckt wird, was immer noch nicht wieder oder vielleicht auch nicht mehr greifbar ist, schlicht über Winter vergammelt.

Neu in diesem Monat: Unter „Lesezeichen“ finden Sie die Besprechung des Buches „Die Stimme der Wale“ des baskischen Schriftstellers Edorta Jimenez. Das Buch – man schreibt das Jahr 1585 – entführt Sie ins Baskenland des 16. Jahrhunderts. Eine ganz andere, fremde Zeit.
Und nachdem ich endlich begriffen habe, wie ich meinen PC und den netten kleinen Digital Voice Recorder so befreunden kann, dass sie Hand in Hand arbeiten, habe ich die Texte „Der siebte Tag“ und „Wenn Ebbe ist“ eingelesen. Zu hören auf dem „Schreibtisch“. Beide Texte behandeln, wenn auch mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten, ebenfalls das Thema „Zeit“.
Sie ahnen, woran ich momentan herumknabbere? Zeit …
Was fällt Ihnen als erstes dazu ein?
Für mich hat sich in den letzten Jahren herauskristallisiert, dass „Zeit“ vor allem eines ist: ein großes Geschenk. Und damit schicke ich Sie in einen schon jetzt recht herbstlich anmutenden Oktober. Jetzt, da die Tage wieder kürzer werden (ich weiß, das werden sie nicht, sie werden nur früher dunkel), fühle ich mich eigentlich noch nicht so richtig bereit, den Herbst zu treffen, für mich kommt er zu schnell, ich benötige noch ein bisschen Zeit, mich vom Sommer zu verabschieden, der sich für mich auch nicht so richtig angefühlt hat wie Sommer. Vielleicht vermisse ich auch nur die vermeintliche Leichtigkeit, die ein Sommer für mich früher an den Tag gelegt hat.

Hm. Genießen, verschleudern, verplempern, verschenken Sie doch mal Ihre Zeit. Vielleicht nur einen Augenblick. Bevor der Herbst endgültig da ist.

Im vergangenen Monat landete der weitgehend autonome Rover namens Curiosity auf dem Mars mit dem übergeordneten ganz allgemeinen Ziel, sagen wir´s mal salopp, zu untersuchen, ob der Mars aktuell oder in der Vergangenheit in der Lage ist/war, Leben zu beherbergen.

Vor genau einem Jahr landete ich nach insgesamt fast drei Jahren Krankenhaus und Intensiv-Pflege-WG wieder zu Hause mit dem ebenso allgemeinen und übergeordneten Ziel, sagen wir´s mal genauso salopp, überhaupt mal zu schauen, ob ich in der Lage wäre, mein zukünftiges Leben wieder in häuslicher Umgebung leben und gestalten zu können.
Zu sagen, ich sei weitgehend autonom gewesen vor einem Jahr, wäre allerdings schlichtweg gelogen.
Die Zeit im Krankenhaus vor und nach der Transplantation habe ich in meinem Buch „Langer Atem“ beschrieben. Wenn Sie die ganzen Entwicklungen und Veränderungen des letzten Jahres einmal nachlesen wollen, klicken Sie bitte hier

The world is not enough?
Hm. So wie Curiosity seine ersten tapsigen (Roll-)Schritte auf dem Mars unternimmt, versuche ich Schritt für Schritt, die Welt wiederzuentdecken, die trotz vieler inzwischen weiter ausgestreckten Fühlern noch sehr, sehr eingeschränkt ist.
The sky is the limit?
Hm. Meine Quasi-Selbständigkeit, die ich oft nicht mal als solche empfinde, endet momentan leider fast immer noch an der Wohnungstür. Auf der Erde. Europa. Deutschland. Hamburg. Eimsbüttel. Bereich Wiesenstraße. Und etwas umzu.
Ist so gesehen aber ja auch schon ein ganz schöner Radius. Wir haben halt alle so unsere Grenzen J.

Haben Sie einen guten September. Verlaufen Sie sich vor lauter Himmelgucken auf der Welt nicht. 

Und wieder einmal bedanke ich mich sehr sehr herzlich bei Autorin und Literaturinterpretin Rena Larf, die am 07.09.2012 um  11.00 Uhr meinen Text „Kaulquappen, atemlos" im Hamburger Literaturradio präsentiert! Hören Sie doch gern mal rein, nähere Infos unter „Ausgesprochenes".

 


Das Mohland Jahrbuch 2012 zum Thema „Ende gut, alles gut" (leider doch ohne Fragezeichen!) ist soeben erschienen. Mehr Infos dazu unter PS.
Ich freue mich sehr darüber, dass mein Text „Kaulquappen, atemlos" von der Jury als bester Beitrag des Jahrbuchs ausgezeichnet und prämiert wurde. Herzlichen Dank.

Das Wetter (!) spornt nicht gerade zu Höchstleistungen an, was das Schreiben von Texten betrifft, die Olympiade (so ratzfatz nach der Fußball-EM) auch nicht unbedingt – Bindfäden regnet es vom Himmel, von Medaillenregen kann jedenfalls bislang (Stichtag 31.7. mittags) nicht die Rede sein. Anyway, dabei sein ist alles, oder etwa nicht, wenigstens für die Sportler, obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass mir das genügte, hätte ich den langen Weg bis dorthin gemeistert.
Der Endspurt in der Vorbereitungszeit auf meine persönliche Olympiade begann, sozusagen, mit der Rückkehr nach Hause vor fast auf den Tag genau 11 Monaten (dazu im nächsten Monat mehr, sozusagen zum Jubiläum), mein Trainingscamp ist mein Zuhause (und die nähere Umgebung), mein Hindernisparcours die eigene Wohnung, die Trainingszeiten belaufen sich, je nach Schlafdauer, auf etwas über 15 Stundenetwas täglich und gefühlt, neudeutsch, scheint der Weg von meinem Schreibtisch bis sagen wir zur nächstgelegenen Postfiliale (Luftlinie etwa 250 Meter) unendlich viel weiter als die Entfernung Hamburg-London tatsächlich geografisch misst.
Weder „Spontanatmen“ (Ausdauer!) noch „den-Rollstuhl-die-drei-Haustürstufen-hochmanövrieren“ (Kraft!) oder gar „Sekretabsaugen“ (Geschicklichkeit!) stellen olympische Disziplinen dar; „Laufen“ an sich schon, „Gehen“ sowieso, aber in den Kategorien befinde ich mich leider noch unter ferner liefen …
Medaillen bekomme ich trotzdem, täglich sogar, allerdings eher mentale, und umhängen muss ich sie mir selbst: Jeder gelungene Start in den Tag mit geglücktem Sekretmanagment ist mindestens Bronze wert, jeder selbst gegangene Weg zurück vom Einkaufen, den Rolli samt Notfallequipment und Sauerstoffkanister vor mir herschiebend allemal Silber und ein ganzer wacher selbstgeatmeter Tag schreit nach Gold. Alles weitere obendrauf, selbständig durchgeführt, nun, da muss man wohl gleich über Platin nachdenken.
Es könnte glatt als Pause gelten, sich da mal gemütlich an den Schreibtisch zu setzen und neue Texte zu fabrizieren. Bis ich mir das zugestehe, kann ich nur mit „Altem“ aufwarten: Unter www.weblesungen.de können Sie vom 31.7.-6.8. einen Ausschnitt aus „Kaulquappen, atemlos“ anhören. Den ganzen Text nachlesen können Sie demnächst auch in der (neuen!) Anthologie „Ende gut – alles gut?“ mit Betonung auf dem Fragezeichen nach dem „gut“. Nähere Infos dazu beizeiten unter PS.

Haben Sie einen sportlichen August! (Und denken Sie an die Pausen.)

 

Die Krise um den Euro überschattet nach wie vor die Welt(wirtschaft), die Euro ist für uns gelaufen, wieder mal hats nicht geklappt mit dem Titel des Europameisters. Zumindest nicht im Fußball. Am Tag des Siebenschläfers, die armen Tierchen können gar nix dafür, hats geregnet – der Sommer lässt immer noch auf sich warten: Hier donnerts und blitzts und gießts aus allen Kübeln. Nicht, dass das nun irgendwie was Neues wäre, glücklicherweise ist Altbekanntes auch Altvertrautes und damit können wir umgehen, mehr oder weniger, aber eher mehr, so brauchen wir nur die Meckerparolen aus dem Sommerloch des vergangenen, vorvergangenen und vermutlich auch vorvorvergangenen Jahres hervorzukramen; Veränderungen machen bekanntlich sowieso Angst und rufen persé erst mal grundsätzliche Ablehnung oder wenigstens ein unbestimmtes Kribbeln im Bauch hervor. Wenns gar nicht anders geht, verweigern wir uns, wogegen auch immer, so lange, bis uns die Puste ausgeht.
Die Puste war auch mir ausgegangen in den vergangenen Wochen, meine roten Blutkörperchen hatten sich still und heimlich verabschiedet, neue wurden nicht, auf jeden Fall viel zu wenig gebildet, aber mein Rückenmark bekommt ja auch kein Betreuungsgeld für sie. Lernen müssen sie ihre Aufgabe aber trotzdem, ohne Kita, und Erziehungs- und Bildungsauftrag bleiben mal wieder an mir selber hängen, schließlich sollen sie den Sauerstoff durchs Blut transportieren und den inneren und äußeren Körper so mit Nahrung versorgen. Wenn das nicht mehr funktioniert, siehts düster aus im Körper und auch im Geist geht langsam das Licht aus. Nun, diese Krise jedenfalls scheint überstanden, Blut gibt’s wie die oben erwähnten Meckerparolen auch mal aus der Konserve. Das klingt salopp, so ist es gar nicht gemeint, die Erleichterung und Dankbarkeit danach überwiegen die Todesangst während der Wochen. Was zurückbleibt ist jedoch ein schaler Geschmack auf der Zunge, beim nächsten Mal die Warnungen und Zeichen des Körpers besser zu erkennen, auf sie zu hören und rechtzeitig zu handeln. Das Kind, anders wohl als das Weltgeschehen, muss nicht immer erst in den Brunnen fallen oder von Rettungsschirmen aufgefangen werden, wenn absehbar ist, dass es eh zu spät sein wird. Schon Hannah Green hat uns niemals einen Rosengarten versprochen, das tut auch Roger Willemsen (im Zeitmagazin Nr. 27 vom 28.06.) nicht, aber er geht so klar wie brillant den Fragen nach, ob Dagegensein, Sich-Aufregen oder Protest überhaupt einen Sinn ergeben und wer oder was denn noch mal gleich eine moralische Instanz ist. Was wir daraus lernen? Nun, Fußballspielen geht, auch wenn gleich nebenan jemand im Knast sitzt und man kann immer noch die klar bessere Mannschaft sein, wenn man verloren hat.
In diesem Sinne: Mein Sommerloch ist eröffnet.
Erst ab dem 31. Juli gibt’s was Neues, denn dann können Sie eine Woche lang einen Ausschnitt aus meinem Text „Kaulquappen, atemlos“ (den Mittelteil, um genau zu sein, Pro- und Epilog kann man sich vielleicht sowieso getrost sparen, wenn man nur auf der Suche nach Authentizität ist) unter www.weblesungen.de anhören. Ich bedanke mich herzlich bei Rüdiger Käßner, der seit 2001 die Weblesungen im Auftrag der Hamburger Kulturbehörde organisiert.
Vielleicht, mit etwas Glück (wenn ich begriffen habe, wie ich es technisch bewerkstelligen kann), können Sie vorher schon hier auf der Seite und/oder bei youtube den Live-Mitschnitt meiner MaiRauschen-Lesung anschauen. Kommt ja manchmal doch besser als selber lesen. Schauen Sie also noch mal wieder rein und

haben Sie einen möglichst krisenfreien Juli.

„ [...]Therefore, thou gaudy gold,
Hard food for Midas, I will none of thee;
Nor none of thee, thou pale and common drudge
`Tween man and man; but thou, thou meagre lead,
Which rather threaten`st than dost promise aught,
Thy plainness moves me more than eloquence,
And here choose I. Joy be the consequence! [...]" *
(William Shakespeare, The Merchant of Venice, Act 3, Scene 2)

So sei es: Joy be the consequence.
Unter Ausgesprochenes finden Sie eine Fotonachlese des Dulsberger MaiRauschens vom 19. Mai. Meinen dort vorgetragenen Text „Kaulquappen, atemlos" können Sie auf dem Schreibtisch nachlesen.

* Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel:
"[...] Darum, du gleißend Gold,
Des Midas harte Kost, dich will ich nicht;
Noch dich, gemeiner, bleicher Botenläufer
Von Mann zu Mann; doch du, du magres Blei,
Das eher droht als irgendwas verheißt,
Dein schlichtes Ansehn spricht beredt mich an:
Ich wähle hier, und sei es wohlgetan! [...]"

Haben Sie einen guten Juni.


Die Papiersinfonie hat abgespeckt, und zwar ordentlich.
Ich habe den Menüpunkt „Archiv“ komplett samt Inhalt rausgeschmissen und auch unter „Schreibtisch“ ziemlich aufgeräumt. Dort finden Sie ab jetzt – wie gehabt – Lese- und Hörproben mit Ausschnitten aus meinen Büchern und anderen Texten, redaktionelle Beiträge gibt es dort aber nicht mehr. Falls Sie trotzdem Interesse haben, solcherlei Beiträge zu lesen, klicken Sie unter dem Menüpunkt „PS“ auf die entsprechenden Titelbilder der Magazine.  

Jetzt ist es wieder so weit!
Am 19. Mai findet im Kulturhof Dulsberg in Hamburg das bereits fest verankerte und im letzten Jahr schmerzlich vermisste „MaiRauschen“ statt. Acht Autoren, u.a. Claus Günther, Wolfgang A. Gogolin oder Karsten Meyer stellen ihre Texte zum Thema „Ein mörderischer Monat“ vor. Das Buch zur Lesung (siehe PS) mit noch vielen weiteren Texten gibt es natürlich wieder zeitgleich. Auch für das leibliche Wohl wird wie immer bestens gesorgt sein, für Live-Musik natürlich genauso.
Neu in diesem Jahr wird die während der Lesung simultane Übersetzung in Schriftsprache sein, sodass auch Hörgeschädigte der Veranstaltung barrierefrei folgen können.
Alle weiteren Informationen, Flyer und Plakat zum MaiRauschen finden Sie hier.
Ich werde auch dabei sein.
Zum ersten Mal nach all den Jahren und natürlich seit der Transplantation werde ich wieder lesen. Mit Trachealkanüle und Sprechventil. (Gibt’s dafür einen Eintrag im Guinness-Buch?)  Ich freue mich unglaublich darauf und habe gleichzeitig Albträume deswegen. Was, wenn ich plötzlich einen Hustenanfall bekomme und Sekret absaugen muss??? Das wäre der Super-Gau. Schließlich möchte ich wie früher anständig lesen und mich nicht lächerlich machen. Wie auch immer.
Falls Sie die Veranstaltung verpassen, können Sie meinen Text zum MaiRauschen „Kaulquappen, atemlos“ entweder im Buch zur Lesung oder auch hier auf dem Schreibtisch nachlesen, allerdings erst am Tag nach dem MaiRauschen. Ich will ja schließlich niemandem die Pointe stehlen.

„Pflege ist ein schöner und spannender Beruf mit interessanten Perspektiven. Zwischen A wie Ambulanter Pflegedienst und Z wie Zentrale Notaufnahme bieten sich vielfältige Arbeitsfelder und Karrierewege. Wir wollen, dass mehr Jungen und junge Männer diesen Beruf kennen lernen und für sich als Berufsoption in Betracht zeihen“, sagt Gudrun Gille, Präsidentin des Deutschen Bundesverbands für Pflegeberufe.
In Anlehnung an den bereits etablierten Girls` Day fand am 26. April der 2. bundesweite Boys` Day statt. Jungen sollten an diesem Tag eben Gelegenheit bekommen, in Berufsfelder hineinzuschnuppern, in denen Männer bislang noch deutlich unterrepräsentiert sind wie z.B. im sozialen, erzieherischen oder pflegerischen Bereich, in denen aber gleichzeitig mehr männliche Fachkräfte und Bezugspersonen gesellschaftlich erwünscht sind.
Karin, eine der Pflegerinnen, die mich betreuen, brachte an diesem Tag ihre beiden Jungs, die 13-jährigen Zwillinge Nico und André, mit, die also bei mir Gelegenheit hatten, in das Berufsbild „Krankenpflegerin in der häuslichen Betreuung mit Schwerpunkt Beatmungspflege“ hineinzuschnuppern. Hier ein kleiner Bildbericht! Viele Erklärungen, viele Fragen … Wenn Sie eine der Fragen auch beantworten können, schreiben Sie mir! Für die richtigen bzw. die, äh, schönsten Antworten („Was ist eine Gänsegurgel?“) gibt’s was zu gewinnen, z.B. Lesezeichen zu meinem Buch „Langer Atem“ … J

Ich wünsche einen bezaubernden Mai!

          „Man muss die Luft anhalten und versuchen, langsam bis zehn zu zählen. Wenn man so weit
          kommt. Man muss bis fünfzehn zählen, wenn man nicht mehr fett sein will, und bis fünfzehn,
          wenn man ganz normal sprechen will, nicht mehr stottern, geradeaus sprechen. […] Wir halten
          die Luft an und zählen. Zählen und halten die Luft an und zählen. Bis zehn. Bis elf, bis dreizehn
          vielleicht. Dann geht es nicht mehr, dann müssen wir einatmen und Luft holen und weiteratmen.
          […] Dann zählen wir nicht mehr.
          Dass man bis zum Meer kommt, sagt er, wenn man ins Wasser steigt und die Luft anhält, und die
          Luft ganz lange anhält im kalten Wasser, noch viel länger anhält, viel länger als bis zwanzig oder
          bis dreißig anhält, viel länger die Luft anhält, dann kommt man irgendwann zum Meer.“
Damit ist alles gesagt. Von diesem Buch muss man sich finden und berühren lassen: „Die Luft anhalten bis zum Meer“, Sven-André Dreyer, erschienen im März, mehr Informationen hier.

Und
          „Wenn mich einer nach meinem Hobby fragt, also was ich wirklich gern mache, dann sage ich
          immer: Überleben.“ (Dieter Nuhr)
und manchmal scheint das ein bisschen geflunkert.

Und überhaupt:
Das „kleine Glück von einem, der überlebt hat“ (Karsten M.) liegt doch manchmal sehr schwer in der Waagschale.
 
Manchmal halte ich die Luft an. Einfach so. Und zähle. Wenn ich bis fünfzehn zähle, vielleicht, nur bis fünfzehn, kann ich wieder atmen. So richtig, meine ich, richtig atmen, einatmen, ausatmen, und das alles alleine.  

Ich erspare Ihnen das ganze Drumherum der Geschichte, wie mein Laptop sein Leben aushauchte. Es war ein langsames, langes Dahinsiechen, insofern war ich vorbereitet und hatte genügend Gelegenheiten, alle Dateien, Texte, Grafiken etc. auf den stationären Rechner hier zu Hause rüberzuholen und zu sichern. So weit so gut. Das Sterben empfand ich als schade, aber nicht tragisch, denn vorm PC am Schreibtisch arbeite ich eh viel disziplinierter. Der Laptop ist Gold wert gewesen in der langen Krankenhauszeit als Medium für den Kontakt mit der Welt draußen, aber dafür benötige ich ihn ja nun nicht mehr. Abends jedoch, spätabends, durchfuhr es mich siedend heiß: Ich hatte zwar alle Texte etc. auf den PC geholt, nicht aber meine gesammelten E-Mails der letzten dreieinhalb Jahre. Die waren nun weg, unwiderruflich. Das hat mich dann doch ziemlich mitgenommen, denn ich kann mich an vieles aus den Jahren eh schon so gut wie nicht erinnern und die Monate vom Zeitpunkt der Transplantation (Mai 2010) bis fast November 2010 fehlen mir fast komplett. Und nun sind auch noch die E-Mails weg, virtuell schriftliche Beweise dafür, dass es mich gegeben hat in der Zeit, da ich sogar E-Mails geschrieben habe, auch wenn ich mich daran nicht erinnere. Ich habe diese E-Mails „hinterher“ zwar nicht oft gelesen, dennoch waren sie für mich zum einen ein penibles, geradezu akribisches Gedächtnis (was war wann genau?) und zum anderen oft auch Bekenntnis. In ihnen habe ich deutlicher und häufiger Zeugnis über die Abgründe des „Wieder-ins-Leben-Kommens“ abgelegt als irgendwo sonst. Unaussprechliche Gefühle haben ihren Weg zum Gegenüber durch das geschriebene Wort gefunden; und zwar derart, wie sie weder auf dieser Papiersinfonie (die ja in gewisser Weise auch als Chronik der ganzen Jahre herhalten kann) noch in meinem Buch „Langer Atem“ und am allerwenigsten in Gesprächen, die anfangs durch die eingeschränkte Sprechmöglichkeit aufgrund der Trachealkanüle sehr erschwert waren, nachvollzogen werden können.
Von einem bestimmten Zeitpunkt an, das ist ja gut in „Langer Atem“ und auch hier auf der Papiersinfonie nachzulesen, berichtete ich über das Aufwärtsgehen, das Zurückkommen ins Leben, die enormen Fortschritte, mit denen kein Mensch jemals gerechnet hätte. Viele der E-Mails, gerade an enge Freunde, jedoch zeigten die andere Seite der Medaille: die Hölle, immer noch am Leben zu sein und das gar nicht mehr wollen, die Verzweiflung, die Hilf- und Hoffnungslosigkeit, die Abhängigkeit, das Abgeschobenwerden und die gnadenlose Angst. Sie zeigen kurzum das an Gefühlen, was ich sonst nicht nach außen verbreitet habe und es auch jetzt selten tue, gar kann. Die E-Mails zeigten meine Auseinandersetzung mit mir selbst und „der Welt“ in Bezug auf die Fragen nach einem Sinn des Weiterlebens in allen verschiedenen Phasen vor und nach der Transplantation, die Desillusionierung und die Frage nach dem „Überhaupt“: Wo liegt der Sinn eines Lebens, wenn ich nicht mal mehr selbst die Hand zum Kopf führen kann, mich nicht allein im Bett umdrehen kann und ja nicht mal mehr allein atmen kann? Mein Mann hat mir damals den Laptop auf einem Bett-Tischchen vor der Nase aufgebaut, meine rechte Hand irgendwie an diesem Tischchen befestigt, da ich sie nicht von allein oben halten konnte und ich habe mich stundenlang damit gequält, mit dem Zeigefinger die Tasten berühren zu können und ein paar Sätze zu schreiben. Stunden für ein paar Zeilen.
Die E-Mails zeigten in aller Deutlichkeit, wie überfordert ich mit der ganzen Situation war. Und sie zeigten vermutlich noch deutlicher, wie sehr ich andere mit meiner Situation überforderte – indem ich Kontakt verlangte, Aufmerksamkeit verlangte, den/die manche nur schwer halten oder geben konnten.

Wie auch immer: Die E-Mails sind nicht mehr da. Tabula rasa. Ich kann nicht mehr „nachlesen“, nicht mehr zurückblättern. Meine Freundin meinte bezeichnenderweise dazu, vielleicht sollte ich den Verlust zum Anlass nehmen, jetzt wirklich nur noch nach vorne zu schauen und das Vergangene ruhen zu lassen, zumal ich als externes Gedächtnis ja noch meinen Mann und die Menschen habe, mit denen ich in der Zeit die E-Mails ausgetauscht habe.

Erwähnen möchte ich noch kurz, dass ich inzwischen fast zweieinhalb Monate ohne Dialyse auskomme und meine Werte weiterhin ziemlich stabil sind. Die Beatmungsmaschine benötige ich nur noch nachts; ich stelle sie morgens nach dem Aufstehen ab und abends kurz vorm Schlafengehen wieder an – 14 bis 16 Stunden Spontanatmung am Sprechventil, hey, da kann der Frühling doch kommen, oder? Da es im letzten Monat leider nicht geklappt hat, wird Poetry-Slammerin Sabrina Schauer am 21. diesen Monats im Kulturpunkt im Barmbek°Basch mein Gedicht „Wenn Ebbe ist“ lesen (siehe Ausgesprochenes). Passt sowieso viel besser zum beginnenden Frühling als zum vergehenden Winter. Wo da der Unterschied ist? Na, hören Sie selbst rein!

Empfehlen möchte ich Ihnen zum Schluss einen Artikel aus DIE ZEIT vom 23.02.2012, den ich hoch interessant zu lesen fand, „Deo Nummer 79. Wie ein Konzern ein Massenprodukt verkauft, auf das die Welt nicht gewartet hat. Die Geschichte eines neuen Deosprays“ von Wolfgang Uchatius. Musste schon grinsen, als ich die Überschrift las, mittig eingebunden zwischen zwei Fotos von Drogerieregalreihen mit Deosprayrollerprodukten. Wäre der Artikel über Haarshampoos gewesen, hätte ich vermutlich noch mehr gegrinst und gedacht: Ich habe schon eher gezählt ...


Ich musste unlängst eine neue Flasche Haarshampoo kaufen. Der Drogeriemarkt gleich bei uns um die Ecke ist, was die Ladenverkaufsfläche betrifft, eine eher verhältnismäßig kleine Filiale einer deutschlandweiten Drogeriekette. Das Shampoo, das ich seit Jahren benutze, war just ausverkauft. Trotzdem ich eigentlich ein Gewohnheitstier bin, bin ich flexibel geblieben und schaute demnach nach einer Alternative. Nach fünf Minuten des Schauens fühlte ich mich jedoch leicht überfordert. Die Auswahl an reinen Haarshampoos (Spülungen, Kuren und was man sonst so alles – nicht unbedingt – benötigt, nicht mitgerechnet, Shampoos für Babyhaare ebenfalls nicht genauso wenig wie die 4 verschiedenen Trockenshampoos) war so immens, dass ich einfach nicht umhin konnte, sie zu zählen: Es waren 181 (in Worten: einhunderteinundachtzig) unterschiedliche Shampoos von ca. 15 verschiedenen Herstellern. Einzelheiten erspare ich Ihnen, frage aber: Wer braucht die Auswahl zwischen 181 verschiedenen Sorten Shampoos? Wissen Sie, was letztendlich dann für mich das Kriterium war, mich für eine Alternative zu entscheiden? Die Farbe. Ich hatte Lust auf orange. In knallorange gabs nur eins, von einem Hersteller, dessen Shampoos es auch schon zu meiner Kinderzeit gegeben hat (damals aber noch nicht in orange). Zugegeben, ich war etwas irritiert von der Beschreibung „mit Superfruchtextrakten“ (Was um aller Welt sind Superfrüchte? Welcher Geschmacks-, Verzeihung, Geruchsrichtung gehören Superfrüchte an und sind die wirklich so orange?)

Apropos Früchte.
Neulich las ich einen Artikel über Äpfel. Der Autor beklagte sich bitterlich darüber, dass er – selbst auf einem gut sortierten Bio-Wochenmarkt – nur noch so wenig Auswahl an unterschiedlichen Apfelsorten bekommt. Und die ganzen schönen alten Sorten, die er auch sämtlichst namentlich erwähnte, würde er schon gleich nicht mehr bekommen (außer übers Internet); heutzutage sei doch fast alles ein Einheitsapfel und der oft noch nicht mal aus heimischem Lande. Ob er damit Recht hat, vermag ich nicht zu beurteilen, ich war mit der Auswahl an Apfelsorten unseres kleinen Gemüsehändlers (fast direkt gegenüber der Drogeriefiliale!) immer recht zufrieden, na ja, vielleicht bin ich da genauso anspruchslos wie bei Haarshampoos. Was mir allerdings doch aufgefallen ist: In einer rechtzeitig vor Weihnachten nach Komplettsanierung und Vergrößerung wiedereröffneten Filiale eines großen Lebensmittelsdiscounters ist die Auswahl, gerade bei Äpfeln, jetzt kundenfreundlich so einfach, wie es einfacher wohl kaum nicht mehr geht. Man hat dort jetzt die Wahl zwischen roten und grünen Äpfeln. Basta. Das erleichtert die Entscheidungsqual doch ungemein, oder? Als dritte Kategorie an Äpfeln gibt es dort noch Kinderäpfel. Die sind aber auch entweder rot oder grün, unterscheiden sich von den roten und grünen Äpfeln für Erwachsene allerdings im Preis. Sie sind doch glatt ein weniger günstiger, aufs Kilo gerechnet, als die GrünenfürErwachsene; jedoch erheblich teurer als die RotenfürErwachsene. Das jedenfalls zum Zeitpunkt des Fotografierens. Seis drum.

Beißen Sie also auch morgen noch kraftvoll in rote oder grüne Äpfel und verwöhnen Sie Ihre Haare mit den orangefarbenen Superfruchtextrakten. Wohl bekomms.

PS: Ich hätte Ihnen auch gern ein Foto der 181 verschiedenen Haarshampoos gezeigt, schon allein als Beweismittel, aber ich besitze nur eine ganz normale kostengünstige Digitalkamera ohne besonderes Weitwinkelobjektiv. Damit hätte ich die ganze Bandbreite nicht auf ein einziges Foto bekommen.


Je länger ich zu Hause bin, je besser es mir gesundheitlich geht, sowohl physisch als auch psychisch, desto öfter werde ich – vorsichtig, ganz vorsichtig – gefragt, „ob ich es wieder machen würde“. Und immer, wenn ich dann versuche, meine ganze ambivalente Haltung darzulegen, stellt sich oft heraus, dass die Frager gar nicht so wirklich daran interessiert sind, ob ich mich wieder für eine Transplantation entscheiden würde, sondern dass sie oft einfach meine Meinung zu Organspende allgemein wissen wollen. Und da bin ich für mich ganz klar: Organspende kann Leben retten. Eine Organspende hat mein Leben gerettet. Ich kenne den Spender meines Organs nicht, aber ich weiß, dass ich das Glück, ein Spenderorgan erhalten zu haben, nur der Bereitschaft eines anderen Menschen verdanke, der seine Lunge gespendet hat und ich weiß auch, dass dieses Geschenk mit dem Tod des anderen Menschen verbunden war.
Unser heutiges Transplantationsgesetz, das Bundesrat und Bundestag in breitem Konsens verabschiedet haben und das 1997 in Kraft trat, sieht die so genannte erweiterte Zustimmungsmöglichkeit vor, nach dieser einem Verstorbenen Organe nur dann entnommen werden dürfen, wenn er selbst dazu die Einwilligung im Organspenderausweis dokumentiert hat. Liegt keine schriftliche Erklärung vor, werden die nächsten Angehörigen befragt (ob der Verstorbene sich ihnen gegenüber geäußert hat) und wenn auch hierzu nichts bekannt ist, werden Angehörige nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen befragt und gebeten, in seinem Sinne zu entscheiden. Im Organspendeausweis kann man das Einverständnis auch nur für bestimmte Organe geben, man kann bestimmte Organe ausschließen oder auch der Entnahme von Organen und Gewebe gänzlich widersprechen – in jedem Falle aber dokumentiert man damit seine Entscheidung.
Trotz breiter Zustimmung in der Bevölkerung bekunden nur sehr wenig, unglaublich wenig Menschen ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis. Für viele Menschen ist Organspende nach wie vor ein bedrohliches Tabuthema, weil es eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod bedeutet. Selbst im Familienkreis werden Gespräche darüber oft vermieden. Auch die Angst, als möglicher Organspender keine optimale medizinische Behandlung zu erhalten und zu früh „für tot erklärt zu werden“, spielt eine Rolle.
Dabei kann nicht generell jeder Verstorbene ein Organspender sein, denn als Spender von – durchbluteten – Organen kommen (außer Lebendspenden) nur Hirntote mit künstlich aufrechterhaltenem Herz-Kreislauf-System infrage. In den allermeisten Fällen tritt jedoch der Herzstillstand zuerst ein. So kommen von den vielen Hunderttausend jährlich in deutschen  Krankenhäusern Versterbenden sowieso nur ca. 1% als Organspender in Betracht, weil bei ihnen der Hirntod dem endgültigen Herzstillstand vorausgeht.

Hier in Hamburg läuft seit 2010 eine Wanderausstellung mit dem Thema: „Ich oder du? Künstlerische Positionen zur Organspende“. Studierende des Fachbereichs Illustration der Hochschule für Angewandte Wissenschaften haben sich, unterstützt von der Techniker Krankenkasse und der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz (Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz) mit dem hochsensiblen und komplexen Thema Organspende beschäftigt. Dabei ging es nicht vordergründig um eine positive Auseinandersetzung mit dem Thema. Auch negative Aspekte, Ängste oder Vorurteile konnten aufgegriffen und künstlerisch umgesetzt werden; die Themen Tod, Leid, Nächstenliebe, Fürsorge, Glück und Hoffnung liegen eng beieinander. Herausgekommen ist dabei eine Vielfalt, die mich sehr beeindruckt hat. Ein paar Mal musste ich auch tief schlucken. Bis Ende des Monats ist die Ausstellung noch im Hamburg Haus in Eimsbüttel, Doormannsweg 12, zu sehen. Laut BGV wird man sie im März noch im Hamburger Rathaus besuchen können. Einen Ausstellungskatalog „Ich oder du?“ gibt es (kostenlos) an den jeweiligen Ausstellungsorten oder hier als Download.
* Illustrationen aus dem Ausstellungskatalog, Herausgeber: Freie und Hansestadt Hamburg. 062, Lena Personn und 081, Rasmus Borkamp.


So um den 2. Advent herum fing es an zu rumoren, dies Gefühl in mir. Im letzten Jahr fühlte ich wie nie zuvor, dass Advent war. Ich fühlte, es war die Zeit, in der sich neue Türen öffnen würden, sich andere Horizonte zeigen würden. Ich fühlte deutlich, dass ich mal wieder an der Schwelle einer neuen, veränderten und veränderbaren Zeit stehe.
Mehr nicht. Genauso vage. Trotzdem fühlte ich mich beseelt. Offen. In Aufbruchstimmung. Meine häufige Missstimmung der Wochen zuvor schien geringer, die Zeiten, in der ich sie so stark (und belastend) gefühlt habe, diese Abhängigkeit von Beatmungs- und anderen Maschinen, der Frust, der mich so häufig befiel, wenn ich wieder mal merkte, wie hilflos ich mich in Bezug darauf fühlte, mich nicht adäquat ausdrücken zu können, weil ich einfach die „technischen“ Voraussetzungen für Sprache und Sprechen durch die Trachealkanüle nicht besitze. Wie minderwertig ich mich manchmal deswegen fühlte, manchmal auch behandelt fühlte „Kann sie auch sprechen? Kann sie mich denn verstehen?“
Ich fühlte Ruhe, lang ersehnte Ruhe. Gleich bleibend.

Am 2. Advent besuchten wir erstmals mit Sack und Pack eine Freundin zum Tee, nicht um die Ecke, sondern einmal quer durch Hamburg. Am 3. Advent besuchten wir eine andere Freundin, überquerten sogar die Grenze nach Schleswig-Holstein. Das klappte prima, als hätten wir das immer so gemacht. Routiniert packten wir alle Siebensachen zusammen, ins Auto, dort und da wieder aus, später zusammen, zurück ins Auto, bei uns zu Hause wieder aus. Die Beatmungsmaschine benutzte ich selten auf diesen Besuchen, ich war fast immer spontan atmend. Nur mit dem Sprechen war es wie immer kompliziert.

Am 4. Advent war das Wetter schlecht, grottenschlecht und das schlug dann doch auch wieder auf meine Stimmung. Schlechtes Wetter war bislang auch immer schlecht für meinen täglichen Spontanatmungsstundendurchschnitt. Draußen war Spontanatmen einfach, so einfach, keine Ahnung, warum. Stundenlang funktionierte das, während ich drinnen in der Wohnung eigentlich immer dann am besten spontan atmen konnte, wenn ich in Bewegung war. In Ruhe, vielleicht auf dem Sofa beim Lesen oder am Schreibtisch beim Schreiben oder Tippen, das fiel mir unsagbar schwer, meist klappte es gar nicht oder höchstens mal eine Viertelstunde unter ziemlicher Anstrengung.
Wie gesagt, am 4. Advent war das Wetter so schlecht, dass an Rausgehen überhaupt nicht zu denken war. Schon gar nicht im Rolli. Da kramte ich ganz spontan diesen anderen Trachealkanülenaufsatz hervor, den ich in den letzten Tagen im Betreuten Wohnen schon bekommen hatte: ein Sprechventil. Das kann man benutzen, wenn man nicht an der Beatmungsmaschine ist, also spontan atmet, aber der Unterschied zum herkömmlichen Spontanatmen ist, dass hier die Trachealkanüle entblockt ist. Heißt, kurz und knapp, man atmet wieder im physiologischen Sinne, also durch Mund und Nase und nicht mehr durch die Trachealkanüle. (Genau deswegen hatte das im Betreuten Wohnen noch nicht so richtig funktioniert, ich hatte erhebliche Probleme, mich wieder auf „normale“ Atmung einzustellen, ich hatte sozusagen das Gefühl, nicht mehr ausatmen zu können.) Das Besondere hierbei aber ist auch, dass durch die Entblockung und die normale physiologische Atmung auch die Stimmbänder wieder relativ normal luftangeströmt werden und somit auch wieder vibrieren können – man kann also relativ normal sprechen. Ein klein bisschen heiser vielleicht und nicht so richtig laut, aber man kann die Stimme wieder fast normal modulieren, hat also Sprachmelodie und und und.
Und dann, am 4. Advent, hatte ich auch plötzlich keinerlei Probleme damit, „normal“ zu atmen. Und nicht nur, dass ich es nicht schwierig fand, nein, aus mir noch nicht ganz klaren Gründen finde ich es sogar einfacher, sehr viel einfacher (inzwischen manchmal sogar einfacher als an der Maschine). Am 4. Advent wollte ich es nur einfach mal wieder versuchen, und sei es für 10 Minuten. Aus den 10 Minuten wurden auf Anhieb fünf Stunden. Und abends noch einmal fast so viel. Ich muss gestehen, an diesem Abend hatte ich Angst, an der Maschine ins Bett zu gehen und einzuschlafen. Was, wenn es am nächsten Tag nicht mehr funktionieren würde? Was, wenn das alles nur eine Eintagsfliege gewesen war?
Um es kurz zu machen: Es war (natürlich) keine. Und ich schlage damit, um es pragmatisch auszudrücken, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich spreche wieder und meine täglichen Stunden mit Spontanatmung sind sofort sprunghaft angestiegen – seit dem 4. Advent auf zwischen (und jetzt halten Sie sich fest!) so 10 und rekordverdächtigen 13,5 Stunden am Tag. Das ist nun schon fast ein ganzer wacher Tag. Und: Ich bin noch nicht am Ende angekommen.
Beides zusammengenommen ist ein solch enormes Plus an Lebensqualität, wie ich es kaum in Worte zu fassen vermag. Manchmal kaum nachzufühlen vermag. Dann sitze ich hier und denke: Das sind wirklich neue Horizonte. Das sind ganz neue Perspektiven. Und da schießt mir auch manchmal das Wort Wunder durch den Kopf.

Aber damit noch nicht genug (der Wunder). Es gibt weitere Horizonte, die auf einmal wieder sichtbar werden. Erinnern Sie sich, nachdem ich wieder zu Hause war, haben wir in der neuen Dialysepraxis einen Auslassversuch unternommen, der recht erfolgreich war, sodass ich fast von Anfang an statt dreimal nur noch zweimal wöchentlich dialysiert wurde. Was ich noch nicht erwähnt hatte, glaube ich, dass wir einen zweiten Auslassversuch gestartet hatten, Anfang letzten Monats: Im Dezember bin ich nur noch einmal wöchentlich zur Dialyse gegangen und bis auf ein paar Kleinigkeiten sind meine Werte stabil geblieben. (Gefühlt war es natürlich weitaus mehr: An Dialysetagen ging es mir ja persé immer ziemlich schlecht, auch hinterher. Es ist jetzt keine Milchmädchenrechnung, die ich aufmache, wenn ich sage, je weniger Dialysetage, desto weniger schlechte Tage gab es. Es war einfach so. Und da die Werte eben relativ stabil geblieben sind, gab es ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk: Am Mittwoch vor Weihnachten war vorerst die letzte Dialyse für mich. Vorausgesetzt natürlich, die Werte halten sich. Wir pausieren. Diese Woche bin ich also zum ersten Mal „nur“ zu einer Blutkontrolle und zum Spülen/Verbinden des Katheters in der Praxis gewesen. Das Gefühl, das ich dabei empfand, kann ich auch sehr schwer wiedergeben. Es war schon ziemlich überwältigend.
Wie viel mehr Freiheit! Was für Möglichkeiten! Anderthalb Jahre nach der Transplantation!
Natürlich ist mir etwas mulmig. Ich werde fürchterlich frustriert sein, falls es auf Dauer nicht klappt und ich doch wieder an die Dialyse muss. Aber wenn ich es nicht austeste, nicht ausprobiere, nicht wage – dann werde ich nie wissen, ob es nicht vielleicht doch ganz ohne geht!

Ich wünsche mir also ganz einfach, dass es im Neuen Jahr so weitergehen möge. Es gibt noch so viele weitere Ziele: den Rollstuhl loswerden, wieder normal laufen können. Ausdauer bekommen, mehr und stärkere Muskeln (sowohl in den Beinen als auch in der Lunge).
Ich wünsche mir, dass es mir wie momentan gelingt, bei Problemen (welcher Art auch immer, sei es Blut im Sekret oder eine über 90-Jährige Großmutter, die es über kurz oder lang nicht mehr bewältigen wird, alleine zu Hause zu leben) nicht überzureagieren. Ich merke, dass ich langsam wieder völlig rein finde in das, was man gemeinhin Leben nennt. Davon möchte ich mehr. (Ja. Ich weiß. Es liegt an mir.)

Ich wünsche Ihnen ein fortschrittliches, gesundes, stabiles und lebendiges 2012. Wir lesen uns. Sehen uns. Hören uns. Das ist ein Versprechen.

Nachtrag Dezember 2011
Wieder einmal bedanke ich mich bei Autorin und Literaturinterpretin Rena Larf, die am 14.12.2011 meinen Weihnachtstext „Heimkehr" im Hamburger Literaturradio präsentierte!

Dezember 2011 –  Ein Weg nach innen: Momentaufnahmen, Rückbesinnung, Vorwärtsschauen

Neulich auf einem Rollstuhlspaziergang an einer Ampel. Neben uns eine Mutter mit Kinderkarre, in der ein schätzungsweise 3-4-jähriger Junge sitzt. Der Knirps schaut mich lange, wirklich richtig lange an. Als die Ampel auf Grün springt und sowohl mein Mann als auch seine Mutter loslaufen, blickt er mir in die Augen „Kannst du nicht laufen?“ Daraufhin seine Mutter: „Äh, also, wir machen einen längeren Spaziergang. Deshalb habe ich die Karre genommen.“ (Ach was. Wir auch. Na ja, so in etwa.)

Neulich an einer anderen Ampel. Es war ziemlich kalt, die Luftfeuchtigkeit hoch und die mobilen Sauerstoffkanister, die immer hinten am Rollstuhl hängen, dampften schwer arbeitend vor sich hin. Eine Frau mit Fahrrad und (vermutlich) Enkel im Kindersitz schaut uns lange an, dann die Sauerstoffkanister, dann wieder uns. „Ist wohl normal, dass es unter Ihnen qualmt!?“
 

Neulich Abend auf einer Lesung. Wir sitzen im Publikum. Ich war die ganze Zeit spontan atmend, aber kurz bevor die Lesung begann, hatte ich mich wieder an die Beatmungsmaschine umgestöpselt. Kurz vor der ersten Pause, als ein Autor gerade den vorangegangen ablöst, ruft der Mann neben mir am Tisch, mit dem ich mich vor der Lesung schon einen Augenblick unterhalten hatte, plötzlich ziemlich laut in den Raum: „Eine Bitte an den Veranstalter. Hier ist irgendwo so ein Aggregat, das ständig an- und wieder abschwillt, kann man das abstellen?“ Meine Freundin, die ihm gegenüber am Tisch saß, beginnt zu grinsen „Klar kann man das abstellen. Aber das ist eine Beatmungsmaschine. Wenn Sie die abstellen, läuft Ihre Tischnachbarin blau an. Keine Maschine, keine Atmung.“ (…)

Dezember also.
Mein Weg führt nach innen. Rückbesinnung: Wie war das Jahr?
Vermutlich erklären Sie mich für verrückt, antworte ich jetzt nicht mit „Gut war es.“. War es ja auch, zweifelsohne. Wer hätte vor einem Jahr auch nur 10 Cent darauf gewettet, dass ich heute in so einem Zustand sein würde wie ich es bin? Wer hätte je geglaubt, dass ich nicht nur wieder die elementarsten Dinge des Seins selbst bewältigen würde sondern dies sogar noch zu Hause würde tun können? Und dass ich wieder arbeiten, lektorieren, wieder schreiben, ja, sogar mit einem neuen Buch aufwarten würde können?
So viele Sehnsüchte haben sich im Laufe des Jahres für mich erfüllt, die ich mich vor 12 Monaten noch nicht einmal getraut hätte laut auszusprechen – geschweige denn, dass ich an die Möglichkeit einer Erfüllung derer überhaupt geglaubt hätte.
Und auch wenn sich natürlich in den nun knapp drei Monaten zu Hause eine Art Alltag eingestellt hat, in dem ich bislang ganz gut und zunehmend besser zurecht komme, hat sich ein großer Wunsch nicht erfüllt. Ich hatte ja sehr gehofft, dass die Krankheit meinen Alltag nicht allzu sehr dominieren würde, dass ich sie ins Leben integrieren könnte, quasi nebenher „laufen lassen“ könnte. Das funktioniert leider nicht. Vielleicht ist das zu erwarten gewesen, dennoch bin ich immer wieder neu erschlagen von der Allgegenwärtigkeit. Erschlagen von der Abhängigkeit von der Beatmungsmaschine. (Auch, wenn ich mittlerweile über 7 Stunden täglich spontan bin.) Nichts, aber auch wirklich nichts ist einfach. Jede meiner Handlungen, jeder einzelne Schritt, jede Befindlichkeit steht in unmittelbarer Abhängigkeit zum Atmen, zum Beatmetwerden oder Spontanatmen.

Ein Weg nach innen. Neulich las ich im diesjährigen „Der andere Advent“-Kalender das Gedicht „Vor dem Winter“ von Eva Strittmatter, in dem sie davon spricht, ein Lied aus Stille zu machen, ein Lied aus Licht, Schweigen, Farben, Gerüchen, Schreien; ein Lied aus Räumen und Träumen – um nicht zu vergehen während des Winters. Diese Lyrik hat mich in der Einfachheit und Schönheit der sprachlichen Bilder nachhaltig beeindruckt. Solch ein Lied wünsche ich mir auch. Nicht nur für den Winter.

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Adventszeit. Lassen Sie sich nicht überrennen und verrennen Sie sich nicht. Ich wünsche Ihnen eine Zeit mit Plätzchen backen und Weihnachtsmarmelade kochen. (Wahrscheinlich fühlt sich das für Sie hinterher auch nicht so  an, als hätten Sie gerade einen Marathon absolviert.) Mit Kerzenschein statt LED-Beleuchtung. Mit Orgelkonzerten und Bratapfelduft. Mit Rückbesinnung und Vorwärtsschauen: Ein neues Jahr wird beginnen.
Wieder verheißt es Leben.

Dann noch dies: Auf der Dezember-Spätlese in der Bascherie im Kulturpunkt Barmbek˚Basch wird meine Freundin Tatia Schirrmacher einen ihrer Beiträge aus meinem Buch „Langer Atem“ lesen: Angst und Hoffnung. Ein sehr intimer, sehr berührender Text.
21. Dezember, ab 19.30 Uhr.
Anfang nächsten Jahres liest Poetry-Slammerin Sabrina Schauer an gleichem Ort meine Lyrik „Wenn Ebbe ist“, ebenfalls aus „Langer Atem“.

Heike Hartmann-Heesch

November 2011 – Kleine Fluchten oder Mit den Laternenpfählen per du

Neulich gegen Abend auf einem Spaziergang an unseren Weiher beobachteten wir eine Fahrerflucht. Ein 5er-BMW, schwarz, verdunkelte Scheiben, streifte beim Rückwärtsausparken einen auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkenden Smart. So schlimm war das nicht, der Smart hatte eine Kunststoffstoßstange, aber drei blöde Kratzer blieben doch. Und was soll ich sagen? Der BMW-Fahrer parkte weiter aus und fuhr dann in aller Seelenruhe davon. Der ist nicht mal ausgestiegen, um nachzuschauen. Okay, das war sicherlich nur ein winziger Schaden, aber man kann sich doch nicht einfach so aus dem Staub machen! Also hinterließen wir einen Zettel hinter der Windschutzscheibe des Smart mit der Uhrzeit, der Autonummer des BMW und unserer Telefonnummer als Zeugen. Reichte das?

Gemeldet hat sich bislang niemand.

Ich träume momentan nachts sehr viel. Horrende Geschichten teilweise, die mir nicht nur beim Aufwachen Angst machen, sondern die mir auch zeigen, was für Ängste ich generell noch mit mir rumschleppe: Überbleibsel der letzten Jahre, vornehmlich der Krankenhausaufenthalte. Fast alle dieser Träume enden in irgendeiner Form damit, dass ich fliehe (n muss). Aus Krankenhäusern. Mit Sauerstoffkanistern unterm Arm kann ich in den Träumen über Balkongeländer springen, in Aufzüge hechten, rennen, mich gleichzeitig umblicken, Treppen steigen und diverse weitere Dinge. Im Traum weiß ich gar nicht, wohin ich will, mache mir auch keine Gedanken darüber: Hauptsache weg. Über ein Ankommen denke ich im Traum auch nicht nach. Nur über das Fliehen. Nie hilft mir jemand dabei, immer bin ich allein. Die Flucht kriege ich immer gut hin, niemand erwischt mich, niemand hält mich auf (nur verfolgt werde ich); was danach kommt, weiß ich nicht, weil ich dann immer von selbst aufwache oder wie z.B. heute Morgen just in dem Moment geweckt werde. Spannend dabei finde ich ja, dass ich im Traum immer meine Beatmungsmaschine vergesse. Die Sauerstoffkanister nehme ich immer beide mit, die Maschine nicht. Sorgen macht mir das aber keine. Diese Träume begleiten mich schon seit mehreren Wochen, sie begannen, kurz nachdem ich wieder zu Hause war. Im Traum trage ich übrigens immer Stiefel. Ich habe, seit ich den Kinderschuhen (-stiefeln) entwachsen bin, nie Stiefel besessen.

Letzten Samstag habe ich mir ein Paar braune Lederstiefel gekauft.

In den Wochen, seit ich wieder zu Hause bin, wurde ich schon öfters gefragt, ob ich nicht nach all den Jahren Lust hätte, in den Urlaub zu fahren. Einen solchen Gedanken hatte ich anfangs auf Eis gelegt, ich wollte erstmal zu Hause ankommen und – zumindest, was die beatmungstechnischen Dinge betrifft – eine Art routinierten Alltag schaffen. Was wann wie läuft, welche Schläuche dauerhaft an welche Geräte angeschlossen werden, welche für  mobile Geräte bereitstehen müssen, welche Kabel wohin gehören. Welche Maschinen wo stehen, damit es ökonomisch wird. Leider hab ich z.B. nur zwei Beatmungsmaschinen, eine fürs Wohnzimmer und eine fürs Schlafzimmer, praktischerweise bräuchte ich auch noch eine für den Schreibtisch, damit man sie nicht immer hin- und hertransportieren muss und auch die Sauerstoffverbindungsschläuche nicht immer trennen muss. Sehr viel Durcheinander war anfangs und für mich war es oft schwierig, weil ich noch nicht so weit bin, dass ich in die hintersten Ecken der Zimmer kriechen kann, in die wir die meisten Maschinen verbannt haben, damit sie nicht a) blöd im Weg rumstehen und b) nicht die ganze Wohnung wie ein Krankenhauszimmer aussieht. Kriechen kann ich noch nicht, sorry, und mit dem Transport der Geräte sieht es auch schlecht aus, denn wenn ich zwischen den Zimmern hin- und herlaufe, bin ich ja immer spontanatmend, das heißt, ich schleppe sowieso schon wenigstens einen mobilen Sauerstofftank mit mir. Im Laufen kann ich nicht sprechen, denn dann müsste ich einen zweiten Sauerstofftank mitschleppen. Dann hätte ich aber keine Hand frei, um diesen Extra-Schlauch zu bedienen, der an meiner Trachealkanüle zusätzlich mit drannehängt und der eigentlich für eine subglottische Absaugung vorgesehen ist und nicht zum Sprechen. Mit Trick 17 kann man damit aber doch sprechen, wenn man den Pijökel, der eigentlich zum Anstöpseln des Absaugkatheters vorgesehen ist, kurzerhand mit dem Daumen zudrückt. Dadurch gelangt dann Sauerstoff an die Stimmbänder, die können fein hin- und hervibrieren und somit kann ich sprechen. Etwas blechern zwar und anstrengend ist es auch, aber es funktioniert. Aber drei Hände hab ich nun mal nicht. Alles klar so weit? Grinsen Sie ruhig. Urlaub also.
Oder zum Üben ein verlängertes Wochenende. Inzwischen finde ich den Gedanken ganz reizvoll, Urlaub als wunderbare kleine Flucht aus dem eben doch noch recht eintönigen Alltag, denn für viele außerhäusige Aktivitäten bin ich einfach noch nicht fit genug. Momentan also eher Couch-Potatoe als Volkspark-Jogger. Aber draußen sind wir trotzdem viel, jeden Tag, stundenlang, spazieren gehender- bzw. -fahrenderweise selbst jetzt, wo es schon manchmal für Rolli-Benutzer empfindlich kalt an den Beinen wird (trotz, Oma sei Dank, warmer Wollstrumpfhose). In unserem Viertel kennen wir inzwischen fast jeden Pflasterstein. Also wäre eine neue, uns nicht bekannte Gegend gar nicht schlecht. Insel wär auch toll, schon wegen des Klimas.
Bei Insel fällt mir (natürlich) als erstes „meine“ Insel ein, die seit des Eisenbahntunnelbaus vor nunmehr etlichen Jahren gar keine richtige Insel mehr ist: Großbritannien. Das können wir vorerst aber vergessen, denn Ausland funktioniert krankenkassentechnisch nicht mit Beatmungsmaschine. Also muss eine Insel her, die geografisch nicht unbedingt näher liegt, dafür aber zu unserem Lande gehört. Amrum wär nicht schlecht, Rügen kommt sicherlich  auch in Betracht.

Aber eigentlich möchte ich gar nicht fliehen momentan. Weder auf positive noch albträumerische Art. Warum sollte ich auch? Noch vor ein paar Monaten sehnte ich mich danach, wieder zu Hause zu sein und wieder einen möglichst normalen Alltag leben zu können. Das gelingt in großen Teilen schon recht gut, und dafür bin ich täglich dankbar. Auch wenn wir draußen in der näheren Umgebung schon mit den Laternenpfählen per du sind.

Ich wünsche Ihnen keinen eintönigen November. Falls Sie doch einer erwischt, müssen Sie sich halt ein paar Gedanken über Flucht machen.

Oktober 2011 – Zeichen, Wunder und andere Perspektiven

Den ganzen Sommer über habe ich alle Menschen, die sich über eben jenen verregneten aufregten und beklagten, vertröstet mit den Worten: „Nicht traurig sein, der Sommer wird kommen, wenn ich zu Hause sein werde.“ Dann war ich endlich zu Hause und prompt kamen die ersten E-Mails: „Wo bleibt denn nun Ihr versprochener Sommer?“ Heute kann ich nun mit gutem Gewissen sagen: „Na, seit nunmehr einer Woche haben wir ihn doch!“ – auch, wenn es sich allenthalben nur um einen der schönsten Altweibersommer der letzten Jahre handelt. Egal. Temperaturen, die sogar noch ein Sonnenbad im Vorgarten zulassen. Einige Freibäder haben ihre Tore noch einmal geöffnet. Die Menschen tragen kurze Hosen und Sommerröcke, die an nicht viel mehr als einen breiten Gürtel erinnern; in den Straßencafés findet man kaum einen freien Platz, einen Sitzplatz auf einer Bank im Park noch viel weniger und bei uns am Weiher haben die Menschen ihre Grills wieder hervorgeholt.
(In einem der Life-Style-Läden oder wie auch immer man das auf Neudeutsch nennt wurden gestern die ersten Weihnachtsbäume im Schaufenster geschmückt.) Punkt.

Es ist ein geradezu bezauberndes Licht, das jetzt durch die weit geöffneten Wohnzimmerfenster hereinfällt, während ich hier im Sessel sitze und tippe, ein warmes Licht, ein einladendes, das seltsamerweise kaum oder wenn doch dann geradezu komische Arten von Schatten wirft; die letzten zartrosa Rosen am Strauch vorm Fenster blühen, die quietschorangefarbenen Begonien stehen noch in voller Pracht und der Wein, der nun schon bis in den 2. Stock rangt, leuchtet in einem Rot, das die Welt noch nicht gesehen hat. (Unser Vorgarten wenigstens noch nicht.) Die Bäume, Büsche und Hecken sind (noch) grün, aber es ist nicht mehr das frühlingsfrische Grün sondern eines, das eine gewisse Gelassenheit und Ruhe ausstrahlt, ein Wissen, ein erfahrenes, das die Trockenheit des Frühlings, die Nässe des Sommers überstanden hat und sich für die Stürme des Herbstes wappnet – dennoch: Momentan ist Frieden, die Welt meint es gut.

Vier ganze Wochen bin ich nun schon zu Hause und auch in mir breitet sich langsam diese Art Frieden aus. Ich komme ein bisschen zur Ruhe, auch wenn sich eine Art routinierter Alltag, der Sicherheit verspricht und hält, noch nicht richtig eingestellt hat. Zu oft stelle ich doch fest, dass ich für die allgemeinen Dinge des Alltags fünfmal mehr Zeit benötige als früher. Ich traue mir täglich mehr zu, wachse stetig mit den Aufgaben, die ich mir immer neu stelle – und bin trotzdem so oft verwundert über den Zorn und die Enttäuschung, den und die ich fühle, wenn ich die Anstrengung bemerke, die mich vieles kostet. Und kaum etwas ist „einfach so mal auf die Schnelle gemacht“, alles braucht eine gewisse Vorlaufzeit. Geduld ist auch hier das Zauberwort.
Ich genieße die viele Zeit, die ich zusammen mit meinem Mann draußen verbringen kann, immer ohne Beatmungsmaschine, alles spontanatmend, Stunden über Stunden auf Spaziergängen mit Mathilda in den verwinkelten Straßen des Viertels und darüber hinaus, Gassen, versteckte kleine Straßen, durch die ich in meinen nunmehr über 11 Jahren in Hamburg noch nie gegangen und Ecken, in denen ich noch nie gewesen bin. Zauberhafte kleine Oasen. Freundliche Menschen. Spaziergänge (-fahrten) in den Einkaufsstraßen nehme ich ganz anders wahr. Wie viele Hunde gibt es doch, die unter den Caféhaustischen liegen, während sich Frauchen oder Herrchen überm Tisch einem Latte Macchiato oder ähnlichem widmen. Aus spaziergehender Perspektive sind sie mir selten aufgefallen. Ebenso wie die vielen verschiedenen Ärsche der Menschen, die vor oder neben uns flanieren. Hab ich früher nie drauf geachtet, aber nun sind sie genau in meinen Blickwinkeln. Mit Grundschulkindern bin ich ebenfalls auf Augenhöhe: „Was hast du da?“ (auf meine TK zeigend).
Ich gehe oft mit einkaufen und komme an weit mehr als 50% der Waren nicht ran, zu hoch oder zu tief stehen sie in den Regalen, sofern wir überhaupt mit Rollstuhl zu den entsprechenden Regalen vorstoßen, weil die Gänge zu eng sind. Und Menschen stehen im Weg, im engen Supermarkt aber auch auf dem Bürgersteig und hören mich nicht, wenn ich dann, so laut ich es mit der TK vermag, mit „Entschuldigung …“ einen Satz anfange. Bemerken Sie mich dann doch, erröten sie oft und hopsen fast zur Seite und sagen ihrerseits „Oh, Entschuldigung“ – zu Detlef gerichtet, nicht zu mir. Auch wird Detlef angesprochen, in Geschäften, selbst wenn ich Ware, beispielsweise ein Halstuch, auf den Verkaufstresen lege. Nur einmal kam eine der Verkäuferinnen zum Schluss sogar um den Tresen herumgelaufen und drückte mir die Tüte in die Hand, statt sie mir über ebenjenen breiten am Kopf vorbei auf den Schoß fallen zu lassen „Viel Spaß damit!“.
(Diverse) Taxifahrer einer bekannten Hamburger Zentrale sehen sich außerstande, meinen (zusammenklappbaren!) Rollstuhl zu befördern (obwohl der jedes Mal extra mit angemeldet wird), manchmal, zweimal bislang, um genau zu sein, probierten sie es gar nicht erst und ließen mich (und Pflegerin Karin) an der Straße stehen „Ich schicke einen Kollegen“. Behindertenparkplätze auf öffentlichen Parkplätzen sind rar und zu oft mit Fahrzeugen besetzt, die nicht den erforderlichen Parkausweis hinter der Frontscheibe stehen haben; ein fester (Behinderten)Parkplatz vor unserem Wohnhaus (ich verweise auf die katastrophale Parkplatzsituation in den Eimsbütteler Wohngebieten) steht uns nicht zu, da ich das Fahrzeug nicht mehr selbst bediene. Ach was. Schade.

Ich genieße das Gefühl sehr, wieder in meinem Zuhause zu leben, ist es doch endlich genau das, was ich mir jahrelang so sehnlich gewünscht und auf das ich so gehofft habe. So ganz finde ich mich aber selbst noch nicht hier zu Hause. Klingt ein bisschen blöd, aber manchmal „suche ich noch meine Rolle“ hier, suche mich. Ich vermisse einsame Stunden am Schreibtisch (denn ich bin ja nie allein!!!). Ich ertappe mich doch immer wieder dabei, ungerecht zu sein und maulig. Manchmal kann ich es nicht verhindern, dass ich diese Gefühle auch an anderen auslasse, die nun wahrlich nichts, aber auch gar nichts dafür können. Gute Nachrichten realisiere ich mitunter erst spät, nehme sie manchmal fast empfindungslos an und schimpfe mich dann selbst; denn so viel Gutes hat sich, besonders auch gesundheitlich, entwickelt: Mein Lungenhochdruck ist stark, sehr stark zurückgegangen, sodass man eventuell bald auch die Medikation dafür reduzieren kann. Das Röntgenbild meiner Lunge (im Vergleich zu vor einem Jahr) ist als das damalige nicht mehr zu erkennen, so sehr hat sich meine Lunge „verbessert“; die Funktion liegt jetzt ungefähr bei einem Drittel einer „normalen“ Lunge – diese Zahl finde ich gar nicht einmal so erschreckend niedrig, zumal alles noch ausbaufähig erscheint. Motorisch bin ich immer besser zuwege, selbst mein rechtes Bein entwickelt sich und entwickelt sich und verbessert sich. Ich lagere überhaupt kein Wasser ein, bei der Dialyse wird auch nichts mehr entzogen und seit ich in der neuen Dialysepraxis in Eimsbüttel bin, haben sich auf wunderbare Weise die Blutwerte unglaublich verbessert. Wir haben jetzt sogar zwei Wochen lang je einen Auslassungsversuch (also einen Tag Dialyse weniger in der Woche mit engmaschiger Blutwertekontrolle) gestartet und ab nächste Woche ist es vorerst amtlich: nur noch zweimal wöchentlich Dialyse, vorausgesetzt, die Werte bleiben auf dem jetzigen Stand (oder verbessern sich weiter …). Bei mir kam diese Nachricht über eine wohl unendlich lange Leitung rüber, der Dialysearzt schien fast ein wenig enttäuscht „Na, Frau Hartmann, andere Menschen fallen mir bei so einer Mitteilung um den Hals oder machen mir einen Heiratsantrag und Sie schauen mich nur mit großen Augen sprachlos an … Wir können auch alles so belassen, wie es ist, wenn Sie damit besser zurechtkommen …“.
Auch ernährungsmäßig (vor allem wegen des Kaliums) brauche ich momentan nicht gar so streng mit mir zu sein; vorletzte Woche bekam ich sogar das Okay der Ernährungsberaterin für 2 Pellkartoffeln (!!!) mit Quark. „Hat´s denn ordentlich geschmeckt?“ Selbstverständlich hatte es das! Was ich jetzt nur noch benötige, sind ein paar mehr Pfunde auf den Rippen – denn so richtig zunehmen, das klappt irgendwie immer noch nicht.

Nun ja.
Die Sonne strahlt, die Stühle stehen bereits im Vorgarten. Ich werde jetzt wohl noch diesen Text hochladen und dann nach draußen gehen. Mit viel Vorlauf natürlich: Die Maschinen müssen alle ein wenig umgestellt werden, damit sie (innen) vorm Fenster griffbereit stehen, die mobilen Sauerstoffkanister müssen geladen werden, denn ich versuche es draußen erstmal wieder spontan … Apropos Sauerstoff: Noch haben wir die Parameter an der Beatmungsmaschine nicht weiter gesenkt, weil meine BGA manchmal noch sehr grenzwertig ist, was die pCO2-Werte (also den Kohlendioxid-Gehalt im Blut) betrifft; oft ist dieser Wert noch ein bisschen zu hoch. Dem versuchen wir entgegenzuwirken, indem wir die zusätzliche Sauerstoffzufuhr verringern: An der Beatmungsmaschine atme ich „nur“ noch mit 0,5l zusätzlichem Sauerstoff pro Minute (vor einem Monat waren es noch 2!). 0,5 sind ja nun fast gar nüscht mehr, alle Werte aber trotzdem stabil. Wir haben es auch schon einen Tag mal probeweise mit gar keinem zusätzlichen Sauerstoff probiert. Auch da blieben die Werte super stabil – nur spielte da der Kopf noch nicht so richtig mit und reagierte hin und wieder mit leichten Panikanfällen und vermeintlicher Atemnot durch Anstrengung. Also lasse ich dem Kopf noch ein wenig Zeit, um sich an den Gedanken, auch ohne zusätzlichen Sauerstoff gut an der Maschine versorgt zu werden, zu gewöhnen. J Auch bei Spontanatmung reduziere ich: Nach Hause gekommen bin ich mit noch 3-4 l/min zusätzlichem Sauerstoff, je nachdem, ob ich in Ruhe war oder in  Bewegung; inzwischen bin ich konstant auf 2l, Tendenz steigend (also, äh, fallend).

Jetzt aber wirklich Schluss, erstmal.
Genießen Sie diesen wunderbaren Altweibersommer. Schieben Sie das „Dicke-Socken-Stricken“ noch ein wenig auf, das läuft nicht weg. Unsere Wohnzimmerdekoration (Hokaido-Kürbisse) werden wir auch erst einmal aufessen und nicht liegen lassen. Lächeln Sie über die Weihnachtsmänner in Geschäften und die geschmückten Tannenbäume in Schaufenstern. Weihnachten? Pah – vorherrschend ist mein versprochener Sommer!

2. September 2011 Going home, moving on

Ich ziehe um. Nach Hause. Dies ist der wohl schwierigste Umzug bislang in meinem Leben (den „Umzug“ ins Krankenhaus sehe ich gar nicht als solchen). Aber wohl auch der schönste, anstrengendste und aufregendste. Geben Sie mir noch ein bisschen Zeit, all die Gedanken, die mich momentan durchziehen, zu Ende zu denken und nieder zu schreiben. Danke.

PS: Soeben erschienen: Das Mohland Jahrbuch 2011 zum Thema „Ansichtssache“. Tolles Thema, finde ich. Von mir darinnen: „Wenn Ebbe ist“.
Ebenfalls in diesem Monat, gegen Ende, erscheint die Anthologie „Begegnungen 2011“. Diesmal mit beiliegender Hör-CD, auf der die zehn besten Texte gelesen werden.
Mehr dazu unter PS!

August 2011

„Sie hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse.
Aber sie hat keine Angst.
Das wiegt alles auf: Daß wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen. Daß wir aus dem vollen leben, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben.
Als könnte er nie zu Ende gehen.“
(Christa Wolf, „Der geteilte Himmel“)

Dies Zitat fiel mir vor ein paar Tagen wieder ein, als ich ein Exemplar meines neuen Buches signieren wollte. (Ja-ha, beachten Sie den Wink mit dem Zaunpfahl!) Ich habe lange nicht daran gedacht, obwohl ich es mag, seit ich es im zarten Alter von 16 Jahren zum ersten Mal las.
Ich kann es so unterschreiben, heute vielleicht mehr denn je. Gerade heute. Warum? Ganz einfach: Weil es gänzlich ohne Bitterkeit rüberkommt. Das ist mein Thema, an dem ich momentan ein wenig knabbere. Melde mich noch einmal, wenn ich ausgeknabbert habe.

Ich wünsche Ihnen einen August, der sich hoffentlich nicht so benimmt als sei er der April!

PS: Ein Nachtrag zum letzten Monat. Über die Freude, Ihnen mein neues Buch ankündigen zu dürfen (Zaunpfahl Numero 2), habe ich die Lyrik-Prosa-Anthologie zum Thema „Abschied“ ganz vergessen, ebenfalls im letzten Monat erschienen. Von mir darinnen eine kurze Erzählung und eine Lyrik. Und – Eitelkeit ist auch mal erlaubt – stellen Sie sich vor: Ich wurde mit einer Zeile aus der Lyrik im Klappentext zitiert. Dolles Ding, wa?! Näheres unter PS.

Juli 2011 – Mängelexemplar, Rattenschwänze und allerlei Diesunddassiges

 

Ich liege gerade in bzw. an der Dialyse und ärgere mich.  
Irgendwie habe ich seit ein paar Wochen immer an Dialysetagen ein Riesenproblem mit meinem Sekret. Es lässt sich trotz ständigen Inhalierens nicht gut absaugen, weil es sehr zäh ist, sehr sehr zäh, eben zu zäh.
Dies Problem hätte ich vermutlich nicht, wäre ich nicht seit der Transplantation dialysepflichtig, weil meine Nieren salopp gesagt den Geist aufgegeben haben. Das hätten sie nicht, wäre bei mir keine Lungentransplantation vonnöten gewesen, die dann auch noch nicht mal so verlaufen ist wie alle (und ich) gehofft hatten und wären mir nicht Abermillionen verschiedene hochdosierte Medikamente zugeführt worden. Das hätten selbst die stärksten Nieren nicht ausgehalten und meine eben auch nicht. So.
Das Problem hätte ich außerdem sowieso nicht, wäre ich nicht abhängig von der Beatmungsmaschine. Würde ich ganz normal atmen können, könnte ich mich einfach räuspern und gut wäre die Sache. Bin ich aber nicht, kann ich aber nicht. Also muss ich Sekret absaugen. Das so zäh ist, dass es manchmal fast weh tut. Ich wünsche mir, husten zu können. Kann ich wegen der Trachealkanüle aber auch nicht. Grr.
Ich hänge also gerade an der Dialyse und ich ärgere mich, diesmal außerdem, weil mein rechtes Bein wieder schmerzt. Es ist immer noch taub, zur Außenseite hin, und schmerzt so, dass ich schreien würde, könnte ich es, wenn man die Innenseite nur ganz vorsichtig berührt. Nervenschmerzen. Sie sind ein wenig erträglicher geworden mit der Zeit, aber nicht weg. Mein Knie ist komplett taub. Ich kann nicht einmal auf den Knien knien, weil ich dann schlicht fast immer zur Seite umfalle – kein Gefühl im Knie! Kein Halt, keine Balance. Nüscht. Bücken und aus der Hocke hochkommen kann ich sowieso nicht.
Alles in allem: Mängelexemplar.
Während ich mich also immer noch ärgere, fällt mein Blick auf Herrn M., einem grandios netten älteren Herrn, der mir direkt gegenüber auf dem Bett liegt (sprich: auch dialysiert wird). Ich mag Herrn M. sehr, er hat mir gerade die erste Zeit in der Dialyse, als es mir noch so richtig schlecht ging, erträglich gemacht mit seinem oft polterigen Humor und durch seine ironische Art. Er kann andere und sich selbst am meisten auf die Schippe nehmen. Herr M. hat meine Fortschritte genau beobachtet. Er ist immer schon früher in der Dialyse als ich und bekommt also mit, wenn ich dort samt Pfleger und Gepäck (als wollte ich 1 Woche urlauben) auflaufe. Neulich fragte er mich, ob ich mich auch noch an alles erinnere und bevor ich antworten konnte, fuhr er fort: „Erst wurden Sie mit Krankentransportern im Liegendtransport gebracht. Sie konnten sich nicht rühren und rappeln, nicht drehen, kurz: sich gar nicht bewegen. Irgendwann brachten die Krankentransporter Sie in so einem Transportstuhl, obwohl Sie noch gar nicht allein aufstehen konnten. Man musste Sie von vorne umarmen und aufs Bett drehen, damit Ihnen nicht die Beine wegknickten. Nur ein wenig später wurden Sie in Ihrem eigenen Rollstuhl gebracht, ohne Transporter, einfach nur der Pfleger und Sie. Dann, plötzlich, auf einmal, kamen Sie mit dem Gehwagen. Ihre Beatmungsmaschine stand oben auf der Sitzfläche, Ihre mobilen Sauerstoffbehältnisse waren vorne drauf. Ganz schön wacklig auf den Beinen, aber hochzufrieden kamen Sie an Ihrem Bett an. Gerade mal eine Woche später kamen Sie genauso an – allerdings unter Spontanatmung! Den ganzen Weg vom Betreuten Wohnen bis in die Dialyse unter Spontanatmung. Toll. Dann, wieder ein Weilchen danach, schob Ihre Pflegerin den Gehwagen – und Sie kamen hinterher an Handstöcken. So wie ich einen zu Hause habe, einen guten altmodischen Handstock. Nur waren Ihre nicht aus Holz, dafür knallrot und höhenverstellbar. Sie kamen also den ganzen Weg unter Spontanatmung an Handstöcken. Und, ich traute meinen Augen kaum, schon beim nächsten Mal kamen Sie ohne Stöcke, freihändig, etwas breitbeinig zwar, aber so, wie es aussah, sehr sicher. Die Phase der Stöcke wollten Sie überspringen, sagten Sie, und ich musste grinsen. […]“
Während ich mich an Herrn M`s Worte erinnere, frei nach dem Motto „Wie ich wieder sitzenstehenlaufen lernte“, lässt mein Ärger ein bisschen nach. Er hat ja Recht. Und inzwischen bin ich sogar zu Hause draußen einmal über einen halben Kilometer unter Spontanatmung gegangen. Wahnsinn.
Und solche positiven Rattenschwänze gibt es für die verschiedensten Tätigkeiten in allen möglichen Lebenssituationen, die ich hier wieder lernen durfte, um so weit wie möglich selbständig zu werden. „Wie ich wieder essen lernte“ (von der Sondennahrung über im Bett gefüttert werden über „Wie ich lernte, ein Butterbrot zu schmieren“ bis zu wieder selbst in der Küche kochen, in Etappen, unter Spontanatmung!), „Wie ich wieder lernte, meinen Körper zu pflegen“ (vom komplett im Bett gewaschen werden über langsam die Hand bis zum Gesicht heben und dies mit dem Lappen berühren über an der Bettkante gewaschen werden bis zu wieder alleine duschen können – vielleicht noch mit kleinen Einschränkungen), „Wie ich lernte, mich an- und auszukleiden“ oder auch, mit das Wichtigste wohl für mich, „Wie ich lernte, den Laptop zu bedienen“ (motorisch, meine ich), also von jemand hebt meinen Arm auf den Bett- und Beistelltisch („Alwina“, mit verstellbarer Tischplatte), ich versuche, diesen mit der linken Hand zu stützen, damit die rechte nicht wieder runterrutscht, und ich tippe im Ein-Finger-Suchsystem-und-Kleinschreibung (sonst natürlich nicht!) meine erste E-Mail bis zu ich tippe so schnell und so blind wie früher (nach der Neuen Deutschen Rechtschreibung). Mit jeweils Dutzenden von kleinen Zwischenschritten.
Diese Rattenschwänze könnte ich natürlich noch in epischer Breite ausführen, lasse es aber tunlichst.
Mängelexemplar?

Ich springe mal mit meinen Gedanken und wechsle abrupt das Thema, denn eine richtig gute Nachricht habe ich noch: Ich werde das Betreute Wohnen verlassen können und nach Hause kommen. Wirklich! Ich hatte ja schon vor geraumer Zeit angefangen, mit dem Gedanken zu spielen; und vor gut drei Wochen haben wir einen Pflegedienst damit beauftragt, sich um die Kostenklärung mit der Krankenkasse zu kümmern und natürlich ein Team zusammenzustellen, das dann für mich da ist in der Zeit, in der mein Mann arbeitet und von zu Hause abwesend ist, also von früh – sehr früh!- morgens bis zum späten Mittag. Mein innerer Stichtag war der 1.8., es wird aber wohl auf den 1.9. hinauslaufen.
Ein bisschen, ehrlich gesagt, graut mir davor. „Fremde Leute“ in der Wohnung, in der es nicht mal ein Gästezimmer für einen Rückzug gibt? Ich werde versuchen, die Dialyse dann natürlich auf die Vormittage zu legen, damit wären dann drei Vormittage schon mal „verplant“. Auch das beunruhigt mich: Neues Dialysezentrum, neue Ärzte, neue Physiotherapeuten – und vor allem, wie finde ich die (zusammen)?
Ich habe Angst vor Veränderungen. Jetzt. Im Moment.
Und ein bisschen, obwohl ich darüber ungern spreche, weil ich auch noch nicht allzu häufig so konkret darüber nachgedacht habe, habe ich auch Angst vor der Zukunft. Wie wird es sich tatsächlich im Alltag anfühlen, so abhängig zu sein? Abhängig nicht nur von der Beatmungsmaschine und dem zusätzlichen Sauerstoff, sondern abhängig auch von in erster Linie wohl meinem Ehemann und dann den entsprechenden Pflegern. Nie mehr allein sein, stundenlang – ich werde es unsagbar vermissen. Nicht mehr alleine rausgehen können, selbst wenn ich irgendwann körperlich dazu in der Lage sein sollte. So richtig machen müssen ja weder die Pfleger noch mein Mann irgendetwas, versorgen kann ich mich (bis auf den Trachealkanülenwechsel) komplett allein. Sie müssen einfach nur da sein für einen eventuellen Notfall.
Wie eingeengt werden wir leben? Nicht einfach mal so spontan für ein Wochenende irgendwo hinfahren können, weil ich alle 2 Tage zur Dialyse muss und ohnehin – woher sollten wir für 2 oder 3 Tage mobilen Sauerstoff bekommen, wenn doch das Gerät zum Nachladen bei uns in der Wohnung steht? Das darf man mal nicht so einfach im Auto transportieren (Gefahrengut). Ein Sauerstoffkonzentrator ginge natürlich, besser gesagt 2, einer für die Beatmung und einer zum Sprechen, aber dann könnte ich mich nicht aus dem Hotelzimmer herausbewegen, geschweige denn dass Sauerstoff für die Rückfahrt da wäre.
Wie ist das mit ins Kino gehen oder Theater oder in ein Konzert?  Die Beatmungsmaschine ist zwar nicht superlaut, aber eben auch nicht still, sie atmet „im Takt“, und sollte ich mal einen „Hustenanfall“ bekommen oder irgendwie so atmen, dass die Maschine meint, das sei nicht richtig, fängt sie, jawohl, ziemlich laut an zu piepsen …
Ich habe die ganzen letzten Monate nie länger als so ein paar Tage im Voraus gedacht und geplant. Wichtig war fast immer nur das Hier und Jetzt. Aber so langsam kommen eben doch auch andere Gedanken. Ich versuche dennoch, positiv zu bleiben. Wenn ich mal ehrlich bin: Wie oft sind wir früher einfach mal so in ein langes Wochenende gefahren? Und alle Naselang im Kino oder Theater waren wir auch nicht. Für einen Besuch bei Freunden reicht der Sauerstoff wohl, zumindest wohl innerhalb von Hamburg, und die Beatmungsmaschine hat ziemlich gute Akkus, die halten auch einige Stunden.
Vielleicht sollte ich eher gespannt sein statt Angst zu haben. Es wird ein anderes Leben. Aber es wird meines. Unseres. Wir haben es verdient!

Zum Schluss noch eine richtig, richtig gute Nachricht: In diesem Monat erscheint mein neues Buch „Langer Atem“, über das ich Ihnen schon im März berichtet habe. Da sich alles ja immer ein bisschen zieht, finden Sie also nicht nur die Monate März 2009 – März 2011 darin, sondern bis Juni 2011. Logisch. Alle Einzelheiten finden Sie hinten (wie das klingt) auf der Webseite unter PS. Klicken Sie einfach hier.

Haben Sie einen guten, hoffentlich sommerlichen Juli.

Juni 2011 – Leben üben

 

Hatte ich mich nicht noch vor einiger Zeit darüber beklagt, dass ich die Wochenenden benötige, um mich zu erholen? Um mich auszuruhen? Kraft zu tanken?
Nun, so schnell ändern sich die Dinge.
Seit Ostern verbringe ich jedes Wochenende zu Hause, inzwischen von Freitagabend bis Sonntagabend. 2 Tage, die für mich anstrengender sind als eine ganze Woche im Betreuten Wohnen. Denn: Ich übe. Ich übe Leben. Alltagsleben. Ich bekoche meinen Mann. Die Zubereitung einer Mahlzeit geschieht in Etappen, zum einen, weil ich noch nicht so lange stehen kann, zum anderen, weil ich das alles unter Spontanatmung mache. (Da komme ich dann auch schon mal auf so Rekordwerte von fast 6 Stunden am Tag!)
Wir üben Routine zu bekommen, z.B. beim „Mathilda“ bepacken, und sei es auch nur für einen kurzen schnöden Spaziergang. Unglaublich, was an Gerätschaften immer alles mit muss! Plus Notfallset und allerlei Gedöns, welches mein Mann im Rucksack auf dem Rücken trägt. Logistisch aber alles super gelöst!
Wir sind sogar schon U-Bahn gefahren, um zu schauen, wie das geht mit all dem Gepäck. Prompt war natürlich der Aufzug am Haltebahnhof außer Betrieb und ich musste Treppen steigen: 20 Stufen, ohne Beatmung und ohne Sauerstoff. Und das mit einem fast tauben rechten Bein. Was soll ich sagen? Hat prima geklappt. Ich muss allerdings dazusagen, dass ich es auch gar nicht erst probiert hätte, wäre ich nicht vorab wirklich sicher gewesen, dass ich es schaffe. Ich kann mich inzwischen ganz gut einschätzen; bin vorsichtig, aber nicht übervorsichtig. Schließlich möchte ich langsam aber sicher meine Grenzen erweitern, immer ein bisschen weiter über den Tellerrand schauen.
Ich war inzwischen mit meinem Mann auch öfters einkaufen. Kompliziert! Wenn Mathilda beladen ist und ich drin sitze, muss alles, was extra dazukommt, bei mir auf dem Schoß transportiert werden. Kein Problem bei einem neu gekauften, leichten Kleidungsstück – bei einem Wochenendeinkauf sieht das aber schon ganz anders aus!  J
Außerdem habe ich begonnen, im Geiste eine „schwarze Liste“ zu führen: Geschäfte in Eimsbüttel, die für einen Rollstuhlfahrer (selbst mit Begleitung) nicht zu betreten sind, u.a. wegen zu hoher Treppenstufen am Eingang; Geschäfte, die wir zwar betreten, uns dann aber nicht mehr bewegen können, u.a. wegen zu enger Gänge; Geschäfte, die wir sowohl betreten als auch uns darin bewegen können, aber aus denen wir nicht mehr herauskommen, u.a. wegen eines Kassenbereiches, der noch schmaler ist als Mathilda. Ich muss kein Hellseher sein um jetzt schon zu behaupten, dass sich diese Liste noch fortsetzen wird, je größer mein Aktionsradius wird. L
Ich übe.
Normale Sachen, die ich früher aus dem Effeff getan habe. Sachen, die zu erledigen ich heute 3-5x so lange benötige. Aber ich realisiere, dass vieles geht, wenn ich mich nur genug anstrenge.
Letztes Wochenende hatte ich mir in den Kopf gesetzt, unbedingt Marmelade kochen zu wollen. (Mein Mann drehte schon vorab mit den Augen.) Gesagt, getan. Es dauerte: lange. Aber: Superlecker ist sie geworden, und eine ganz wunderbare Farbe hat sie. (Übrigens: Es ist Erdbeer-Melonen-Marmelade mit einem Hauch von Vanille.)
Nächstes Wochenende möchte ich endlich wieder einmal Brot backen. Ich liebe es, frischen Teig zwischen meinen Fingern zu haben und ihn zu kneten.
Sie sehen: Ich übe Alltag.
Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, jetzt die Wochenenden zu Hause zu verbringen. In langsamen Schritten wieder ins normale Leben – jenseits von Krankenhäusern oder Betreuten Wohnen WGs – zurückzukehren.
Auch eine erste kleine Belastungsprobe haben wir bereits hinter uns und gut und ziemlich souverän gemeistert: An einem schönen Sonntagvormittag (wir erwarteten gerade den Besuch meiner Kusine) verfiel die Beatmungsmaschine aus heiterem Himmel in einen Daueralarmpiepston und signalisierte im Display „Schlauchsystem überprüfen“. Da meine Maschine mich öfters dazu auffordert (allerdings sonst immer nur mit einem einmaligen Piepsen und nicht mit Daueralarm) reagierte ich so wie immer: Zunächst schaltete ich die Maschine aus und kurz danach wieder an. Oft reicht das. An dem Sonntag nicht. Daraufhin wechselte ich den HME-Filter. Das funktioniert sonst auch öfters. An dem Sonntag nicht. (Langsam realisierte ich inzwischen auch, dass die Maschine nicht mehr funktionierte. Auch merkte ich, dass ich keinen Sauerstoff mehr bekam.) Daraufhin wechselte ich tatsächlich das komplette Schlauchsystem an der Maschine – leider auch ohne den gewünschten Erfolg: Immer noch Dauerpiepstöne ohne ein Funktionieren der Maschine. Also schaltete ich ziemlich entnervt das Gerät ab, mein Mann holte die Beatmungsmaschine Nummer 2 und schloss mich dort an. Aber genau das hatte ich vermeiden wollen. Denn mit meinem Erstgerät betreibe ich ja auch noch Weaning, also Beatmungsentwöhnung, zusätzlich zu meiner Spontanatmung. Das bedeutet, dass an dem Erstgerät Parameter wie Druck (der Druck, mit dem die Maschine Luft in meine Lunge pustet), Peep (der Druck, der in der Lunge verbleibt, damit sie sich beim/nach dem Ausatmen nicht komplett zusammenfaltet und man sie mit jedem einzelnen Atemzug komplett neu aufblasen muss) oder auch Atemfrequenz (die Anzahl der Atemzüge, die von der Maschine unterstützt wird) nach und nach, meist in wöchentlichen Abständen gesenkt werden. Heißt für mich: Es wird anstrengender. Ich kann allerdings auch sagen, dass ich die jeweils neuen Parameter bislang sehr gut angenommen habe.
Nun ist die 2. Maschine aber anders eingestellt, sie geht immer so 2-3 Wochen „nach“ für den Fall, dass es mir zwischendurch doch zu anstrengend werden sollte und ich mich mal an der 2. Maschine „ausruhen“ möchte. (Musste ich bislang aber nicht, glücklicherweise!) Oder natürlich für den Fall einer Infektion, bei der das Atmen sowieso schwerer fällt.
Jedenfalls hatte ich es vermeiden wollen, an die „leichter“ eingestellte Maschine zu müssen, weil ich ein wenig Angst hatte, mich später nicht mehr an die alten, „schwereren“ Parameter adaptieren zu können. Und natürlich wurmte es mich auch ein bisschen, die Maschine nicht wieder funktionsfähig bekommen zu haben. (Sehr beruhigend allerdings die Tatsache, dass der Techniker, der abends gegen 23.00 Uhr die Maschine genau unter die Lupe nahm, es auch nicht schaffte. Er musste die Maschine einschicken und ich bekam ein Leihgerät.)

Leben üben ist – anstrengend.
Ist wunderbar. Jeder Schritt (im wahrsten Sinne des Wortes) motiviert zum nächsten.
Leben üben gibt – Hoffnung.
Nährt Sehnsüchte. Die aber nicht mehr gänzlich unerreichbar scheinen.

Ich wünsche einen fröhlichen Juni. Mit viel Anstrengung. Mit Hoffnung, die trägt, mit Sehnsüchten, die vielleicht erfüllt werden oder deren Erfüllung in erreichbare Nähe rückt.

PS: Im Juni erscheint die Lyrik-Prosa-Anthologie „Die Facetten der Liebe“. Mein Beitrag dazu die Erzählung „Die Dinge, wie sie sind“. Genaueres unter PS hier auf der Website.

Mai 2011 – Integration oder: „Heeerz!!! Kannst du mal Herrn Meier holen?“

Zum ersten Mal seit zwei Jahren habe ich eine Nacht zu Hause verbracht, von Samstag auf Ostersonntag. Nur mit meinem Mann, ohne zusätzliche Pflegekraft des Pflegedienstes. Und soll ich Ihnen mal was sagen? Das war sehr sehr gut. Alles hat prima geklappt, wir haben ziemlich schnell gemerkt, wo welche Geräte am günstigsten zu stellen sind, damit ich möglichst viel selbständig machen kann und nicht ständig auf Hilfe angewiesen bin. Wir haben den Gehwagen (Darf ich vorstellen: Herr Meier) in die Wohnung integriert, sodass ich tatsächlich alle Wege dort selber gehen kann. Da unsere Wohnung relativ klein ist, würde ich diese Wege sogar ohne Herrn Meier (und ohne Beatmungsmaschine) schaffen, wenn, ja wenn ich nicht auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen wäre. Diesen mobilen Sauerstoffkanister vermag ich noch nicht selbst über der Schulter zu tragen, das ist noch zu schwer und würde mich noch arg aus dem gerade gehaltenen Gleichgewicht auf 2 Beinen werfen …
Wie auch immer, natürlich fallen die ganzen Maschinen im Wohnzimmer und das ganze übrige Zubehör etwas unschön ins Auge, es stört ein bisschen „meine Harmonie“ in der Wohnung und macht doch schon ganz klar, worauf es mir ankommt, wenn ich zu Hause bin und irgendwann ja auch wieder ganz sein werde: Meine Krankheit nimmt viel Raum ein. Ist dominant. Trotzdem möchte ich verhindern, dass ich mich von ihr dominieren lasse. Sondern ich möchte sie integrieren. Wie die Maschinen im Wohnzimmer, ohne dass es gleich nach Krankenhaus aussieht. Ich sehe die Krankheit als Teil von mir (jetzt endlich!) und damit als eine Art „Selbstverständlichkeit“. Ich möchte nicht, dass sie noch besonderer wird als sie in ihrer Dominanz sowieso schon ist. Sie begleitet mich, steht neben mir, ich will mich ihr aber nicht unterordnen. Ich möchte, dass es keinen schalen Beigeschmack gibt, wenn z.B. jemand zum Kaffee da ist und ich mich nebenbei mal absauge. Oder mal eben von der Beatmungsmaschine auf Spontanatmung oder umgekehrt stöpsle. Ich möchte kein Verstecken und keine Peinlichkeiten. Alles soll so sein wie es nun mal ist. (Nur meine normale Stimme, die hätte ich schon gern wieder! Geht aber nicht, so lange ich noch die Trachealkanüle im Hals trage.)
Natürlich weiß ich, dass das nicht nur von mir abhängig ist. Aber vielleicht kann ich es ja schaffen, diese „Selbstverständlichkeit“ auszustrahlen, mich mit ihrer Aura zu umgeben, um es einmal hochtrabend auszudrücken.
Das fiel mir auch ganz besonders gestern auf. Gestern nämlich war ich mit meinem Mann das erste Mal seit, ich weiß nicht, 2,5 Jahren wieder in so etwas wie Stadt. Natürlich nicht gleich in der HHer Innenstadt, aber wir waren in hier Volksdorf spazieren, in der Einkaufsstraße. (D.h. ich natürlich im Rollstuhl, ähem, darf ich vorstellen: Mathilda, ausgesprochen wie in Waltzing Mathilda.) So viele Menschen, Geschäfte! Ich hatte, zugegeben, vorher ein klein bisschen Angst, weil ich vermutete, dass mich das (das Leben!) vielleicht ein wenig überfordern würde, aber nein, das hat es nicht, ich habe es sehr genossen. Woran ich mich allerdings noch gewöhnen muss, ist das Anschauen der Menschen. Sie gucken. Rollstuhl an sich ist ja schon fast normal, aber die Kanüle im Hals ist, leider, doch ein kleiner Hingucker. O.k., es war strahlender Sonnenschein und ich hatte nur ein sommerliches Top an, hatte also die Kanüle wie auf dem Präsentierteller – aber ich vergesse sie ja oft genug schon selbst. Und ich habe gelächelt. Viel gelächelt. Die meisten Leute, die geschaut haben, haben dann nicht peinlich berührt (weil „ertappt“) beiseite geschaut sondern zurückgelächelt. Mag ja sein, dass die Volksdorfer ein extrem freundlicher Schlag von Menschen sind (sogar die Jugendlichen sagen „danke“, wenn sie einen auf dem Fahrradweg überholen und vorher geklingelt haben, da wir mit Mathilda im Weg waren!) – aber im Stillen hege ich doch die Hoffnung, dass diese Reaktion auch ein wenig auf meine Ausstrahlung, auf meinen Umgang mit der Kanüle (eben: selbstverständlich) zurückzuführen ist.
Und: Lächeln fällt mir nicht schwer im Moment. Seit einigen Wochen merke ich, wie schön es ist zu sagen: Es geht mir ganz gut. Und nicht mit der Einschränkung hinterher: … den Umständen entsprechend …
Haben Sie einen guten Mai. Mit einem Frühling, der vielleicht weiterhin so tut als sei er der Sommer. Für mich vereinfacht das die Rückkehr ins Leben ganz ungemein!

April 2011: Disziplin

Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, diesen Monat etwas über Disziplin zu schreiben. Das vorweg.

Es ist Samstag, mittlerer Nachmittag, und ich bin gerade aufgewacht. Mein Kopf fühlt sich noch ein bisschen gaga an und ich versuche zu rekapitulieren, was passiert ist. Scheint einfach: Ich bin vorhin einfach eingeschlafen und habe anderthalb Stunden geschlafen wie ein Baby. Das ist mir so noch nie passiert. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen.
Es ist Samstag, Wochenende und ich muss ein bisschen grinsen. Ich fühle tatsächlich, dass Wochenende ist: Keine Physiotherapie, keine irgendwelchen anderen Untersuchungen, keine Dialyse. Es fühlt sich fast ein bisschen … normal an. Und außerdem fühlt es sich ein bisschen so an, als müsse ich mich erholen. Das ist mir nicht ganz geheuer, zumal dies „müsse mich erholen“ eigentlich so auch nicht stimmt. Es ist sogar mehr: Ich brauche diese zwei Tage, um ein bisschen Luft zu holen, um ein bisschen abzuschalten, und tatsächlich auch, um mich auszuruhen. Als ich anfing, hier kleinste Fortschritte zu machen, haben mein Mann und ich die Wochenenden dazu genutzt (weil dann die Zeit da war), zu üben, zu üben und noch mal zu üben. (Das nenne ich mal Disziplin!) Natürlich probieren wir jetzt an den Wochenenden auch noch mal Dinge aus, für die ich sonst abends nach dem Tagesprogramm zu schlapp bin (wie z.B. ins Treppenhaus gehen und schauen, ob ich Treppen steigen kann), aber in den letzten Wochen war es auch am Wochenende ganz oft so, dass wir überhaupt kein Programm hatten, manchmal auch keinen Besuch, und dann haben wir oft stundenlang einfach nur nebeneinander oder uns gegenüber gesessen, haben, jeder für sich, gelesen, getippt oder die Gedanken einfach schweifen lassen. So normal! An manchen Tagen haben wir auch stundenlang miteinander geredet, über Gott und die Welt, über alles und jeden, nur nicht unbedingt über Krankheit. Normal!
Es ist ja nun auch nicht so, dass ich wochentags den lieben langen Tag hier im Bett verbringe, Löcher in die Luft starre oder alternativ Solitär am Computer spiele, um die Zeit totzuschlagen. Meine Woche ist schon gut ausgefüllt. Seit ich mich weitestgehend selbst versorge, auch die täglichen kleinen Dinge wie Filter und Gänsegurgel an meinem Schlauchsystem zu wechseln, mein Tracheostoma mehrmals täglich zu reinigen und neu zu „verbinden“, mich regelmäßig abzusaugen, realisiere ich erst, wie zeitaufwändig das alles zusammengenommen ist. Auch einfach mal auf Toilette gehen dauert. Is nich einfach aufstehen und los, nein, ich muss mich vorher auf Spontanatmung umstöpseln, den mobilen Sauerstoffbehälter, der vorne auf dem Rollator steht, anstellen, denn ohne Beatmung geht es schon eine Weile, ohne Sauerstoff aber nicht …So vergeht Zeit, obwohl das Bad gleich schräg gegenüber meines Zimmers ist. Disziplin?
Ich verpenne jetzt auch nicht mehr den halben Vormittag, darüber hatte ich mich ja letzten Monat noch beklagt, sondern ich wache seltsamerweise jetzt wirklich früh auf und bleibe dann wach. Das hat zwar noch nichts mit meinen sonstigen frühmorgendlichen Stunden am Schreibtisch zu tun, aber ich komme dem einen Schritt näher. Ich versuche, konsequent mindestens schon mal drei Stunden am Tag zu arbeiten, zu korrigieren (und ich habe genug Arbeit hier liegen). Disziplin? Korrigieren klappt erstaunlicherweise ganz besonders gut in der Dialysezeit. Hat dann ja auch den Vorteil, dass diese langen Stunden in der Dialyse gar nicht mehr so lang erscheinen und tatsächlich viel schneller vorbeizugehen scheinen … Disziplin?
Ich gehe täglich meinen Rundgang durch die WG, auch wenn ich eigentlich viel zu schlapp bin und mich müde fühle. Disziplin?
Ich habe mich dumm und dusselig gesucht nach einer „ordentlichen“, nachvollziehbaren, kurzen und schmissigen Definition von (allgemeiner) Disziplin. Am Ende fand ich folgende, der Verfasser ist mir leider nicht bekannt, im Internet: 
      „Disziplin ist nur eine Frage der Zielbewusstheit. Wer seine inneren Bilder klar vor Augen hat, 
      kann die nächste Handlungsgelegenheit gar nicht abwarten.“

Ist es tatsächlich so einfach?
Ich denke, meine inneren Bilder sind ziemlich klar. Mein Ziel ist mir durchaus bewusst. Deswegen bin ich aber noch längst nicht wild auf jede nur erdenkliche Möglichkeit, etwas zu tun. Zu üben. Zu festigen. Oder auch immer mal wieder noch neu zu lernen. Ich tue es trotzdem. Immer wieder, jeden Tag, auch wenn ich manchmal regelrecht dazu zwingen muss. Ängste überwinden muss. Disziplin?
Gehorche ich? Mir selbst? Dem Pflegeteam? Ich erinnere mich noch gut an ein paar Situationen. Eine Pflegerin, die mich oft zur Dialyse begleitet, meinte vor, ich weiß nicht mehr genau, sechs Wochen oder so: „So, Frau Hartmann, heute bringe ich Sie nicht im Rollstuhl zur Dialyse, heute laufen Sie selbst mit dem Rollator.“ Ich: „Ganz bestimmt werde ich das nicht tun.“ Und dann bin ich selbst gelaufen, am Rollator, und es klappte wunderbar. Ein paar Dialysen später kam sie an und meinte: „So, Frau Hartmann, eigentlich könnten Sie heute doch auch mal ohne Beatmung bis zur Dialyse gehen.“ Ich: „Ganz bestimmt werde ich das nicht tun.“ Und dann bin ich ohne Beatmung gegangen, und es ging gut.
Disziplin? Gehorchen? Der kleine Tritt in den Allerwertesten, der mir vielleicht manchmal gut tut?

Und was will ich mit alldem hier sagen? Keine Ahnung. Mich selbst bestätigen vielleicht. Da ich wochentags genug Selbstdisziplin besitze, um alle Dinge so zu erledigen, dass ich oft das Gefühl haben kann, es geht voran. Dass ich dann am Wochenende kein schlechtes Gewissen zu haben brauche, wenn ich mal ein Stündchen schlafe. Und dann aufwache, mich ein bisschen gaga im Kopf fühle und solcherlei Texte wie diesen hier produziere.

  Ich wünsche Ihnen einen angenehmen April. Mit Disziplin und Fallenlassen, mit „einfach machen“ und „einfach lassen“.

Nachtrag März 2011


Ich habe mich riesig darüber gefreut und bedanke mich ganz doll! Hören Sie selbst.

März 2011 – Standpunkte

Es ist wie bei der Wettervorhersage: Hamburg, -4°C, gefühlte -9°C. Der Unterschied also zwischen dem objektiv Messbaren und dem subjektiv Gefühlten …
Man kann es eher negativ oder eher positiv sehen. Ich könnte sagen, hier herrscht völlige Stagnation, bisweilen sogar Rückschritte, ich könnte aber auch sagen, ich lege gerade eine (verdiente) Ruhepause ein nach vielerlei Fortschritten. Letzteres klingt natürlich sehr viel besser, gefühlt ist es aber eher ersteres.
Dieser Monat ist etwas Besonderes.
Dieser Monat ist insofern etwas Besonderes, als dass ich ein neues Buch geschrieben habe, das diesen Monat fertig wird und dann an den Verlag geht. Hoffentlich nimmt er es dann auch so an, wie es ist. Ich könnte auch sagen, mit diesem Monat endet dies neue Buch. Denn darin habe ich einmal die letzten zwei Jahre zusammengefasst: vom Warten auf die Lungentransplantation, von der Zeit nach der OP auf der Intensivstation, und der ganzen Zeit jetzt im Betreuten Wohnen, hier, wo ich endlich begann, kleine und dann größere Schritte Richtung Leben zu machen. Für die Zeit, an die ich fast keinerlei Erinnerung habe (direkt nach der OP und fast bis zum Betreuten Wohnen) lasse ich andere zu Wort kommen: meinen Ehemann und meine Freundin.
Aber das Buch ist nicht nur Bericht mit mehr oder weniger philosophischen Gedanken aus (m)einer Parallelwelt. Zwischendrin gibt es immer wieder Erzählungen und Lyrik aus der entsprechenden Zeit. Ich finde, es ist eine ganz gelungene Mischung. Trotzdem (oder deswegen) habe ich jetzt das Gefühl, ich müsste einmal ein kleines Resümee ziehen: Wo stehe ich jetzt? Was „kann“ ich? Wohin geht der weitere Weg?
Objektiv muss ich wohl sagen, dass ich ganz schön selbstständig geworden bin, gerade in den letzten Wochen. Ich kann mich selbst von der Beatmungsmaschine abstöpseln und an die Spontanatmung anschließen und umgekehrt. Ich kann mich, wenn ich entsprechend mit Spiegel hantiere, selbst absaugen, also mein Sekret absaugen, meine ich.
Ich kann mich alleine aufsetzen, vom Bett, vom Stuhl. Ich benötige den Rollstuhl fast gar nicht mehr (natürlich für größere Spaziergänge), weil ich selbstständig am Rollator kleinere und manchmal auch etwas größere Wege  gehen kann, wenn man ihn mir vor die Füße stellt. D.h. ich kann auch so alltägliche Sachen bewältigen wie selbstständig auf die Toilette gehen (sehr wichtig). Auch den Weg zur Dialyse dreimal die Woche kann ich selbst gehen, gefühlte 3 km, in realitas vielleicht (?) 75 Meter, ein Weg. Immerhin gehe ich diesen Weg auch ohne Beatmung, genau wie alle anderen Wege. All das übt, denn das Einzige, was ich wirklich noch nicht kann, ist länger selbstständig atmen. Ich weiß, ich konnte es schon mal über zwei Stunden, aber das geht im Moment gar nicht.
Deswegen auch das Gefühl der Stagnation bzw. des Rückschrittes.
Es beunruhigt mich fast, dass ich deswegen nicht noch beunruhigter bin. Aber ich habe die große Hoffnung, dass auch dies nur eine Phase ist, die wieder vorbei geht. Vielleicht reicht meine Kraft momentan nicht für beides: viel Laufen üben, viel in Bewegung sein (auch geistig) – und dann auch noch Atmen? Trotzdem übe ich jeden Tag, und wenn man alle kleinen Wege ohne Beatmung zusammenzählt, na ja, ein bisschen kommt da dann auch zusammen.

Ich bin inzwischen – nach neun Monaten – auch endlich einmal zu Hause gewesen, einen ganzen Nachmittag lang. Als die Planung stand, dachte ich, ich würde zu Hause sowieso nur heulen, weil ich so berührt sein würde, aber weit gefehlt. Ich konnte es zum großen Teil einfach sehr genießen, auch wenn es sehr anstrengend war. Und es war nicht nur anstrengend, es war natürlich auch sehr aufwändig: Immerhin mussten wir fast mein ganzes Zimmer (bis auf die Möbel …) mitnehmen, alle Maschinen und auch noch alle doppelt für den Fall, dass eine ausfällt. Mit dabei war Pflegerin Olga, der ich hiermit nochmals herzlich danke für die Überstunden, die sie meinetwegen geschoben hat.
Nach diesem Besuch zu Hause haben mein Mann und ich angefangen, alles das selbst zu üben, was wir vorher noch nicht selbst gemacht hatten, vornehmlich das Absaugen des Sekrets. Anhand einer x-seitigen Checkliste konnten wir sehen, wie fit wir in den Bereichen der Pflege sind. Detlef wird jetzt noch die Gelegenheit haben, öfter beim Trachealkanülenwechsel zuschauen zu können; und wenn er möchte, darf er es auch einmal selbst probieren dann. (Ehrlich gesagt habe ich davor ein wenig Schiss, denn er wird bestimmt besonders vorsichtig sein und gerade das ist falsch und tut nur noch mehr und länger weh. Ein bisschen gezielte Gewalt ist da angebrachter, dann ist die Kanüle schnell raus und auch relativ schnell wieder drin …) Auch eine Notfallschulung hat man für Detlef für  diesen Monat organisiert.
Das alles hat zur Folge, dass wir auch einmal allein weggehen können, nach Hause können, ohne dass noch ein Pfleger oder eine Pflegerin dabei sein muss. Vielleicht darf ich dann ja auch mal ein ganzes Wochenende zu Hause sein. Das wäre insofern auch wichtig, als dass wir schon einmal schauen könnten, für welche Bereiche wir – sollte ich denn irgendwann mal ganz zu Hause sein – vielleicht externe Hilfe (also einen Pflegedienst) beauftragen müssten, denn Detlef arbeitet ja auch. Auch könnten wir schon einmal schauen, wie und wo man entsprechende Gerätschaften stellt oder besser: positioniert, damit ich auch allein einigermaßen zurechtkommen könnte. Vorstellen können wir uns einen Pflegedienst allerdings nur stundenweise. Rund um die Uhr ginge nicht, denn in unserer 2-Zimmer-Wohnung (mit dem Wohnzimmer als Durchgangsraum) würden wir uns, wären wir ständig zu dritt, sicherlich schnell die Köpfe einschlagen.
Ich glaube, fast am meisten freue ich mich darauf, zu Hause am heimischen Schreibtisch zu sitzen. Ich merke es hier in den ganzen letzten Wochen, dass es mir sehr gut tut, wieder zu arbeiten (ich habe gerade einen längeren Roman bzw. Erlebnisbericht zum Lektorat hier) oder aber auch zu schreiben, denn ich bin ansonsten oft genervt von mir und davon, dass ich mich so schlapp fühle und dann gehen lasse. Da ich nachts im ¾-Stunden-Takt wach bin, weil entweder die Pfleger zum Messen kommen, ich aufs Klo muss oder Hunger habe (manchmal lasse ich mir nachts bis zu sechs Scheiben Brot schmieren!!!), schlafe ich oft den halben Vormittag durch. Das passt mir gar nicht und passt auch nicht zu mir. Ich bin immer Früh-, man könnte auch sagen Frühstaufsteher gewesen und die morgendlichen Stunden am Schreibtisch (alternativ hier am Laptop) vermisse ich sehr. Geht im Moment aber nicht. Wie so vieles. Aber anderes geht. Ich werde selbstständiger. Ich kehre im wahrsten Sinne des Wortes Schritt für Schritt ins Leben zurück. Ich werde es schaffen.
Ich wünsche einen möglichst frühlingshaften März. Melde mich zwischendurch noch einmal.

PS: Ach ja, der Titel meines neuen Buches: „Langer Atem“. Passt doch, oder nicht?

Februar 2011 – savage tulips

Nein, natürlich haben wir noch keinen Frühling.
Aber neulich sagte ich zu meinem Mann, er möge doch bitte die ersten Tulpen, die er in irgendeinem Laden sieht, mitbringen. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum, schließlich will ich – genau wie im letzten Jahr – keinen Frühling, weil er mich nur umso deutlicher daran erinnert, wie lange diese unsägliche Krankengeschichte schon dauert. Dennoch wollte ich Tulpen. Sie blühten einige Tage auch sehr schön und statt die Köpfe hängen zu lassen, sind sie sozusagen nach innen oder innerlich vertrocknet. Ganz klein und fast knochig (ganz anders auf der obigen Bildleiste, das waren Tulpen aus dem letzten Jahr) sahen die ehemals prachtvollen Blütenköpfe aus, selbst die Stängel, so war jedenfalls mein Gefühl, vertrockneten und wurden dünner und gerader. Sie zogen sich zurück, irgendwie.
Ähnlich fühle ich mich auch. Objektiv gesehen mache ich immer noch Fortschritte, ständig passiert hier zwar etwas Neues und es geht, manchmal sogar in etwas größeren als kleinen Schritten, beständig weiter, subjektiv fühle ich mehr Stagnation als alles andere. Ich merke, wie ich immer sensibler werde, ich fühle mich ganz leicht „angefasst“, lege jedes Wort auf die Goldwaage und bade mich oft in meiner Sehnsucht. (Ja, der Spagat zwischen Physis und Psyche.) Immer noch geht mir alles nicht schnell genug und außerdem kann mir natürlich immer noch keiner versprechen, dass alles gut geht. Oft muss ich mich selbst zwingen, all die kleinen Schritte immer und immer wieder zu wiederholen, um eben nicht stehen zu bleiben. Das ist meine größte Angst: irgendwann womöglich zu wissen: weiter wird es nicht mehr gehen. Die Angst, dass es hier doch die Endstation wird, dass ich nie wieder nach Hause werde kommen können, nie mehr mit meinem Mann an den kleinen Weiher bei uns werde spazieren gehen können und derlei Sachen mehr. Immerhin durfte ich neulich schon zweimal mit meinem Mann und Pfleger/in nach draußen. Raus! Sie können sich kaum vorstellen, was das für mich bedeutet. Himmel sehen, Wolken, und zwar nicht durchs Fenster. Es war wunderschön, auch wenn es beim ersten Mal ein bisschen geregnet hat und beim zweiten Mal wirklich eine schöne Hamburger ssstteife Brise wehte, mir genau ins Gesicht. Und das bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt.
Es waren Geschenke, die wiederum die Sehnsucht nähren.
Der Dialysearzt hat mir vor zwei Wochen gesagt, wie er meinen Weg sieht: weg von der Beatmungsmaschine, dann 6-8 Wochen schauen, wie es funktioniert, wenn ich nur alleine atme und dann eine Lebend-Nieren-Spende. Uff, das hat wieder mal gesessen. Lebendspende deshalb, weil ich eine Wartezeit von mittlerweile 7 (in Worten: sieben) Jahren nicht überleben würde. Was ich brauche, ist einen Spender mit derselben Blutgruppe. Da haben wir ein ähnliches „Problem“ wie bei der Lunge (auch, wenn es da nicht um Lebendspende ging): Ich mit Blutgruppe 0 bin zwar Universalspender für alle anderen Blutgruppen, darf aber selbst nur 0 bekommen. Und in der Regel dürfen es bei Lebendspenden nur wirklich nahe Angehörige / Verwandte sein, in Ausnahmefällen auch ein/e Freund/in, mit dem / der ich quasi seit der Kindergartenzeit befreundet bin. Und: Alle potenziellen Spender werden vor / von einer Ethikkommission geprüft. (Nicht, dass ich mein Sparkonto plündere und jemandem vorm Hauptbahnhof eine Niere abkaufe.) Allerdings sieht es so aus, dass keiner aus meiner Familie ein passender Spender ist. Auch nicht mein Ehemann. Was bleibt, ist jetzt also über eine blutgruppeninkompatible Spende nachzudenken. Ja, auch das gibt es inzwischen, wenn auch natürlich nicht häufig und nur in speziellen Zentren.
Dann versuche ich natürlich weiterhin, mich einzulassen. Nicht nur auf meinen Heilungsprozess, sondern auf das, was andere mir vom Leben berichten: vom geplanten Hauskauf einer Freundin, einem London-Kurztrip meiner Kusine mit vielen virtuellen Postkarten für mich, von besuchten Lesungen von Bekannten, von Wettbewerbsausschreibungen, bei denen fast alle Kollegen, mit denen ich in Kontakt bin, „schon eine Geschichte haben“, nur mich so überhaupt kein Plot anfliegt, auch wenn schon die halbe Pfleger/innenschaft am Brainstorming beteiligt ist.
Aber apropos Text: Vom 22.-28. Februar können Sie unter www.weblesungen.de meine Erzählung „Im nächsten Leben“ aus dem Buch „Zwischen den Schatten“ anhören. Klicken Sie doch mal rein. (Die Weblesungen werden im Auftrag der Hamburger Kulturbehörde seit 2001 von Rüdiger Käßner organisiert und präsentiert.)
Und doch, Sie werden es ahnen, spielt auch das Gefühl von Neid eine Rolle. Ich beneide die Menschen, die alles das können, was ich jetzt nicht kann, was ich vielleicht nicht einmal tun möchte im Moment; es geht, glaube ich, einfach um das „Ich könnte, wenn ich wollte“, und das kann ich nun mal nicht. Alltagsdinge, Kleinigkeiten, über die selten jemand nachdenkt, sondern die selbstverständlich sind. Einfach morgens aufwachen und aufstehen können. Auch das erinnert mich an „früher“: Noch vor ein paar Jahren gehörten diese Augenblicke zwischen dem Aufwachen und Aufstehen zu den schönsten des Tages für mich; wenn ich mit meinem Mann auf der Bettkante saß und wir den ersten Kaffee des Tages gemeinsam tranken, noch ein bisschen dizzy von der Nacht, aber offen für den gerade beginnenden Tag. Sich dann einfach anzuziehen, an den Schreibtisch zu setzen, zu arbeiten, zu schreiben, zu korrigieren, vielleicht ein bisschen die Wohnung auf Vordermann bringen, auf dem Markt frisches Gemüse zu kaufen und eine kleine Mahlzeit vorzubereiten, wenn mein Mann von der Arbeit kommt.
Einfach so rausgehen zu können: Jacke an und los. Geht nicht, geht alles nicht. Da bin ich schon neidisch, das dürfen Sie mir gern glauben. Gut ist das nicht, ich weiß, Neid zerfrisst die Seele und verhindert eben, dass ich mich arrangieren kann. (Obwohl ich denke, dass ich das sowieso nicht gut kann: Niemals würde ich mich mit der Situation abfinden, wie sie jetzt ist. Aber vielleicht ist abfinden auch nicht das gleiche wie arrangieren.)
Damit Sie aber endlich auch mal wieder ein paar ausschließlich positive Texte lesen können statt immer nur Frust oder über Krankheit, habe ich tief in der Schublade gegraben und vier kurze Beschreibungen für Raumparfüms wieder rausgekramt, die ich vor Jahren mal für die Firma Organic Avenue geschrieben habe. Wirklich sehr schön, der Auftrag hat Spaß gemacht. Sie finden die Texte hier auf dem Schreibtisch. Viel Spaß damit.
Und nicht vergessen: Vom 22.02. an der Text „Im nächsten Leben“ bei den Hamburger Weblesungen.
Ich wünsche einen angenehmen Februar, vielleicht mit beginnendem Frühling, vermutlich eher aber noch mal mit Schnee und Eis.

Januar 2011 die 2. – Risiko

Januar 2011 – I`m walking …

Es ist Ende Dezember und wir befinden uns in der Zeit, die man „zwischen den Jahren“ nennt. Das alte Jahr ist noch nicht ganz vorüber, das neue hat noch nicht begonnen. Es ist die Zeit, in der gute Vorsätze für das neue Jahr geschmiedet werden, die man Silvester großartig herumposaunt und die oft schon am Neujahrstag wieder vergessen sind, meist ohne schlechtes Gewissen.
Ich habe nur einen einzigen Vorsatz, wobei Vorsatz eigentlich das falsche Wort ist, Wunsch passte besser oder Hoffnung auf … und zwar, dass ich nicht aufhöre, mich immer wieder zu motivieren auf dem Weg zurück ins Leben.
Viel hat sich getan in den letzten zwei Wochen. Zum einen habe ich wider Erwarten doch mit der Entwöhnung von der Beatmungsmaschine begonnen, eine der Schwestern hier meinte, wir könnten es doch einfach mal probieren, und wenn’s nicht mehr geht, dann ist eben Schluss. (Ja ja, das haben sie im Krankenhaus auch gesagt, dann die Beatmung abgestöpselt und mich allein gelassen.) Hier aber ist es tatsächlich der Fall: Wenn ich sage „Ich kann nicht mehr. Es ist gut.“, dann werde ich sofort zurückgestöpselt an die Beatmung. Hier ist auch die ganze Zeit über jemand anwesend, ich werde nicht eine Sekunde allein gelassen dabei. Das zahlt sich aus. Mein „Rekord“, wenn ich das mal flapsig so nennen darf, liegt jetzt bei 32 Minuten Spontanatmen, also selbstständig atmen.
Und dann, neulich, als ich mal wieder das Gefühl von Starre und Stillstand hatte und mich nur kaum dazu motivieren konnte, meine Stehübungen am Rollator zu machen, fing mein Mann plötzlich an zu sticheln, um mir einen kleinen Adrenalinstoß zu geben: „Na, kannst du nicht doch laufen?“ Ich schüttelte den Kopf und begann gleichzeitig, den rechten Fuß ein bisschen nach vorne zu setzen, dann den linken, dann wieder den rechten – und dann war Schluss, weil die Kabel vom Beatmungs- und vom Sauerstoffgerät nicht länger waren und ich ging vorsichtig rückwärts zurück und setzte mich aufs Bett. Aber dann wollte ich es wissen: Ich bat meinen Mann, besagte Gerätschaften vorne auf dem Rollator zu verstauen. Gesagt, getan. Und dann ging es los. Ganz vorsichtig raus aus dem Zimmer Richtung Gemeinschaftsraum. Die Schwestern und Pfleger kamen aus dem Staunen nicht heraus. Dort habe ich gedreht und den Rückweg aber nur noch halb geschafft. Den Rest musste Detlef mich „schieben“ (wie gut, dass man auf dem Rollator einen kleinen Sitz hat!). Das war am 1. Feiertag. Am 2. Feiertag schaffte ich dann eine ganze Runde durch die Betreute-Wohnen-WG, 160 Schritte. Als nach Weihnachten der Physiotherapeut wieder kam und ich ihm das erzählte, war er baff. Er lobt sonst nicht viel („schon ganz ordentlich“), aber diesmal meinte er „super“. Es ist schon erstaunlich, was der Körper alles kompensieren kann – in diesem Fall die Lähmung des rechten Oberschenkels und rechten Knies. Ich liefe wie jemand mit einem künstlichen Kniegelenk, stichelte er grinsend, aber wer das nicht wisse, bemerke es auch kaum.
Alles hat aber nach wie vor seine zwei Seiten: Je mehr ich wieder selber kann, desto öfter realisiere ich aber auch, was ich alles nicht mehr kann; was ich verloren zu haben scheine; was fehlt. Und das ist so eine Menge!
Rückschläge sind immer die drei Dialysetage in der Woche, weil mir die Dialyse in der Regel doch arg zusetzt mit mich übergeben müssen, schier unerträglichen Kopfschmerzen und frieren, ich kann meist gar nicht so schnell klappern, wie ich friere, trotz Decke(n) und heißem Körnerkissen.
Wie auch immer, ich wünsche Ihnen ein segensreiches Neues Jahr. Auf dass sich viele Ihrer Wünsche erfüllen mögen und die Kraft, wieder aufzustehen und weiter zu machen, wenn Ihnen Steine in den Weg gelegt werden, Sie stolpern oder gar fallen. Ansonsten werde ich versuchen, es wie Goethe zu halten: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“ Nicht wahr?
Hier neu auf dem Schreibtisch: Das ultrakurze Gedicht: „Wenn Erinnerung wird“.
Ich bedanke mich außerdem bei Autorin und Literaturinterpretin Rena Larf, die am 10.01.11 um 11.00 Uhr meinen Text „Zum Meer“ aus dem Buch „Zwischen den Schatten“ in ihrem Hamburger Literatur-Radio präsentiert. Ich würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

Dezember 2010 die 2. – Gestrandetes 

 

Dies ist eine Premiere – zum ersten Mal in all den Jahren schreibe ich zum zweiten Mal (außer kleiner Nachträge) in einem Monat. „Schuld“ daran ist Treibholz sammelnde Wegbegleiterin Ute Leser, die mir die Bilder für diese zwei Bilderleisten schickte und bei denen ich, als ich sie so, wie Sie sie hier jetzt sehen, zusammengestellt hatte, sofort dachte: Ja. Das passt zu mir. Genau so fühle ich mich: wie Treibgut – und ich meine das keineswegs so negativ, wie es vielleicht klingen mag.
Treibgut, das gestrandet ist. Ich bin auch gestrandet, für den Moment. (Mein großes, großes Ziel ist natürlich ein anderes, nämlich irgendwann auf meinen eigenen Beinen und ohne Beatmungsmaschine nach Hause gehen zu können.) Aber, wie gesagt, im Moment bin ich hier im Betreuten Wohnen gestrandet. Hier darf ich mich ausruhen, Kraft sammeln und alles das wieder lernen, was ich eben nicht mehr konnte. Und das war ja fast alles, was einen Menschen zum Menschen macht. Als ich hier ankam, war ich im Grunde wie ein nasser Sack, ich konnte mich so gut wie gar nicht selbst bewegen, gerade einmal den Kopf drehen allein. (Es ist schon seltsam, wie schnell ich die Erinnerungen daran verdränge!) Hier lernte ich dann auch flugs den Physiotherapeuten kennen, der mir in den nächsten Monaten helfen darf, mich zu mobilisieren. Und ich verrate Ihnen eines: Er ist klasse. Glauben Sie mir, ich habe in den letzten Jahren einige Physios kennen gelernt, ich wage es zu beurteilen, ob mir jemand gut tut und ob ich genug gefordert werde. Er hat nicht nur dazu beigetragen, dass ich unter anderen vielen, vielen „kleinen“ Dingen heute, anderthalb Monate nach Aufnahme hier, rollstuhlmobil bin, wenn mir jemand  hilft, da ich ja immer die Beatmungsmaschine und das Sauerstoffgerät mitschleppen muss oder dass ich mit Hilfe sogar schon stehen kann, selbst wenn mein rechter Oberschenkel nach wie vor gar nichts tut. Ich kann alleine trinken und anständig mit Messer und Gabel essen, und zwar am Tisch und nicht mehr im Bett. Natürlich ist es immer enorm viel Aufwand, mich nur allein die 2,5m vom Bett an den Tisch umzusetzen, mich kostet es unendlich viel Anstrengung, aber all das hilft; all das mobilisiert. Und dieser Physiotherapeut (genauso übrigens wie der, bei dem ich 2x wöchentlich eine Lymphdrainage bekomme) mobilisiert nicht nur körperlich, sondern er hat auch erheblich zur Stabilisierung der Psyche beigetragen. Das wiederum tun die Schwestern und Pfleger hier tagtäglich; aber allein die Tatsache, dass es mir mithilfe der Lymphdrainagenphysios und der Dialyse, zu der ich dreimal die Woche für etwas über vier Stunden gehen muss, da meine Nieren vermutlich durch die vielen, vielen Medikamente nach der Transplantationsop „zerschossen“ wurden, also allein dadurch, dass es mir gelungen ist, die weit über 20 kg an Wasser, die ich in meinem Körpergewebe mit mir rumgeschleppt habe, auch wieder loszuwerden (in so kurzer Zeit), motiviert natürlich zum Training. Klar, ich bin ja auch viel leichter jetzt und kann mich einfacher bewegen.
Aber allen voran motiviert mein Mann. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, weil ich denke, er hat gar nichts mehr vom Leben außer Arbeit, einkaufen, sich in die U-Bahn setzen, halb Hamburg  zu durchqueren, um mich zu besuchen, abends für mich zu kochen und irgendwann schlafen, nie genug schlafen natürlich, weil wir es doch nie schaffen, dass er mal abends früh nach Hause fährt, obgleich er nach wie vor morgens um halb vier aufsteht. Ich denke fast täglich, wie müde er aussieht, wie erschöpft; und wir haben oft sogar Streit, weil ich finde, dass er sich übernimmt und er sich (gerade auch hier) immer mehr Aufgaben an den Hals holt. Dabei vergesse ich nur allzu häufig seine Motivation dahinter: Liebe. So einfach ist das.
Liebe ist auch nur eines der Gefühle, die ich neu erfahren darf. Genau wie Vertrauen. Nein, nicht meinem Mann gegenüber, aber zum Beispiel gegenüber den Ärzten und Pflegekräften. Die ganze Krankenhauszeit, zumindest die, die ich bei vollem Bewusstsein erlebte, war geprägt von Gefühlen wie Ausgeliefertsein und Angst. Kein Tag, den ich nicht unter höchster Anspannung verbracht habe, weil ich immer nur Angst vor den Momenten hatte, in denen eine Schwester oder ein Pfleger ins Zimmer kam, um mich von der Beatmungsmaschine abzustöpseln, sodass ich eigenständig, also allein, atmen musste. Während ich manchmal das Gefühl hatte, irre zu werden vor Atemnot, hieß es nur „Was wollen Sie denn? Ihre Werte (Sauerstoffsättigung im Blut, unter anderem) sind wunderbar, Sie bekommen genug Luft …“ Es gab Momente, da war die Atemnot so groß, dass es mir tatsächlich gelang, an der Beatmung bleiben zu dürfen, nur hieß es dann schlicht und einfach „Sie torpedieren die ganze Therapie“. Das, um es noch einmal ganz deutlich zu sagen, war natürlich niemals meine Intention. Es hat auch nichts genutzt, mich unter Beruhigungsmittel zu setzen, meine innere Anspannung war immer stärker.
Die hat sich hier im Betreuten Wohnen auch nur langsam gelöst, obwohl mir von Anfang an (glaubhaft) vermittelt wurde und auch immer noch wird, dass ich (zumindest mit-) entscheide, was getan wird und wie. Ich werde ernst genommen. Als Patient (als „Kunde“), als Mensch. Ich konnte lernen, dass es mir auch mal schlecht gehen darf; als so ziemlich  erstes lernte ich weinen, Rotz und Wasser heulen, um mich in der nächsten Minute wieder voll Demut und Dankbarkeit über irgendeine Kleinigkeit zu freuen. Ich ließ mich also ein auf den Weg der kleinen Schritte, und manchmal gelingt es mir sogar, die Sprichworte „Drückt dich der Schuh, trenn dich vom Schuh, nicht vom Weg“ oder „Die Kunst ist es, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird“ zu eigen zu machen. So banal sie auch klingen mögen.
Es gehört schon eine Menge Mut (und irgendwo auch Gottvertrauen) dazu, dies tägliche Hin und Her an Gefühlen auszuhalten: mal der optimistische Blick in die Zukunft, voll Hoffnung und auch Selbstvertrauen, dass doch alles wieder „gut“ wird und ich mein großes Ziel erreiche; und dann wieder die Momente der abgrundtiefen Verzweiflung, des Heimwehs und des Gefühls, dass nichts, aber auch gar nichts wieder so werden wird wie früher; Momente, in denen ich sehr in der Vergangenheit hänge und diese betrauere; Momente, in denen ich ungerecht bin („Warum ich? Was habe ich verbrochen …?). Ich könnte natürlich auch fragen „Warum nicht ich?“ oder „Wer denn dann an meiner Stelle?“; Momente, in denen ich einfach nur nach Hause will. Mich frei bewegen können, in meinem Bett schlafen, an meinem Schreibtisch mit Blick auf den Hauseingang sitzen. Einfach so aufstehen und an den nahe gelegenen Weiher spazieren gehen können oder auch in den nächsten Supermarkt oder auf einen Markt überhaupt, ohne daran zu denken, was ich alles nicht mehr essen darf aufgrund der Transplantation und aufgrund der kaputten Nieren (so eiweißreich, aber so phosphat- und kaliumarm wie möglich, was natürlich auf den Lebensmitteln nicht deklariert ist): kein Müsli, kein grünes Gemüse, keinen rohen Fisch, überhaupt keine frischen Sachen, die sich nicht wirklich gut putzen lassen, keine Salami, kein (rohes) Hackfleisch, kein Eis beim Italiener, nichts, aber auch wirklich gar nichts, was in irgendeiner Form keimbehaftet sein könnte, keine Vollkornprodukte sondern weißes Brot, … Aber keine Sorge, es bleibt schon noch ein kleiner Rest über, aus dem man etwas zaubern kann.
Eines allerdings vergesse ich auch in guten Momenten nur allzu oft und allzu gern: Um wirklich mein großes Ziel zu erreichen, steht vorher noch eines auf dem Programm: die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine (das Weaning) … Davon hängt alles ab.
Ich verabschiede mich bis zum Januar mit den Worten, die ich auch schon im Dezember 2009 geschrieben habe: Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2011. Es wird ein Gottesgeschenk sein, denn es verheißt Leben.
Hier neu auf dem Schreibtisch: „Wenn Ebbe ist“.
Heike Hartmann-Heesch  

 

Dezember 2010 – Einblicke, Ausblicke, Durchblicke

Wir haben Ende November und gestern fühlte es sich auch genauso an: Es wurde und wurde nicht hell draußen, die Temperaturen sanken und die ersten Schneeflocken fielen. Heute dagegen ganz anders: Die Sonne versteckt sich hinter kleinen Schäfchenwolken, zwischen denen sich blauer Himmel zeigt. Das Ganze natürlich noch zwischen kahlen Bäumen, aber man könnte trotzdem fast denken, die trüben Monate seien vorbei und wir hätten schon Januar. Dazwischen liegt aber noch Weihnachten, und ich habe einen ganz festen Wunsch: nämlich dass es mir endlich gelingen möge, die Situation wirklich so anzunehmen, wie sie nun mal ist. Zum Teil funktioniert das schon ganz gut, führt aber irgendwie dazu, dass ich meine Gefühle wieder bändige, sie doch wieder sehr kontrolliere. Das spiegelt sich auch im Schreiben wider: Ich vermisse das Herzblut, mit dem ich ungefähr bis zur Transplantation geschrieben habe. Ich habe gezetert, gebeten, geklagt, gebetet … über und um die verschiedensten Dinge, vornehmlich darüber, dass mich kaum einer besuchen kommt oder ähnliches. Das kann ich jetzt auch noch tun, denn im Vergleich zu vor einem Jahr hat sich nichts daran geändert. Trotz Anschreiben meinerseits – ich bekomme sehr oft nicht mal mehr E-Mail-Antworten, was ich ganz schön frustrierend finde. „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Oder: Es ist wohl tatsächlich so, dass ich selbst die Schwierigkeit bin, nur weil ich Krankheit öffentlich mache. Aber ich möchte auch klagen, weil ich mich einfach auch im Stich gelassen fühle. Weil es so weh tut zu merken, dass ich letzten Endes doch allein bin. Anders wäre es vielleicht, wenn ich wenigstens allein das Bett verlassen könnte, meinetwegen auch im Rollstuhl. Kann ich aber alles nicht, noch nicht mal alleine stehen kann ich. Ich weiß, dass ich momentan sicherlich nicht einfach zu ertragen bin, ich kann mich ja manchmal selbst kaum aushalten.
Ich habe in den letzten Wochen versucht, ein bisschen Durchblick zu bekommen und „weiß“ jetzt einfach auch viel mehr als noch zu Krankenhauszeiten. Die Idee des Betreuten Wohnens, gegen die ich mich anfangs sehr gesträubt habe, jedenfalls war goldrichtig. Hier habe ich nach zwei Jahren Krankenhaus endlich auch mal wieder das Gefühl, ernst genommen zu werden. Allein auch deswegen bin heilfroh, inzwischen hier zu sein, und das auch schon über vier Wochen jetzt. Ich mache Fortschritte (physisch), die nicht einmal ich ignorieren kann und die wiederum lassen wieder einen klitzekleinen Hoffnungsschimmer zu. So einfach aufgeben, möglicherweise sterben, geht nicht mehr, genauso wenig wie weiter einen auf nur leidend machen, nur heulen (sobald jemand das Zimmer betritt) und allen das Leben schwer machen – dafür sind die Fortschritte zu groß. Ich glaube schon, dass es mir (und auch meinem Mann) gelungen ist, Ihnen kleine Einblicke in meinen Alltag zu geben. Was mir wirklich fehlt, ist Leben. Ich bedanke mich sehr bei den Menschen (Tatia, Benita, Beate, Anna-Maria, Dirk), die mir in schöner Regelmäßigkeit ein Stück „Leben draußen“ ans Bett bringen, schriftlich und/oder mündlich und wünsche mir, dass noch ein paar andere Menschen darüber nachdenken mögen, nun doch mal vorbeizukommen. (Verdammte Bettelei!!!)
In diesem Sinne wünsche ich, dass sich diesen Monat viele Ihrer Herzensträume erfüllen.
Heike Hartmann-Heesch  

 

November 2010: Dornige Schritte – Sehnsuchtshäuschen – gefangen

Was für gemischte Gefühle in diesem Herbst. Wenn ich von meinem Bett aus dem Fenster blicke, sehe ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein kleines Hexenhäuschen stehen, so wie ich mir immer eines vorgestellt hatte. Indian Summer umhüllt dies Haus, Bäume in allen Herbstfarben – mal ein bisschen verklärt, wenn die Sonne auf Haus und Bäume scheint und die Farben zur Nacht noch einmal aufleuchten lässt; mal trist und grau, wenn der Regen keine Rücksicht nimmt und immer gerade den Teil der Sonne erlöschen lässt, der sich meinen Bäumen und meinem Sehnsuchtshäuschen zuwandte.
Romantik beiseite, denn romantisch ist hier nun schon seit zwei Jahren gar nichts mehr. Meine Situation ist unverändert außer, dass ich zurzeit nicht mehr im Krankenhaus bin sondern in einer Art Betreutes Wohnen. Früher habe ich immer gedacht „Lieber Gott, lass mich bitte nie so alt und oder so krank werden, dass mir so etwas bevorsteht.“ Und nun stecke ich mittendrin und bin noch nicht einmal alt.
Ich schaffe die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine nicht, deswegen wird das Weaning  hier erst einmal auf Eis gelegt und ich, weiterhin voll beatmet, soll hier erst mal versuchen, neuen Mut, neue Kraft – vor allem auch psychische – zu sammeln und natürlich wieder Motivation erlangen, das Weaning irgendwann noch einmal neu in Angriff zu nehmen. Aber, to be honest, ich mag nicht mehr. So einfach ist es – und so einfach ist das eben doch alles nicht.
Über die Zeit bis zur Transplantation hatte ich Ihnen berichtet, über die Zeit danach mein Mann, und nur dadurch, dass mein rechter Arm nicht mehr taub und wieder etwas bewegungsfähig ist, können Sie heute wieder von mir selbst getippt lesen. Trotz allem, ich bin locked, gefangen in meinem Körper. Und dass mein Kopf endlich wieder auf seiner alten Höhe ist, tja, das macht alles nicht einfacher.
Hier neu auf dem Schreibtisch: der Text „Der 7. Tag“.
Ich wünsche Ihnen einen restlichen bunten Herbst, Kürbissuppe und selbst gestrickte warme Socken.
Heike Hartmann-Heesch

Oktober 2010



Heike konnte im vergangenen Monat nicht vorankommen, musste sie doch wieder eine schwere Begleiterkrankung bewältigen ...
In diesem Monat erscheint das Mohland-Jahrbuch 2010 (siehe PS). Heikes Beitrag dafür „Wenn die Krokodile weinen“ können Sie auch auf dem Schreibtisch nachlesen.
Detlef Heesch  

September 2010

Die Entwöhnung von der Beatmung ist für Heike schwerste Arbeit. Bei allen Erfolgen kommt es immer auch wieder zu Rückschlägen; das ist bei dieser komplexen Behandlung nicht ungewöhnlich.
Man hat uns gesagt, es wird lange dauern ...
Detlef Heesch  

August 2010

Eine Lungenentzündung hat Heike im Verlauf des Juli in ihren Fortschritten aufgehalten; als Folge der notwendigen Medikamentengaben sind dann auch noch Entzündungen der Speiseröhre und Magenschleimhaut hinzugekommen. Trotzdem kommt die Entwöhnung von der Atemunterstützung langsam voran.
Zeit wird zur Summe bewältigter Tage, Zuversicht und Verzagen liegen nah beieinander, das Wort 
G e d u l d  klingt provozierend ...
Detlef Heesch

Juli 2010

Nachdem bleierner Stillstand im Heilungsprozess zur Mitte des Monats Schlimmes befürchten ließ, ist während der vergangenen zwei Wochen endlich eine deutliche Verbesserung der Funktion Heikes neuer Lunge zu beobachten. Sie kann phasenweise ohne Unterstützung selbst atmen, ihre Mobilität ist jetzt soweit fortgeschritten, dass Heike sich ein wenig bewegen und mit der Hand schreiben kann.
Nicht mehr ganz sprachlos.
Es ist vorgesehen, sie in den kommenden Tagen von der herzchirurgischen Intensiv- auf eine andere Station zu verlegen, um bei der Entwöhnung von der Beatmungsmaschine weiter voran zu kommen.
Ich bin zuversichtlich, dass Heike den nächsten Beitrag an dieser Stelle wieder selbst schreiben kann.
Ein langer Weg.
Detlef Heesch

Juni 2010

Heike ist in der Nacht zum 14. Mai transplantiert worden. Ihr Zustand ist kritisch, ein Ödem hatte sich im Spenderorgan entwickelt. In der endlos langen Zeit seitdem ist es gelungen, die Ansammlung von Flüssigkeit und damit die Schwellung der Lunge allmählich zu reduzieren, die Lungenfunktion zu verbessern und den Thorax endlich zu schließen (30. Mai).
Ein wenig besser. Kleine Schritte. Geduld.
Nach der Intubation verläuft die Beatmung jetzt über einen Zugang direkt in die Trachea. Heike ist wach und klar, sie kann die Lippen bewegen, aber nicht sprechen. Zum schreiben ist sie noch zu schwach. Sprachlos. 
Warten auf die nächsten kleinen Schritte.
Detlef Heesch

Mai 2010: über die Dinge, wie sie sind (und wozu meine Vorstellung nicht mehr und dennoch reicht)

Haben Sie sie auch gesehen? Diese unglaublich faszinierenden Bilder des isländischen Vulkans mit dem schönen Namen Eyjafjallajökull? Mit Verlaub, aber ich war nicht ganz so gut auf Vulkane zu sprechen! Die Folge, nämlich das europaweite Flugverbot wegen der Luftbelastung durch Aschestaub, der gefährlich unter anderem für die Triebwerke von Flugzeugen ist, galt natürlich auch für Organtransporte. Ich konnte nicht verhindern, dass ich Gedanken hatte wie „Was, wenn ausgerechnet jetzt vielleicht ein Organ in, sagen wir, Österreich zur Verfügung steht?“. Die hätte nach Hamburg eingeflogen werden müssen, weil das Zeitfenster für einen Transport per Bahn oder sonstwie nicht ausreicht. Aber bei Flugverbot geht auch das natürlich nicht. Organe wie Herzen oder Lungen können dann nur regional vergeben werden. Mir fielen also buchstäblich isländische Lavabrocken vom Herzen, als der Flugraum wieder geöffnet wurde!
Ansonsten: Die Sehnsucht hört weder auf noch wird sie weniger, je mehr Zeit vergeht. Nun ist schon Mai, und nie, wirklich nie habe ich mir anfangs (alb-)träumen lassen, dass die Wartezeit auf eine Spenderlunge so lange dauern würde. Neulich am Sonntag bin ich mit meinem Mann zum ersten Mal in diesem Jahr „richtig“ draußen gewesen; mit dem Rollstuhl machten wir eine lange Spazierfahrt rund ums Krankenhausgelände. Es war wunderbar frühlingshaft warm, blauer Himmel, die Sonne strahlte; nur saß mir die ganze Zeit ein richtig dicker Kloß im Hals, denn auch diesen Spaziergang haben wir uns im Herbst letzten Jahres, als wir genau diese Runde zum letzten Mal drehten, bevor es draußen zu kalt wurde, etwas anders vorgestellt: Im Herbst nämlich glaubten wir tatsächlich noch fest daran, dass ich genau diesen Weg beim nächsten Mal schon mit neuer Lunge und auf eigenen zwei Füßen gehen würde – und eben nicht aus der Rollstuhlperspektive erleben müsste. Momentan gibt es immer seltener Momente, in denen ich es mir tatsächlich vorstellen kann, dass sich das, wonach ich mich sehne, auch tatsächlich erfüllen könnte: ein ganz normales Leben wieder haben. Mein Leben. Außerhalb eines Krankenhauses.
Kleiner wird auch die Angst nicht; jetzt ist da nicht mehr nur die Angst vor der OP, vor einer ungewissen Zukunft nach der OP, hinzu kommen so langsam auch Gedanken, ob ich die Zeit bis dahin überhaupt körperlich überstehe.
Ich fühle mich zunehmend sprachlos.
Deswegen diesen Monat kurz und knapp: Am 8. Mai findet im Kulturhof Dulsberg das 5. Dulsberger MaiRauschen statt: Lesung und Kunstausstellung zum Thema „HerzFlugZeit“. Ich bedaure es zutiefst, nicht vorlesen, ja, noch nicht einmal im Publikum sitzen zu können. Wie in jedem Jahr gibt es zeitgleich das Buch zur Lesung (für mehr Infos siehe PS). Darin finden Sie dann auch meinen Text „Die Dinge, wie sie sind“. (Und hier auf dem Schreibtisch.) Der Text, als Geschichte, beschreibt sicherlich viel intensiver einen Teil der Emotionen der ganzen langen letzten Monate als ich mich das hier im Blog jemals getraut hätte zu sagen.

April 2010: von Wolkenfängern, Erdverbundenheit und brutalen Zeitschleifen



John Updike schrieb einmal, Schreiben sei eine illusorische Befreiung, eine vermessene Zähmung der Wirklichkeit, eine Möglichkeit, das Unerträgliche leicht und heiter darzustellen und dass man im Morgenlicht zügig, ohne die geringste Beschleunigung des Pulses über das schreiben könne, über das man im Dunkeln nicht einmal nachdenken könne, ohne Zuflucht bei Gott zu suchen.
Wenn ich heute Morgen aus dem Fenster blicke, sehe ich blauen Himmel, nicht mal ein einziges Schäfchenwölkchen irgendwo. Die Sonne strahlt und reflektiert sich in den Fenstern des gegenüberliegenden Gebäudes. Auf dem Tisch bei mir im Zimmer steht seit Wochen ein Strauß Forsythien, knallgelb die Blüten, wunderschön, und oben an den Spitzen wachsen schon grüne Blätter. Der Winter hat, so scheint es, endlich seinen frostigen Mantel ausgezogen. Der Frühling ist nah. Und so gern ich ihn sonst begrüßt habe, den Frühling, so sehr ich auf Zeichen in der Natur gewartet habe, auf erste Schneeglöckchen und Krokusse, später Narzissen, auf bunte Primeln und Tulpen in den Läden, auf die ersten grünen Blätter an den Bäumen draußen – in diesem Jahr begegne ich all dem mit ziemlich gemischten Gefühlen. Wenn ich ehrlich bin: Ich will jetzt gar keinen Frühling, wollte ich den ganzen März über schon nicht. Es schmerzt, es schmerzt unermesslich, körperlich, auch noch den Frühling, das Wiedererwachen der Natur, hier in Warteposition zu verbringen. Im Juni letzten Jahres kam ich hier an, erlebte den Sommer, einen heißen Sommer, den Herbst, der auf einen langen und „richtigen“ Winter vorbereitete und in dem ich noch Hoffnung hatte, vielleicht, ganz vielleicht das Weihnachtsfest oder das Neue Jahr schon wieder zu Hause oder wenigstens in der Reha begrüßen zu dürfen. Und nun haben wir Ende März und die Natur erwacht aus ihrem Winterschlaf, Ostern steht vor der Tür – und ich liege immer noch hier. Da verliere ich schon manchmal den Mut, das dürfen Sie mir gerne glauben.
Da fällt es auch schwer, hier in der Gegenwart zu bleiben, in der jeder Traum den Alb schon in sich trägt, jede Hoffnung die Enttäuschung, jeder Wunsch die Versagung. Schreiben in dem Sinn, wie John Updike es oben verstand, brachte mir in den letzten Wochen tatsächlich vermeintlich „Erleichterung“. So sehr es mir half, hier in der Gegenwart zu bleiben, genauso brachte mich Schreiben wieder einmal an Grenzen (Ist es o.k., hier auf der Grenze zwischen Leben und Tod zu sein und innigste Liebesgeschichten zu schreiben? Sollte ich nicht eher meinen Verstand beieinander behalten und –  ja, was eigentlich? Auf welche tatsächlichen und vermeintlichen Grenzen stolpere ich denn nun schon wieder?) – und auch die Frage taucht auf, welche Grenzen ich noch überschreiten darf. In mir oder um mich rum. Wenn Sie hier klicken und weiter lesen, lesen Sie das, was vielleicht wieder die eine oder andere überschreitet. In mir oder um mich rum.

März 2010 - Schnee im Frühling und weinende Krokodile



Im März 2007, Sie können es unten nachlesen, wenn Sie wollen, hatten wir bereits Frühling, einen wunderbaren Frühling und ich stellte eine Liebesgeschichte für Sie online. Der März 2008 war, soweit ich mich zurückerinnere, ziemlich kalt und verregnet, aber ich war gerade aus einem Frühlingsurlaub auf Madeira zurückgekehrt und freute mich darüber, dass ich für die ein Jahr zuvor entstandene Liebesgeschichte einen Preis erhalten hatte. In besagtem Urlaub allerdings wurde mir – beim Bergaufwandern – zum ersten Mal deutlich bewusst, dass „irgendwas“ mit meiner Lunge ganz und gar nicht in Ordnung sein konnte.
Wie das Wetter im März 2009 war? Ehrlich gesagt kann ich mich daran nicht erinnern, denn der März gehörte zu den Monaten, die ich stationär verbringen musste, und nicht nur stationär sondern größtenteils bettlägerig, nachdem die Lunge mehrmals kollabiert und von alleine nicht wieder zu stabilisieren war. Im letzten März also realisierte ich, dass Zeit tatsächlich zählbar geworden war. Schon damals war klar, dass für mich, wollte ich überhaupt eine Chance auf (Wieder-mein-)Leben haben, über kurz oder lang eine Lungentransplantation der letzte und einzige Weg sein würde. Seitdem hat sich vieles verändert und ändert sich noch.
Meine Hoffnung für März 2010 war, dass Sie ganz andere Zeilen von mir hier lesen. Ich hatte welche vorformuliert, Mitte Februar schon, Hamburg lag zu diesem Zeitpunkt noch in tiefem Schnee (siehe Bilderleiste oben). Und zwar vorformuliert für den Fall, dass ganz auf einmal doch eine Spenderlunge zur Verfügung gestanden hätte, ich transplantiert worden und danach nur noch nicht rechtzeitig wieder fit genug gewesen wäre, um meinen monatlichen Beitrag zu schreiben.
Dies ist aber leider nicht so, und deshalb lege ich Ihnen jetzt ohne weitere Worte noch einen meiner neuen Texte auf den Schreibtisch: „Wenn die Krokodile weinen“. Behutsame Wörter um große Gefühle.
Heike Hartmann-Heesch  
Nachtrag: Ich bedanke mich bei Literaturinterpretin und Autorin Rena Larf, die am 12.03. um 11.00 Uhr meinen Text „Im Winter trägt man morgens um 6 keine Sonnenbrille“ auf 1000mikes.com – Das Hamburger Literatur-Radio präsentiert. Hören Sie doch mal rein!

Februar 2010 – ohne Umwege
„Ich kann meine Träume nicht fristlos entlassen. Ich schulde ihnen noch mein Leben.“ (Frederike Frei)



Gefühle sichtbar machen. Zeigen, wie es in mir aussieht. Zeigen, wie ich mich sehe, wenn ich genau hingucke. Das hat diese Illustration von Ralf Wasselowski geschafft. Und zwar ohne den Umweg über Wörter. Ohne Erklärungen. Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung: das Gefühl, mich nicht erklären zu müssen und, wahrscheinlich viel wesentlicher und essenzieller, auch nicht zu wollen, auch nicht vor mir und für mich selbst, sondern einfach nur hinzugucken und zu sehen. Dafür ist weder die Entstehungsgeschichte der Illustration wichtig noch der Kontext, in den Wasselowski sie gestellt hat (zu seinem Gedicht „Die Grenze zur Entschiedenheit“).
Was ich sehe, jedenfalls, sind keine Monster (okay, ein paar Fratzen und Kobolde sind schon dabei). Was ich auch sehe: wie gleichsam ein Gefühl dem anderen entspringt, aus ihm geboren wird, wie sie zusammengehören.
Was ich nicht sehe, für den Moment, ist Angst. Für mich bedeutet das: Ich muss mich nicht fürchten vor dem, was ich in mir trage. Ich muss mich nicht vor meinen Gefühlen fürchten. Ich brauche mich nicht bedroht zu fühlen.
Ich bin.
So einfach.

Januar 2010: Sterne, Stürme – und Zeit, die stillsteht
Ich möchte am Anfang dieses neuen Jahres zwei Kunstwerke mit Ihnen teilen. Ein Bild, das mein Mann vor vielen Jahren einmal auf der Elbe fotografiert hat und ein Gedicht, das auf der Rückseite einer Postkarte gedruckt steht, die ich mit Weihnachtsgrüßen erhielt. Und mehr brauche ich nicht, um die Stimmung wiederzugeben, mit der ich ins Neue Jahr gehe.
Ich hoffe, Sie folgen mir!

RUDERN ZWEI

Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein

Reiner Kunze
(aus: frühe gedichte, aufgenommen in R. Kunze, gespräch mit der amsel, 
© S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)

Ich wünsche ein wunderbares 2010 voller Sterne und Stürme. Wenn Sie Lust haben, sich mal wieder einen Text von mir anzuhören: vom 12. Januar an unter www.weblesungen.de: „Die Zeit steht still“ – was sie natürlich niemals tut, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Viel Spaß.

Dezember 2009 – Vielleicht Antworten auf die Frage, was wir uns nicht wünschen

Das Schwierige ist nicht, nicht mehr zu wissen, was ein Liter Milch im Supermarkt kostet. Das Schwierige ist auch nicht, mich zu fragen, ob ich noch ganz bei Sinnen bin, wenn ich mich dabei ertappe, E-Mails an eine große Modefirma zu schreiben, um sie auf grobe grammatische Schnitzer in Texten einer ihrer Online-Werbekampagnen aufmerksam zu machen oder wenn ich Rechenaufgaben löse, die mir vermeintlich verraten, wie es um meinen IQ bestellt ist, nur um meinen Kopf von anderen Grübeleien abzuhalten, wenn ich gerade nichts zu arbeiten habe. Als richtig schwierig empfinde ich momentan noch nicht einmal das Warten auf den Tag unbekannten Datums, an dem endlich die Tür aufgehen, (vermutlich) einer der Ärzte hereinkommen und sagen wird: „Wir haben eine Spenderlunge für Sie. Nun geht es los.“, weil sich meine Angst vor dem Danach inzwischen potenziert hat und mir die Situation des Wartens hier dagegen so verdammt vertraut ist. Ich habe mich arrangiert. Schwierig ist die Angst. Nie in meinem Leben war so viel Angst mein ständiger Begleiter, und unabhängig davon, dass es mir meistens ganz gut gelingt, die Angst mit ins Boot zu ziehen, kann ich sie doch schwer annehmen, weil ich ja noch nicht einmal genau sagen kann, wovor ich mich denn so fürchte, ich kann es immer nur umschreiben mit „der Situation nach der OP“. Wird alles „gut gehen“? (Und was heißt „gut gehen“?) Wie wird mein Leben danach aussehen? Es ist immer nur so ein vages Gefühl von „worst case“, das ich in Kopf und Bauch habe. Nicht immer bin ich ruhig genug, alles auf mich zukommen zu lassen und Tag für Tag zu leben.
Und manchmal muss ich selbst da ein bisschen zynisch grinsen, denn ich habe zurzeit nicht oft das Gefühl zu leben. Oft genug fühlt es sich eher an, als sei ich ein einsamer Autobahnrastplatz, an dem das Leben manchmal für einen Moment Pause macht, um danach mit Vollgas weiterzubrausen und schon nach wenigen Momenten sogar den Namen des Rastplatzes vergessen zu haben. Dies Bild ist bitter und traurig, ich weiß, trotzdem trifft es. Schwierig ist es auch, diese Bitterkeit zu ertragen, spricht daraus doch so große Enttäuschung und ja, auch Selbstmitleid: Wo sind sie, die Menschen, die vorher gesagt haben „Wir stehen das mit dir durch. Wirst schon sehen, wir wechseln uns ab und geben uns die Klinke in die Hand.“ (Das ist O-Ton.) Oder: „Ob ich mit dir zu Hause einen Kaffee trinke oder in der Klinik, ist doch egal.“ (Das auch.) So große Enttäuschung! Ja, ich weiß, es ist hinlänglich bekannt, dass sich in solch Ausnahmesituationen gerade im engeren privaten Bereich die Spreu vom Weizen trennt, nur hätte ich nicht gedacht, dass es so extrem einsam, dass ich so extrem allein sein würde. Für alle anderen da draußen geht eben das Leben ganz normal weiter. Düsterer November, letzte Herbsturlaube, erste Weihnachtsvorbereitungen. Gleichzeitig bin ich damit horrend ungerecht, denn es gibt eine Handvoll Menschen, die da sind (und einen, der es immer ist). Die ich regelmäßig sehe und an deren Leben ich weiter teilhaben kann, weil sie mir erzählen, vom Leben, von kleinen Glücksgefühlen und großen Ungerechtigkeiten, von tieftraurigen Momenten und hoffnungsvollen Aufbrüchen, von gelangweilter Gleichförmigkeit und ebenfalls unsagbar schmerzhaften Enttäuschungen, von kleinen Problemen und Lebensentscheidungen. Und nach deren Besuch ich mich trotzdem nicht des Rastplatzgefühls erwehren kann. Gerade dann nicht! Denn: Ich bin eben nicht da. Nicht vor Ort. Nicht präsent. Mir muss man alles erzählen. Ich erlebe nichts mit. Habe eben doch nicht richtig teil. (Und das seit nunmehr einem Jahr fast am Stück!)
Ungerecht bin ich, weil ich natürlich weiß, dass ich hier schön in meinem Muspott gefangen bin. Ich bin nur hier. Alle meine Gefühle hier sind Gratwanderungen und gleichzeitig Schritte in 7-Meilen-Stiefeln, aus denen schon fast eine gewisse Arroganz erwächst: Was interessieren mich Milchpreise? Viel dringlicher ist es, morgens die Schmerzen in den Griff zu kriegen.
Mitunter noch schwieriger ist das Gefühl auszuhalten, dass ich meinerseits anscheinend nicht viel tun kann, um für andere da zu sein. Ein paar Mal habe ich in E-Mails Sätze lesen müssen wie „Ach, damit wollte ich dich nicht belasten.“ Nein? Oder war damit eher gemeint: „Lass gut sein, du kannst da eh nichts tun von deinem Krankenbett aus.“ Nicht? Schade. Ich kann vieles ganz besonders gut hier. Still sitzen und zuhören zum Beispiel. Zulesen übrigens auch. Was ich auch gut kann, ist schreiben. Wenn ich den Eindruck habe, jemand fragt nicht nur einfach so „Wie geht es dir?“ sondern „Wie geht es dir wirklich?“ Dann lege ich los. Komme vom 100sten ins 1000ste, offenbare mich. Das geht meist nach hinten los, denn selten bekomme ich Antwort. Bin ich vielleicht die Schwierigkeit, weil ich Krankheit öffentlich mache? Wäre es einfacher (und wenn ja, für wen?), ich hätte vor einem Jahr gesagt „Ich bin dann mal weg“ und würde, wenn alles vorbei ist, mit einem Buch über Lungentransplantation zurückkommen? Bin ich schwierig, weil ich auch keine fertigen Antworten darauf habe, ob so was alles in der Schöpfung überhaupt vorgesehen ist?
Und dann ist da Wut. Manchmal ist es so schwierig, wütend zu sein. Wie streite ich mit meinem Partner, wenn es für keinen von uns möglich ist, mal für 10 Minuten die Küchentür hinter sich schließen zu können, um danach ins Wohnzimmer zurückzukehren und (vielleicht) um Verzeihung zu bitten? Oder um weiter zu streiten?
Wie gehe ich mit dem Gefühl um, undankbar zu sein, wenn alle „es doch nur gut meinen“?
Neulich haben mein Mann und ich angefangen, einen „Wunschzettel“ mit umgekehrten Vorzeichen zu erstellen: also aufzulisten, was wir uns ganz bestimmt nicht mehr wünschen im Moment. Mir fiel als erstes eben oben erwähnter Satz ein „Ich meine es doch nur gut …“. Den möchte ich nicht mehr hören. Und mein Mann wünscht sich keine Engelfiguren mehr. Von niemandem.
Er hat Recht. Wir haben so viele. Alle von Menschen, die es gut meinen. Die Trost spenden wollten, als sie sie uns schenkten. Sind wir jetzt undankbar? Ungerecht? Unhöflich gar? Nein, beschließe ich, das sind wir nicht.
Wir fühlen uns nur auch – hilflos oft. Traurig. Verunsichert. Allein in unseren Hoffnungen und unserer Aggression. In unserer Liebe, in unserem Aufbrausen und nicht zuletzt in unserer Angst. All dies liegt nah, ganz nah beieinander. Und alles darf nebeneinander sein, in unserer Demut, unserer Zuneigung und unserem Respekt gegenüber dem Leben und den Menschen, die einfach nur immer noch da sind, in lauten und vor allem den leisen Stunden.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2010. Es wird ein Gottesgeschenk sein, denn es verheißt Leben.
Heike Hartmann-Heesch

November 2009 – Kälte, Mond, Frühlingsvögel und andere Veränderungen

Es ist jetzt schon längst dunkel draußen, wenn wir uns abends auf den letzten kurzen Spaziergang des Tages begeben. Heute ist es den ganzen Tag diesig und grau gewesen, aber am späteren Nachmittag wurde es zunehmend windig und der Himmel klarte auf. Du schiebst meinen Rollstuhl bis ans östliche Ende des Krankenhausgeländes. Drei Bänke stehen hier. Vom Folgetag meiner stationären Aufnahme an sitzen wir, oft mehrmals täglich, schon die ganze Wartezeit über hier für eine Weile. Diese kleine Oase hinter Büschen, Sträuchern und kleinen Bäumen, sogar ein Apfelbaum ist darunter, ist anfangs, von Juni den Sommer über, ein Ort des Rückzugs innerhalb des trubelvollen Areals für uns gewesen, ein Platz, an dem wir Augenblicke zusammen allein sein konnten. Erzählen. Uns anlehnen. Marienkäfer zählen, Schneckenhäuser wiedererkennen und Libellen beobachten. Schauen, aber selbst nicht angeschaut werden. Kraft schöpfen. Oder manchmal auch, mein Kopf an deiner Schulter, miteinander schweigen. Im September kamen Gärtner und machten Kahlschlag: stutzten die Bäume, rissen Sträucher raus und schnitten alle restlichen Büsche auf geschätzte 1m Höhe.
Jetzt aber ist es eh dunkel und eigentlich auch schon zu kühl, um lange auf der Bank zu sitzen, aber wie schon ein paar Mal zuvor bemerke ich die Kälte, die von unten meine Hosenbeine hoch kriecht, erst, als du plötzlich und leise Ist dir kalt? fragst.
Siehst du das? fragst du eine Weile später in die Dunkelheit hinein, die gar nicht mehr so dunkel wirkt, wenn man in den Himmel blickt. Was? antworte ich. Na, den Mond! sagst du. Schau doch mal, sagst du, siehst du nicht, dass er ganz komisch schief am Himmel hängt heute Abend? Stimmt, lächele ich und greife nach deiner Hand, er hängt sogar ziemlich schief da oben!
Hörst du das? fragst du dann in die Stille hinein, die in meinen Ohren gar nicht still ist. Je ruhiger die Außenwelt, desto stärker nehme ich das Rauschen des Sauerstoffs in der Sauerstoffbrille wahr, das unerbittlich lärmt im Kopf. Hörst du das? fragst du erneut und drückst meine Hand. Ja, sage ich und wundere mich ein wenig. Laut sind die, sagst du, und ich nicke in die Dunkelheit, ja, das finde ich auch. Durchdringend laut, sagst du. Haben die immer so laut gezwitschert? will ich wissen. Nein, antwortest du, erst jetzt, ist dir das noch nicht aufgefallen? Seit die Bäume ihre bunten Blätter verlieren, klingen einige der Frühlingsvögel befremdlich laut, sagst du und warm und sicher umschließt deine Hand die meine.

Ich halte die Luft an. Ängstigen auch sie sich? frage ich dich endlich, fast ein bisschen atemlos.
Ich weiß es nicht, sagst du irgendwann später, so leise, dass ich es kaum vernehmen kann: Ich weiß es doch nicht.

Oktober 2009 

Es ist spannend zu beobachten, sagt der Kopf, welche verschiedenen emotionalen Phasen ich durchlebe in dieser stationären Wartezeit auf eine Spenderlunge. Vom Pendeln zwischen den Extremen mit Angst und Hoffnung über eine forsche Sprachlosigkeit, die Heimweh und Abschiede weder formulieren noch zeigen sondern nur im ganz Geheimen (nach)fühlen kann über eine Zeit des unbeirrbaren Optimismus zu einer Zeit des Rückzugs und der Abgrenzung. Momentan sind Stillstand, der zermürbt; Unruhe, die auffrisst; Reibung, die treibt.
Jede Phase schmerzt anders, sagt der Bauch – und er fühlt und fühlt und kommt doch nicht hinterher und packt vor lauter Unzulänglichkeit kleine Gefühlsschächtelchen, Gefühl rein, Deckel drauf, ab in den Schrank zur Aufbewahrung. Aber gemeinerweise gibt es vielerlei kleine Krankenhausmonster, die sitzen in den Regalböden der Schränke und fressen mit Vorliebe kleine Löcher in ebenjene Gefühlskartons. Pappsatt halten sie sich dann die Bäuche und beobachten die einzelnen Gefühle, die sich dann durch die Löcher wieder nach außen quetschen und mich manchmal übermannen und die Aufmerksamkeit erzwingen, die ich zu verweigern suche.
Und einmal mehr krame ich all meinen Mut zum Durchhalten zusammen, um den Monstern anderes entgegenzusetzen, auf dass die Gefühle aufgefangen werden mögen: alte Weggefährten, langjährige Begleiter und neue Freunde, Liebgehabtes, Zartes und Geknuddeltes; Beobachter, Beschützer und Bewahrer.
Ich wünsche einen Oktober, in dem Fragen beantwortet, Monster gebändigt und Gefühle bewahrt werden können – und Wünsche in Erfüllung gehen mögen.

September 2009

Früher, ganz viel früher, habe ich immer gedacht, wie schön es sein muss, wenn man so frei sein könnte, nur mit dem zu leben, was man direkt um sich rum hat. Wenn man nicht mehr braucht als das, was man bei sich tragen kann. Früher dachte ich da natürlich an Reisen nur mit Rucksack, Wohnen auf dem Sprung, ohne feste Wurzeln. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich weder das eine noch das andere je richtig, also ernsthaft, ausprobiert habe, weil ich ganz schnell gemerkt habe, dass ich wohl nicht der Typ Schnecke bin. Ich habe sofort mit dem Einzug in meine erste eigene Wohnung ein paar Wochen nach dem Abitur versucht, aus dieser Wohnung mehr zu machen als nur ein Dach über dem Kopf, nämlich ein Zuhause. Meine damaligen Freundinnen schüttelten die Köpfe und rollten mit den Augen, tobten sich aus in WGs und fremden Städten. Viele Jahre später erst wurde mir klar, warum das so war: Alle meine Freundinnen konnten, wann immer und von wo auch immer zurückkehren, zurückkehren in das Haus ihrer Kindheit, zu ihren Eltern (oft noch beiden Elternteilen!), in unsere Stadt. Wurzeln eben. Viele hatten, einige haben bis heute, noch ihre alten Zimmer, in denen heute manchmal schon Enkel übernachten, wenn sie Oma und Opa besuchen. Bei mir war das anders: Mein Auszug damals hatte etwas Endgültiges, denn der Haushalt, wie ich ihn damals mit meiner Mutter und Schwester hatte, löste sich auf. Meine Mutter heiratete erneut (in einer anderen Stadt), meine Schwester begann zeitgleich eine Ausbildung (ebenfalls andere Stadt) und ich begann nach Praktikum und ein bisschen Jobberei mein Studium. Ebenfalls in einer anderen Stadt. Wohnen aber blieb ich vorerst in der Stadt meiner Kindheit, meiner Jugend. Wenigstens das! Das ließ sich bewerkstelligen, weil ich pendeln konnte zur Uni. Es blieb das Gefühl: Alle anderen hatten noch ein Zuhause, ich musste erst mal wieder eines schaffen.
Aber mal ehrlich: Welch ein Wahnsinn, nur, weil ich mich nicht trennen, nicht loslassen, nicht richtig Abschied nehmen und neu, für mich, anfangen konnte. Das nämlich passierte erst ein Studium, zweimal Ausland, einmal Referendariat und wieder Jobben, sechs Wohnungen in vier verschiedenen Orten und alles in allem 12 Jahre später. Zu Hause fühlte ich mich während dieser ganzen Jahre nie; nie wirklich. So fühlte ich erst, als ich nach Hamburg kam. Hier hatte ich sofort das Gefühl, angekommen zu sein. Dazu brauche ich immer noch mehr als ein Dach über dem Kopf, nämlich vor allem den einen Menschen, der dieses Zuhause mit mir teilt und die restliche Handvoll Menschen, die dies zu Hause sein mit mir leben und lebenswert machen. Dazu brauche ich Gegenständliches, Bücher, Möbel, aber auch Abstrakteres: Farben, Gerüche, Licht, Stimmungen: Wie es ist, wenn ich den Schlüssel zur Wohnungstür umdrehe an einem heißen Sommertag und mich das lichtdurchflutete Wohnzimmer empfängt, wie anders es ist, wenn ich während eines ordentlichen Regengusses zu Hause in meinem Ohrensessel sitze, das Fenster weit geöffnet ist und der Regen prasselt und die Luft nach nasser Erde aus dem Vorgarten duftet. Wie es ist, morgens aufzuwachen und den ersten Kaffee des Tages zu kochen. Wie das duftet. Das Gefühl, zu Hause zu sein und ein Zuhause zu haben, könnte ich jetzt noch weiter in epischer Breite ausführen, lasse es aber tunlichst. Aber gerade jetzt im Moment schöpfe ich enorme Kraft aus diesem Gefühl, weil ich hier jeden Abend weiß, was und warum ich es so vermisse und wie unendlich doll ich mich darauf freue, irgendwann diese Pforten des Krankenhauses hinter mir lassen zu können und wieder dort zu sein. Zu Hause. Und bis das so sein wird, mache ich einen auf Schnecke. Reduziere mich in meinem Umfeld auf das Wesentliche. (Und es ist eine gute Erfahrung zu erleben, dass ich das kann!) Ich möchte dies Krankenzimmer nicht heimelig gestalten. Es ist (und soll auch bleiben) eine Übergangsstation auf dem Weg zurück nach Hause. Ich möchte es hier nicht gemütlich haben. Ich möchte nicht möglichst viele Dinge von zu Hause hier haben, die mich erinnern. Ein paar wenige, ja, kleine Gegenstände, ja, aber wirklich reduziert.
In mir trage ich mein Zuhause sowieso. Und weil ich weiß, weil ich fest daran glaube, auch geografisch dahin zurückzukehren in einem Zustand, der mich darin auch wieder gut leben lässt, kann ich diese jetzige Situation (meist) ganz gut ertragen.
Am 04.09. stellen Ihnen Beate Finkenzeller, Wolfgang A. Gogolin, Claus Günther, Yvonne Naumann, Sabrina Schauer, Tatia Schirrmacher und ich mein neues Buch auf einer Lesung hier im UKE vor (Ausgesprochenes). Ebenfalls dabei: Gitarrist Matthias Fehlberg.
Ich wünsche Ihnen einen zuhausigen Monat, wo immer Sie sich auch gerade befinden.
Heike Hartmann-Heesch

August 2009



Ich konnte nie besonders gut warten. Ich werde z.B. immer ziemlich böse, wenn jemand zu einer Verabredung zu spät kommt. Dann aber gibt es wenigstens einen Termin, einen festen, und ich kann böse werden, wenn jemand den nicht einhält (und, nein, ich möchte jetzt nicht darüber diskutieren, dass man auch „sinnvoll“ warten kann!). Mein jetziges Warten, das belastende stationäre Warten auf eine Spenderlunge und damit mein Gefühl für Zeit bekommen eine andere Qualität: Es gibt keinen festen, abgesprochenen Termin, nur ein paar statistische Werte; ein Spenderorgan könnte übermorgen zur Verfügung stehen oder erst in sieben Monaten, Tendenz eher letzteres. Es geht mir nicht sonderlich gut (physisch), aber trotz allem auch noch nicht wirklich schlecht (psychisch). Viele Tage gleichen einander sehr, nur ich gleiche mir immer weniger. Trotzdem halte ich mich ganz gut, vor allem hoffe ich, unbeirrbar zu bleiben. (Dies Wort brachte ein ehemaliger Freund neulich auf den Tisch, als er mir zum Schluss in einer Mail innere Ruhe und Unbeirrbarkeit wünschte – und nicht: gute Besserung. Das fand ich sagenhaft, da haben wir fast 25 Jahre keinen Kontakt und dann wünscht er mir Unbeirrbarkeit. Toll!) Allerdings merke ich deutlich, dass (und was) von Woche zu Woche weniger geht; und so ändert sich nicht nur mein Gefühl für zeitliche Relationen sondern auch für Verhältnismäßigkeiten: Was betrauere ich, das nicht mehr geht und was hake ich einfach ab? Wie kann ich meinen kleinen Kosmos hier funktionieren lassen (sprich: Wie mache ich mich unsichtbar, um nicht unnötig oft aufzufallen und wie schreie ich gleichzeitig am lautesten, um bloß nicht überhört zu werden)? Wie gesagt, vieles geht nicht mehr wie früher, und selbst in wirklich guten Momenten sitze ich hier nicht und schreibe einen Arztroman (Traum meiner schlaflosen Nächte!) oder ein Drehbuch für eine neue Krankenhaussoap. Nee, nee, schön wärs. Die Idee zu „Dr. House“ hatte leider der kanadische Drehbuchautor, Produzent und Regisseur David Shore lange vor mir – und die kann ich eh nicht toppen. Auch an einem Erfahrungsbericht arbeite ich nicht – dafür erfahre ich vielleicht momentan einfach zu viel?!
Etwas Neues zu lesen kann ich Ihnen außer dem im letzten Monat erschienenen Buch „Zwischen den Schatten“ also zurzeit noch nicht bieten. Aber anhören können Sie mich mal wieder. Wie auch schon beim letzten Mal war ich so klug und weise J und habe einen Text für die Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde eingelesen, bevor ich ins Krankenhaus ging, auf dass etwas bleibe, für die Zeit, während ich hier liege und in der ich es nicht mehr oder wenigstens nicht mehr so gut kann, atemtechnisch gesehen. Das merkt man leider auch schon ein bisschen bei „Zum Meer Klammer auf in 4 Bildern Klammer zu“. Ein bisschen nur und somit macht es nicht viel. Vom 04.-10. August anzuhören unter www.weblesungen.de. Danach dann dort im Archiv oder hier auf dem Schreibtisch. Ich bedanke mich bei Organisator Rüdiger Käßner und wünsche angenehme 8 Minuten irgendwas.
Den 04. für den nächsten Monat, September, können Sie auch schon einmal vormerken, denn dann werde ich mein neues Buch vorstellen. D.h., nicht ich, das schaffe ich nicht (ich wiederhole mich: atemtechnisch gesehen), sondern einige meiner tollen Hamburger Autorenkollegen werden es für mich tun, hier vor Ort, hier im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Im „Raum der Stille“. Dazu später im Monat Genaueres unter Ausgesprochenes. Schauen Sie also noch mal rein hier.
Ich wünsche einen guten Monat.

Juli 2009: Neue Welten
Und ein Nachtrag vorweg (10.07.)
Nun ist es also da. Rechtzeitig genug, um noch als Urlaubslektüre mit eingepackt zu werden:  Mein neues Buch „Zwischen den Schatten“, das ich Ihnen hiermit sehr ans Herz lege. Schreiben Sie mir doch mal ein paar Zeilen, wenn Sie es gelesen haben. Eine Leseprobe finden Sie auf dem Schreibtisch, im nächsten Monat auch eine Hörprobe, und alle weiteren Details wie immer unter PS. Angenehme Lektüre!

Stichworte für diesen Monat: Abschied. Heimweh. Würde, meine Würde wahren, das ganz besonders! Im Moment jedoch fühle ich mich ziemlich  sprachlos. (Kaum vorzustellen, nicht wahr?) Deswegen schweige ich jetzt erst mal und versuche, die kommende Zeit ganz anders zu, tja, leben. Und mir dabei vielleicht sogar ein paar kluge Gedanken mache, was ich auf der Papiersinfonie ändern kann. Ich möchte das Archiv rausschmeißen und durch eine andere Rubrik ersetzen, um nicht immer die ganze Heimat-Seite mit den LungenFortRückSeitSchritten zu füllen sondern diese wieder für das nutzen kann, für das sie ursprünglich mal geplant war: Ankündigungen neuer Texte, Bücher, Lesungen und vielleicht mal kleine Anekdoten. Ich lasse mir was einfallen. Warten Sie es ab.
Für die Zeit. Die nie stillsteht.
Haben Sie einen guten Monat!
Mit Puste, die hoffentlich nie ausgeht

Juni 2009: Den Himmel berühren

Als so ziemlich das Schwerste an meiner momentanen Situation des Wartens, des Harrens, des Aushaltens empfinde ich das Schwanken, das Pendeln zwischen Extremen. Zwischen guten Momenten und ganz schlechten Tagen. Zwischen Verzweiflung und doch wieder immenser Hoffnung. Zwischen abgrundtiefer Angst und völliger Ruhe. Zwischen Selbstmitleid und Mut. Zwischen Trotz und (vermeintlichem) Pragmatismus. Zwischen Betrauern eines Lebens, das war und nicht mehr so ist, wie es eben war und der Erkenntnis, dass das, was war, schon ziemlich, ziemlich gut gewesen ist und dem Gefühl, dies nie genügend zu schätzen gewusst zu haben. Anerkannt zu haben. Genossen zu haben vielleicht auch. Ich realisiere, wie sich Wichtigkeiten verschieben. Wie früher Selbstverständliches einen ganz neuen Stellenwert bekommt.
Was mich trägt, jetzt, jeden Tag neu, ist Liebe. Was mich hält, sind Gefühle von Dankbarkeit und Demut. Und eine fast unaussprechliche Sehnsucht, den Himmel und das Licht zu berühren und zu halten. Ganz fest zu halten. Immer wieder. Es geht. Kommen Sie, versuchen Sie es mit mir.
Pusten Sie. Recken, strecken Sie sich. Lassen Sie sich treiben. Ruhen Sie. Umarmen Sie.
Leben – ist alles.

Mai 2009: Kleine Oasen
Ich stelle diesen Monat für mich unter das Motto „kleine Oasen“. 
Seit fast 10 Jahren lebe ich in einem der schöneren Stadtteile in einer der schönsten Städte der Welt. In einer Parterrewohnung in einer ruhigen Tempo-30-Zonen-Einbahnstraße. Mit ein bisschen Rasen und Hecke vor den Wohnzimmerfenstern. Und Rosenbüschen und einer kleinen Kastanie, die leider so nah an die Fenster ranwuchsen, dass der Platz für eine nutzbare Terrassenfläche nicht da war: Zwischen Fenstern und Rosen war es gerade breit genug für ein paar schöne Terracottatöpfe mit Kräutern und Tomatenpflanzen. Machte ja auch nichts, ein kleiner Weiher samt Park war nah für sommerliche Sonnennutzung zur gesunden Teintbildung. War nah, ebenfalls in Anführungsstrichen. Denn für mich ist er jetzt unerreichbar, den Weg dorthin schaffe ich allein nicht mehr. Aber wie es der Zufall (?) so wollte: Der vorvergangene Winter war nass, sehr nass, bis auf einmal über Nacht die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt sanken, dort eine Woche verharrten und die Nässe an den Rosenbüschen gefror. Das hat ihnen grundsätzlich nicht geschadet, allerdings haben sie aber ihr Gewicht verlagert und sind schwer abgesunken Richtung Straße. So blieben sie auch, nachdem das Eis getaut war. Im letzten Jahr passte deswegen schon ein Stuhl auf die Fläche zwischen Rosen und Fenstern. 
Und dies Jahr? Nun, mit ein bisschen Nachhelfen (entsprechendes Schneiden) und Verlegen von ein paar alten Platten habe ich jetzt direkt vorm Fenster eine kleine Oase. Passend für einen Liegestuhl plus einen weiteren Stuhl. Sauerstoffversorgung nach drinnen inklusive. Ich kann also raus, wenn ich möchte. Ein bisschen Sonne und Vitamin D tanken. Ohne Rollstuhl, ich klettere einfach durchs Fenster, das kriege ich gerade so hin. Klasse, oder? Heimzukommen nach fast 6-monatigen fast ununterbrochenen Klinikaufenthalten in einen April mit diesem Wetter, und dann auch einfach draußen sein zu können, haben mir entsprechend gut getan! Helfen natürlich nicht unbedingt bei den Entscheidungen, die jetzt anstehen, helfen aber grundsätzlich dabei, mir immer wieder, tagtäglich, andere kleine Oasen zu schaffen für die Momente, in denen ich sie dringend benötige. Ähnlich wie die kurzen, guten Momente am Schreibtisch, die ich auch fast jeden Tag erleben darf.
In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen einen Mai voll mit kleinen Oasen. Eine davon kann ich Ihnen anbieten und mit Ihnen teilen: Die 4. Dulsberger MaiRauschen-Lesung gleich am 2. Mai. Unter Ausgesprochenes. Ich werde dort sein, trotz (oder gerade wegen!) aller Handicaps. Und viele meiner tollen Kollegen auch. Lassen Sie sich das nicht entgehen. Das Buch zur Lesung gibt’s wie jedes Jahr zeitgleich, diesmal zum Thema „Nachspiel“. Hier unter PS.

April 2009: Ist Vergessen auch eine Form von Erinnern?
Ich fasse mich diesen Monat (verhältnismäßig) kurz, obwohl ich selbstredend wieder einen Roman schreiben könnte, erspare Ihnen die negativen Entwicklungen und nenne Ihnen die positiven Veränderungen: Meine Stimme ist wieder da. Kein Aprilscherz. Einfach so. Ich wachte eines Morgens in Rostock auf der Intensivstation auf und krächzte plötzlich lauter und nicht mehr so heiser. Am nächsten Tag kamen meine Worte nicht mehr so gepresst. Und am Tag drauf sprach ich wieder fast normal. Jemand, der mich nicht kennt, würde sicherlich bloß denken, ich sei ein bisschen verschnupft. Gott sei Dank. Ich kann mich wieder äußern. Wieder laut sein und Laut geben. Gott sei Dank. Sie werden mich also wieder lesen hören! Das ist ein Versprechen.
Dann habe ich es immerhin ohne erneuten Lungenkollaps nach erneuten 4 1/2 Wochen Klinik schon mal bis in eine Reha geschafft und wachse bislang täglich mit meinen Aufgaben, indem ich vieles fast von Grund auf neu lerne: stehen, laufen, mich bewegen, alleine duschen und natürlich atmen – und fühle mich zum ersten Mal seit Mitte November, als lebte ich wieder. Ein bisschen. Gott sei Dank! Wie ich „leben“ merke? Ganz einfach: größtenteils durch die Anstrengung, die ich bei den kleinsten Kleinigkeiten spüre. Wenn ich Muskelkater habe, nur weil ich 15 Minuten Armgymnastik gemacht habe. Erstaunlicherweise sind meine Beine ziemlich fit, auch wenn diese seit Mitte November ja fast ausschließlich eines getan haben, nämlich nichts. Eine neue Lunge habe ich natürlich noch nicht. Und es braucht schon ein bisschen Übung und auch ich nenne es mal Geschicklichkeit, sich zu bewegen, wenn man immer einen Schlauch mit sich schleppt, an dem man entweder mobil oder stationär mit einem Sauerstoffgerät verbunden ist. Und es, das können Sie sich munter vorstellen, ist überaus übel, durch die Nase atmen zu müssen, wenn man sich einen grippalen Infekt zugezogen hat und die Nase dicht ist! Wie auch immer, Sie werden mich also nicht nur wieder lesen hören sondern auch lesen sehen. Auch dies ist ein Versprechen, denn ich habe nicht vor, mich zu verstecken! Ignorieren Sie dann doch bitte einfach den Sauerstoffschlauch in meiner Nase, das mobile Sauerstoffgerät und reichen Sie mir eine Hand, um auf die Bühne zu kommen – dann kann ich den Rollator unten stehen lassen. Eitelkeit grüßt. Die Ankündigungen unter Ausgesprochenes.
Und weil ich es besser auch nicht ausdrücken kann, um was es diesen Monat, früher sowieso und zukünftig auch immer wieder, geht, hier ein Zitat aus Katharina Hagenas wunderbarem Buch „Der Geschmack von Apfelkernen“. Eine Besprechung dazu reiche ich Ihnen nach.

„Wurden nur die Menschen vergesslich, die etwas zu vergessen hatten? War Vergesslichkeit einfach nur die Unfähigkeit, sich etwas zu merken? Vielleicht vergaßen die alten Leute gar nichts, sie weigerten sich nur, sich Dinge zu merken. Ab einer bestimmten Anzahl von Erinnerungen musste es doch jedem zu viel werden. Also war Vergessen auch nur eine Form des Erinnerns. Würde man nichts vergessen, könnte man sich auch nicht an etwas erinnern. Das Vergessen war ein Ozean, der sich um Gedächtnisinseln schloss. Es gab darin Strömungen, Strudel und Untiefen. Manchmal tauchten Sandbänke auf und schoben sich an die Inseln, manchmal verschwand etwas. Das Hirn hatte Gezeiten.“

Ich wünsche Ihnen einen guten April. Mit vergessen und erinnern. Und immer wieder: mit atmen und leben.

März 2009: Wenn Zeit zählbar wird

 
Es geht um Grenzen. Und Grenzerfahrungen. Weshalb?
Nun: Die rechte Lungenseite hält nicht. Nach dem letzten Krankenhausaufenthalt nur genau eine Woche. Gerade angekommen in der Reha an der Ostsee kollabierte sie erneut, Mitte letzten Monats. Deswegen liege ich in diesem Moment, in dem ich dies schreibe, auch nicht in Hamburg in der Klinik sondern in Rostock. Wieder an Drainagen, wieder unter Sog. Fast möchte ich schreiben, das gleiche Spiel wie zuvor … seit Monaten … zum 3. Mal nun … wenn ich mir dabei nicht langsam blöde vorkäme, das so zu schreiben. Ja, wirklich, blöde. Soll ich dies hier etwa als Editorial verkaufen, wenn es eigentlich nicht mehr ist als ein bestenfalls sentimentaler (nach Mitgefühl fragender) Blog? So was wollte ich nie! Interessiert es Sie überhaupt?
Es geht um Grenzen. Grenzen des Aushaltens. Grenzen der Mut- und oft Hoffnungslosigkeit. Grenzen des Glaubens. Und ich kann mich nur wiederholen: Versagt die Lunge als elementares Organ für Leben, für Atem, für genug Atem, geht es um Entscheidungen, die mich ziemlich überfordern. Aber Entscheidungen, die ich früher oder später treffen muss und die auch niemand anders treffen kann und darf. Eine neue Lunge gibt es weder im Supermarkt zu kaufen noch bei e-Bay zu ersteigern. Denn auch darum geht es: Grenzen des Lebens. Es geht um Endlichkeit. Es geht darum, dass die Sanduhr von dem Moment an, in dem man sie umgedreht hat, abläuft. Darum, dass Zeit zählbar wird. Und das ist kein Spiel mehr. Freud war der Ansicht, das Gegenteil von Spiel sei nicht etwa Ernst, sondern Wirklichkeit, und dass Menschen in der Spielwelt unbewusst danach trachten, Situationen zu meistern, die ihnen in der Lebenswirklichkeit Schwierigkeiten bereiten. In diesem Sinn ist Spiel also nicht nur das Gegenteil von Wirklichkeit, sondern auch Spiegel, auch Projektionsfläche. Aber wo befinde ich mich derzeit? Wo kann ich ansetzen? Was wiegt schwerer - das Geschenk, dass ich 5 Schritte gehen kann, ohne Atemnot zu bekommen? 5 Schritte!!! Oder der Verlust, nicht einmal mehr 20m mehr gehen zu können, ohne fast zusammenzubrechen? Vor 4 Monaten konnte ich noch Rad fahren. Auch hier geht es um Grenzen. Um Verschiebungen. Um Ziele. Um Umdenken. Um Umblicke, rück- und vorwärts. Um Wertigkeiten. Im Dezember habe ich mich fast noch ein bisschen lustig gemacht über die Sauerstoffschläuche in den Nasen von „Dr.-House-Patienten“ im TV – jetzt benötige ich selbst einen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, zu Hause, in der Klinik, beim Essen, beim Tippen, beim Fernsehen gucken, auf dem Klo und beim Küssen erst recht. Darum geht’s auch: um Brutalität. Realität. Um verschlossene Türen und die Zweifel, die manchmal als Gelegenheiten an diese Türen klopfen und die nicht das Ziel, sondern die Hilfsmittel sind. Wenn ich sie annehme. Annehmen kann.
Und wieder geht es auch um Schönheit und Ganzheit(lichkeit). Um die Ambivalenz aller Dinge. Genau die finden Sie – wieder einmal – in den Fotos von Ute Leser. Wenn Sie sich trauen, genau hinzuschauen. Ich habe mich getraut und ich fühle große Dankbarkeit, dass ich mich ihrer Fotos bedienen darf; oft drücken diese genau die Gefühle aus, für die meine Worte nicht annähernd hinlänglich sind. Manchmal sind ihre Bilder Ergänzung. Manchmal Unterstützung. Aber immer: Bereicherung.
Eine Bereicherung wird auch das neue Buch meines Kollegen Sven-André Dreyer sein, das diesen Monat erscheint. Im letzten Jahr habe ich Ihnen sein 2. Werk „Langsamland“ vorgestellt, und ich bin aufgeregt-gespannt auf sein neues: „Freizeichen“. Sobald ich es habe lesen können, werde ich es für Sie besprechen. Denn ich spüre, dass es (für mich) ein Mutpunkt sein könnte. Und ich vielleicht für einen Augenblick meine momentanen Grenzen vergesse. Auch darum geht es: Um Fallenlassen und Festhalten.
Hier ansonsten neu auf dem Schreibtisch: Die ganz kurze, aber für mein neues Buch titelgebende Erzählung „Zwischen den Schatten“ aus dem letzten Jahr. Zwischen dem Thema da und meinen heute liegen Welten. Und doch sind es nur ein paar Monate.
Ich wünsche Ihnen einen guten Monat. 
Atmen Sie. Leben Sie. Verästeln Sie sich. Pieksen Sie. Blühen Sie.
Heike Hartmann-Heesch  
 

Februar 2009
Ich hatte so gehofft, Ihnen diesmal ein richtig frohes, vielleicht sogar fröhliches Editorial schreiben zu können … Soll wohl leider nicht sein – obwohl ich versuche, es hoffnungsfroh wenigstens zu schreiben. Also, kurz und knapp: Doch, die kollabierte linke Lungenhälfte ist prima stabil geblieben. Alle Narben sind wunderbar verheilt. Nur: Kurz darauf, Mitte Januar, kollabierte die rechte Lungenhälfte. Plopp. Einfach so, genau so wie zuvor die linke. Nun liege ich seit Mitte des letzten Monats wieder in der Klinik, the same procedure as last year, nur mit allen Problemen auf der anderen Seite. Wieder Drainagen, wieder unter Sog, wieder OP, jetzt immer noch Drainagen und die Hoffnung darauf, die erste der Drainagen bald ziehen zu können. Bald. Ganz bald, bitte.
Was mir so sehr am Herzen liegt jetzt: Ich würde gern versuchen, „mit meiner Lunge noch mehr Hand in Hand zu gehen“. Anders geht es doch nicht, oder? Ich würde ihr gern so was sagen wie „Hey, ich tue jetzt alles, damit es dir gut, wenigstens nicht schlechter, geht; ich rauche nicht mehr, ich mache Atemtherapie, ich versorge mich noch mit zusätzlichem Sauerstoff, um die Sättigung schön hoch zu halten, ich habe nun schon sechs Wochen Kortisontherapie hinter mir, ich liege hier nicht wie ein Häufchen Elend, ich sauge jede positive Kleinigkeit auf, die mir widerfährt (und das sind viele am Tag!) – könntest du dann vielleicht versuchen, nicht wieder zu kollabieren? Uns die Chance zu geben, dass wir es gemeinsam schaffen?“
Ich habe dies eine Bild hier, das ich wieder einmal von Ute Leser geschenkt bekam (ein dickes Dankeschön!) – sehen Sie die Engel-Flügel? So zart, verästelt, voll Hunger strecken sie sich aus nach Leben – und doch, als Bild meiner Lungenflügel, gleichzeitig so vernarbt, so löchrig, rufen sie nach Leben.
Ein schönes Bild, in seiner Ambivalenz.
Und ich möchte mit meiner Stimme kommunizieren. Ihr sagen, wie toll es wäre, wenn ich auch wieder laut sein dürfte. Meine Gedanken nicht mehr nur flüstern könnte. Meine Wünsche, meine Sehnsüchte. Auf dass ich gehört würde. Aber wer weiß, manchmal liegt ja auch gerade in der Stille des Wortes die Kraft. Aber wohin dann manchmal mit der Wehmut, der Traurigkeit, die kommt und geht, wenn ich z.B. ältere eingelesene Texte von mir anhöre? Werde ich mich wieder so mitteilen können? Für Sie lesen können? Sprechen? Aussprechen?
Ich wünsche Ihnen einen Monat mit genug Luft: Zum Atmen, zum Kopffreipusten, zum Sprechen, zum Leben.
Hier neu auf dem Schreibtisch: „Mücken“, eine kurze Erzählung aus dem letzten Jahr. Eine neue Besprechung unter Lesezeichen reiche ich Ihnen nach. Und unter PS können Sie schon einmal einen Blick werfen … auf das Neue. Das neue Buch.

Januar 2009

Verbringt man sechs Wochen im Krankenhaus, von denen man drei Wochen das Bett nicht verlassen kann, bleibt auf jeden Fall eines: Zeit. Zeit zum Nachdenken, Zeit für Besinnung darauf, was wirklich wichtig ist. Kann man dann noch nicht einmal sprechen, findet man  andere Möglichkeiten der Kommunikation, um  sich verständlich zu machen, und es bleibt: Dankbarkeit. Dankbarkeit für kleine liebevolle Gesten, Dankbarkeit gegenüber Menschen, die einen nur ansehen und wissen, was man benötigt. Versagt die Lunge als elementares Körperorgan für Leben, bleibt sie auch nach einer erneuten OP über lange lange Tage nicht von alleine stabil, bekommt das den Beigeschmack einer Entscheidung, die man selbst scheinbar nicht mehr in der Lage ist zu treffen. Wenn dann, buchstäblich von einer Minute zur anderen, die medizinischen Apparaturen anzeigen, dass auf einmal doch keine Luft mehr in den Pleuraspalt gelangt und damit die Ausdehnung der Lunge nicht mehr verhindert, sodass diese für die Atmung doch vielleicht wieder zur Verfügung steht, kann man schon ein bisschen paranoid werden und möchte am liebsten alle drei Minuten nachschauen, ob dem auch tatsächlich so ist, weil man es fast nicht glauben kann und die Angst vor Enttäuschung, vor Rückschlag, so immens groß ist – und dann scheue ich mich nicht, die  Worte kleines Wunder in den Mund zu nehmen. So habe ich es empfunden. An jedem der Tage, an denen die Drainagen gezogen waren und meine Lunge wieder alleine in der Lage war zu arbeiten. Zu atmen. Zu leben. Mir Leben zu schenken. Wie gebrochene Erde, aus der das Leben neu erwachsen darf.
Was bleibt, ist die Angst, dass dieser Zustand nicht zu halten sein wird. Damit lerne ich jetzt umzugehen. Und, in großer Dankbarkeit und auch ein bisschen Demut, um ein weiteres kleines Wunder zu beten, obwohl das sogar vielleicht schon ein bisschen vermessen anmutet: dass auch meine Stimme wiederkommen möge.
Hier neu auf dem Schreibtisch: Der kurze Text „Gott und ich oder: Enten füttern verboten“.

Ich wünsche Ihnen ein friedvolles, gesundes Jahr 2009 mit vielen kleinen oder größeren  Wundern. Mit dem Vertauen darauf, dass auch Regenschauer ihr Gutes haben, da nach ihnen oft neues Wachstum möglich ist. Mit dem entsprechenden Sonnenschein.
Mit der Gewissheit, dass es für alles seine Zeit gibt.

Heike Hartmann-Heesch
 

Dezember 2008
Bislang dachte ich, das Schlimmste, das einer Autorin passieren könne, sei eine Schreibblockade. Schreibblockade, pah! Peanuts! Ich weiß jetzt, was schlimmer ist: Keine Stimme mehr zu haben! Momentan kann ich nur flüstern -  und selbst das Flüstern klingt noch heiser. Wie soll ich je wieder vorlesen können? frage ich mich im Moment ziemlich verzweifelt.
Warum ich nur noch flüstern kann? Hm. Nun, mach einer Routineuntersuchung (Bronchoskopie) im Krankenhaus kollabierte meine sowieso schon angeschlagene Lunge (deshalb ja die Untersuchung)  – allerdings erst drei Tage später, als ich schon aus dem Krankenhaus entlassen war, zu Hause auf den Befund wartete, der ca. eine Woche später kommen sollte und ich mich arg wunderte, dass es mir stündlich schlechter als besser ging.
Dann kam Atemnot.
Und dann versagte die Stimme.
Ich also zurück ins Krankenhaus, Notaufnahme und binnen einer Stunde lag ich auf dem OP-Tisch. Und nun bin ich ohne Stimme und bettlägerig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der linken Seite zwischen zwei Rippen die Drainage, die meine Lunge wieder dazu bringen soll, auf normale Größe „zurück zu wachsen“, auf der rechten Seite die ganzen Braunülen für Antibiotika, Kochsalzlösungen und weiteren Infusionen. Nicht zu vergessen das Sauerstoffschläuchchen in der Nase (und hinter den Ohren festgeklemmt), welches bei „Dr. House-Patienten“ immer so nett dekorativ ausschaut. Ich kann Ihnen versichern: Es ist weder dekorativ noch nett – nur eben manchmal gesundheitlich verdammt nötig. Und: Mein Aktionsradius beschränkt sich momentan also auf ca. einen Meter rund ums Bett.
Also: Wie gut, dass ich die Erzählung „Heimkehr“ für die Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde schon im Oktober eingelesen habe. Die können Sie sich dann vom 16.-22.12. unter www.weblesungen.de anhören. Danach dort im Archiv. Und natürlich neu hier auf dem Schreibtisch zum Selbstlesen. Oder auch in der Anthologie „Weihnachtsgeschichten für Erwachsene“ (siehe PS). Unter PS ebenfalls neu: Das Mohland-Jahrbuch 2008.
Ihnen jetzt wünsche ich erst einmal eine friedvolle Adventszeit, frohe Weihnachten und einen guten Start für 2009. Ich mache mich jetzt rar, kümmere mich um meine Lunge und komme im neuen Jahr zurück: Hoffentlich gesund (wenigstens gesünder), auf jeden Fall aber mit neuer Energie, einem neuen Buch und hoffentlich mit gewohnter ALTER Stimme.
(Was für ein Roman! Goethe wars, glaub ich, der gesagt haben soll: Ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen).

November 2008
Im Herbst des vergangenen Jahres waren mein Mann und ich eine Nacht zu Gast auf der Burg Hornberg (ja, die, auf der auch Götz von Berlichingen 45 Jahre seines Lebens verbrachte). Dabei entstand dieses Foto. Schauen Sie genau hin, was dort fleucht und flattert ... Schöne Einstimmung auf den November, nicht wahr?
Wer fürchtet sich vor „Novemberblues"? Ich jedenfalls nicht! Denn es gibt: viele tolle Lesungen und Veranstaltungen (Ausgesprochenes), neue Bücher (PS) und hier auf dem Schreibtisch einen brandneuen Text („Zum Meer"). Meer? War ich nicht gerade noch in den Bergen rund um die Burg?

Oktober 2008

Nun ist es kaum noch zu ignorieren: Der Herbst ist da. Die Tage scheinen wieder kürzer zu werden, aber eigentlich sind sie ja nur länger dunkel. „Es gibt keine Finsternis an sich, sie ist nur ein Mangel an Licht“ lässt Jostein Gaarder seine Sofie in „Sofies Welt“ sagen. Und was kann mehr Licht schaffen in trüben Tagen als große Gefühle? Jetzt schon als kleine Einstimmung auf die Novemberlesungen stelle ich Ihnen unter Lesezeichen das unlängst als Taschenbuch erschienene Werk „Gut gegen Nordwind“ vor.
Oder blättern Sie doch ein bisschen in der in diesem Monat erscheinenden Anthologie „Erste Liebe" (siehe PS), herausgegeben vom KulturStammtisch Dulsberg als Projekt zur Dulsberger HerbstLese 2008.
Außerdem werde ich in diesem Monat noch einmal zu Gast bei Rüdiger Käßner sein, der seit 2001 die Weblesungen für die Hamburger Kulturbehörde organisiert. Ich werde, nein, keinen Herbsttext einlesen sondern – ich traue mich kaum es zu tippen – schon einen adventlich-vorweihnachtlichen. Schließlich werden Sie ihn sich ja auch erst im Dezember anhören können … Weitere Termine unter Ausgesprochenes.
Ich wünsche einen bunten Herbst mit Kürbissuppe, Apfelchutney, selbst gestrickten warmen Wollsocken und Indian Summer (auch mitten in der Großstadt)!  

September 2008
Die letzten Augusttage zeigen sich hochsommerlich: sonnig, warm und trocken. Gedanken an den bevorstehenden Herbst kommen erst langsam.
Für mich ist der Herbst oft eine Zeit des Umbruchs gewesen. Entscheidende Veränderungen in meinem Leben manifestierten sich seltsamerweise immer im Herbst; und diese Veränderungen waren oft verbunden mit Wehmut, mit Abschiednehmen (und dies noch gar nicht wollen), mit Loslassen (und dies vielleicht noch gar nicht können). Immer schien die vermeintliche Leichtigkeit des Sommers zu Ende zu gehen.
In diesem Herbst werde ich (auch) mit viel Dankbarkeit zurückblicken: „Herbstzeitlose", hier neu auf dem Schreibtisch. Zum Lesen und Anhören. Oder lesen Sie meine Herbstgedanken nach im Text „Das Geschenk" in „Der Rattenfänger" (siehe PS). 
Ebenfalls unter PS: Der Live-Mitschnitt der Lesung vom Mai im Hamburger STZ - jetzt als Hör-CD! Und auch die neue Matthias-Fehlberg-CD ist nun endlich erhältlich! Unter Ausgesprochenes die ersten Termine der Herbstlesungen!

August 2008
Da! 
Schauen Sie genau hin! Ich habe es für Sie gesucht!
Und aufgestöbert! Gefunden! 
Das Sommerloch! 
Passen Sie auf, dass Sie nicht hineinfallen! 
Ich kann es sicherlich nicht ganz füllen, aber doch wenigstens ein bisschen:
Diesen Monat erscheint die Anthologie „Begegnungen 2008“ der editionleselust (siehe PS). Meinen Beitrag dafür „Im nächsten Leben“ können Sie auch auf dem Schreibtisch nachlesen. Aber natürlich können Sie ihn sich auch anhören, wenn Sie das lieber möchten. Wiederum aus dem Live-Mitschnitt meiner Mai-Lesung im Hamburger STZ. Sogar ohne Versprecher.
Außerdem erscheint diesen Monat die 21. Ausgabe des Magazins „Verstärker“ zum Thema „Schein“. Lassen Sie sich die nicht entgehen, genauso wenig wie die dazu veranstaltete Lesung in Berlin am 23. August (Ausgesprochenes). Ich werde dort sein! Fotoimpressionen dann ebenfalls unter Ausgesprochenes.
Haben Sie einen guten Monat – ohne allzu viele oder wenigstens nicht so große Löcher.  

Juli 2008
Diesen Monat gibt’s was auf die Ohren. Und es gibt ein paar Dankeschöns.
Wie schon im Juni angekündigt, können Sie vom 01.-07.07. meinen Text „Im Winter trägt man morgens um 6 keine Sonnenbrille“ aus dem Buch „Vertrauenssache“ auf den Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde anhören. Link dorthin auf dem Schreibtisch. Danach wandert der Text dort ins Archiv. Mein Dank gilt Rüdiger Käßner, der seit 2001 die Weblesungen organisiert.
Dann bedanke ich mich bei Thies Stein. Er hat den Text „Die Zeit steht still“ (aus dem Buch: „Der Rattenfänger…“), aus dem ein kleiner Ausschnitt auf der CD „Blues Between the Lines“ von Matthias Fehlberg erscheinen wird, in der Studio-Version bearbeitet. Den gesamten Text können Sie sich ab sofort hier auf dem Schreibtisch anhören. Matthias sage ich danke dafür, dass er den Text so sehr mag, dass er ihn auf seiner CD musikalisch begleitet.
Und ich bedanke mich bei Thomas Stelter. Er hat meine Mai-Lesung im Hamburger STZ aufgezeichnet. Hier davon zu hören: „Post an von Paul“ (schön spöttisch in der Vorleseversion!), ebenfalls auf dem Schreibtisch.
Und jetzt gibt’s noch was für die Augen. Dieter Aipperspach hat eine Interpretation zu meinem Text „Gefallener Engel“ (auch aus „Der Rattenfänger…“) gemalt, die mich sehr berührt. Auf zweierlei Weise zu betrachten, also „von oben und von unten“. Hier die Version „von oben“. Auch dafür danke.
Ich wünsche Ihnen einen guten Monat! 


Juni 2008
Wir schreiben den einunddreißigsten Tag im fünften Monat des zweitausendundachten Jahres. Des Herrn, meinetwegen. In Hamburg ist Hochsommer ausgebrochen. Ich war auf einer Veranstaltung und habe ungefähr zum vierundzwanzigeinhalbten Mal den Sonnenbrillen"-Text gelesen. Siehe Schreibtisch und Ausgesprochenes. (Den Sie sich übrigens ab dem ersten Kalendertag des siebten Monats unter Weblesungen.de anhören können.) Es war sehr heiß. Danach habe ich im Park in der Sonne gelegen und hundertdreiundzwanzig Seiten des Buches Die Bücherdiebin" gelesen. (Darüber schreibe ich Ihnen eine Besprechung. Demnächst. Unter Lesezeichen.) Ich habe dies Buch nicht gestohlen sondern zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich bin ein Jahr älter. 
Es ist jetzt genau siebzehnuhrdreiundfünfzig und die deutsche Fußballnationalmannschaft bestreitet ihr letztes Testspiel vor der EM. (Darüber werde ich nicht schreiben.)
Ich klinge gelangweilt? Oh nein. Nur ein bisschen ausgepowert. Deswegen die ganzen demnächsts" in diesen Zeilen. 
Aber: Den kurzen anderen Text Ganz anders" können Sie sich ab sofort auch anhören. Aus einem Livemitschnitt meiner Lesung vom fünften fünften dieses Jahres. Mit allen Versprechern, der Aufregung, aber auch dem Applaus. (Auf dem Schreibtisch.) Dankeschön. Und ich verweise noch einmal auf den Videomitschnitt der „Vorspiel"-Lesung. Damit Ihnen nicht langweilig wird. (Unter Ausgesprochenes.)
Meine Tomatenpflanzen vor dem Wohnzimmerfenster haben schon jeweils vier Blüten. Und Ihre???

Mai 2008
Upps, nun haben wir schon Mai. Die Tage sind länger. Stimmt natürlich nicht, die Tage sind nur länger hell, das scheint mir wesentlich.
Klicken Sie mal auf Ausgesprochenes. Für die jetzt hoffentlich lichtdurchflutete Zeit stehen einige spannende Lesungen mit noch spannenderen Themen an: Grenzgänge, Vorspiel, Umbruch...
Meinen Text „Die Fremdgängerin" im Rahmen des „Vorspiels" finden Sie auf dem Schreibtisch. Allerdings erst am Tag nach der Lesung. Ich möchte Ihnen die Pointe ja nicht vorher stehlen. Die Anthologie mit allen Texten zum Thema erscheint übrigens zeitgleich zur Lesung. Näheres unter PS.
Und, falls Sie die Lesung verpasst haben sollten, unter Ausgesprochenes eine Videodokumentation.

April 2008
Kennen Sie das? Fragen Sie sich auch manchmal, warum Sie gerade das tun, was Sie tun? Oder, schwerwiegender vielleicht noch: Ob das, was Sie tun, eigentlich das Richtige ist? Mich jedenfalls haben in den letzten Wochen oft solche Fragen beschlichen. Dazu passt, hier neu unter Lesezeichen, das Büchlein Briefe an einen jungen Dichter" von R.M. Rilke. Und, neu auf dem Schreibtisch, der  ganz kurze Text: Ganz anders". Er erscheint zeitgleich in der April-Ausgabe des Magazins „Kurzgeschichten". Siehe PS. Unter Ausgesprochenes die neuesten Lesetermine.
Ich wünsche einen zauberhaften Frühling.

März 2008
Mit der Eröffnung vom Café Leonar und dem Jüdischen Salon am Grindelhof hier in Hamburg kehrt ein Stück Kultur zurück in das ehemalige jüdische Viertel um die Talmud-Tora-Schule. Meinen Beitrag Der Koch als Heiratsvermittler" darüber finden Sie in der März-Ausgabe von Das Viertel" und hier auf dem Schreibtisch.
Ebenfalls neu auf dem Schreibtisch: Der von der Jury als bester Beitrag preisgekrönte Text des Mohland Jahrbuchs 2007: Und mein Herz ist offen" (siehe Presse unter PS).
Unter Ausgesprochenes können Sie die ersten Fotoimpressionen der Rattenfänger"-Lesung anschauen.
Ansonsten: Die Veränderungen hören nicht auf: Ab April wird es das Stadtteilmagazin Das Viertel" nach fünfeinhalb Jahren aus verschiedenen Gründen nicht mehr geben. Was mich sehr bestürzt. Sehr. Es fühlt sich für mich an wie unter einem Gewitterguss. Und momentan mag ich gar nicht daran glauben, dass ja bekanntlich nach und aus Regen viel Neues erwachsen kann. Drücken Sie also bitte die Daumen.

Ende Januar / Februar 2008
Nun ist das neue Jahr schon fast einen Monat alt und wieder einmal finde ich es erstaunlich, wie viele Veränderungen sich in so kurzer Zeit manifestieren...
Hier neu: Eine Besprechung. Denn wenn Sie endlich mein (ja nun schon nicht mehr ganz) neues Buch „Der Rattenfänger" gelesen haben (oder mich auf meiner Lesung am 04.02. daraus vorlesen gehört haben - siehe Ausgesprochenes -), dann besorgen Sie sich unbedingt das zweite Werk des Autors Sven-André Dreyer „Langsamland". Unter Lesezeichen vorgestellt.

Januar 2008
Mein Viertel, DAS Viertel, ist international. Hier können Sie sogar die Metropolitan Opera in New York besuchen. Wo? Das sagt Ihnen mein Januar-Artikel in „Das Viertel". Nachzulesen unter „The Metropolitan Opera goes HOLI..." auf dem Schreibtisch.
Außerdem: Zwei Buchbesprechungen meines neuen Buches unter PS.
Ich wünsche uns ein friedvolles und vor allem gesundes 2008.
Heike Hartmann-Heesch

Dezember 2007
Wir können es nicht mehr ignorieren: Das Jahr neigt sich dem Ende...
Schokoweihnachtsmänner und Engel aller Variationen in den Läden (bereits seit Mitte September), Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen und Weihnachtsmärkte (bereits vor dem Ewigkeitssonntag) und, halten Sie sich fest, ein 6er-Pack hart gekochte, bunt gefärbte Eier im Sonderangebot (gesehen in einem Reklameblatt eines deutschen Lebensmittelkonzerns am letzten Novemberwochenende)...
Das Jahr geht zu Ende...
Hier neu: Ein Artikel über den Verein SOS Kinderdorf e.V., der auch hier bei uns im Viertel seit 25 Jahren Beratungs- und Betreuungsangebote für Kinder, Jugendliche und Familien anbietet, denen es in unserer schnelllebigen Zeit oft an Orientierung und Perspektiven mangelt. Unter „Jungen Leuten helfen" auf dem Schreibtisch.
Mir bleibt nur zu sagen: Haben Sie, so möglich, eine besinnliche Adventszeit.
Genießen Sie Abende bei Kerzenschein und Tee. Lassen Sie sich nicht hetzen und nicht stressen. Bleiben Sie bei sich. Legen Sie eine schöne CD auf. Lesen Sie ein neues Buch. Meines zum Beispiel. „Der Rattenfänger und andere Grenzgänge". Ab 11.12. zu erhalten. Nähere Informationen unter PS... Oder das Romandebüt „Auf einen Schlag" von Florian Tietgen. Im Archiv.
Und: Klicken Sie doch mal auf den Nikolaus. Dort finden Sie meinen Beitrag für einen besinnlichen und bewussten Advent.

November 2007
Wer sagt, diese Jahreszeit sei dunkel, kühl und trübe?
Ich jedenfalls finde, es ist die Zeit für ganz große Gefühle. Und um die gehts in „Post an von Paul". Auf dem Schreibtisch. Und in der Oper „Aelita" geht es ebenfalls darum - um große Gefühle jenseits von Zeit und Raum. In der aktuellen Novemberausgabe von „Das Viertel" stelle ich Ihnen den Hamburger Aelita-Musiktheater-Verein e.V. vor. Unter „Die Liebe auf dem Mars, Oper „Aelita" im Hamburg-Haus" hier inzwischen im Archiv nachzulesen.

Ende September / Oktober 2007
„Enge wird und duftet bang und bitter
Diese Welt, dem Lichte abgewendet.
Rüsten wir uns auf das Spätgewitter,
das des Lebens Sommertraum beendet!"

So schrieb Hermann Hesse 1947.
Was ich schreibe, 60 Jahre später, lesen Sie unter „Das Geschenk" auf dem Schreibtisch.
Und: Seit über 40 Jahren gibt es in Hamburg-Eimsbüttel das „Hamburg-Haus", ein Kulturzentrum für alle Einwohner des Bezirks, unabhängig von Alter, Einkommen und Interessen. Den Bericht darüber finden Sie in der Oktober-Ausgabe von „Das Viertel".
Unter Ausgesprochenes die Fotoimpressionen der 2. Glinder Autorennacht.

Ende August / September 2007
Kurz und knapp: 
Vor genau einem Jahr startete das Hamburger Magazin „Das Viertel" eine Serie, in der bekannte und weniger bekannte Autoren aus „dem Viertel" (also: unserem! meinem!) aus ihrer subjektiven Sicht über „ihr" Viertel schreiben. Meinen Beitrag „Vogelperspektive" dazu finden Sie in der aktuellen September-Ausgabe. Und hier nachzulesen ebenfalls auf dem Schreibtisch.
Ich wünsche einen angenehmen Spätsommer (oder Frühherbst, ganz, wie Sie mögen).

Juli /August 2007
300000 Kinder, vom Säugling bis zum Jugendlichen, werden laut Dunkelfeldstudien in Deutschland pro Jahr sexuell missbraucht. In der aktuellen Ausgabe von "Das Viertel" stelle ich Ihnen den Verein "Zündfunke e.V." vor, der sich um Aufklärung und Prävention bemüht. Hier nachzulesen unter "Wenn Kinder um Hilfe rufen" auf dem Schreibtisch.
Ansonsten: Foto-Impressionen einer Open Air Lesung unter Ausgesprochenes und unter PS neue, na, was wohl, Reklame.

Juni 2007
Hier neu unter Lesezeichen: die Rezension eines der faszinierendsten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe!

Mai / Juni 2007

Wie bunt und facettenreich Leben ist, konnte ich in den letzten vier Wochen mal wieder überdeutlich erfahren. Und wie sich die vermeintlichen Gegensätze von Geborgenheit und Angst, Heimat und Fremde, Gesundheit und Krankheit, Atmung und Atemlosigkeit und auch Leben und Tod doch immer wieder neu vereinigen.
Wie reich das Leben sein kann, wenn man sich darauf einlässt. Wie bereichernd, wenn man neue Erfahrungen machen darf und neue Wege beschreiten kann, zu denen einem vielleicht vorher lange der Mut gefehlt hat. 
Hier neu: Eine Erzählung auf dem Schreibtisch und kleinere Veränderungen unter Ausgesprochenes, Pinnwand und PS.

Ende April 2007
Und soll ich analog zum letzten Eintrag sagen:  Der Sommer ist da? Nö. Stattdessen gebe ich Ihnen lieber eine kleine Illu meines Mannes, die die Lage hier in Hamburg so beschreibt: An und in der Elbe Auen drängen die Fischköpfe zur Freiheit, zur Wonne. Es gibt ein Leben nach Windjacke, Schal und Handschuhen." Wie wahr.

Und ich stelle Ihnen ein tolles Hamburger Projekt für Kinder/Jugendliche zwischen 9 und 14 Jahren des Vereins Hamburger Kulturbrücke e.V." vor: Switch - Eine Weltreise in 4 Tagen". Kinder-Botschafter für mehr Freundschaft, als Chance für Vorbehaltlosigkeit. "Wie Koreaner essen". Auf dem Schreibtisch.

Ende März / Anfang April 2007
Der Frühling ist da. Fast ohne Vorwarnung.
Der Frühling ist da. Deshalb ebenfalls neu hier: Und mein Herz ist offen", eine Liebesgeschichte, und ein April"-Beitrag auf dem Schreibtisch. Und, ganz passend zum Frühling, die Rezensionen im Archiv: ein Buch über die Liebe und das Glück und zwei winterliche CDs.
Zu guter Letzt: Im Winter trägt man morgens um 6 keine Sonnenbrille", eine neue Leseprobe aus meinem Buch Vertrauenssache". Der Text wurde im März zum Publikumssieger auf der Offenen Bühne im Hamburger Literaturcafé Mathilde gewählt - zum Thema Frühling" natürlich. Und mit Glück können Sie sich diesen Text auch bald hier anhören, aus einer Aufzeichnung der Radiosendung Radio Blattgold - Literatur zum Anfassen" aus dem vergangenen Jahr. Wenn ich kapiert habe, wie ich das technisch bewerkstelligen kann.
Und denjenigen, denen jetzt im Frühling (oder wann auch immer...) Reisegefühle im Buch kribbeln, empfehle ich die Anthologie Unterwegs". Unter Lesezeichen".

Februar 2007
Man tötet einen Geschichtenerzähler damit, dass man ihn auf die Wahrheit verpflichtet. Die Wahrheit bleibt dem Ernst des Erzählenden überlassen“, sagte der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel. Viel Spaß bei der Entdeckung von Wahrheit und Fiktion in meinen Texten.
Und wenn Sie lange genug hier auf der „Papiersinfonie“ blättern, werden Sie auch wissen, woher der Name kommt und was er ursprünglich einmal für mich bedeutete…
J  

Heike Hartmann-Heesch, 02/2007

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