Ich musste unlängst eine neue Flasche Haarshampoo kaufen. Der Drogeriemarkt gleich bei uns um die Ecke ist, was die Ladenverkaufsfläche betrifft, eine eher verhältnismäßig kleine Filiale einer deutschlandweiten Drogeriekette. Das Shampoo, das ich seit Jahren benutze, war just ausverkauft. Trotzdem ich eigentlich ein Gewohnheitstier bin, bin ich flexibel geblieben und schaute demnach nach einer Alternative. Nach fünf Minuten des Schauens fühlte ich mich jedoch leicht überfordert. Die Auswahl an reinen Haarshampoos (Spülungen, Kuren und was man sonst so alles – nicht unbedingt – benötigt, nicht mitgerechnet, Shampoos für Babyhaare ebenfalls nicht genauso wenig wie die 4 verschiedenen Trockenshampoos) war so immens, dass ich einfach nicht umhin konnte, sie zu zählen: Es waren 181 (in Worten: einhunderteinundachtzig) unterschiedliche Shampoos von ca. 15 verschiedenen Herstellern. Einzelheiten erspare ich Ihnen, frage aber: Wer braucht die Auswahl zwischen 181 verschiedenen Sorten Shampoos? Wissen Sie, was letztendlich dann für mich das Kriterium war, mich für eine Alternative zu entscheiden? Die Farbe. Ich hatte Lust auf orange. In knallorange gabs nur eins, von einem Hersteller, dessen Shampoos es auch schon zu meiner Kinderzeit gegeben hat (damals aber noch nicht in orange). Zugegeben, ich war etwas irritiert von der Beschreibung „mit Superfruchtextrakten“ (Was um aller Welt sind Superfrüchte? Welcher Geschmacks-, Verzeihung, Geruchsrichtung gehören Superfrüchte an und sind die wirklich so orange?)

Apropos Früchte.
Neulich las ich einen Artikel über Äpfel. Der Autor beklagte sich bitterlich darüber, dass er – selbst auf einem gut sortierten Bio-Wochenmarkt – nur noch so wenig Auswahl an unterschiedlichen Apfelsorten bekommt. Und die ganzen schönen alten Sorten, die er auch sämtlichst namentlich erwähnte, würde er schon gleich nicht mehr bekommen (außer übers Internet); heutzutage sei doch fast alles ein Einheitsapfel und der oft noch nicht mal aus heimischem Lande. Ob er damit Recht hat, vermag ich nicht zu beurteilen, ich war mit der Auswahl an Apfelsorten unseres kleinen Gemüsehändlers (fast direkt gegenüber der Drogeriefiliale!) immer recht zufrieden, na ja, vielleicht bin ich da genauso anspruchslos wie bei Haarshampoos. Was mir allerdings doch aufgefallen ist: In einer rechtzeitig vor Weihnachten nach Komplettsanierung und Vergrößerung wiedereröffneten Filiale eines großen Lebensmittelsdiscounters ist die Auswahl, gerade bei Äpfeln, jetzt kundenfreundlich so einfach, wie es einfacher wohl kaum nicht mehr geht. Man hat dort jetzt die Wahl zwischen roten und grünen Äpfeln. Basta. Das erleichtert die Entscheidungsqual doch ungemein, oder? Als dritte Kategorie an Äpfeln gibt es dort noch Kinderäpfel. Die sind aber auch entweder rot oder grün, unterscheiden sich von den roten und grünen Äpfeln für Erwachsene allerdings im Preis. Sie sind doch glatt ein weniger günstiger, aufs Kilo gerechnet, als die GrünenfürErwachsene; jedoch erheblich teurer als die RotenfürErwachsene. Das jedenfalls zum Zeitpunkt des Fotografierens. Seis drum.

Beißen Sie also auch morgen noch kraftvoll in rote oder grüne Äpfel und verwöhnen Sie Ihre Haare mit den orangefarbenen Superfruchtextrakten. Wohl bekomms.

Am 15. diesen Monats möchte Poetry-Slammerin Sabrina Schauer meine Lyrik „Wenn Ebbe ist“ auf der monatlichen Spätlese im Kulturpunkt im Barmbek°Basch vortragen. Ich freue mich riesig darüber und bedanke mich im Voraus. Siehe auch Ausgesprochenes!

PS: Ich hätte Ihnen auch gern ein Foto der 181 verschiedenen Haarshampoos gezeigt, schon allein als Beweismittel, aber ich besitze nur eine ganz normale kostengünstige Digitalkamera ohne besonderes Weitwinkelobjektiv. Damit hätte ich die ganze Bandbreite nicht auf ein einziges Foto bekommen.


Je länger ich zu Hause bin, je besser es mir gesundheitlich geht, sowohl physisch als auch psychisch, desto öfter werde ich – vorsichtig, ganz vorsichtig – gefragt, „ob ich es wieder machen würde“. Und immer, wenn ich dann versuche, meine ganze ambivalente Haltung darzulegen, stellt sich oft heraus, dass die Frager gar nicht so wirklich daran interessiert sind, ob ich mich wieder für eine Transplantation entscheiden würde, sondern dass sie oft einfach meine Meinung zu Organspende allgemein wissen wollen. Und da bin ich für mich ganz klar: Organspende kann Leben retten. Eine Organspende hat mein Leben gerettet. Ich kenne den Spender meines Organs nicht, aber ich weiß, dass ich das Glück, ein Spenderorgan erhalten zu haben, nur der Bereitschaft eines anderen Menschen verdanke, der seine Lunge gespendet hat und ich weiß auch, dass dieses Geschenk mit dem Tod des anderen Menschen verbunden war.
Unser heutiges Transplantationsgesetz, das Bundesrat und Bundestag in breitem Konsens verabschiedet haben und das 1997 in Kraft trat, sieht die so genannte erweiterte Zustimmungsmöglichkeit vor, nach dieser einem Verstorbenen Organe nur dann entnommen werden dürfen, wenn er selbst dazu die Einwilligung im Organspenderausweis dokumentiert hat. Liegt keine schriftliche Erklärung vor, werden die nächsten Angehörigen befragt (ob der Verstorbene sich ihnen gegenüber geäußert hat) und wenn auch hierzu nichts bekannt ist, werden Angehörige nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen befragt und gebeten, in seinem Sinne zu entscheiden. Im Organspendeausweis kann man das Einverständnis auch nur für bestimmte Organe geben, man kann bestimmte Organe ausschließen oder auch der Entnahme von Organen und Gewebe gänzlich widersprechen – in jedem Falle aber dokumentiert man damit seine Entscheidung.
Trotz breiter Zustimmung in der Bevölkerung bekunden nur sehr wenig, unglaublich wenig Menschen ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis. Für viele Menschen ist Organspende nach wie vor ein bedrohliches Tabuthema, weil es eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod bedeutet. Selbst im Familienkreis werden Gespräche darüber oft vermieden. Auch die Angst, als möglicher Organspender keine optimale medizinische Behandlung zu erhalten und zu früh „für tot erklärt zu werden“, spielt eine Rolle.
Dabei kann nicht generell jeder Verstorbene ein Organspender sein, denn als Spender von – durchbluteten – Organen kommen (außer Lebendspenden) nur Hirntote mit künstlich aufrechterhaltenem Herz-Kreislauf-System infrage. In den allermeisten Fällen tritt jedoch der Herzstillstand zuerst ein. So kommen von den vielen Hunderttausend jährlich in deutschen  Krankenhäusern Versterbenden sowieso nur ca. 1% als Organspender in Betracht, weil bei ihnen der Hirntod dem endgültigen Herzstillstand vorausgeht.

Hier in Hamburg läuft seit 2010 eine Wanderausstellung mit dem Thema: „Ich oder du? Künstlerische Positionen zur Organspende“. Studierende des Fachbereichs Illustration der Hochschule für Angewandte Wissenschaften haben sich, unterstützt von der Techniker Krankenkasse und der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz (Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz) mit dem hochsensiblen und komplexen Thema Organspende beschäftigt. Dabei ging es nicht vordergründig um eine positive Auseinandersetzung mit dem Thema. Auch negative Aspekte, Ängste oder Vorurteile konnten aufgegriffen und künstlerisch umgesetzt werden; die Themen Tod, Leid, Nächstenliebe, Fürsorge, Glück und Hoffnung liegen eng beieinander. Herausgekommen ist dabei eine Vielfalt, die mich sehr beeindruckt hat. Ein paar Mal musste ich auch tief schlucken. Bis Ende des Monats ist die Ausstellung noch im Hamburg Haus in Eimsbüttel, Doormannsweg 12, zu sehen. Laut BGV wird man sie im März noch im Hamburger Rathaus besuchen können. Einen Ausstellungskatalog „Ich oder du?“ gibt es (kostenlos) an den jeweiligen Ausstellungsorten oder hier als Download.
* Illustrationen aus dem Ausstellungskatalog, Herausgeber: Freie und Hansestadt Hamburg. 062, Lena Personn und 081, Rasmus Borkamp.


So um den 2. Advent herum fing es an zu rumoren, dies Gefühl in mir. Im letzten Jahr fühlte ich wie nie zuvor, dass Advent war. Ich fühlte, es war die Zeit, in der sich neue Türen öffnen würden, sich andere Horizonte zeigen würden. Ich fühlte deutlich, dass ich mal wieder an der Schwelle einer neuen, veränderten und veränderbaren Zeit stehe.
Mehr nicht. Genauso vage. Trotzdem fühlte ich mich beseelt. Offen. In Aufbruchstimmung. Meine häufige Missstimmung der Wochen zuvor schien geringer, die Zeiten, in der ich sie so stark (und belastend) gefühlt habe, diese Abhängigkeit von Beatmungs- und anderen Maschinen, der Frust, der mich so häufig befiel, wenn ich wieder mal merkte, wie hilflos ich mich in Bezug darauf fühlte, mich nicht adäquat ausdrücken zu können, weil ich einfach die „technischen“ Voraussetzungen für Sprache und Sprechen durch die Trachealkanüle nicht besitze. Wie minderwertig ich mich manchmal deswegen fühlte, manchmal auch behandelt fühlte „Kann sie auch sprechen? Kann sie mich denn verstehen?“
Ich fühlte Ruhe, lang ersehnte Ruhe. Gleich bleibend.

Am 2. Advent besuchten wir erstmals mit Sack und Pack eine Freundin zum Tee, nicht um die Ecke, sondern einmal quer durch Hamburg. Am 3. Advent besuchten wir eine andere Freundin, überquerten sogar die Grenze nach Schleswig-Holstein. Das klappte prima, als hätten wir das immer so gemacht. Routiniert packten wir alle Siebensachen zusammen, ins Auto, dort und da wieder aus, später zusammen, zurück ins Auto, bei uns zu Hause wieder aus. Die Beatmungsmaschine benutzte ich selten auf diesen Besuchen, ich war fast immer spontan atmend. Nur mit dem Sprechen war es wie immer kompliziert.

Am 4. Advent war das Wetter schlecht, grottenschlecht und das schlug dann doch auch wieder auf meine Stimmung. Schlechtes Wetter war bislang auch immer schlecht für meinen täglichen Spontanatmungsstundendurchschnitt. Draußen war Spontanatmen einfach, so einfach, keine Ahnung, warum. Stundenlang funktionierte das, während ich drinnen in der Wohnung eigentlich immer dann am besten spontan atmen konnte, wenn ich in Bewegung war. In Ruhe, vielleicht auf dem Sofa beim Lesen oder am Schreibtisch beim Schreiben oder Tippen, das fiel mir unsagbar schwer, meist klappte es gar nicht oder höchstens mal eine Viertelstunde unter ziemlicher Anstrengung.
Wie gesagt, am 4. Advent war das Wetter so schlecht, dass an Rausgehen überhaupt nicht zu denken war. Schon gar nicht im Rolli. Da kramte ich ganz spontan diesen anderen Trachealkanülenaufsatz hervor, den ich in den letzten Tagen im Betreuten Wohnen schon bekommen hatte: ein Sprechventil. Das kann man benutzen, wenn man nicht an der Beatmungsmaschine ist, also spontan atmet, aber der Unterschied zum herkömmlichen Spontanatmen ist, dass hier die Trachealkanüle entblockt ist. Heißt, kurz und knapp, man atmet wieder im physiologischen Sinne, also durch Mund und Nase und nicht mehr durch die Trachealkanüle. (Genau deswegen hatte das im Betreuten Wohnen noch nicht so richtig funktioniert, ich hatte erhebliche Probleme, mich wieder auf „normale“ Atmung einzustellen, ich hatte sozusagen das Gefühl, nicht mehr ausatmen zu können.) Das Besondere hierbei aber ist auch, dass durch die Entblockung und die normale physiologische Atmung auch die Stimmbänder wieder relativ normal luftangeströmt werden und somit auch wieder vibrieren können – man kann also relativ normal sprechen. Ein klein bisschen heiser vielleicht und nicht so richtig laut, aber man kann die Stimme wieder fast normal modulieren, hat also Sprachmelodie und und und.
Und dann, am 4. Advent, hatte ich auch plötzlich keinerlei Probleme damit, „normal“ zu atmen. Und nicht nur, dass ich es nicht schwierig fand, nein, aus mir noch nicht ganz klaren Gründen finde ich es sogar einfacher, sehr viel einfacher (inzwischen manchmal sogar einfacher als an der Maschine). Am 4. Advent wollte ich es nur einfach mal wieder versuchen, und sei es für 10 Minuten. Aus den 10 Minuten wurden auf Anhieb fünf Stunden. Und abends noch einmal fast so viel. Ich muss gestehen, an diesem Abend hatte ich Angst, an der Maschine ins Bett zu gehen und einzuschlafen. Was, wenn es am nächsten Tag nicht mehr funktionieren würde? Was, wenn das alles nur eine Eintagsfliege gewesen war?
Um es kurz zu machen: Es war (natürlich) keine. Und ich schlage damit, um es pragmatisch auszudrücken, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich spreche wieder und meine täglichen Stunden mit Spontanatmung sind sofort sprunghaft angestiegen – seit dem 4. Advent auf zwischen (und jetzt halten Sie sich fest!) so 10 und rekordverdächtigen 13,5 Stunden am Tag. Das ist nun schon fast ein ganzer wacher Tag. Und: Ich bin noch nicht am Ende angekommen.
Beides zusammengenommen ist ein solch enormes Plus an Lebensqualität, wie ich es kaum in Worte zu fassen vermag. Manchmal kaum nachzufühlen vermag. Dann sitze ich hier und denke: Das sind wirklich neue Horizonte. Das sind ganz neue Perspektiven. Und da schießt mir auch manchmal das Wort Wunder durch den Kopf.

Aber damit noch nicht genug (der Wunder). Es gibt weitere Horizonte, die auf einmal wieder sichtbar werden. Erinnern Sie sich, nachdem ich wieder zu Hause war, haben wir in der neuen Dialysepraxis einen Auslassversuch unternommen, der recht erfolgreich war, sodass ich fast von Anfang an statt dreimal nur noch zweimal wöchentlich dialysiert wurde. Was ich noch nicht erwähnt hatte, glaube ich, dass wir einen zweiten Auslassversuch gestartet hatten, Anfang letzten Monats: Im Dezember bin ich nur noch einmal wöchentlich zur Dialyse gegangen und bis auf ein paar Kleinigkeiten sind meine Werte stabil geblieben. (Gefühlt war es natürlich weitaus mehr: An Dialysetagen ging es mir ja persé immer ziemlich schlecht, auch hinterher. Es ist jetzt keine Milchmädchenrechnung, die ich aufmache, wenn ich sage, je weniger Dialysetage, desto weniger schlechte Tage gab es. Es war einfach so. Und da die Werte eben relativ stabil geblieben sind, gab es ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk: Am Mittwoch vor Weihnachten war vorerst die letzte Dialyse für mich. Vorausgesetzt natürlich, die Werte halten sich. Wir pausieren. Diese Woche bin ich also zum ersten Mal „nur“ zu einer Blutkontrolle und zum Spülen/Verbinden des Katheters in der Praxis gewesen. Das Gefühl, das ich dabei empfand, kann ich auch sehr schwer wiedergeben. Es war schon ziemlich überwältigend.
Wie viel mehr Freiheit! Was für Möglichkeiten! Anderthalb Jahre nach der Transplantation!
Natürlich ist mir etwas mulmig. Ich werde fürchterlich frustriert sein, falls es auf Dauer nicht klappt und ich doch wieder an die Dialyse muss. Aber wenn ich es nicht austeste, nicht ausprobiere, nicht wage – dann werde ich nie wissen, ob es nicht vielleicht doch ganz ohne geht!

Ich wünsche mir also ganz einfach, dass es im Neuen Jahr so weitergehen möge. Es gibt noch so viele weitere Ziele: den Rollstuhl loswerden, wieder normal laufen können. Ausdauer bekommen, mehr und stärkere Muskeln (sowohl in den Beinen als auch in der Lunge).
Ich wünsche mir, dass es mir wie momentan gelingt, bei Problemen (welcher Art auch immer, sei es Blut im Sekret oder eine über 90-Jährige Großmutter, die es über kurz oder lang nicht mehr bewältigen wird, alleine zu Hause zu leben) nicht überzureagieren. Ich merke, dass ich langsam wieder völlig rein finde in das, was man gemeinhin Leben nennt. Davon möchte ich mehr. (Ja. Ich weiß. Es liegt an mir.)

Ich wünsche Ihnen ein fortschrittliches, gesundes, stabiles und lebendiges 2012. Wir lesen uns. Sehen uns. Hören uns. Das ist ein Versprechen.

Nachtrag Dezember 2011
Wieder einmal bedanke ich mich bei Autorin und Literaturinterpretin Rena Larf, die am 14.12.2011 meinen Weihnachtstext Heimkehr" im Hamburger Literaturradio präsentierte!

Dezember 2011 –  Ein Weg nach innen: Momentaufnahmen, Rückbesinnung, Vorwärtsschauen

Neulich auf einem Rollstuhlspaziergang an einer Ampel. Neben uns eine Mutter mit Kinderkarre, in der ein schätzungsweise 3-4-jähriger Junge sitzt. Der Knirps schaut mich lange, wirklich richtig lange an. Als die Ampel auf Grün springt und sowohl mein Mann als auch seine Mutter loslaufen, blickt er mir in die Augen „Kannst du nicht laufen?“ Daraufhin seine Mutter: „Äh, also, wir machen einen längeren Spaziergang. Deshalb habe ich die Karre genommen.“ (Ach was. Wir auch. Na ja, so in etwa.)

Neulich an einer anderen Ampel. Es war ziemlich kalt, die Luftfeuchtigkeit hoch und die mobilen Sauerstoffkanister, die immer hinten am Rollstuhl hängen, dampften schwer arbeitend vor sich hin. Eine Frau mit Fahrrad und (vermutlich) Enkel im Kindersitz schaut uns lange an, dann die Sauerstoffkanister, dann wieder uns. „Ist wohl normal, dass es unter Ihnen qualmt!?“
 

Neulich Abend auf einer Lesung. Wir sitzen im Publikum. Ich war die ganze Zeit spontan atmend, aber kurz bevor die Lesung begann, hatte ich mich wieder an die Beatmungsmaschine umgestöpselt. Kurz vor der ersten Pause, als ein Autor gerade den vorangegangen ablöst, ruft der Mann neben mir am Tisch, mit dem ich mich vor der Lesung schon einen Augenblick unterhalten hatte, plötzlich ziemlich laut in den Raum: „Eine Bitte an den Veranstalter. Hier ist irgendwo so ein Aggregat, das ständig an- und wieder abschwillt, kann man das abstellen?“ Meine Freundin, die ihm gegenüber am Tisch saß, beginnt zu grinsen „Klar kann man das abstellen. Aber das ist eine Beatmungsmaschine. Wenn Sie die abstellen, läuft Ihre Tischnachbarin blau an. Keine Maschine, keine Atmung.“ (…)

Dezember also.
Mein Weg führt nach innen. Rückbesinnung: Wie war das Jahr?
Vermutlich erklären Sie mich für verrückt, antworte ich jetzt nicht mit „Gut war es.“. War es ja auch, zweifelsohne. Wer hätte vor einem Jahr auch nur 10 Cent darauf gewettet, dass ich heute in so einem Zustand sein würde wie ich es bin? Wer hätte je geglaubt, dass ich nicht nur wieder die elementarsten Dinge des Seins selbst bewältigen würde sondern dies sogar noch zu Hause würde tun können? Und dass ich wieder arbeiten, lektorieren, wieder schreiben, ja, sogar mit einem neuen Buch aufwarten würde können?
So viele Sehnsüchte haben sich im Laufe des Jahres für mich erfüllt, die ich mich vor 12 Monaten noch nicht einmal getraut hätte laut auszusprechen – geschweige denn, dass ich an die Möglichkeit einer Erfüllung derer überhaupt geglaubt hätte.
Und auch wenn sich natürlich in den nun knapp drei Monaten zu Hause eine Art Alltag eingestellt hat, in dem ich bislang ganz gut und zunehmend besser zurecht komme, hat sich ein großer Wunsch nicht erfüllt. Ich hatte ja sehr gehofft, dass die Krankheit meinen Alltag nicht allzu sehr dominieren würde, dass ich sie ins Leben integrieren könnte, quasi nebenher „laufen lassen“ könnte. Das funktioniert leider nicht. Vielleicht ist das zu erwarten gewesen, dennoch bin ich immer wieder neu erschlagen von der Allgegenwärtigkeit. Erschlagen von der Abhängigkeit von der Beatmungsmaschine. (Auch, wenn ich mittlerweile über 7 Stunden täglich spontan bin.) Nichts, aber auch wirklich nichts ist einfach. Jede meiner Handlungen, jeder einzelne Schritt, jede Befindlichkeit steht in unmittelbarer Abhängigkeit zum Atmen, zum Beatmetwerden oder Spontanatmen.

Ein Weg nach innen. Neulich las ich im diesjährigen „Der andere Advent“-Kalender das Gedicht „Vor dem Winter“ von Eva Strittmatter, in dem sie davon spricht, ein Lied aus Stille zu machen, ein Lied aus Licht, Schweigen, Farben, Gerüchen, Schreien; ein Lied aus Räumen und Träumen – um nicht zu vergehen während des Winters. Diese Lyrik hat mich in der Einfachheit und Schönheit der sprachlichen Bilder nachhaltig beeindruckt. Solch ein Lied wünsche ich mir auch. Nicht nur für den Winter.

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Adventszeit. Lassen Sie sich nicht überrennen und verrennen Sie sich nicht. Ich wünsche Ihnen eine Zeit mit Plätzchen backen und Weihnachtsmarmelade kochen. (Wahrscheinlich fühlt sich das für Sie hinterher auch nicht so  an, als hätten Sie gerade einen Marathon absolviert.) Mit Kerzenschein statt LED-Beleuchtung. Mit Orgelkonzerten und Bratapfelduft. Mit Rückbesinnung und Vorwärtsschauen: Ein neues Jahr wird beginnen.
Wieder verheißt es Leben.

Dann noch dies: Auf der Dezember-Spätlese in der Bascherie im Kulturpunkt Barmbek˚Basch wird meine Freundin Tatia Schirrmacher einen ihrer Beiträge aus meinem Buch „Langer Atem“ lesen: Angst und Hoffnung. Ein sehr intimer, sehr berührender Text.
21. Dezember, ab 19.30 Uhr.
Anfang nächsten Jahres liest Poetry-Slammerin Sabrina Schauer an gleichem Ort meine Lyrik „Wenn Ebbe ist“, ebenfalls aus „Langer Atem“.

Heike Hartmann-Heesch

November 2011 – Kleine Fluchten oder Mit den Laternenpfählen per du

Neulich gegen Abend auf einem Spaziergang an unseren Weiher beobachteten wir eine Fahrerflucht. Ein 5er-BMW, schwarz, verdunkelte Scheiben, streifte beim Rückwärtsausparken einen auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkenden Smart. So schlimm war das nicht, der Smart hatte eine Kunststoffstoßstange, aber drei blöde Kratzer blieben doch. Und was soll ich sagen? Der BMW-Fahrer parkte weiter aus und fuhr dann in aller Seelenruhe davon. Der ist nicht mal ausgestiegen, um nachzuschauen. Okay, das war sicherlich nur ein winziger Schaden, aber man kann sich doch nicht einfach so aus dem Staub machen! Also hinterließen wir einen Zettel hinter der Windschutzscheibe des Smart mit der Uhrzeit, der Autonummer des BMW und unserer Telefonnummer als Zeugen. Reichte das?

Gemeldet hat sich bislang niemand.

Ich träume momentan nachts sehr viel. Horrende Geschichten teilweise, die mir nicht nur beim Aufwachen Angst machen, sondern die mir auch zeigen, was für Ängste ich generell noch mit mir rumschleppe: Überbleibsel der letzten Jahre, vornehmlich der Krankenhausaufenthalte. Fast alle dieser Träume enden in irgendeiner Form damit, dass ich fliehe (n muss). Aus Krankenhäusern. Mit Sauerstoffkanistern unterm Arm kann ich in den Träumen über Balkongeländer springen, in Aufzüge hechten, rennen, mich gleichzeitig umblicken, Treppen steigen und diverse weitere Dinge. Im Traum weiß ich gar nicht, wohin ich will, mache mir auch keine Gedanken darüber: Hauptsache weg. Über ein Ankommen denke ich im Traum auch nicht nach. Nur über das Fliehen. Nie hilft mir jemand dabei, immer bin ich allein. Die Flucht kriege ich immer gut hin, niemand erwischt mich, niemand hält mich auf (nur verfolgt werde ich); was danach kommt, weiß ich nicht, weil ich dann immer von selbst aufwache oder wie z.B. heute Morgen just in dem Moment geweckt werde. Spannend dabei finde ich ja, dass ich im Traum immer meine Beatmungsmaschine vergesse. Die Sauerstoffkanister nehme ich immer beide mit, die Maschine nicht. Sorgen macht mir das aber keine. Diese Träume begleiten mich schon seit mehreren Wochen, sie begannen, kurz nachdem ich wieder zu Hause war. Im Traum trage ich übrigens immer Stiefel. Ich habe, seit ich den Kinderschuhen (-stiefeln) entwachsen bin, nie Stiefel besessen.

Letzten Samstag habe ich mir ein Paar braune Lederstiefel gekauft.

In den Wochen, seit ich wieder zu Hause bin, wurde ich schon öfters gefragt, ob ich nicht nach all den Jahren Lust hätte, in den Urlaub zu fahren. Einen solchen Gedanken hatte ich anfangs auf Eis gelegt, ich wollte erstmal zu Hause ankommen und – zumindest, was die beatmungstechnischen Dinge betrifft – eine Art routinierten Alltag schaffen. Was wann wie läuft, welche Schläuche dauerhaft an welche Geräte angeschlossen werden, welche für  mobile Geräte bereitstehen müssen, welche Kabel wohin gehören. Welche Maschinen wo stehen, damit es ökonomisch wird. Leider hab ich z.B. nur zwei Beatmungsmaschinen, eine fürs Wohnzimmer und eine fürs Schlafzimmer, praktischerweise bräuchte ich auch noch eine für den Schreibtisch, damit man sie nicht immer hin- und hertransportieren muss und auch die Sauerstoffverbindungsschläuche nicht immer trennen muss. Sehr viel Durcheinander war anfangs und für mich war es oft schwierig, weil ich noch nicht so weit bin, dass ich in die hintersten Ecken der Zimmer kriechen kann, in die wir die meisten Maschinen verbannt haben, damit sie nicht a) blöd im Weg rumstehen und b) nicht die ganze Wohnung wie ein Krankenhauszimmer aussieht. Kriechen kann ich noch nicht, sorry, und mit dem Transport der Geräte sieht es auch schlecht aus, denn wenn ich zwischen den Zimmern hin- und herlaufe, bin ich ja immer spontanatmend, das heißt, ich schleppe sowieso schon wenigstens einen mobilen Sauerstofftank mit mir. Im Laufen kann ich nicht sprechen, denn dann müsste ich einen zweiten Sauerstofftank mitschleppen. Dann hätte ich aber keine Hand frei, um diesen Extra-Schlauch zu bedienen, der an meiner Trachealkanüle zusätzlich mit drannehängt und der eigentlich für eine subglottische Absaugung vorgesehen ist und nicht zum Sprechen. Mit Trick 17 kann man damit aber doch sprechen, wenn man den Pijökel, der eigentlich zum Anstöpseln des Absaugkatheters vorgesehen ist, kurzerhand mit dem Daumen zudrückt. Dadurch gelangt dann Sauerstoff an die Stimmbänder, die können fein hin- und hervibrieren und somit kann ich sprechen. Etwas blechern zwar und anstrengend ist es auch, aber es funktioniert. Aber drei Hände hab ich nun mal nicht. Alles klar so weit? Grinsen Sie ruhig. Urlaub also.
Oder zum Üben ein verlängertes Wochenende. Inzwischen finde ich den Gedanken ganz reizvoll, Urlaub als wunderbare kleine Flucht aus dem eben doch noch recht eintönigen Alltag, denn für viele außerhäusige Aktivitäten bin ich einfach noch nicht fit genug. Momentan also eher Couch-Potatoe als Volkspark-Jogger. Aber draußen sind wir trotzdem viel, jeden Tag, stundenlang, spazieren gehender- bzw. -fahrenderweise selbst jetzt, wo es schon manchmal für Rolli-Benutzer empfindlich kalt an den Beinen wird (trotz, Oma sei Dank, warmer Wollstrumpfhose). In unserem Viertel kennen wir inzwischen fast jeden Pflasterstein. Also wäre eine neue, uns nicht bekannte Gegend gar nicht schlecht. Insel wär auch toll, schon wegen des Klimas.
Bei Insel fällt mir (natürlich) als erstes „meine“ Insel ein, die seit des Eisenbahntunnelbaus vor nunmehr etlichen Jahren gar keine richtige Insel mehr ist: Großbritannien. Das können wir vorerst aber vergessen, denn Ausland funktioniert krankenkassentechnisch nicht mit Beatmungsmaschine. Also muss eine Insel her, die geografisch nicht unbedingt näher liegt, dafür aber zu unserem Lande gehört. Amrum wär nicht schlecht, Rügen kommt sicherlich  auch in Betracht.

Aber eigentlich möchte ich gar nicht fliehen momentan. Weder auf positive noch albträumerische Art. Warum sollte ich auch? Noch vor ein paar Monaten sehnte ich mich danach, wieder zu Hause zu sein und wieder einen möglichst normalen Alltag leben zu können. Das gelingt in großen Teilen schon recht gut, und dafür bin ich täglich dankbar. Auch wenn wir draußen in der näheren Umgebung schon mit den Laternenpfählen per du sind.

Ich wünsche Ihnen keinen eintönigen November. Falls Sie doch einer erwischt, müssen Sie sich halt ein paar Gedanken über Flucht machen.

Oktober 2011 – Zeichen, Wunder und andere Perspektiven

Den ganzen Sommer über habe ich alle Menschen, die sich über eben jenen verregneten aufregten und beklagten, vertröstet mit den Worten: „Nicht traurig sein, der Sommer wird kommen, wenn ich zu Hause sein werde.“ Dann war ich endlich zu Hause und prompt kamen die ersten E-Mails: „Wo bleibt denn nun Ihr versprochener Sommer?“ Heute kann ich nun mit gutem Gewissen sagen: „Na, seit nunmehr einer Woche haben wir ihn doch!“ – auch, wenn es sich allenthalben nur um einen der schönsten Altweibersommer der letzten Jahre handelt. Egal. Temperaturen, die sogar noch ein Sonnenbad im Vorgarten zulassen. Einige Freibäder haben ihre Tore noch einmal geöffnet. Die Menschen tragen kurze Hosen und Sommerröcke, die an nicht viel mehr als einen breiten Gürtel erinnern; in den Straßencafés findet man kaum einen freien Platz, einen Sitzplatz auf einer Bank im Park noch viel weniger und bei uns am Weiher haben die Menschen ihre Grills wieder hervorgeholt.
(In einem der Life-Style-Läden oder wie auch immer man das auf Neudeutsch nennt wurden gestern die ersten Weihnachtsbäume im Schaufenster geschmückt.) Punkt.

Es ist ein geradezu bezauberndes Licht, das jetzt durch die weit geöffneten Wohnzimmerfenster hereinfällt, während ich hier im Sessel sitze und tippe, ein warmes Licht, ein einladendes, das seltsamerweise kaum oder wenn doch dann geradezu komische Arten von Schatten wirft; die letzten zartrosa Rosen am Strauch vorm Fenster blühen, die quietschorangefarbenen Begonien stehen noch in voller Pracht und der Wein, der nun schon bis in den 2. Stock rangt, leuchtet in einem Rot, das die Welt noch nicht gesehen hat. (Unser Vorgarten wenigstens noch nicht.) Die Bäume, Büsche und Hecken sind (noch) grün, aber es ist nicht mehr das frühlingsfrische Grün sondern eines, das eine gewisse Gelassenheit und Ruhe ausstrahlt, ein Wissen, ein erfahrenes, das die Trockenheit des Frühlings, die Nässe des Sommers überstanden hat und sich für die Stürme des Herbstes wappnet – dennoch: Momentan ist Frieden, die Welt meint es gut.

Vier ganze Wochen bin ich nun schon zu Hause und auch in mir breitet sich langsam diese Art Frieden aus. Ich komme ein bisschen zur Ruhe, auch wenn sich eine Art routinierter Alltag, der Sicherheit verspricht und hält, noch nicht richtig eingestellt hat. Zu oft stelle ich doch fest, dass ich für die allgemeinen Dinge des Alltags fünfmal mehr Zeit benötige als früher. Ich traue mir täglich mehr zu, wachse stetig mit den Aufgaben, die ich mir immer neu stelle – und bin trotzdem so oft verwundert über den Zorn und die Enttäuschung, den und die ich fühle, wenn ich die Anstrengung bemerke, die mich vieles kostet. Und kaum etwas ist „einfach so mal auf die Schnelle gemacht“, alles braucht eine gewisse Vorlaufzeit. Geduld ist auch hier das Zauberwort.
Ich genieße die viele Zeit, die ich zusammen mit meinem Mann draußen verbringen kann, immer ohne Beatmungsmaschine, alles spontanatmend, Stunden über Stunden auf Spaziergängen mit Mathilda in den verwinkelten Straßen des Viertels und darüber hinaus, Gassen, versteckte kleine Straßen, durch die ich in meinen nunmehr über 11 Jahren in Hamburg noch nie gegangen und Ecken, in denen ich noch nie gewesen bin. Zauberhafte kleine Oasen. Freundliche Menschen. Spaziergänge (-fahrten) in den Einkaufsstraßen nehme ich ganz anders wahr. Wie viele Hunde gibt es doch, die unter den Caféhaustischen liegen, während sich Frauchen oder Herrchen überm Tisch einem Latte Macchiato oder ähnlichem widmen. Aus spaziergehender Perspektive sind sie mir selten aufgefallen. Ebenso wie die vielen verschiedenen Ärsche der Menschen, die vor oder neben uns flanieren. Hab ich früher nie drauf geachtet, aber nun sind sie genau in meinen Blickwinkeln. Mit Grundschulkindern bin ich ebenfalls auf Augenhöhe: „Was hast du da?“ (auf meine TK zeigend).
Ich gehe oft mit einkaufen und komme an weit mehr als 50% der Waren nicht ran, zu hoch oder zu tief stehen sie in den Regalen, sofern wir überhaupt mit Rollstuhl zu den entsprechenden Regalen vorstoßen, weil die Gänge zu eng sind. Und Menschen stehen im Weg, im engen Supermarkt aber auch auf dem Bürgersteig und hören mich nicht, wenn ich dann, so laut ich es mit der TK vermag, mit „Entschuldigung …“ einen Satz anfange. Bemerken Sie mich dann doch, erröten sie oft und hopsen fast zur Seite und sagen ihrerseits „Oh, Entschuldigung“ – zu Detlef gerichtet, nicht zu mir. Auch wird Detlef angesprochen, in Geschäften, selbst wenn ich Ware, beispielsweise ein Halstuch, auf den Verkaufstresen lege. Nur einmal kam eine der Verkäuferinnen zum Schluss sogar um den Tresen herumgelaufen und drückte mir die Tüte in die Hand, statt sie mir über ebenjenen breiten am Kopf vorbei auf den Schoß fallen zu lassen „Viel Spaß damit!“.
(Diverse) Taxifahrer einer bekannten Hamburger Zentrale sehen sich außerstande, meinen (zusammenklappbaren!) Rollstuhl zu befördern (obwohl der jedes Mal extra mit angemeldet wird), manchmal, zweimal bislang, um genau zu sein, probierten sie es gar nicht erst und ließen mich (und Pflegerin Karin) an der Straße stehen „Ich schicke einen Kollegen“. Behindertenparkplätze auf öffentlichen Parkplätzen sind rar und zu oft mit Fahrzeugen besetzt, die nicht den erforderlichen Parkausweis hinter der Frontscheibe stehen haben; ein fester (Behinderten)Parkplatz vor unserem Wohnhaus (ich verweise auf die katastrophale Parkplatzsituation in den Eimsbütteler Wohngebieten) steht uns nicht zu, da ich das Fahrzeug nicht mehr selbst bediene. Ach was. Schade.

Ich genieße das Gefühl sehr, wieder in meinem Zuhause zu leben, ist es doch endlich genau das, was ich mir jahrelang so sehnlich gewünscht und auf das ich so gehofft habe. So ganz finde ich mich aber selbst noch nicht hier zu Hause. Klingt ein bisschen blöd, aber manchmal „suche ich noch meine Rolle“ hier, suche mich. Ich vermisse einsame Stunden am Schreibtisch (denn ich bin ja nie allein!!!). Ich ertappe mich doch immer wieder dabei, ungerecht zu sein und maulig. Manchmal kann ich es nicht verhindern, dass ich diese Gefühle auch an anderen auslasse, die nun wahrlich nichts, aber auch gar nichts dafür können. Gute Nachrichten realisiere ich mitunter erst spät, nehme sie manchmal fast empfindungslos an und schimpfe mich dann selbst; denn so viel Gutes hat sich, besonders auch gesundheitlich, entwickelt: Mein Lungenhochdruck ist stark, sehr stark zurückgegangen, sodass man eventuell bald auch die Medikation dafür reduzieren kann. Das Röntgenbild meiner Lunge (im Vergleich zu vor einem Jahr) ist als das damalige nicht mehr zu erkennen, so sehr hat sich meine Lunge „verbessert“; die Funktion liegt jetzt ungefähr bei einem Drittel einer „normalen“ Lunge – diese Zahl finde ich gar nicht einmal so erschreckend niedrig, zumal alles noch ausbaufähig erscheint. Motorisch bin ich immer besser zuwege, selbst mein rechtes Bein entwickelt sich und entwickelt sich und verbessert sich. Ich lagere überhaupt kein Wasser ein, bei der Dialyse wird auch nichts mehr entzogen und seit ich in der neuen Dialysepraxis in Eimsbüttel bin, haben sich auf wunderbare Weise die Blutwerte unglaublich verbessert. Wir haben jetzt sogar zwei Wochen lang je einen Auslassungsversuch (also einen Tag Dialyse weniger in der Woche mit engmaschiger Blutwertekontrolle) gestartet und ab nächste Woche ist es vorerst amtlich: nur noch zweimal wöchentlich Dialyse, vorausgesetzt, die Werte bleiben auf dem jetzigen Stand (oder verbessern sich weiter …). Bei mir kam diese Nachricht über eine wohl unendlich lange Leitung rüber, der Dialysearzt schien fast ein wenig enttäuscht „Na, Frau Hartmann, andere Menschen fallen mir bei so einer Mitteilung um den Hals oder machen mir einen Heiratsantrag und Sie schauen mich nur mit großen Augen sprachlos an … Wir können auch alles so belassen, wie es ist, wenn Sie damit besser zurechtkommen …“.
Auch ernährungsmäßig (vor allem wegen des Kaliums) brauche ich momentan nicht gar so streng mit mir zu sein; vorletzte Woche bekam ich sogar das Okay der Ernährungsberaterin für 2 Pellkartoffeln (!!!) mit Quark. „Hat´s denn ordentlich geschmeckt?“ Selbstverständlich hatte es das! Was ich jetzt nur noch benötige, sind ein paar mehr Pfunde auf den Rippen – denn so richtig zunehmen, das klappt irgendwie immer noch nicht.

Nun ja.
Die Sonne strahlt, die Stühle stehen bereits im Vorgarten. Ich werde jetzt wohl noch diesen Text hochladen und dann nach draußen gehen. Mit viel Vorlauf natürlich: Die Maschinen müssen alle ein wenig umgestellt werden, damit sie (innen) vorm Fenster griffbereit stehen, die mobilen Sauerstoffkanister müssen geladen werden, denn ich versuche es draußen erstmal wieder spontan … Apropos Sauerstoff: Noch haben wir die Parameter an der Beatmungsmaschine nicht weiter gesenkt, weil meine BGA manchmal noch sehr grenzwertig ist, was die pCO2-Werte (also den Kohlendioxid-Gehalt im Blut) betrifft; oft ist dieser Wert noch ein bisschen zu hoch. Dem versuchen wir entgegenzuwirken, indem wir die zusätzliche Sauerstoffzufuhr verringern: An der Beatmungsmaschine atme ich „nur“ noch mit 0,5l zusätzlichem Sauerstoff pro Minute (vor einem Monat waren es noch 2!). 0,5 sind ja nun fast gar nüscht mehr, alle Werte aber trotzdem stabil. Wir haben es auch schon einen Tag mal probeweise mit gar keinem zusätzlichen Sauerstoff probiert. Auch da blieben die Werte super stabil – nur spielte da der Kopf noch nicht so richtig mit und reagierte hin und wieder mit leichten Panikanfällen und vermeintlicher Atemnot durch Anstrengung. Also lasse ich dem Kopf noch ein wenig Zeit, um sich an den Gedanken, auch ohne zusätzlichen Sauerstoff gut an der Maschine versorgt zu werden, zu gewöhnen.
J Auch bei Spontanatmung reduziere ich: Nach Hause gekommen bin ich mit noch 3-4 l/min zusätzlichem Sauerstoff, je nachdem, ob ich in Ruhe war oder in  Bewegung; inzwischen bin ich konstant auf 2l, Tendenz steigend (also, äh, fallend).

Jetzt aber wirklich Schluss, erstmal.
Genießen Sie diesen wunderbaren Altweibersommer. Schieben Sie das „Dicke-Socken-Stricken“ noch ein wenig auf, das läuft nicht weg. Unsere Wohnzimmerdekoration (Hokaido-Kürbisse) werden wir auch erst einmal aufessen und nicht liegen lassen. Lächeln Sie über die Weihnachtsmänner in Geschäften und die geschmückten Tannenbäume in Schaufenstern. Weihnachten? Pah – vorherrschend ist mein versprochener Sommer!

2. September 2011 Going home, moving on

Ich ziehe um. Nach Hause. Dies ist der wohl schwierigste Umzug bislang in meinem Leben (den „Umzug“ ins Krankenhaus sehe ich gar nicht als solchen). Aber wohl auch der schönste, anstrengendste und aufregendste. Geben Sie mir noch ein bisschen Zeit, all die Gedanken, die mich momentan durchziehen, zu Ende zu denken und nieder zu schreiben. Danke.

PS: Soeben erschienen: Das Mohland Jahrbuch 2011 zum Thema „Ansichtssache“. Tolles Thema, finde ich. Von mir darinnen: „Wenn Ebbe ist“.
Ebenfalls in diesem Monat, gegen Ende, erscheint die Anthologie „Begegnungen 2011“. Diesmal mit beiliegender Hör-CD, auf der die zehn besten Texte gelesen werden.
Mehr dazu unter PS!

August 2011

„Sie hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse.
Aber sie hat keine Angst.
Das wiegt alles auf: Daß wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen. Daß wir aus dem vollen leben, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben.
Als könnte er nie zu Ende gehen.“
(Christa Wolf, „Der geteilte Himmel“)

Dies Zitat fiel mir vor ein paar Tagen wieder ein, als ich ein Exemplar meines neuen Buches signieren wollte. (Ja-ha, beachten Sie den Wink mit dem Zaunpfahl!) Ich habe lange nicht daran gedacht, obwohl ich es mag, seit ich es im zarten Alter von 16 Jahren zum ersten Mal las.
Ich kann es so unterschreiben, heute vielleicht mehr denn je. Gerade heute. Warum? Ganz einfach: Weil es gänzlich ohne Bitterkeit rüberkommt. Das ist mein Thema, an dem ich momentan ein wenig knabbere. Melde mich noch einmal, wenn ich ausgeknabbert habe.

Ich wünsche Ihnen einen August, der sich hoffentlich nicht so benimmt als sei er der April!

PS: Ein Nachtrag zum letzten Monat. Über die Freude, Ihnen mein neues Buch ankündigen zu dürfen (Zaunpfahl Numero 2), habe ich die Lyrik-Prosa-Anthologie zum Thema „Abschied“ ganz vergessen, ebenfalls im letzten Monat erschienen. Von mir darinnen eine kurze Erzählung und eine Lyrik. Und – Eitelkeit ist auch mal erlaubt – stellen Sie sich vor: Ich wurde mit einer Zeile aus der Lyrik im Klappentext zitiert. Dolles Ding, wa?! Näheres unter PS.

Juli 2011 – Mängelexemplar, Rattenschwänze und allerlei Diesunddassiges

 

Ich liege gerade in bzw. an der Dialyse und ärgere mich.  
Irgendwie habe ich seit ein paar Wochen immer an Dialysetagen ein Riesenproblem mit meinem Sekret. Es lässt sich trotz ständigen Inhalierens nicht gut absaugen, weil es sehr zäh ist, sehr sehr zäh, eben zu zäh.
Dies Problem hätte ich vermutlich nicht, wäre ich nicht seit der Transplantation dialysepflichtig, weil meine Nieren salopp gesagt den Geist aufgegeben haben. Das hätten sie nicht, wäre bei mir keine Lungentransplantation vonnöten gewesen, die dann auch noch nicht mal so verlaufen ist wie alle (und ich) gehofft hatten und wären mir nicht Abermillionen verschiedene hochdosierte Medikamente zugeführt worden. Das hätten selbst die stärksten Nieren nicht ausgehalten und meine eben auch nicht. So.
Das Problem hätte ich außerdem sowieso nicht, wäre ich nicht abhängig von der Beatmungsmaschine. Würde ich ganz normal atmen können, könnte ich mich einfach räuspern und gut wäre die Sache. Bin ich aber nicht, kann ich aber nicht. Also muss ich Sekret absaugen. Das so zäh ist, dass es manchmal fast weh tut. Ich wünsche mir, husten zu können. Kann ich wegen der Trachealkanüle aber auch nicht. Grr.
Ich hänge also gerade an der Dialyse und ich ärgere mich, diesmal außerdem, weil mein rechtes Bein wieder schmerzt. Es ist immer noch taub, zur Außenseite hin, und schmerzt so, dass ich schreien würde, könnte ich es, wenn man die Innenseite nur ganz vorsichtig berührt. Nervenschmerzen. Sie sind ein wenig erträglicher geworden mit der Zeit, aber nicht weg. Mein Knie ist komplett taub. Ich kann nicht einmal auf den Knien knien, weil ich dann schlicht fast immer zur Seite umfalle – kein Gefühl im Knie! Kein Halt, keine Balance. Nüscht. Bücken und aus der Hocke hochkommen kann ich sowieso nicht.
Alles in allem: Mängelexemplar.
Während ich mich also immer noch ärgere, fällt mein Blick auf Herrn M., einem grandios netten älteren Herrn, der mir direkt gegenüber auf dem Bett liegt (sprich: auch dialysiert wird). Ich mag Herrn M. sehr, er hat mir gerade die erste Zeit in der Dialyse, als es mir noch so richtig schlecht ging, erträglich gemacht mit seinem oft polterigen Humor und durch seine ironische Art. Er kann andere und sich selbst am meisten auf die Schippe nehmen. Herr M. hat meine Fortschritte genau beobachtet. Er ist immer schon früher in der Dialyse als ich und bekommt also mit, wenn ich dort samt Pfleger und Gepäck (als wollte ich 1 Woche urlauben) auflaufe. Neulich fragte er mich, ob ich mich auch noch an alles erinnere und bevor ich antworten konnte, fuhr er fort: „Erst wurden Sie mit Krankentransportern im Liegendtransport gebracht. Sie konnten sich nicht rühren und rappeln, nicht drehen, kurz: sich gar nicht bewegen. Irgendwann brachten die Krankentransporter Sie in so einem Transportstuhl, obwohl Sie noch gar nicht allein aufstehen konnten. Man musste Sie von vorne umarmen und aufs Bett drehen, damit Ihnen nicht die Beine wegknickten. Nur ein wenig später wurden Sie in Ihrem eigenen Rollstuhl gebracht, ohne Transporter, einfach nur der Pfleger und Sie. Dann, plötzlich, auf einmal, kamen Sie mit dem Gehwagen. Ihre Beatmungsmaschine stand oben auf der Sitzfläche, Ihre mobilen Sauerstoffbehältnisse waren vorne drauf. Ganz schön wacklig auf den Beinen, aber hochzufrieden kamen Sie an Ihrem Bett an. Gerade mal eine Woche später kamen Sie genauso an – allerdings unter Spontanatmung! Den ganzen Weg vom Betreuten Wohnen bis in die Dialyse unter Spontanatmung. Toll. Dann, wieder ein Weilchen danach, schob Ihre Pflegerin den Gehwagen – und Sie kamen hinterher an Handstöcken. So wie ich einen zu Hause habe, einen guten altmodischen Handstock. Nur waren Ihre nicht aus Holz, dafür knallrot und höhenverstellbar. Sie kamen also den ganzen Weg unter Spontanatmung an Handstöcken. Und, ich traute meinen Augen kaum, schon beim nächsten Mal kamen Sie ohne Stöcke, freihändig, etwas breitbeinig zwar, aber so, wie es aussah, sehr sicher. Die Phase der Stöcke wollten Sie überspringen, sagten Sie, und ich musste grinsen. […]“
Während ich mich an Herrn M`s Worte erinnere, frei nach dem Motto „Wie ich wieder sitzenstehenlaufen lernte“, lässt mein Ärger ein bisschen nach. Er hat ja Recht. Und inzwischen bin ich sogar zu Hause draußen einmal über einen halben Kilometer unter Spontanatmung gegangen. Wahnsinn.
Und solche positiven Rattenschwänze gibt es für die verschiedensten Tätigkeiten in allen möglichen Lebenssituationen, die ich hier wieder lernen durfte, um so weit wie möglich selbständig zu werden. „Wie ich wieder essen lernte“ (von der Sondennahrung über im Bett gefüttert werden über „Wie ich lernte, ein Butterbrot zu schmieren“ bis zu wieder selbst in der Küche kochen, in Etappen, unter Spontanatmung!), „Wie ich wieder lernte, meinen Körper zu pflegen“ (vom komplett im Bett gewaschen werden über langsam die Hand bis zum Gesicht heben und dies mit dem Lappen berühren über an der Bettkante gewaschen werden bis zu wieder alleine duschen können – vielleicht noch mit kleinen Einschränkungen), „Wie ich lernte, mich an- und auszukleiden“ oder auch, mit das Wichtigste wohl für mich, „Wie ich lernte, den Laptop zu bedienen“ (motorisch, meine ich), also von jemand hebt meinen Arm auf den Bett- und Beistelltisch („Alwina“, mit verstellbarer Tischplatte), ich versuche, diesen mit der linken Hand zu stützen, damit die rechte nicht wieder runterrutscht, und ich tippe im Ein-Finger-Suchsystem-und-Kleinschreibung (sonst natürlich nicht!) meine erste E-Mail bis zu ich tippe so schnell und so blind wie früher (nach der Neuen Deutschen Rechtschreibung). Mit jeweils Dutzenden von kleinen Zwischenschritten.
Diese Rattenschwänze könnte ich natürlich noch in epischer Breite ausführen, lasse es aber tunlichst.
Mängelexemplar?

Ich springe mal mit meinen Gedanken und wechsle abrupt das Thema, denn eine richtig gute Nachricht habe ich noch: Ich werde das Betreute Wohnen verlassen können und nach Hause kommen. Wirklich! Ich hatte ja schon vor geraumer Zeit angefangen, mit dem Gedanken zu spielen; und vor gut drei Wochen haben wir einen Pflegedienst damit beauftragt, sich um die Kostenklärung mit der Krankenkasse zu kümmern und natürlich ein Team zusammenzustellen, das dann für mich da ist in der Zeit, in der mein Mann arbeitet und von zu Hause abwesend ist, also von früh – sehr früh!- morgens bis zum späten Mittag. Mein innerer Stichtag war der 1.8., es wird aber wohl auf den 1.9. hinauslaufen.
Ein bisschen, ehrlich gesagt, graut mir davor. „Fremde Leute“ in der Wohnung, in der es nicht mal ein Gästezimmer für einen Rückzug gibt? Ich werde versuchen, die Dialyse dann natürlich auf die Vormittage zu legen, damit wären dann drei Vormittage schon mal „verplant“. Auch das beunruhigt mich: Neues Dialysezentrum, neue Ärzte, neue Physiotherapeuten – und vor allem, wie finde ich die (zusammen)?
Ich habe Angst vor Veränderungen. Jetzt. Im Moment.
Und ein bisschen, obwohl ich darüber ungern spreche, weil ich auch noch nicht allzu häufig so konkret darüber nachgedacht habe, habe ich auch Angst vor der Zukunft. Wie wird es sich tatsächlich im Alltag anfühlen, so abhängig zu sein? Abhängig nicht nur von der Beatmungsmaschine und dem zusätzlichen Sauerstoff, sondern abhängig auch von in erster Linie wohl meinem Ehemann und dann den entsprechenden Pflegern. Nie mehr allein sein, stundenlang – ich werde es unsagbar vermissen. Nicht mehr alleine rausgehen können, selbst wenn ich irgendwann körperlich dazu in der Lage sein sollte. So richtig machen müssen ja weder die Pfleger noch mein Mann irgendetwas, versorgen kann ich mich (bis auf den Trachealkanülenwechsel) komplett allein. Sie müssen einfach nur da sein für einen eventuellen Notfall.
Wie eingeengt werden wir leben? Nicht einfach mal so spontan für ein Wochenende irgendwo hinfahren können, weil ich alle 2 Tage zur Dialyse muss und ohnehin – woher sollten wir für 2 oder 3 Tage mobilen Sauerstoff bekommen, wenn doch das Gerät zum Nachladen bei uns in der Wohnung steht? Das darf man mal nicht so einfach im Auto transportieren (Gefahrengut). Ein Sauerstoffkonzentrator ginge natürlich, besser gesagt 2, einer für die Beatmung und einer zum Sprechen, aber dann könnte ich mich nicht aus dem Hotelzimmer herausbewegen, geschweige denn dass Sauerstoff für die Rückfahrt da wäre.
Wie ist das mit ins Kino gehen oder Theater oder in ein Konzert?  Die Beatmungsmaschine ist zwar nicht superlaut, aber eben auch nicht still, sie atmet „im Takt“, und sollte ich mal einen „Hustenanfall“ bekommen oder irgendwie so atmen, dass die Maschine meint, das sei nicht richtig, fängt sie, jawohl, ziemlich laut an zu piepsen …
Ich habe die ganzen letzten Monate nie länger als so ein paar Tage im Voraus gedacht und geplant. Wichtig war fast immer nur das Hier und Jetzt. Aber so langsam kommen eben doch auch andere Gedanken. Ich versuche dennoch, positiv zu bleiben. Wenn ich mal ehrlich bin: Wie oft sind wir früher einfach mal so in ein langes Wochenende gefahren? Und alle Naselang im Kino oder Theater waren wir auch nicht. Für einen Besuch bei Freunden reicht der Sauerstoff wohl, zumindest wohl innerhalb von Hamburg, und die Beatmungsmaschine hat ziemlich gute Akkus, die halten auch einige Stunden.
Vielleicht sollte ich eher gespannt sein statt Angst zu haben. Es wird ein anderes Leben. Aber es wird meines. Unseres. Wir haben es verdient!

Zum Schluss noch eine richtig, richtig gute Nachricht: In diesem Monat erscheint mein neues Buch „Langer Atem“, über das ich Ihnen schon im März berichtet habe. Da sich alles ja immer ein bisschen zieht, finden Sie also nicht nur die Monate März 2009 – März 2011 darin, sondern bis Juni 2011. Logisch. Alle Einzelheiten finden Sie hinten (wie das klingt) auf der Webseite unter PS. Klicken Sie einfach hier.

Haben Sie einen guten, hoffentlich sommerlichen Juli.

Juni 2011 – Leben üben

 

Hatte ich mich nicht noch vor einiger Zeit darüber beklagt, dass ich die Wochenenden benötige, um mich zu erholen? Um mich auszuruhen? Kraft zu tanken?
Nun, so schnell ändern sich die Dinge.
Seit Ostern verbringe ich jedes Wochenende zu Hause, inzwischen von Freitagabend bis Sonntagabend. 2 Tage, die für mich anstrengender sind als eine ganze Woche im Betreuten Wohnen. Denn: Ich übe. Ich übe Leben. Alltagsleben. Ich bekoche meinen Mann. Die Zubereitung einer Mahlzeit geschieht in Etappen, zum einen, weil ich noch nicht so lange stehen kann, zum anderen, weil ich das alles unter Spontanatmung mache. (Da komme ich dann auch schon mal auf so Rekordwerte von fast 6 Stunden am Tag!)
Wir üben Routine zu bekommen, z.B. beim „Mathilda“
bepacken, und sei es auch nur für einen kurzen schnöden Spaziergang. Unglaublich, was an Gerätschaften immer alles mit muss! Plus Notfallset und allerlei Gedöns, welches mein Mann im Rucksack auf dem Rücken trägt. Logistisch aber alles super gelöst!
Wir sind sogar schon U-Bahn gefahren, um zu schauen, wie das geht mit all dem Gepäck. Prompt war natürlich der Aufzug am Haltebahnhof außer Betrieb und ich musste Treppen steigen: 20 Stufen, ohne Beatmung und ohne Sauerstoff. Und das mit einem fast tauben rechten Bein. Was soll ich sagen? Hat prima geklappt. Ich muss allerdings dazusagen, dass ich es auch gar nicht erst probiert hätte, wäre ich nicht vorab wirklich sicher gewesen, dass ich es schaffe. Ich kann mich inzwischen ganz gut einschätzen; bin vorsichtig, aber nicht übervorsichtig. Schließlich möchte ich langsam aber sicher meine Grenzen erweitern, immer ein bisschen weiter über den Tellerrand schauen.
Ich war inzwischen mit meinem Mann auch öfters einkaufen. Kompliziert! Wenn Mathilda beladen ist und ich drin sitze, muss alles, was extra dazukommt, bei mir auf dem Schoß transportiert werden. Kein Problem bei einem neu gekauften, leichten Kleidungsstück – bei einem Wochenendeinkauf sieht das aber schon ganz anders aus! 
J
Außerdem habe ich begonnen, im Geiste eine „schwarze Liste“ zu führen: Geschäfte in Eimsbüttel, die für einen Rollstuhlfahrer (selbst mit Begleitung) nicht zu betreten sind, u.a. wegen zu hoher Treppenstufen am Eingang; Geschäfte, die wir zwar betreten, uns dann aber nicht mehr bewegen können, u.a. wegen zu enger Gänge; Geschäfte, die wir sowohl betreten als auch uns darin bewegen können, aber aus denen wir nicht mehr herauskommen, u.a. wegen eines Kassenbereiches, der noch schmaler ist als Mathilda. Ich muss kein Hellseher sein um jetzt schon zu behaupten, dass sich diese Liste noch fortsetzen wird, je größer mein Aktionsradius wird. L
Ich übe.
Normale Sachen, die ich früher aus dem Effeff getan habe. Sachen, die zu erledigen ich heute 3-5x so lange benötige. Aber ich realisiere, dass vieles geht, wenn ich mich nur genug anstrenge.
Letztes Wochenende hatte ich mir in den Kopf gesetzt, unbedingt Marmelade kochen zu wollen. (Mein Mann drehte schon vorab mit den Augen.) Gesagt, getan. Es dauerte: lange. Aber: Superlecker ist sie geworden, und eine ganz wunderbare Farbe hat sie. (Übrigens: Es ist Erdbeer-Melonen-Marmelade mit einem Hauch von Vanille.)
Nächstes Wochenende möchte ich endlich wieder einmal Brot backen. Ich liebe es, frischen Teig zwischen meinen Fingern zu haben und ihn zu kneten.
Sie sehen: Ich übe Alltag.
Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, jetzt die Wochenenden zu Hause zu verbringen. In langsamen Schritten wieder ins normale Leben – jenseits von Krankenhäusern oder Betreuten Wohnen WGs – zurückzukehren.
Auch eine erste kleine Belastungsprobe haben wir bereits hinter uns und gut und ziemlich souverän gemeistert: An einem schönen Sonntagvormittag (wir erwarteten gerade den Besuch meiner Kusine) verfiel die Beatmungsmaschine aus heiterem Himmel in einen Daueralarmpiepston und signalisierte im Display „Schlauchsystem überprüfen“. Da meine Maschine mich öfters dazu auffordert (allerdings sonst immer nur mit einem einmaligen Piepsen und nicht mit Daueralarm) reagierte ich so wie immer: Zunächst schaltete ich die Maschine aus und kurz danach wieder an. Oft reicht das. An dem Sonntag nicht. Daraufhin wechselte ich den HME-Filter. Das funktioniert sonst auch öfters. An dem Sonntag nicht. (Langsam realisierte ich inzwischen auch, dass die Maschine nicht mehr funktionierte. Auch merkte ich, dass ich keinen Sauerstoff mehr bekam.) Daraufhin wechselte ich tatsächlich das komplette Schlauchsystem an der Maschine – leider auch ohne den gewünschten Erfolg: Immer noch Dauerpiepstöne ohne ein Funktionieren der Maschine. Also schaltete ich ziemlich entnervt das Gerät ab, mein Mann holte die Beatmungsmaschine Nummer 2 und schloss mich dort an. Aber genau das hatte ich vermeiden wollen. Denn mit meinem Erstgerät betreibe ich ja auch noch Weaning, also Beatmungsentwöhnung, zusätzlich zu meiner Spontanatmung. Das bedeutet, dass an dem Erstgerät Parameter wie Druck (der Druck, mit dem die Maschine Luft in meine Lunge pustet), Peep (der Druck, der in der Lunge verbleibt, damit sie sich beim/nach dem Ausatmen nicht komplett zusammenfaltet und man sie mit jedem einzelnen Atemzug komplett neu aufblasen muss) oder auch Atemfrequenz (die Anzahl der Atemzüge, die von der Maschine unterstützt wird) nach und nach, meist in wöchentlichen Abständen gesenkt werden. Heißt für mich: Es wird anstrengender. Ich kann allerdings auch sagen, dass ich die jeweils neuen Parameter bislang sehr gut angenommen habe.
Nun ist die 2. Maschine aber anders eingestellt, sie geht immer so 2-3 Wochen „nach“ für den Fall, dass es mir zwischendurch doch zu anstrengend werden sollte und ich mich mal an der 2. Maschine „ausruhen“ möchte. (Musste ich bislang aber nicht, glücklicherweise!) Oder natürlich für den Fall einer Infektion, bei der das Atmen sowieso schwerer fällt.
Jedenfalls hatte ich es vermeiden wollen, an die „leichter“ eingestellte Maschine zu müssen, weil ich ein wenig Angst hatte, mich später nicht mehr an die alten, „schwereren“ Parameter adaptieren zu können. Und natürlich wurmte es mich auch ein bisschen, die Maschine nicht wieder funktionsfähig bekommen zu haben. (Sehr beruhigend allerdings die Tatsache, dass der Techniker, der abends gegen 23.00 Uhr die Maschine genau unter die Lupe nahm, es auch nicht schaffte. Er musste die Maschine einschicken und ich bekam ein Leihgerät.)

Leben üben ist – anstrengend.
Ist wunderbar. Jeder Schritt (im wahrsten Sinne des Wortes) motiviert zum nächsten.
Leben üben gibt – Hoffnung.
Nährt Sehnsüchte. Die aber nicht mehr gänzlich unerreichbar scheinen.

Ich wünsche einen fröhlichen Juni. Mit viel Anstrengung. Mit Hoffnung, die trägt, mit Sehnsüchten, die vielleicht erfüllt werden oder deren Erfüllung in erreichbare Nähe rückt.

PS: Im Juni erscheint die Lyrik-Prosa-Anthologie „Die Facetten der Liebe“. Mein Beitrag dazu die Erzählung „Die Dinge, wie sie sind“. Genaueres unter PS hier auf der Website.

Mai 2011 – Integration oder: „Heeerz!!! Kannst du mal Herrn Meier holen?“

Zum ersten Mal seit zwei Jahren habe ich eine Nacht zu Hause verbracht, von Samstag auf Ostersonntag. Nur mit meinem Mann, ohne zusätzliche Pflegekraft des Pflegedienstes. Und soll ich Ihnen mal was sagen? Das war sehr sehr gut. Alles hat prima geklappt, wir haben ziemlich schnell gemerkt, wo welche Geräte am günstigsten zu stellen sind, damit ich möglichst viel selbständig machen kann und nicht ständig auf Hilfe angewiesen bin. Wir haben den Gehwagen (Darf ich vorstellen: Herr Meier) in die Wohnung integriert, sodass ich tatsächlich alle Wege dort selber gehen kann. Da unsere Wohnung relativ klein ist, würde ich diese Wege sogar ohne Herrn Meier (und ohne Beatmungsmaschine) schaffen, wenn, ja wenn ich nicht auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen wäre. Diesen mobilen Sauerstoffkanister vermag ich noch nicht selbst über der Schulter zu tragen, das ist noch zu schwer und würde mich noch arg aus dem gerade gehaltenen Gleichgewicht auf 2 Beinen werfen …
Wie auch immer, natürlich fallen die ganzen Maschinen im Wohnzimmer und das ganze übrige Zubehör etwas unschön ins Auge, es stört ein bisschen „meine Harmonie“ in der Wohnung und macht doch schon ganz klar, worauf es mir ankommt, wenn ich zu Hause bin und irgendwann ja auch wieder ganz sein werde: Meine Krankheit nimmt viel Raum ein. Ist dominant. Trotzdem möchte ich verhindern, dass ich mich von ihr dominieren lasse. Sondern ich möchte sie integrieren. Wie die Maschinen im Wohnzimmer, ohne dass es gleich nach Krankenhaus aussieht. Ich sehe die Krankheit als Teil von mir (jetzt endlich!) und damit als eine Art „Selbstverständlichkeit“. Ich möchte nicht, dass sie noch besonderer wird als sie in ihrer Dominanz sowieso schon ist. Sie begleitet mich, steht neben mir, ich will mich ihr aber nicht unterordnen. Ich möchte, dass es keinen schalen Beigeschmack gibt, wenn z.B. jemand zum Kaffee da ist und ich mich nebenbei mal absauge. Oder mal eben von der Beatmungsmaschine auf Spontanatmung oder umgekehrt stöpsle. Ich möchte kein Verstecken und keine Peinlichkeiten. Alles soll so sein wie es nun mal ist. (Nur meine normale Stimme, die hätte ich schon gern wieder! Geht aber nicht, so lange ich noch die Trachealkanüle im Hals trage.)
Natürlich weiß ich, dass das nicht nur von mir abhängig ist. Aber vielleicht kann ich es ja schaffen, diese „Selbstverständlichkeit“ auszustrahlen, mich mit ihrer Aura zu umgeben, um es einmal hochtrabend auszudrücken.
Das fiel mir auch ganz besonders gestern auf. Gestern nämlich war ich mit meinem Mann das erste Mal seit, ich weiß nicht, 2,5 Jahren wieder in so etwas wie Stadt. Natürlich nicht gleich in der HHer Innenstadt, aber wir waren in hier Volksdorf spazieren, in der Einkaufsstraße. (D.h. ich natürlich im Rollstuhl, ähem, darf ich vorstellen: Mathilda, ausgesprochen wie in Waltzing Mathilda.) So viele Menschen, Geschäfte! Ich hatte, zugegeben, vorher ein klein bisschen Angst, weil ich vermutete, dass mich das (das Leben!) vielleicht ein wenig überfordern würde, aber nein, das hat es nicht, ich habe es sehr genossen. Woran ich mich allerdings noch gewöhnen muss, ist das Anschauen der Menschen. Sie gucken. Rollstuhl an sich ist ja schon fast normal, aber die Kanüle im Hals ist, leider, doch ein kleiner Hingucker. O.k., es war strahlender Sonnenschein und ich hatte nur ein sommerliches Top an, hatte also die Kanüle wie auf dem Präsentierteller – aber ich vergesse sie ja oft genug schon selbst. Und ich habe gelächelt. Viel gelächelt. Die meisten Leute, die geschaut haben, haben dann nicht peinlich berührt (weil „ertappt“) beiseite geschaut sondern zurückgelächelt. Mag ja sein, dass die Volksdorfer ein extrem freundlicher Schlag von Menschen sind (sogar die Jugendlichen sagen „danke“, wenn sie einen auf dem Fahrradweg überholen und vorher geklingelt haben, da wir mit Mathilda im Weg waren!) – aber im Stillen hege ich doch die Hoffnung, dass diese Reaktion auch ein wenig auf meine Ausstrahlung, auf meinen Umgang mit der Kanüle (eben: selbstverständlich) zurückzuführen ist.
Und: Lächeln fällt mir nicht schwer im Moment. Seit einigen Wochen merke ich, wie schön es ist zu sagen: Es geht mir ganz gut. Und nicht mit der Einschränkung hinterher: … den Umständen entsprechend …
Haben Sie einen guten Mai. Mit einem Frühling, der vielleicht weiterhin so tut als sei er der Sommer. Für mich vereinfacht das die Rückkehr ins Leben ganz ungemein!

April 2011: Disziplin

Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, diesen Monat etwas über Disziplin zu schreiben. Das vorweg.

Es ist Samstag, mittlerer Nachmittag, und ich bin gerade aufgewacht. Mein Kopf fühlt sich noch ein bisschen gaga an und ich versuche zu rekapitulieren, was passiert ist. Scheint einfach: Ich bin vorhin einfach eingeschlafen und habe anderthalb Stunden geschlafen wie ein Baby. Das ist mir so noch nie passiert. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen.
Es ist Samstag, Wochenende und ich muss ein bisschen grinsen. Ich fühle tatsächlich, dass Wochenende ist: Keine Physiotherapie, keine irgendwelchen anderen Untersuchungen, keine Dialyse. Es fühlt sich fast ein bisschen … normal an. Und außerdem fühlt es sich ein bisschen so an, als müsse ich mich erholen. Das ist mir nicht ganz geheuer, zumal dies „müsse mich erholen“ eigentlich so auch nicht stimmt. Es ist sogar mehr: Ich brauche diese zwei Tage, um ein bisschen Luft zu holen, um ein bisschen abzuschalten, und tatsächlich auch, um mich auszuruhen. Als ich anfing, hier kleinste Fortschritte zu machen, haben mein Mann und ich die Wochenenden dazu genutzt (weil dann die Zeit da war), zu üben, zu üben und noch mal zu üben. (Das nenne ich mal Disziplin!) Natürlich probieren wir jetzt an den Wochenenden auch noch mal Dinge aus, für die ich sonst abends nach dem Tagesprogramm zu schlapp bin (wie z.B. ins Treppenhaus gehen und schauen, ob ich Treppen steigen kann), aber in den letzten Wochen war es auch am Wochenende ganz oft so, dass wir überhaupt kein Programm hatten, manchmal auch keinen Besuch, und dann haben wir oft stundenlang einfach nur nebeneinander oder uns gegenüber gesessen, haben, jeder für sich, gelesen, getippt oder die Gedanken einfach schweifen lassen. So normal! An manchen Tagen haben wir auch stundenlang miteinander geredet, über Gott und die Welt, über alles und jeden, nur nicht unbedingt über Krankheit. Normal!
Es ist ja nun auch nicht so, dass ich wochentags den lieben langen Tag hier im Bett verbringe, Löcher in die Luft starre oder alternativ Solitär am Computer spiele, um die Zeit totzuschlagen. Meine Woche ist schon gut ausgefüllt. Seit ich mich weitestgehend selbst versorge, auch die täglichen kleinen Dinge wie Filter und Gänsegurgel an meinem Schlauchsystem zu wechseln, mein Tracheostoma mehrmals täglich zu reinigen und neu zu „verbinden“, mich regelmäßig abzusaugen, realisiere ich erst, wie zeitaufwändig das alles zusammengenommen ist. Auch einfach mal auf Toilette gehen dauert. Is nich einfach aufstehen und los, nein, ich muss mich vorher auf Spontanatmung umstöpseln, den mobilen Sauerstoffbehälter, der vorne auf dem Rollator steht, anstellen, denn ohne Beatmung geht es schon eine Weile, ohne Sauerstoff aber nicht …So vergeht Zeit, obwohl das Bad gleich schräg gegenüber meines Zimmers ist. Disziplin?
Ich verpenne jetzt auch nicht mehr den halben Vormittag, darüber hatte ich mich ja letzten Monat noch beklagt, sondern ich wache seltsamerweise jetzt wirklich früh auf und bleibe dann wach. Das hat zwar noch nichts mit meinen sonstigen frühmorgendlichen Stunden am Schreibtisch zu tun, aber ich komme dem einen Schritt näher. Ich versuche, konsequent mindestens schon mal drei Stunden am Tag zu arbeiten, zu korrigieren (und ich habe genug Arbeit hier liegen). Disziplin? Korrigieren klappt erstaunlicherweise ganz besonders gut in der Dialysezeit. Hat dann ja auch den Vorteil, dass diese langen Stunden in der Dialyse gar nicht mehr so lang erscheinen und tatsächlich viel schneller vorbeizugehen scheinen … Disziplin?
Ich gehe täglich meinen Rundgang durch die WG, auch wenn ich eigentlich viel zu schlapp bin und mich müde fühle. Disziplin?
Ich habe mich dumm und dusselig gesucht nach einer „ordentlichen“, nachvollziehbaren, kurzen und schmissigen Definition von (allgemeiner) Disziplin. Am Ende fand ich folgende, der Verfasser ist mir leider nicht bekannt, im Internet: 
      „Disziplin ist nur eine Frage der Zielbewusstheit. Wer seine inneren Bilder klar vor Augen hat, 
      kann die nächste Handlungsgelegenheit gar nicht abwarten.“

Ist es tatsächlich so einfach?
Ich denke, meine inneren Bilder sind ziemlich klar. Mein Ziel ist mir durchaus bewusst. Deswegen bin ich aber noch längst nicht wild auf jede nur erdenkliche Möglichkeit, etwas zu tun. Zu üben. Zu festigen. Oder auch immer mal wieder noch neu zu lernen. Ich tue es trotzdem. Immer wieder, jeden Tag, auch wenn ich manchmal regelrecht dazu zwingen muss. Ängste überwinden muss. Disziplin?
Gehorche ich? Mir selbst? Dem Pflegeteam? Ich erinnere mich noch gut an ein paar Situationen. Eine Pflegerin, die mich oft zur Dialyse begleitet, meinte vor, ich weiß nicht mehr genau, sechs Wochen oder so: „So, Frau Hartmann, heute bringe ich Sie nicht im Rollstuhl zur Dialyse, heute laufen Sie selbst mit dem Rollator.“ Ich: „Ganz bestimmt werde ich das nicht tun.“ Und dann bin ich selbst gelaufen, am Rollator, und es klappte wunderbar. Ein paar Dialysen später kam sie an und meinte: „So, Frau Hartmann, eigentlich könnten Sie heute doch auch mal ohne Beatmung bis zur Dialyse gehen.“ Ich: „Ganz bestimmt werde ich das nicht tun.“ Und dann bin ich ohne Beatmung gegangen, und es ging gut.
Disziplin? Gehorchen? Der kleine Tritt in den Allerwertesten, der mir vielleicht manchmal gut tut?

Und was will ich mit alldem hier sagen? Keine Ahnung. Mich selbst bestätigen vielleicht. Da ich wochentags genug Selbstdisziplin besitze, um alle Dinge so zu erledigen, dass ich oft das Gefühl haben kann, es geht voran. Dass ich dann am Wochenende kein schlechtes Gewissen zu haben brauche, wenn ich mal ein Stündchen schlafe. Und dann aufwache, mich ein bisschen gaga im Kopf fühle und solcherlei Texte wie diesen hier produziere.

  Ich wünsche Ihnen einen angenehmen April. Mit Disziplin und Fallenlassen, mit „einfach machen“ und „einfach lassen“.

Nachtrag März 2011


Ich habe mich riesig darüber gefreut und bedanke mich ganz doll! Hören Sie selbst.

März 2011 – Standpunkte

Es ist wie bei der Wettervorhersage: Hamburg, -4°C, gefühlte -9°C. Der Unterschied also zwischen dem objektiv Messbaren und dem subjektiv Gefühlten …
Man kann es eher negativ oder eher positiv sehen. Ich könnte sagen, hier herrscht völlige Stagnation, bisweilen sogar Rückschritte, ich könnte aber auch sagen, ich lege gerade eine (verdiente) Ruhepause ein nach vielerlei Fortschritten. Letzteres klingt natürlich sehr viel besser, gefühlt ist es aber eher ersteres.
Dieser Monat ist etwas Besonderes.
Dieser Monat ist insofern etwas Besonderes, als dass ich ein neues Buch geschrieben habe, das diesen Monat fertig wird und dann an den Verlag geht. Hoffentlich nimmt er es dann auch so an, wie es ist. Ich könnte auch sagen, mit diesem Monat endet dies neue Buch. Denn darin habe ich einmal die letzten zwei Jahre zusammengefasst: vom Warten auf die Lungentransplantation, von der Zeit nach der OP auf der Intensivstation, und der ganzen Zeit jetzt im Betreuten Wohnen, hier, wo ich endlich begann, kleine und dann größere Schritte Richtung Leben zu machen. Für die Zeit, an die ich fast keinerlei Erinnerung habe (direkt nach der OP und fast bis zum Betreuten Wohnen) lasse ich andere zu Wort kommen: meinen Ehemann und meine Freundin.
Aber das Buch ist nicht nur Bericht mit mehr oder weniger philosophischen Gedanken aus (m)einer Parallelwelt. Zwischendrin gibt es immer wieder Erzählungen und Lyrik aus der entsprechenden Zeit. Ich finde, es ist eine ganz gelungene Mischung. Trotzdem (oder deswegen) habe ich jetzt das Gefühl, ich müsste einmal ein kleines Resümee ziehen: Wo stehe ich jetzt? Was „kann“ ich? Wohin geht der weitere Weg?
Objektiv muss ich wohl sagen, dass ich ganz schön selbstständig geworden bin, gerade in den letzten Wochen. Ich kann mich selbst von der Beatmungsmaschine abstöpseln und an die Spontanatmung anschließen und umgekehrt. Ich kann mich, wenn ich entsprechend mit Spiegel hantiere, selbst absaugen, also mein Sekret absaugen, meine ich.
Ich kann mich alleine aufsetzen, vom Bett, vom Stuhl. Ich benötige den Rollstuhl fast gar nicht mehr (natürlich für größere Spaziergänge), weil ich selbstständig am Rollator kleinere und manchmal auch etwas größere Wege  gehen kann, wenn man ihn mir vor die Füße stellt. D.h. ich kann auch so alltägliche Sachen bewältigen wie selbstständig auf die Toilette gehen (sehr wichtig). Auch den Weg zur Dialyse dreimal die Woche kann ich selbst gehen, gefühlte 3 km, in realitas vielleicht (?) 75 Meter, ein Weg. Immerhin gehe ich diesen Weg auch ohne Beatmung, genau wie alle anderen Wege. All das übt, denn das Einzige, was ich wirklich noch nicht kann, ist länger selbstständig atmen. Ich weiß, ich konnte es schon mal über zwei Stunden, aber das geht im Moment gar nicht.
Deswegen auch das Gefühl der Stagnation bzw. des Rückschrittes.
Es beunruhigt mich fast, dass ich deswegen nicht noch beunruhigter bin. Aber ich habe die große Hoffnung, dass auch dies nur eine Phase ist, die wieder vorbei geht. Vielleicht reicht meine Kraft momentan nicht für beides: viel Laufen üben, viel in Bewegung sein (auch geistig) – und dann auch noch Atmen? Trotzdem übe ich jeden Tag, und wenn man alle kleinen Wege ohne Beatmung zusammenzählt, na ja, ein bisschen kommt da dann auch zusammen.

Ich bin inzwischen – nach neun Monaten – auch endlich einmal zu Hause gewesen, einen ganzen Nachmittag lang. Als die Planung stand, dachte ich, ich würde zu Hause sowieso nur heulen, weil ich so berührt sein würde, aber weit gefehlt. Ich konnte es zum großen Teil einfach sehr genießen, auch wenn es sehr anstrengend war. Und es war nicht nur anstrengend, es war natürlich auch sehr aufwändig: Immerhin mussten wir fast mein ganzes Zimmer (bis auf die Möbel …) mitnehmen, alle Maschinen und auch noch alle doppelt für den Fall, dass eine ausfällt. Mit dabei war Pflegerin Olga, der ich hiermit nochmals herzlich danke für die Überstunden, die sie meinetwegen geschoben hat.
Nach diesem Besuch zu Hause haben mein Mann und ich angefangen, alles das selbst zu üben, was wir vorher noch nicht selbst gemacht hatten, vornehmlich das Absaugen des Sekrets. Anhand einer x-seitigen Checkliste konnten wir sehen, wie fit wir in den Bereichen der Pflege sind. Detlef wird jetzt noch die Gelegenheit haben, öfter beim Trachealkanülenwechsel zuschauen zu können; und wenn er möchte, darf er es auch einmal selbst probieren dann. (Ehrlich gesagt habe ich davor ein wenig Schiss, denn er wird bestimmt besonders vorsichtig sein und gerade das ist falsch und tut nur noch mehr und länger weh. Ein bisschen gezielte Gewalt ist da angebrachter, dann ist die Kanüle schnell raus und auch relativ schnell wieder drin …) Auch eine Notfallschulung hat man für Detlef für  diesen Monat organisiert.
Das alles hat zur Folge, dass wir auch einmal allein weggehen können, nach Hause können, ohne dass noch ein Pfleger oder eine Pflegerin dabei sein muss. Vielleicht darf ich dann ja auch mal ein ganzes Wochenende zu Hause sein. Das wäre insofern auch wichtig, als dass wir schon einmal schauen könnten, für welche Bereiche wir – sollte ich denn irgendwann mal ganz zu Hause sein – vielleicht externe Hilfe (also einen Pflegedienst) beauftragen müssten, denn Detlef arbeitet ja auch. Auch könnten wir schon einmal schauen, wie und wo man entsprechende Gerätschaften stellt oder besser: positioniert, damit ich auch allein einigermaßen zurechtkommen könnte. Vorstellen können wir uns einen Pflegedienst allerdings nur stundenweise. Rund um die Uhr ginge nicht, denn in unserer 2-Zimmer-Wohnung (mit dem Wohnzimmer als Durchgangsraum) würden wir uns, wären wir ständig zu dritt, sicherlich schnell die Köpfe einschlagen.
Ich glaube, fast am meisten freue ich mich darauf, zu Hause am heimischen Schreibtisch zu sitzen. Ich merke es hier in den ganzen letzten Wochen, dass es mir sehr gut tut, wieder zu arbeiten (ich habe gerade einen längeren Roman bzw. Erlebnisbericht zum Lektorat hier) oder aber auch zu schreiben, denn ich bin ansonsten oft genervt von mir und davon, dass ich mich so schlapp fühle und dann gehen lasse. Da ich nachts im ¾-Stunden-Takt wach bin, weil entweder die Pfleger zum Messen kommen, ich aufs Klo muss oder Hunger habe (manchmal lasse ich mir nachts bis zu sechs Scheiben Brot schmieren!!!), schlafe ich oft den halben Vormittag durch. Das passt mir gar nicht und passt auch nicht zu mir. Ich bin immer Früh-, man könnte auch sagen Frühstaufsteher gewesen und die morgendlichen Stunden am Schreibtisch (alternativ hier am Laptop) vermisse ich sehr. Geht im Moment aber nicht. Wie so vieles. Aber anderes geht. Ich werde selbstständiger. Ich kehre im wahrsten Sinne des Wortes Schritt für Schritt ins Leben zurück. Ich werde es schaffen.
Ich wünsche einen möglichst frühlingshaften März. Melde mich zwischendurch noch einmal.

PS: Ach ja, der Titel meines neuen Buches: „Langer Atem“. Passt doch, oder nicht?

Februar 2011 – savage tulips

Nein, natürlich haben wir noch keinen Frühling.
Aber neulich sagte ich zu meinem Mann, er möge doch bitte die ersten Tulpen, die er in irgendeinem Laden sieht, mitbringen. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum, schließlich will ich – genau wie im letzten Jahr – keinen Frühling, weil er mich nur umso deutlicher daran erinnert, wie lange diese unsägliche Krankengeschichte schon dauert. Dennoch wollte ich Tulpen. Sie blühten einige Tage auch sehr schön und statt die Köpfe hängen zu lassen, sind sie sozusagen nach innen oder innerlich vertrocknet. Ganz klein und fast knochig (ganz anders auf der obigen Bildleiste, das waren Tulpen aus dem letzten Jahr) sahen die ehemals prachtvollen Blütenköpfe aus, selbst die Stängel, so war jedenfalls mein Gefühl, vertrockneten und wurden dünner und gerader. Sie zogen sich zurück, irgendwie.
Ähnlich fühle ich mich auch. Objektiv gesehen mache ich immer noch Fortschritte, ständig passiert hier zwar etwas Neues und es geht, manchmal sogar in etwas größeren als kleinen Schritten, beständig weiter, subjektiv fühle ich mehr Stagnation als alles andere. Ich merke, wie ich immer sensibler werde, ich fühle mich ganz leicht „angefasst“, lege jedes Wort auf die Goldwaage und bade mich oft in meiner Sehnsucht. (Ja, der Spagat zwischen Physis und Psyche.) Immer noch geht mir alles nicht schnell genug und außerdem kann mir natürlich immer noch keiner versprechen, dass alles gut geht. Oft muss ich mich selbst zwingen, all die kleinen Schritte immer und immer wieder zu wiederholen, um eben nicht stehen zu bleiben. Das ist meine größte Angst: irgendwann womöglich zu wissen: weiter wird es nicht mehr gehen. Die Angst, dass es hier doch die Endstation wird, dass ich nie wieder nach Hause werde kommen können, nie mehr mit meinem Mann an den kleinen Weiher bei uns werde spazieren gehen können und derlei Sachen mehr. Immerhin durfte ich neulich schon zweimal mit meinem Mann und Pfleger/in nach draußen. Raus! Sie können sich kaum vorstellen, was das für mich bedeutet. Himmel sehen, Wolken, und zwar nicht durchs Fenster. Es war wunderschön, auch wenn es beim ersten Mal ein bisschen geregnet hat und beim zweiten Mal wirklich eine schöne Hamburger ssstteife Brise wehte, mir genau ins Gesicht. Und das bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt.
Es waren Geschenke, die wiederum die Sehnsucht nähren.
Der Dialysearzt hat mir vor zwei Wochen gesagt, wie er meinen Weg sieht: weg von der Beatmungsmaschine, dann 6-8 Wochen schauen, wie es funktioniert, wenn ich nur alleine atme und dann eine Lebend-Nieren-Spende. Uff, das hat wieder mal gesessen. Lebendspende deshalb, weil ich eine Wartezeit von mittlerweile 7 (in Worten: sieben) Jahren nicht überleben würde. Was ich brauche, ist einen Spender mit derselben Blutgruppe. Da haben wir ein ähnliches „Problem“ wie bei der Lunge (auch, wenn es da nicht um Lebendspende ging): Ich mit Blutgruppe 0 bin zwar Universalspender für alle anderen Blutgruppen, darf aber selbst nur 0 bekommen. Und in der Regel dürfen es bei Lebendspenden nur wirklich nahe Angehörige / Verwandte sein, in Ausnahmefällen auch ein/e Freund/in, mit dem / der ich quasi seit der Kindergartenzeit befreundet bin. Und: Alle potenziellen Spender werden vor / von einer Ethikkommission geprüft. (Nicht, dass ich mein Sparkonto plündere und jemandem vorm Hauptbahnhof eine Niere abkaufe.) Allerdings sieht es so aus, dass keiner aus meiner Familie ein passender Spender ist. Auch nicht mein Ehemann. Was bleibt, ist jetzt also über eine blutgruppeninkompatible Spende nachzudenken. Ja, auch das gibt es inzwischen, wenn auch natürlich nicht häufig und nur in speziellen Zentren.
Dann versuche ich natürlich weiterhin, mich einzulassen. Nicht nur auf meinen Heilungsprozess, sondern auf das, was andere mir vom Leben berichten: vom geplanten Hauskauf einer Freundin, einem London-Kurztrip meiner Kusine mit vielen virtuellen Postkarten für mich, von besuchten Lesungen von Bekannten, von Wettbewerbsausschreibungen, bei denen fast alle Kollegen, mit denen ich in Kontakt bin, „schon eine Geschichte haben“, nur mich so überhaupt kein Plot anfliegt, auch wenn schon die halbe Pfleger/innenschaft am Brainstorming beteiligt ist.
Aber apropos Text: Vom 22.-28. Februar können Sie unter www.weblesungen.de meine Erzählung „Im nächsten Leben“ aus dem Buch „Zwischen den Schatten“ anhören. Klicken Sie doch mal rein. (Die Weblesungen werden im Auftrag der Hamburger Kulturbehörde seit 2001 von Rüdiger Käßner organisiert und präsentiert.)

Und doch, Sie werden es ahnen, spielt auch das Gefühl von Neid eine Rolle. Ich beneide die Menschen, die alles das können, was ich jetzt nicht kann, was ich vielleicht nicht einmal tun möchte im Moment; es geht, glaube ich, einfach um das „Ich könnte, wenn ich wollte“, und das kann ich nun mal nicht. Alltagsdinge, Kleinigkeiten, über die selten jemand nachdenkt, sondern die selbstverständlich sind. Einfach morgens aufwachen und aufstehen können. Auch das erinnert mich an „früher“: Noch vor ein paar Jahren gehörten diese Augenblicke zwischen dem Aufwachen und Aufstehen zu den schönsten des Tages für mich; wenn ich mit meinem Mann auf der Bettkante saß und wir den ersten Kaffee des Tages gemeinsam tranken, noch ein bisschen dizzy von der Nacht, aber offen für den gerade beginnenden Tag. Sich dann einfach anzuziehen, an den Schreibtisch zu setzen, zu arbeiten, zu schreiben, zu korrigieren, vielleicht ein bisschen die Wohnung auf Vordermann bringen, auf dem Markt frisches Gemüse zu kaufen und eine kleine Mahlzeit vorzubereiten, wenn mein Mann von der Arbeit kommt.
Einfach so rausgehen zu können: Jacke an und los. Geht nicht, geht alles nicht. Da bin ich schon neidisch, das dürfen Sie mir gern glauben. Gut ist das nicht, ich weiß, Neid zerfrisst die Seele und verhindert eben, dass ich mich arrangieren kann. (Obwohl ich denke, dass ich das sowieso nicht gut kann: Niemals würde ich mich mit der Situation abfinden, wie sie jetzt ist. Aber vielleicht ist abfinden auch nicht das gleiche wie arrangieren.)
Damit Sie aber endlich auch mal wieder ein paar ausschließlich positive Texte lesen können statt immer nur Frust oder über Krankheit, habe ich tief in der Schublade gegraben und vier kurze Beschreibungen für Raumparfüms wieder rausgekramt, die ich vor Jahren mal für die Firma Organic Avenue geschrieben habe. Wirklich sehr schön, der Auftrag hat Spaß gemacht. Sie finden die Texte hier auf dem Schreibtisch. Viel Spaß damit.
Und nicht vergessen: Vom 22.02. an der Text „Im nächsten Leben“ bei den Hamburger Weblesungen.
Ich wünsche einen angenehmen Februar, vielleicht mit beginnendem Frühling, vermutlich eher aber noch mal mit Schnee und Eis.

Januar 2011 die 2. – Risiko

Januar 2011 – I`m walking …

Es ist Ende Dezember und wir befinden uns in der Zeit, die man „zwischen den Jahren“ nennt. Das alte Jahr ist noch nicht ganz vorüber, das neue hat noch nicht begonnen. Es ist die Zeit, in der gute Vorsätze für das neue Jahr geschmiedet werden, die man Silvester großartig herumposaunt und die oft schon am Neujahrstag wieder vergessen sind, meist ohne schlechtes Gewissen.
Ich habe nur einen einzigen Vorsatz, wobei Vorsatz eigentlich das falsche Wort ist, Wunsch passte besser oder Hoffnung auf … und zwar, dass ich nicht aufhöre, mich immer wieder zu motivieren auf dem Weg zurück ins Leben.
Viel hat sich getan in den letzten zwei Wochen. Zum einen habe ich wider Erwarten doch mit der Entwöhnung von der Beatmungsmaschine begonnen, eine der Schwestern hier meinte, wir könnten es doch einfach mal probieren, und wenn’s nicht mehr geht, dann ist eben Schluss. (Ja ja, das haben sie im Krankenhaus auch gesagt, dann die Beatmung abgestöpselt und mich allein gelassen.) Hier aber ist es tatsächlich der Fall: Wenn ich sage „Ich kann nicht mehr. Es ist gut.“, dann werde ich sofort zurückgestöpselt an die Beatmung. Hier ist auch die ganze Zeit über jemand anwesend, ich werde nicht eine Sekunde allein gelassen dabei. Das zahlt sich aus. Mein „Rekord“, wenn ich das mal flapsig so nennen darf, liegt jetzt bei 32 Minuten Spontanatmen, also selbstständig atmen.
Und dann, neulich, als ich mal wieder das Gefühl von Starre und Stillstand hatte und mich nur kaum dazu motivieren konnte, meine Stehübungen am Rollator zu machen, fing mein Mann plötzlich an zu sticheln, um mir einen kleinen Adrenalinstoß zu geben: „Na, kannst du nicht doch laufen?“ Ich schüttelte den Kopf und begann gleichzeitig, den rechten Fuß ein bisschen nach vorne zu setzen, dann den linken, dann wieder den rechten – und dann war Schluss, weil die Kabel vom Beatmungs- und vom Sauerstoffgerät nicht länger waren und ich ging vorsichtig rückwärts zurück und setzte mich aufs Bett. Aber dann wollte ich es wissen: Ich bat meinen Mann, besagte Gerätschaften vorne auf dem Rollator zu verstauen. Gesagt, getan. Und dann ging es los. Ganz vorsichtig raus aus dem Zimmer Richtung Gemeinschaftsraum. Die Schwestern und Pfleger kamen aus dem Staunen nicht heraus. Dort habe ich gedreht und den Rückweg aber nur noch halb geschafft. Den Rest musste Detlef mich „schieben“ (wie gut, dass man auf dem Rollator einen kleinen Sitz hat!). Das war am 1. Feiertag. Am 2. Feiertag schaffte ich dann eine ganze Runde durch die Betreute-Wohnen-WG, 160 Schritte. Als nach Weihnachten der Physiotherapeut wieder kam und ich ihm das erzählte, war er baff. Er lobt sonst nicht viel („schon ganz ordentlich“), aber diesmal meinte er „super“. Es ist schon erstaunlich, was der Körper alles kompensieren kann – in diesem Fall die Lähmung des rechten Oberschenkels und rechten Knies. Ich liefe wie jemand mit einem künstlichen Kniegelenk, stichelte er grinsend, aber wer das nicht wisse, bemerke es auch kaum.
Alles hat aber nach wie vor seine zwei Seiten: Je mehr ich wieder selber kann, desto öfter realisiere ich aber auch, was ich alles nicht mehr kann; was ich verloren zu haben scheine; was fehlt. Und das ist so eine Menge!
Rückschläge sind immer die drei Dialysetage in der Woche, weil mir die Dialyse in der Regel doch arg zusetzt mit mich übergeben müssen, schier unerträglichen Kopfschmerzen und frieren, ich kann meist gar nicht so schnell klappern, wie ich friere, trotz Decke(n) und heißem Körnerkissen.
Wie auch immer, ich wünsche Ihnen ein segensreiches Neues Jahr. Auf dass sich viele Ihrer Wünsche erfüllen mögen und die Kraft, wieder aufzustehen und weiter zu machen, wenn Ihnen Steine in den Weg gelegt werden, Sie stolpern oder gar fallen. Ansonsten werde ich versuchen, es wie Goethe zu halten: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“ Nicht wahr?
Hier neu auf dem Schreibtisch: Das ultrakurze Gedicht: „Wenn Erinnerung wird“.
Ich bedanke mich außerdem bei Autorin und Literaturinterpretin Rena Larf, die am 10.01.11 um 11.00 Uhr meinen Text „Zum Meer“ aus dem Buch „Zwischen den Schatten“ in ihrem Hamburger Literatur-Radio präsentiert. Ich würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

Dezember 2010 die 2. – Gestrandetes 

 

Dies ist eine Premiere – zum ersten Mal in all den Jahren schreibe ich zum zweiten Mal (außer kleiner Nachträge) in einem Monat. „Schuld“ daran ist Treibholz sammelnde Wegbegleiterin Ute Leser, die mir die Bilder für diese zwei Bilderleisten schickte und bei denen ich, als ich sie so, wie Sie sie hier jetzt sehen, zusammengestellt hatte, sofort dachte: Ja. Das passt zu mir. Genau so fühle ich mich: wie Treibgut – und ich meine das keineswegs so negativ, wie es vielleicht klingen mag.
Treibgut, das gestrandet ist. Ich bin auch gestrandet, für den Moment. (Mein großes, großes Ziel ist natürlich ein anderes, nämlich irgendwann auf meinen eigenen Beinen und ohne Beatmungsmaschine nach Hause gehen zu können.) Aber, wie gesagt, im Moment bin ich hier im Betreuten Wohnen gestrandet. Hier darf ich mich ausruhen, Kraft sammeln und alles das wieder lernen, was ich eben nicht mehr konnte. Und das war ja fast alles, was einen Menschen zum Menschen macht. Als ich hier ankam, war ich im Grunde wie ein nasser Sack, ich konnte mich so gut wie gar nicht selbst bewegen, gerade einmal den Kopf drehen allein. (Es ist schon seltsam, wie schnell ich die Erinnerungen daran verdränge!) Hier lernte ich dann auch flugs den Physiotherapeuten kennen, der mir in den nächsten Monaten helfen darf, mich zu mobilisieren. Und ich verrate Ihnen eines: Er ist klasse. Glauben Sie mir, ich habe in den letzten Jahren einige Physios kennen gelernt, ich wage es zu beurteilen, ob mir jemand gut tut und ob ich genug gefordert werde. Er hat nicht nur dazu beigetragen, dass ich unter anderen vielen, vielen „kleinen“ Dingen heute, anderthalb Monate nach Aufnahme hier, rollstuhlmobil bin, wenn mir jemand  hilft, da ich ja immer die Beatmungsmaschine und das Sauerstoffgerät mitschleppen muss oder dass ich mit Hilfe sogar schon stehen kann, selbst wenn mein rechter Oberschenkel nach wie vor gar nichts tut. Ich kann alleine trinken und anständig mit Messer und Gabel essen, und zwar am Tisch und nicht mehr im Bett. Natürlich ist es immer enorm viel Aufwand, mich nur allein die 2,5m vom Bett an den Tisch umzusetzen, mich kostet es unendlich viel Anstrengung, aber all das hilft; all das mobilisiert. Und dieser Physiotherapeut (genauso übrigens wie der, bei dem ich 2x wöchentlich eine Lymphdrainage bekomme) mobilisiert nicht nur körperlich, sondern er hat auch erheblich zur Stabilisierung der Psyche beigetragen. Das wiederum tun die Schwestern und Pfleger hier tagtäglich; aber allein die Tatsache, dass es mir mithilfe der Lymphdrainagenphysios und der Dialyse, zu der ich dreimal die Woche für etwas über vier Stunden gehen muss, da meine Nieren vermutlich durch die vielen, vielen Medikamente nach der Transplantationsop „zerschossen“ wurden, also allein dadurch, dass es mir gelungen ist, die weit über 20 kg an Wasser, die ich in meinem Körpergewebe mit mir rumgeschleppt habe, auch wieder loszuwerden (in so kurzer Zeit), motiviert natürlich zum Training. Klar, ich bin ja auch viel leichter jetzt und kann mich einfacher bewegen.
Aber allen voran motiviert mein Mann. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, weil ich denke, er hat gar nichts mehr vom Leben außer Arbeit, einkaufen, sich in die U-Bahn setzen, halb Hamburg  zu durchqueren, um mich zu besuchen, abends für mich zu kochen und irgendwann schlafen, nie genug schlafen natürlich, weil wir es doch nie schaffen, dass er mal abends früh nach Hause fährt, obgleich er nach wie vor morgens um halb vier aufsteht. Ich denke fast täglich, wie müde er aussieht, wie erschöpft; und wir haben oft sogar Streit, weil ich finde, dass er sich übernimmt und er sich (gerade auch hier) immer mehr Aufgaben an den Hals holt. Dabei vergesse ich nur allzu häufig seine Motivation dahinter: Liebe. So einfach ist das.
Liebe ist auch nur eines der Gefühle, die ich neu erfahren darf. Genau wie Vertrauen. Nein, nicht meinem Mann gegenüber, aber zum Beispiel gegenüber den Ärzten und Pflegekräften. Die ganze Krankenhauszeit, zumindest die, die ich bei vollem Bewusstsein erlebte, war geprägt von Gefühlen wie Ausgeliefertsein und Angst. Kein Tag, den ich nicht unter höchster Anspannung verbracht habe, weil ich immer nur Angst vor den Momenten hatte, in denen eine Schwester oder ein Pfleger ins Zimmer kam, um mich von der Beatmungsmaschine abzustöpseln, sodass ich eigenständig, also allein, atmen musste. Während ich manchmal das Gefühl hatte, irre zu werden vor Atemnot, hieß es nur „Was wollen Sie denn? Ihre Werte (Sauerstoffsättigung im Blut, unter anderem) sind wunderbar, Sie bekommen genug Luft …“ Es gab Momente, da war die Atemnot so groß, dass es mir tatsächlich gelang, an der Beatmung bleiben zu dürfen, nur hieß es dann schlicht und einfach „Sie torpedieren die ganze Therapie“. Das, um es noch einmal ganz deutlich zu sagen, war natürlich niemals meine Intention. Es hat auch nichts genutzt, mich unter Beruhigungsmittel zu setzen, meine innere Anspannung war immer stärker.
Die hat sich hier im Betreuten Wohnen auch nur langsam gelöst, obwohl mir von Anfang an (glaubhaft) vermittelt wurde und auch immer noch wird, dass ich (zumindest mit-) entscheide, was getan wird und wie. Ich werde ernst genommen. Als Patient (als „Kunde“), als Mensch. Ich konnte lernen, dass es mir auch mal schlecht gehen darf; als so ziemlich  erstes lernte ich weinen, Rotz und Wasser heulen, um mich in der nächsten Minute wieder voll Demut und Dankbarkeit über irgendeine Kleinigkeit zu freuen. Ich ließ mich also ein auf den Weg der kleinen Schritte, und manchmal gelingt es mir sogar, die Sprichworte „Drückt dich der Schuh, trenn dich vom Schuh, nicht vom Weg“ oder „Die Kunst ist es, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird“ zu eigen zu machen. So banal sie auch klingen mögen.
Es gehört schon eine Menge Mut (und irgendwo auch Gottvertrauen) dazu, dies tägliche Hin und Her an Gefühlen auszuhalten: mal der optimistische Blick in die Zukunft, voll Hoffnung und auch Selbstvertrauen, dass doch alles wieder „gut“ wird und ich mein großes Ziel erreiche; und dann wieder die Momente der abgrundtiefen Verzweiflung, des Heimwehs und des Gefühls, dass nichts, aber auch gar nichts wieder so werden wird wie früher; Momente, in denen ich sehr in der Vergangenheit hänge und diese betrauere; Momente, in denen ich ungerecht bin („Warum ich? Was habe ich verbrochen …?). Ich könnte natürlich auch fragen „Warum nicht ich?“ oder „Wer denn dann an meiner Stelle?“; Momente, in denen ich einfach nur nach Hause will. Mich frei bewegen können, in meinem Bett schlafen, an meinem Schreibtisch mit Blick auf den Hauseingang sitzen. Einfach so aufstehen und an den nahe gelegenen Weiher spazieren gehen können oder auch in den nächsten Supermarkt oder auf einen Markt überhaupt, ohne daran zu denken, was ich alles nicht mehr essen darf aufgrund der Transplantation und aufgrund der kaputten Nieren (so eiweißreich, aber so phosphat- und kaliumarm wie möglich, was natürlich auf den Lebensmitteln nicht deklariert ist): kein Müsli, kein grünes Gemüse, keinen rohen Fisch, überhaupt keine frischen Sachen, die sich nicht wirklich gut putzen lassen, keine Salami, kein (rohes) Hackfleisch, kein Eis beim Italiener, nichts, aber auch wirklich gar nichts, was in irgendeiner Form keimbehaftet sein könnte, keine Vollkornprodukte sondern weißes Brot, … Aber keine Sorge, es bleibt schon noch ein kleiner Rest über, aus dem man etwas zaubern kann.
Eines allerdings vergesse ich auch in guten Momenten nur allzu oft und allzu gern: Um wirklich mein großes Ziel zu erreichen, steht vorher noch eines auf dem Programm: die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine (das Weaning) … Davon hängt alles ab.
Ich verabschiede mich bis zum Januar mit den Worten, die ich auch schon im Dezember 2009 geschrieben habe: Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2011. Es wird ein Gottesgeschenk sein, denn es verheißt Leben.
Hier neu auf dem Schreibtisch: „Wenn Ebbe ist“.
Heike Hartmann-Heesch  

 

Dezember 2010 – Einblicke, Ausblicke, Durchblicke

Wir haben Ende November und gestern fühlte es sich auch genauso an: Es wurde und wurde nicht hell draußen, die Temperaturen sanken und die ersten Schneeflocken fielen. Heute dagegen ganz anders: Die Sonne versteckt sich hinter kleinen Schäfchenwolken, zwischen denen sich blauer Himmel zeigt. Das Ganze natürlich noch zwischen kahlen Bäumen, aber man könnte trotzdem fast denken, die trüben Monate seien vorbei und wir hätten schon Januar. Dazwischen liegt aber noch Weihnachten, und ich habe einen ganz festen Wunsch: nämlich dass es mir endlich gelingen möge, die Situation wirklich so anzunehmen, wie sie nun mal ist. Zum Teil funktioniert das schon ganz gut, führt aber irgendwie dazu, dass ich meine Gefühle wieder bändige, sie doch wieder sehr kontrolliere. Das spiegelt sich auch im Schreiben wider: Ich vermisse das Herzblut, mit dem ich ungefähr bis zur Transplantation geschrieben habe. Ich habe gezetert, gebeten, geklagt, gebetet … über und um die verschiedensten Dinge, vornehmlich darüber, dass mich kaum einer besuchen kommt oder ähnliches. Das kann ich jetzt auch noch tun, denn im Vergleich zu vor einem Jahr hat sich nichts daran geändert. Trotz Anschreiben meinerseits – ich bekomme sehr oft nicht mal mehr E-Mail-Antworten, was ich ganz schön frustrierend finde. „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Oder: Es ist wohl tatsächlich so, dass ich selbst die Schwierigkeit bin, nur weil ich Krankheit öffentlich mache. Aber ich möchte auch klagen, weil ich mich einfach auch im Stich gelassen fühle. Weil es so weh tut zu merken, dass ich letzten Endes doch allein bin. Anders wäre es vielleicht, wenn ich wenigstens allein das Bett verlassen könnte, meinetwegen auch im Rollstuhl. Kann ich aber alles nicht, noch nicht mal alleine stehen kann ich. Ich weiß, dass ich momentan sicherlich nicht einfach zu ertragen bin, ich kann mich ja manchmal selbst kaum aushalten.
Ich habe in den letzten Wochen versucht, ein bisschen Durchblick zu bekommen und „weiß“ jetzt einfach auch viel mehr als noch zu Krankenhauszeiten. Die Idee des Betreuten Wohnens, gegen die ich mich anfangs sehr gesträubt habe, jedenfalls war goldrichtig. Hier habe ich nach zwei Jahren Krankenhaus endlich auch mal wieder das Gefühl, ernst genommen zu werden. Allein auch deswegen bin heilfroh, inzwischen hier zu sein, und das auch schon über vier Wochen jetzt. Ich mache Fortschritte (physisch), die nicht einmal ich ignorieren kann und die wiederum lassen wieder einen klitzekleinen Hoffnungsschimmer zu. So einfach aufgeben, möglicherweise sterben, geht nicht mehr, genauso wenig wie weiter einen auf nur leidend machen, nur heulen (sobald jemand das Zimmer betritt) und allen das Leben schwer machen – dafür sind die Fortschritte zu groß. Ich glaube schon, dass es mir (und auch meinem Mann) gelungen ist, Ihnen kleine Einblicke in meinen Alltag zu geben. Was mir wirklich fehlt, ist Leben. Ich bedanke mich sehr bei den Menschen (Tatia, Benita, Beate, Anna-Maria, Dirk), die mir in schöner Regelmäßigkeit ein Stück „Leben draußen“ ans Bett bringen, schriftlich und/oder mündlich und wünsche mir, dass noch ein paar andere Menschen darüber nachdenken mögen, nun doch mal vorbeizukommen. (Verdammte Bettelei!!!)
In diesem Sinne wünsche ich, dass sich diesen Monat viele Ihrer Herzensträume erfüllen.
Heike Hartmann-Heesch  

 

November 2010: Dornige Schritte – Sehnsuchtshäuschen – gefangen

Was für gemischte Gefühle in diesem Herbst. Wenn ich von meinem Bett aus dem Fenster blicke, sehe ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein kleines Hexenhäuschen stehen, so wie ich mir immer eines vorgestellt hatte. Indian Summer umhüllt dies Haus, Bäume in allen Herbstfarben – mal ein bisschen verklärt, wenn die Sonne auf Haus und Bäume scheint und die Farben zur Nacht noch einmal aufleuchten lässt; mal trist und grau, wenn der Regen keine Rücksicht nimmt und immer gerade den Teil der Sonne erlöschen lässt, der sich meinen Bäumen und meinem Sehnsuchtshäuschen zuwandte.
Romantik beiseite, denn romantisch ist hier nun schon seit zwei Jahren gar nichts mehr. Meine Situation ist unverändert außer, dass ich zurzeit nicht mehr im Krankenhaus bin sondern in einer Art Betreutes Wohnen. Früher habe ich immer gedacht „Lieber Gott, lass mich bitte nie so alt und oder so krank werden, dass mir so etwas bevorsteht.“ Und nun stecke ich mittendrin und bin noch nicht einmal alt.
Ich schaffe die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine nicht, deswegen wird das Weaning  hier erst einmal auf Eis gelegt und ich, weiterhin voll beatmet, soll hier erst mal versuchen, neuen Mut, neue Kraft – vor allem auch psychische – zu sammeln und natürlich wieder Motivation erlangen, das Weaning irgendwann noch einmal neu in Angriff zu nehmen. Aber, to be honest, ich mag nicht mehr. So einfach ist es – und so einfach ist das eben doch alles nicht.
Über die Zeit bis zur Transplantation hatte ich Ihnen berichtet, über die Zeit danach mein Mann, und nur dadurch, dass mein rechter Arm nicht mehr taub und wieder etwas bewegungsfähig ist, können Sie heute wieder von mir selbst getippt lesen. Trotz allem, ich bin locked, gefangen in meinem Körper. Und dass mein Kopf endlich wieder auf seiner alten Höhe ist, tja, das macht alles nicht einfacher.
Hier neu auf dem Schreibtisch: der Text „Der 7. Tag“.
Ich wünsche Ihnen einen restlichen bunten Herbst, Kürbissuppe und selbst gestrickte warme Socken.
Heike Hartmann-Heesch

Oktober 2010



Heike konnte im vergangenen Monat nicht vorankommen, musste sie doch wieder eine schwere Begleiterkrankung bewältigen ...
In diesem Monat erscheint das Mohland-Jahrbuch 2010 (siehe PS). Heikes Beitrag dafür „Wenn die Krokodile weinen“ können Sie auch auf dem Schreibtisch nachlesen.
Detlef Heesch  

September 2010

Die Entwöhnung von der Beatmung ist für Heike schwerste Arbeit. Bei allen Erfolgen kommt es immer auch wieder zu Rückschlägen; das ist bei dieser komplexen Behandlung nicht ungewöhnlich.
Man hat uns gesagt, es wird lange dauern ...
Detlef Heesch  

August 2010

Eine Lungenentzündung hat Heike im Verlauf des Juli in ihren Fortschritten aufgehalten; als Folge der notwendigen Medikamentengaben sind dann auch noch Entzündungen der Speiseröhre und Magenschleimhaut hinzugekommen. Trotzdem kommt die Entwöhnung von der Atemunterstützung langsam voran.
Zeit wird zur Summe bewältigter Tage, Zuversicht und Verzagen liegen nah beieinander, das Wort 
G e d u l d  klingt provozierend ...
Detlef Heesch

Juli 2010

Nachdem bleierner Stillstand im Heilungsprozess zur Mitte des Monats Schlimmes befürchten ließ, ist während der vergangenen zwei Wochen endlich eine deutliche Verbesserung der Funktion Heikes neuer Lunge zu beobachten. Sie kann phasenweise ohne Unterstützung selbst atmen, ihre Mobilität ist jetzt soweit fortgeschritten, dass Heike sich ein wenig bewegen und mit der Hand schreiben kann.
Nicht mehr ganz sprachlos.
Es ist vorgesehen, sie in den kommenden Tagen von der herzchirurgischen Intensiv- auf eine andere Station zu verlegen, um bei der Entwöhnung von der Beatmungsmaschine weiter voran zu kommen.
Ich bin zuversichtlich, dass Heike den nächsten Beitrag an dieser Stelle wieder selbst schreiben kann.
Ein langer Weg.
Detlef Heesch

Juni 2010

Heike ist in der Nacht zum 14. Mai transplantiert worden. Ihr Zustand ist kritisch, ein Ödem hatte sich im Spenderorgan entwickelt. In der endlos langen Zeit seitdem ist es gelungen, die Ansammlung von Flüssigkeit und damit die Schwellung der Lunge allmählich zu reduzieren, die Lungenfunktion zu verbessern und den Thorax endlich zu schließen (30. Mai).
Ein wenig besser. Kleine Schritte. Geduld.
Nach der Intubation verläuft die Beatmung jetzt über einen Zugang direkt in die Trachea. Heike ist wach und klar, sie kann die Lippen bewegen, aber nicht sprechen. Zum schreiben ist sie noch zu schwach. Sprachlos. 
Warten auf die nächsten kleinen Schritte.
Detlef Heesch

Mai 2010: über die Dinge, wie sie sind (und wozu meine Vorstellung nicht mehr und dennoch reicht)

Haben Sie sie auch gesehen? Diese unglaublich faszinierenden Bilder des isländischen Vulkans mit dem schönen Namen Eyjafjallajökull? Mit Verlaub, aber ich war nicht ganz so gut auf Vulkane zu sprechen! Die Folge, nämlich das europaweite Flugverbot wegen der Luftbelastung durch Aschestaub, der gefährlich unter anderem für die Triebwerke von Flugzeugen ist, galt natürlich auch für Organtransporte. Ich konnte nicht verhindern, dass ich Gedanken hatte wie „Was, wenn ausgerechnet jetzt vielleicht ein Organ in, sagen wir, Österreich zur Verfügung steht?“. Die hätte nach Hamburg eingeflogen werden müssen, weil das Zeitfenster für einen Transport per Bahn oder sonstwie nicht ausreicht. Aber bei Flugverbot geht auch das natürlich nicht. Organe wie Herzen oder Lungen können dann nur regional vergeben werden. Mir fielen also buchstäblich isländische Lavabrocken vom Herzen, als der Flugraum wieder geöffnet wurde!
Ansonsten: Die Sehnsucht hört weder auf noch wird sie weniger, je mehr Zeit vergeht. Nun ist schon Mai, und nie, wirklich nie habe ich mir anfangs (alb-)träumen lassen, dass die Wartezeit auf eine Spenderlunge so lange dauern würde. Neulich am Sonntag bin ich mit meinem Mann zum ersten Mal in diesem Jahr „richtig“ draußen gewesen; mit dem Rollstuhl machten wir eine lange Spazierfahrt rund ums Krankenhausgelände. Es war wunderbar frühlingshaft warm, blauer Himmel, die Sonne strahlte; nur saß mir die ganze Zeit ein richtig dicker Kloß im Hals, denn auch diesen Spaziergang haben wir uns im Herbst letzten Jahres, als wir genau diese Runde zum letzten Mal drehten, bevor es draußen zu kalt wurde, etwas anders vorgestellt: Im Herbst nämlich glaubten wir tatsächlich noch fest daran, dass ich genau diesen Weg beim nächsten Mal schon mit neuer Lunge und auf eigenen zwei Füßen gehen würde – und eben nicht aus der Rollstuhlperspektive erleben müsste. Momentan gibt es immer seltener Momente, in denen ich es mir tatsächlich vorstellen kann, dass sich das, wonach ich mich sehne, auch tatsächlich erfüllen könnte: ein ganz normales Leben wieder haben. Mein Leben. Außerhalb eines Krankenhauses.
Kleiner wird auch die Angst nicht; jetzt ist da nicht mehr nur die Angst vor der OP, vor einer ungewissen Zukunft nach der OP, hinzu kommen so langsam auch Gedanken, ob ich die Zeit bis dahin überhaupt körperlich überstehe.
Ich fühle mich zunehmend sprachlos.
Deswegen diesen Monat kurz und knapp: Am 8. Mai findet im Kulturhof Dulsberg das 5. Dulsberger MaiRauschen statt: Lesung und Kunstausstellung zum Thema „HerzFlugZeit“. Ich bedaure es zutiefst, nicht vorlesen, ja, noch nicht einmal im Publikum sitzen zu können. Wie in jedem Jahr gibt es zeitgleich das Buch zur Lesung (für mehr Infos siehe PS). Darin finden Sie dann auch meinen Text „Die Dinge, wie sie sind“. (Und hier auf dem Schreibtisch.) Der Text, als Geschichte, beschreibt sicherlich viel intensiver einen Teil der Emotionen der ganzen langen letzten Monate als ich mich das hier im Blog jemals getraut hätte zu sagen.

April 2010: von Wolkenfängern, Erdverbundenheit und brutalen Zeitschleifen



John Updike schrieb einmal, Schreiben sei eine illusorische Befreiung, eine vermessene Zähmung der Wirklichkeit, eine Möglichkeit, das Unerträgliche leicht und heiter darzustellen und dass man im Morgenlicht zügig, ohne die geringste Beschleunigung des Pulses über das schreiben könne, über das man im Dunkeln nicht einmal nachdenken könne, ohne Zuflucht bei Gott zu suchen.
Wenn ich heute Morgen aus dem Fenster blicke, sehe ich blauen Himmel, nicht mal ein einziges Schäfchenwölkchen irgendwo. Die Sonne strahlt und reflektiert sich in den Fenstern des gegenüberliegenden Gebäudes. Auf dem Tisch bei mir im Zimmer steht seit Wochen ein Strauß Forsythien, knallgelb die Blüten, wunderschön, und oben an den Spitzen wachsen schon grüne Blätter. Der Winter hat, so scheint es, endlich seinen frostigen Mantel ausgezogen. Der Frühling ist nah. Und so gern ich ihn sonst begrüßt habe, den Frühling, so sehr ich auf Zeichen in der Natur gewartet habe, auf erste Schneeglöckchen und Krokusse, später Narzissen, auf bunte Primeln und Tulpen in den Läden, auf die ersten grünen Blätter an den Bäumen draußen – in diesem Jahr begegne ich all dem mit ziemlich gemischten Gefühlen. Wenn ich ehrlich bin: Ich will jetzt gar keinen Frühling, wollte ich den ganzen März über schon nicht. Es schmerzt, es schmerzt unermesslich, körperlich, auch noch den Frühling, das Wiedererwachen der Natur, hier in Warteposition zu verbringen. Im Juni letzten Jahres kam ich hier an, erlebte den Sommer, einen heißen Sommer, den Herbst, der auf einen langen und „richtigen“ Winter vorbereitete und in dem ich noch Hoffnung hatte, vielleicht, ganz vielleicht das Weihnachtsfest oder das Neue Jahr schon wieder zu Hause oder wenigstens in der Reha begrüßen zu dürfen. Und nun haben wir Ende März und die Natur erwacht aus ihrem Winterschlaf, Ostern steht vor der Tür – und ich liege immer noch hier. Da verliere ich schon manchmal den Mut, das dürfen Sie mir gerne glauben.
Da fällt es auch schwer, hier in der Gegenwart zu bleiben, in der jeder Traum den Alb schon in sich trägt, jede Hoffnung die Enttäuschung, jeder Wunsch die Versagung. Schreiben in dem Sinn, wie John Updike es oben verstand, brachte mir in den letzten Wochen tatsächlich vermeintlich „Erleichterung“. So sehr es mir half, hier in der Gegenwart zu bleiben, genauso brachte mich Schreiben wieder einmal an Grenzen (Ist es o.k., hier auf der Grenze zwischen Leben und Tod zu sein und innigste Liebesgeschichten zu schreiben? Sollte ich nicht eher meinen Verstand beieinander behalten und –  ja, was eigentlich? Auf welche tatsächlichen und vermeintlichen Grenzen stolpere ich denn nun schon wieder?) – und auch die Frage taucht auf, welche Grenzen ich noch überschreiten darf. In mir oder um mich rum. Wenn Sie hier klicken und weiter lesen, lesen Sie das, was vielleicht wieder die eine oder andere überschreitet. In mir oder um mich rum.

März 2010 - Schnee im Frühling und weinende Krokodile



Im März 2007, Sie können es unten nachlesen, wenn Sie wollen, hatten wir bereits Frühling, einen wunderbaren Frühling und ich stellte eine Liebesgeschichte für Sie online. Der März 2008 war, soweit ich mich zurückerinnere, ziemlich kalt und verregnet, aber ich war gerade aus einem Frühlingsurlaub auf Madeira zurückgekehrt und freute mich darüber, dass ich für die ein Jahr zuvor entstandene Liebesgeschichte einen Preis erhalten hatte. In besagtem Urlaub allerdings wurde mir – beim Bergaufwandern – zum ersten Mal deutlich bewusst, dass „irgendwas“ mit meiner Lunge ganz und gar nicht in Ordnung sein konnte.
Wie das Wetter im März 2009 war? Ehrlich gesagt kann ich mich daran nicht erinnern, denn der März gehörte zu den Monaten, die ich stationär verbringen musste, und nicht nur stationär sondern größtenteils bettlägerig, nachdem die Lunge mehrmals kollabiert und von alleine nicht wieder zu stabilisieren war. Im letzten März also realisierte ich, dass Zeit tatsächlich zählbar geworden war. Schon damals war klar, dass für mich, wollte ich überhaupt eine Chance auf (Wieder-mein-)Leben haben, über kurz oder lang eine Lungentransplantation der letzte und einzige Weg sein würde. Seitdem hat sich vieles verändert und ändert sich noch.
Meine Hoffnung für März 2010 war, dass Sie ganz andere Zeilen von mir hier lesen. Ich hatte welche vorformuliert, Mitte Februar schon, Hamburg lag zu diesem Zeitpunkt noch in tiefem Schnee (siehe Bilderleiste oben). Und zwar vorformuliert für den Fall, dass ganz auf einmal doch eine Spenderlunge zur Verfügung gestanden hätte, ich transplantiert worden und danach nur noch nicht rechtzeitig wieder fit genug gewesen wäre, um meinen monatlichen Beitrag zu schreiben.
Dies ist aber leider nicht so, und deshalb lege ich Ihnen jetzt ohne weitere Worte noch einen meiner neuen Texte auf den Schreibtisch: „Wenn die Krokodile weinen“. Behutsame Wörter um große Gefühle.
Heike Hartmann-Heesch  
Nachtrag: Ich bedanke mich bei Literaturinterpretin und Autorin Rena Larf, die am 12.03. um 11.00 Uhr meinen Text „Im Winter trägt man morgens um 6 keine Sonnenbrille“ auf 1000mikes.com – Das Hamburger Literatur-Radio präsentiert. Hören Sie doch mal rein!

Februar 2010 – ohne Umwege
„Ich kann meine Träume nicht fristlos entlassen. Ich schulde ihnen noch mein Leben.“ (Frederike Frei)



Gefühle sichtbar machen. Zeigen, wie es in mir aussieht. Zeigen, wie ich mich sehe, wenn ich genau hingucke. Das hat diese Illustration von Ralf Wasselowski geschafft. Und zwar ohne den Umweg über Wörter. Ohne Erklärungen. Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung: das Gefühl, mich nicht erklären zu müssen und, wahrscheinlich viel wesentlicher und essenzieller, auch nicht zu wollen, auch nicht vor mir und für mich selbst, sondern einfach nur hinzugucken und zu sehen. Dafür ist weder die Entstehungsgeschichte der Illustration wichtig noch der Kontext, in den Wasselowski sie gestellt hat (zu seinem Gedicht „Die Grenze zur Entschiedenheit“).
Was ich sehe, jedenfalls, sind keine Monster (okay, ein paar Fratzen und Kobolde sind schon dabei). Was ich auch sehe: wie gleichsam ein Gefühl dem anderen entspringt, aus ihm geboren wird, wie sie zusammengehören.
Was ich nicht sehe, für den Moment, ist Angst. Für mich bedeutet das: Ich muss mich nicht fürchten vor dem, was ich in mir trage. Ich muss mich nicht vor meinen Gefühlen fürchten. Ich brauche mich nicht bedroht zu fühlen.
Ich bin.
So einfach.

Januar 2010: Sterne, Stürme – und Zeit, die stillsteht
Ich möchte am Anfang dieses neuen Jahres zwei Kunstwerke mit Ihnen teilen. Ein Bild, das mein Mann vor vielen Jahren einmal auf der Elbe fotografiert hat und ein Gedicht, das auf der Rückseite einer Postkarte gedruckt steht, die ich mit Weihnachtsgrüßen erhielt. Und mehr brauche ich nicht, um die Stimmung wiederzugeben, mit der ich ins Neue Jahr gehe.
Ich hoffe, Sie folgen mir!

RUDERN ZWEI

Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein

Reiner Kunze
(aus: frühe gedichte, aufgenommen in R. Kunze, gespräch mit der amsel, 
© S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)

Ich wünsche ein wunderbares 2010 voller Sterne und Stürme. Wenn Sie Lust haben, sich mal wieder einen Text von mir anzuhören: vom 12. Januar an unter www.weblesungen.de: „Die Zeit steht still“ – was sie natürlich niemals tut, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Viel Spaß.

Dezember 2009 – Vielleicht Antworten auf die Frage, was wir uns nicht wünschen

Das Schwierige ist nicht, nicht mehr zu wissen, was ein Liter Milch im Supermarkt kostet. Das Schwierige ist auch nicht, mich zu fragen, ob ich noch ganz bei Sinnen bin, wenn ich mich dabei ertappe, E-Mails an eine große Modefirma zu schreiben, um sie auf grobe grammatische Schnitzer in Texten einer ihrer Online-Werbekampagnen aufmerksam zu machen oder wenn ich Rechenaufgaben löse, die mir vermeintlich verraten, wie es um meinen IQ bestellt ist, nur um meinen Kopf von anderen Grübeleien abzuhalten, wenn ich gerade nichts zu arbeiten habe. Als richtig schwierig empfinde ich momentan noch nicht einmal das Warten auf den Tag unbekannten Datums, an dem endlich die Tür aufgehen, (vermutlich) einer der Ärzte hereinkommen und sagen wird: „Wir haben eine Spenderlunge für Sie. Nun geht es los.“, weil sich meine Angst vor dem Danach inzwischen potenziert hat und mir die Situation des Wartens hier dagegen so verdammt vertraut ist. Ich habe mich arrangiert. Schwierig ist die Angst. Nie in meinem Leben war so viel Angst mein ständiger Begleiter, und unabhängig davon, dass es mir meistens ganz gut gelingt, die Angst mit ins Boot zu ziehen, kann ich sie doch schwer annehmen, weil ich ja noch nicht einmal genau sagen kann, wovor ich mich denn so fürchte, ich kann es immer nur umschreiben mit „der Situation nach der OP“. Wird alles „gut gehen“? (Und was heißt „gut gehen“?) Wie wird mein Leben danach aussehen? Es ist immer nur so ein vages Gefühl von „worst case“, das ich in Kopf und Bauch habe. Nicht immer bin ich ruhig genug, alles auf mich zukommen zu lassen und Tag für Tag zu leben.
Und manchmal muss ich selbst da ein bisschen zynisch grinsen, denn ich habe zurzeit nicht oft das Gefühl zu leben. Oft genug fühlt es sich eher an, als sei ich ein einsamer Autobahnrastplatz, an dem das Leben manchmal für einen Moment Pause macht, um danach mit Vollgas weiterzubrausen und schon nach wenigen Momenten sogar den Namen des Rastplatzes vergessen zu haben. Dies Bild ist bitter und traurig, ich weiß, trotzdem trifft es. Schwierig ist es auch, diese Bitterkeit zu ertragen, spricht daraus doch so große Enttäuschung und ja, auch Selbstmitleid: Wo sind sie, die Menschen, die vorher gesagt haben „Wir stehen das mit dir durch. Wirst schon sehen, wir wechseln uns ab und geben uns die Klinke in die Hand.“ (Das ist O-Ton.) Oder: „Ob ich mit dir zu Hause einen Kaffee trinke oder in der Klinik, ist doch egal.“ (Das auch.) So große Enttäuschung! Ja, ich weiß, es ist hinlänglich bekannt, dass sich in solch Ausnahmesituationen gerade im engeren privaten Bereich die Spreu vom Weizen trennt, nur hätte ich nicht gedacht, dass es so extrem einsam, dass ich so extrem allein sein würde. Für alle anderen da draußen geht eben das Leben ganz normal weiter. Düsterer November, letzte Herbsturlaube, erste Weihnachtsvorbereitungen. Gleichzeitig bin ich damit horrend ungerecht, denn es gibt eine Handvoll Menschen, die da sind (und einen, der es immer ist). Die ich regelmäßig sehe und an deren Leben ich weiter teilhaben kann, weil sie mir erzählen, vom Leben, von kleinen Glücksgefühlen und großen Ungerechtigkeiten, von tieftraurigen Momenten und hoffnungsvollen Aufbrüchen, von gelangweilter Gleichförmigkeit und ebenfalls unsagbar schmerzhaften Enttäuschungen, von kleinen Problemen und Lebensentscheidungen. Und nach deren Besuch ich mich trotzdem nicht des Rastplatzgefühls erwehren kann. Gerade dann nicht! Denn: Ich bin eben nicht da. Nicht vor Ort. Nicht präsent. Mir muss man alles erzählen. Ich erlebe nichts mit. Habe eben doch nicht richtig teil. (Und das seit nunmehr einem Jahr fast am Stück!)
Ungerecht bin ich, weil ich natürlich weiß, dass ich hier schön in meinem Muspott gefangen bin. Ich bin nur hier. Alle meine Gefühle hier sind Gratwanderungen und gleichzeitig Schritte in 7-Meilen-Stiefeln, aus denen schon fast eine gewisse Arroganz erwächst: Was interessieren mich Milchpreise? Viel dringlicher ist es, morgens die Schmerzen in den Griff zu kriegen.
Mitunter noch schwieriger ist das Gefühl auszuhalten, dass ich meinerseits anscheinend nicht viel tun kann, um für andere da zu sein. Ein paar Mal habe ich in E-Mails Sätze lesen müssen wie „Ach, damit wollte ich dich nicht belasten.“ Nein? Oder war damit eher gemeint: „Lass gut sein, du kannst da eh nichts tun von deinem Krankenbett aus.“ Nicht? Schade. Ich kann vieles ganz besonders gut hier. Still sitzen und zuhören zum Beispiel. Zulesen übrigens auch. Was ich auch gut kann, ist schreiben. Wenn ich den Eindruck habe, jemand fragt nicht nur einfach so „Wie geht es dir?“ sondern „Wie geht es dir wirklich?“ Dann lege ich los. Komme vom 100sten ins 1000ste, offenbare mich. Das geht meist nach hinten los, denn selten bekomme ich Antwort. Bin ich vielleicht die Schwierigkeit, weil ich Krankheit öffentlich mache? Wäre es einfacher (und wenn ja, für wen?), ich hätte vor einem Jahr gesagt „Ich bin dann mal weg“ und würde, wenn alles vorbei ist, mit einem Buch über Lungentransplantation zurückkommen? Bin ich schwierig, weil ich auch keine fertigen Antworten darauf habe, ob so was alles in der Schöpfung überhaupt vorgesehen ist?
Und dann ist da Wut. Manchmal ist es so schwierig, wütend zu sein. Wie streite ich mit meinem Partner, wenn es für keinen von uns möglich ist, mal für 10 Minuten die Küchentür hinter sich schließen zu können, um danach ins Wohnzimmer zurückzukehren und (vielleicht) um Verzeihung zu bitten? Oder um weiter zu streiten?
Wie gehe ich mit dem Gefühl um, undankbar zu sein, wenn alle „es doch nur gut meinen“?
Neulich haben mein Mann und ich angefangen, einen „Wunschzettel“ mit umgekehrten Vorzeichen zu erstellen: also aufzulisten, was wir uns ganz bestimmt nicht mehr wünschen im Moment. Mir fiel als erstes eben oben erwähnter Satz ein „Ich meine es doch nur gut …“. Den möchte ich nicht mehr hören. Und mein Mann wünscht sich keine Engelfiguren mehr. Von niemandem.
Er hat Recht. Wir haben so viele. Alle von Menschen, die es gut meinen. Die Trost spenden wollten, als sie sie uns schenkten. Sind wir jetzt undankbar? Ungerecht? Unhöflich gar? Nein, beschließe ich, das sind wir nicht.
Wir fühlen uns nur auch – hilflos oft. Traurig. Verunsichert. Allein in unseren Hoffnungen und unserer Aggression. In unserer Liebe, in unserem Aufbrausen und nicht zuletzt in unserer Angst. All dies liegt nah, ganz nah beieinander. Und alles darf nebeneinander sein, in unserer Demut, unserer Zuneigung und unserem Respekt gegenüber dem Leben und den Menschen, die einfach nur immer noch da sind, in lauten und vor allem den leisen Stunden.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2010. Es wird ein Gottesgeschenk sein, denn es verheißt Leben.
Heike Hartmann-Heesch

November 2009 – Kälte, Mond, Frühlingsvögel und andere Veränderungen

Es ist jetzt schon längst dunkel draußen, wenn wir uns abends auf den letzten kurzen Spaziergang des Tages begeben. Heute ist es den ganzen Tag diesig und grau gewesen, aber am späteren Nachmittag wurde es zunehmend windig und der Himmel klarte auf. Du schiebst meinen Rollstuhl bis ans östliche Ende des Krankenhausgeländes. Drei Bänke stehen hier. Vom Folgetag meiner stationären Aufnahme an sitzen wir, oft mehrmals täglich, schon die ganze Wartezeit über hier für eine Weile. Diese kleine Oase hinter Büschen, Sträuchern und kleinen Bäumen, sogar ein Apfelbaum ist darunter, ist anfangs, von Juni den Sommer über, ein Ort des Rückzugs innerhalb des trubelvollen Areals für uns gewesen, ein Platz, an dem wir Augenblicke zusammen allein sein konnten. Erzählen. Uns anlehnen. Marienkäfer zählen, Schneckenhäuser wiedererkennen und Libellen beobachten. Schauen, aber selbst nicht angeschaut werden. Kraft schöpfen. Oder manchmal auch, mein Kopf an deiner Schulter, miteinander schweigen. Im September kamen Gärtner und machten Kahlschlag: stutzten die Bäume, rissen Sträucher raus und schnitten alle restlichen Büsche auf geschätzte 1m Höhe.
Jetzt aber ist es eh dunkel und eigentlich auch schon zu kühl, um lange auf der Bank zu sitzen, aber wie schon ein paar Mal zuvor bemerke ich die Kälte, die von unten meine Hosenbeine hoch kriecht, erst, als du plötzlich und leise Ist dir kalt? fragst.
Siehst du das? fragst du eine Weile später in die Dunkelheit hinein, die gar nicht mehr so dunkel wirkt, wenn man in den Himmel blickt. Was? antworte ich. Na, den Mond! sagst du. Schau doch mal, sagst du, siehst du nicht, dass er ganz komisch schief am Himmel hängt heute Abend? Stimmt, lächele ich und greife nach deiner Hand, er hängt sogar ziemlich schief da oben!
Hörst du das? fragst du dann in die Stille hinein, die in meinen Ohren gar nicht still ist. Je ruhiger die Außenwelt, desto stärker nehme ich das Rauschen des Sauerstoffs in der Sauerstoffbrille wahr, das unerbittlich lärmt im Kopf. Hörst du das? fragst du erneut und drückst meine Hand. Ja, sage ich und wundere mich ein wenig. Laut sind die, sagst du, und ich nicke in die Dunkelheit, ja, das finde ich auch. Durchdringend laut, sagst du. Haben die immer so laut gezwitschert? will ich wissen. Nein, antwortest du, erst jetzt, ist dir das noch nicht aufgefallen? Seit die Bäume ihre bunten Blätter verlieren, klingen einige der Frühlingsvögel befremdlich laut, sagst du und warm und sicher umschließt deine Hand die meine.

Ich halte die Luft an. Ängstigen auch sie sich? frage ich dich endlich, fast ein bisschen atemlos.
Ich weiß es nicht, sagst du irgendwann später, so leise, dass ich es kaum vernehmen kann: Ich weiß es doch nicht.

Oktober 2009 

Es ist spannend zu beobachten, sagt der Kopf, welche verschiedenen emotionalen Phasen ich durchlebe in dieser stationären Wartezeit auf eine Spenderlunge. Vom Pendeln zwischen den Extremen mit Angst und Hoffnung über eine forsche Sprachlosigkeit, die Heimweh und Abschiede weder formulieren noch zeigen sondern nur im ganz Geheimen (nach)fühlen kann über eine Zeit des unbeirrbaren Optimismus zu einer Zeit des Rückzugs und der Abgrenzung. Momentan sind Stillstand, der zermürbt; Unruhe, die auffrisst; Reibung, die treibt.
Jede Phase schmerzt anders, sagt der Bauch – und er fühlt und fühlt und kommt doch nicht hinterher und packt vor lauter Unzulänglichkeit kleine Gefühlsschächtelchen, Gefühl rein, Deckel drauf, ab in den Schrank zur Aufbewahrung. Aber gemeinerweise gibt es vielerlei kleine Krankenhausmonster, die sitzen in den Regalböden der Schränke und fressen mit Vorliebe kleine Löcher in ebenjene Gefühlskartons. Pappsatt halten sie sich dann die Bäuche und beobachten die einzelnen Gefühle, die sich dann durch die Löcher wieder nach außen quetschen und mich manchmal übermannen und die Aufmerksamkeit erzwingen, die ich zu verweigern suche.
Und einmal mehr krame ich all meinen Mut zum Durchhalten zusammen, um den Monstern anderes entgegenzusetzen, auf dass die Gefühle aufgefangen werden mögen: alte Weggefährten, langjährige Begleiter und neue Freunde, Liebgehabtes, Zartes und Geknuddeltes; Beobachter, Beschützer und Bewahrer.
Ich wünsche einen Oktober, in dem Fragen beantwortet, Monster gebändigt und Gefühle bewahrt werden können – und Wünsche in Erfüllung gehen mögen.

September 2009

Früher, ganz viel früher, habe ich immer gedacht, wie schön es sein muss, wenn man so frei sein könnte, nur mit dem zu leben, was man direkt um sich rum hat. Wenn man nicht mehr braucht als das, was man bei sich tragen kann. Früher dachte ich da natürlich an Reisen nur mit Rucksack, Wohnen auf dem Sprung, ohne feste Wurzeln. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich weder das eine noch das andere je richtig, also ernsthaft, ausprobiert habe, weil ich ganz schnell gemerkt habe, dass ich wohl nicht der Typ Schnecke bin. Ich habe sofort mit dem Einzug in meine erste eigene Wohnung ein paar Wochen nach dem Abitur versucht, aus dieser Wohnung mehr zu machen als nur ein Dach über dem Kopf, nämlich ein Zuhause. Meine damaligen Freundinnen schüttelten die Köpfe und rollten mit den Augen, tobten sich aus in WGs und fremden Städten. Viele Jahre später erst wurde mir klar, warum das so war: Alle meine Freundinnen konnten, wann immer und von wo auch immer zurückkehren, zurückkehren in das Haus ihrer Kindheit, zu ihren Eltern (oft noch beiden Elternteilen!), in unsere Stadt. Wurzeln eben. Viele hatten, einige haben bis heute, noch ihre alten Zimmer, in denen heute manchmal schon Enkel übernachten, wenn sie Oma und Opa besuchen. Bei mir war das anders: Mein Auszug damals hatte etwas Endgültiges, denn der Haushalt, wie ich ihn damals mit meiner Mutter und Schwester hatte, löste sich auf. Meine Mutter heiratete erneut (in einer anderen Stadt), meine Schwester begann zeitgleich eine Ausbildung (ebenfalls andere Stadt) und ich begann nach Praktikum und ein bisschen Jobberei mein Studium. Ebenfalls in einer anderen Stadt. Wohnen aber blieb ich vorerst in der Stadt meiner Kindheit, meiner Jugend. Wenigstens das! Das ließ sich bewerkstelligen, weil ich pendeln konnte zur Uni. Es blieb das Gefühl: Alle anderen hatten noch ein Zuhause, ich musste erst mal wieder eines schaffen.
Aber mal ehrlich: Welch ein Wahnsinn, nur, weil ich mich nicht trennen, nicht loslassen, nicht richtig Abschied nehmen und neu, für mich, anfangen konnte. Das nämlich passierte erst ein Studium, zweimal Ausland, einmal Referendariat und wieder Jobben, sechs Wohnungen in vier verschiedenen Orten und alles in allem 12 Jahre später. Zu Hause fühlte ich mich während dieser ganzen Jahre nie; nie wirklich. So fühlte ich erst, als ich nach Hamburg kam. Hier hatte ich sofort das Gefühl, angekommen zu sein. Dazu brauche ich immer noch mehr als ein Dach über dem Kopf, nämlich vor allem den einen Menschen, der dieses Zuhause mit mir teilt und die restliche Handvoll Menschen, die dies zu Hause sein mit mir leben und lebenswert machen. Dazu brauche ich Gegenständliches, Bücher, Möbel, aber auch Abstrakteres: Farben, Gerüche, Licht, Stimmungen: Wie es ist, wenn ich den Schlüssel zur Wohnungstür umdrehe an einem heißen Sommertag und mich das lichtdurchflutete Wohnzimmer empfängt, wie anders es ist, wenn ich während eines ordentlichen Regengusses zu Hause in meinem Ohrensessel sitze, das Fenster weit geöffnet ist und der Regen prasselt und die Luft nach nasser Erde aus dem Vorgarten duftet. Wie es ist, morgens aufzuwachen und den ersten Kaffee des Tages zu kochen. Wie das duftet. Das Gefühl, zu Hause zu sein und ein Zuhause zu haben, könnte ich jetzt noch weiter in epischer Breite ausführen, lasse es aber tunlichst. Aber gerade jetzt im Moment schöpfe ich enorme Kraft aus diesem Gefühl, weil ich hier jeden Abend weiß, was und warum ich es so vermisse und wie unendlich doll ich mich darauf freue, irgendwann diese Pforten des Krankenhauses hinter mir lassen zu können und wieder dort zu sein. Zu Hause. Und bis das so sein wird, mache ich einen auf Schnecke. Reduziere mich in meinem Umfeld auf das Wesentliche. (Und es ist eine gute Erfahrung zu erleben, dass ich das kann!) Ich möchte dies Krankenzimmer nicht heimelig gestalten. Es ist (und soll auch bleiben) eine Übergangsstation auf dem Weg zurück nach Hause. Ich möchte es hier nicht gemütlich haben. Ich möchte nicht möglichst viele Dinge von zu Hause hier haben, die mich erinnern. Ein paar wenige, ja, kleine Gegenstände, ja, aber wirklich reduziert.
In mir trage ich mein Zuhause sowieso. Und weil ich weiß, weil ich fest daran glaube, auch geografisch dahin zurückzukehren in einem Zustand, der mich darin auch wieder gut leben lässt, kann ich diese jetzige Situation (meist) ganz gut ertragen.
Am 04.09. stellen Ihnen Beate Finkenzeller, Wolfgang A. Gogolin, Claus Günther, Yvonne Naumann, Sabrina Schauer, Tatia Schirrmacher und ich mein neues Buch auf einer Lesung hier im UKE vor (Ausgesprochenes). Ebenfalls dabei: Gitarrist Matthias Fehlberg.
Ich wünsche Ihnen einen zuhausigen Monat, wo immer Sie sich auch gerade befinden.
Heike Hartmann-Heesch

August 2009



Ich konnte nie besonders gut warten. Ich werde z.B. immer ziemlich böse, wenn jemand zu einer Verabredung zu spät kommt. Dann aber gibt es wenigstens einen Termin, einen festen, und ich kann böse werden, wenn jemand den nicht einhält (und, nein, ich möchte jetzt nicht darüber diskutieren, dass man auch „sinnvoll“ warten kann!). Mein jetziges Warten, das belastende stationäre Warten auf eine Spenderlunge und damit mein Gefühl für Zeit bekommen eine andere Qualität: Es gibt keinen festen, abgesprochenen Termin, nur ein paar statistische Werte; ein Spenderorgan könnte übermorgen zur Verfügung stehen oder erst in sieben Monaten, Tendenz eher letzteres. Es geht mir nicht sonderlich gut (physisch), aber trotz allem auch noch nicht wirklich schlecht (psychisch). Viele Tage gleichen einander sehr, nur ich gleiche mir immer weniger. Trotzdem halte ich mich ganz gut, vor allem hoffe ich, unbeirrbar zu bleiben. (Dies Wort brachte ein ehemaliger Freund neulich auf den Tisch, als er mir zum Schluss in einer Mail innere Ruhe und Unbeirrbarkeit wünschte – und nicht: gute Besserung. Das fand ich sagenhaft, da haben wir fast 25 Jahre keinen Kontakt und dann wünscht er mir Unbeirrbarkeit. Toll!) Allerdings merke ich deutlich, dass (und was) von Woche zu Woche weniger geht; und so ändert sich nicht nur mein Gefühl für zeitliche Relationen sondern auch für Verhältnismäßigkeiten: Was betrauere ich, das nicht mehr geht und was hake ich einfach ab? Wie kann ich meinen kleinen Kosmos hier funktionieren lassen (sprich: Wie mache ich mich unsichtbar, um nicht unnötig oft aufzufallen und wie schreie ich gleichzeitig am lautesten, um bloß nicht überhört zu werden)? Wie gesagt, vieles geht nicht mehr wie früher, und selbst in wirklich guten Momenten sitze ich hier nicht und schreibe einen Arztroman (Traum meiner schlaflosen Nächte!) oder ein Drehbuch für eine neue Krankenhaussoap. Nee, nee, schön wärs. Die Idee zu „Dr. House“ hatte leider der kanadische Drehbuchautor, Produzent und Regisseur David Shore lange vor mir – und die kann ich eh nicht toppen. Auch an einem Erfahrungsbericht arbeite ich nicht – dafür erfahre ich vielleicht momentan einfach zu viel?!
Etwas Neues zu lesen kann ich Ihnen außer dem im letzten Monat erschienenen Buch „Zwischen den Schatten“ also zurzeit noch nicht bieten. Aber anhören können Sie mich mal wieder. Wie auch schon beim letzten Mal war ich so klug und weise
J und habe einen Text für die Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde eingelesen, bevor ich ins Krankenhaus ging, auf dass etwas bleibe, für die Zeit, während ich hier liege und in der ich es nicht mehr oder wenigstens nicht mehr so gut kann, atemtechnisch gesehen. Das merkt man leider auch schon ein bisschen bei „Zum Meer Klammer auf in 4 Bildern Klammer zu“. Ein bisschen nur und somit macht es nicht viel. Vom 04.-10. August anzuhören unter www.weblesungen.de. Danach dann dort im Archiv oder hier auf dem Schreibtisch. Ich bedanke mich bei Organisator Rüdiger Käßner und wünsche angenehme 8 Minuten irgendwas.
Den 04. für den nächsten Monat, September, können Sie auch schon einmal vormerken, denn dann werde ich mein neues Buch vorstellen. D.h., nicht ich, das schaffe ich nicht (ich wiederhole mich: atemtechnisch gesehen), sondern einige meiner tollen Hamburger Autorenkollegen werden es für mich tun, hier vor Ort, hier im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Im „Raum der Stille“. Dazu später im Monat Genaueres unter Ausgesprochenes. Schauen Sie also noch mal rein hier.
Ich wünsche einen guten Monat.

Juli 2009: Neue Welten
Und ein Nachtrag vorweg (10.07.)
Nun ist es also da. Rechtzeitig genug, um noch als Urlaubslektüre mit eingepackt zu werden:  Mein neues Buch „Zwischen den Schatten“, das ich Ihnen hiermit sehr ans Herz lege. Schreiben Sie mir doch mal ein paar Zeilen, wenn Sie es gelesen haben. Eine Leseprobe finden Sie auf dem Schreibtisch, im nächsten Monat auch eine Hörprobe, und alle weiteren Details wie immer unter PS. Angenehme Lektüre!

Stichworte für diesen Monat: Abschied. Heimweh. Würde, meine Würde wahren, das ganz besonders! Im Moment jedoch fühle ich mich ziemlich  sprachlos. (Kaum vorzustellen, nicht wahr?) Deswegen schweige ich jetzt erst mal und versuche, die kommende Zeit ganz anders zu, tja, leben. Und mir dabei vielleicht sogar ein paar kluge Gedanken mache, was ich auf der Papiersinfonie ändern kann. Ich möchte das Archiv rausschmeißen und durch eine andere Rubrik ersetzen, um nicht immer die ganze Heimat-Seite mit den LungenFortRückSeitSchritten zu füllen sondern diese wieder für das nutzen kann, für das sie ursprünglich mal geplant war: Ankündigungen neuer Texte, Bücher, Lesungen und vielleicht mal kleine Anekdoten. Ich lasse mir was einfallen. Warten Sie es ab.
Für die Zeit. Die nie stillsteht.
Haben Sie einen guten Monat!
Mit Puste, die hoffentlich nie ausgeht

Juni 2009: Den Himmel berühren

Als so ziemlich das Schwerste an meiner momentanen Situation des Wartens, des Harrens, des Aushaltens empfinde ich das Schwanken, das Pendeln zwischen Extremen. Zwischen guten Momenten und ganz schlechten Tagen. Zwischen Verzweiflung und doch wieder immenser Hoffnung. Zwischen abgrundtiefer Angst und völliger Ruhe. Zwischen Selbstmitleid und Mut. Zwischen Trotz und (vermeintlichem) Pragmatismus. Zwischen Betrauern eines Lebens, das war und nicht mehr so ist, wie es eben war und der Erkenntnis, dass das, was war, schon ziemlich, ziemlich gut gewesen ist und dem Gefühl, dies nie genügend zu schätzen gewusst zu haben. Anerkannt zu haben. Genossen zu haben vielleicht auch. Ich realisiere, wie sich Wichtigkeiten verschieben. Wie früher Selbstverständliches einen ganz neuen Stellenwert bekommt.
Was mich trägt, jetzt, jeden Tag neu, ist Liebe. Was mich hält, sind Gefühle von Dankbarkeit und Demut. Und eine fast unaussprechliche Sehnsucht, den Himmel und das Licht zu berühren und zu halten. Ganz fest zu halten. Immer wieder. Es geht. Kommen Sie, versuchen Sie es mit mir.
Pusten Sie. Recken, strecken Sie sich. Lassen Sie sich treiben. Ruhen Sie. Umarmen Sie.
Leben – ist alles.

Mai 2009: Kleine Oasen
Ich stelle diesen Monat für mich unter das Motto „kleine Oasen“. 
Seit fast 10 Jahren lebe ich in einem der schöneren Stadtteile in einer der schönsten Städte der Welt. In einer Parterrewohnung in einer ruhigen Tempo-30-Zonen-Einbahnstraße. Mit ein bisschen Rasen und Hecke vor den Wohnzimmerfenstern. Und Rosenbüschen und einer kleinen Kastanie, die leider so nah an die Fenster ranwuchsen, dass der Platz für eine nutzbare Terrassenfläche nicht da war: Zwischen Fenstern und Rosen war es gerade breit genug für ein paar schöne Terracottatöpfe mit Kräutern und Tomatenpflanzen. Machte ja auch nichts, ein kleiner Weiher samt Park war nah für sommerliche Sonnennutzung zur gesunden Teintbildung. War nah, ebenfalls in Anführungsstrichen. Denn für mich ist er jetzt unerreichbar, den Weg dorthin schaffe ich allein nicht mehr. Aber wie es der Zufall (?) so wollte: Der vorvergangene Winter war nass, sehr nass, bis auf einmal über Nacht die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt sanken, dort eine Woche verharrten und die Nässe an den Rosenbüschen gefror. Das hat ihnen grundsätzlich nicht geschadet, allerdings haben sie aber ihr Gewicht verlagert und sind schwer abgesunken Richtung Straße. So blieben sie auch, nachdem das Eis getaut war. Im letzten Jahr passte deswegen schon ein Stuhl auf die Fläche zwischen Rosen und Fenstern. 
Und dies Jahr? Nun, mit ein bisschen Nachhelfen (entsprechendes Schneiden) und Verlegen von ein paar alten Platten habe ich jetzt direkt vorm Fenster eine kleine Oase. Passend für einen Liegestuhl plus einen weiteren Stuhl. Sauerstoffversorgung nach drinnen inklusive. Ich kann also raus, wenn ich möchte. Ein bisschen Sonne und Vitamin D tanken. Ohne Rollstuhl, ich klettere einfach durchs Fenster, das kriege ich gerade so hin. Klasse, oder? Heimzukommen nach fast 6-monatigen fast ununterbrochenen Klinikaufenthalten in einen April mit diesem Wetter, und dann auch einfach draußen sein zu können, haben mir entsprechend gut getan! Helfen natürlich nicht unbedingt bei den Entscheidungen, die jetzt anstehen, helfen aber grundsätzlich dabei, mir immer wieder, tagtäglich, andere kleine Oasen zu schaffen für die Momente, in denen ich sie dringend benötige. Ähnlich wie die kurzen, guten Momente am Schreibtisch, die ich auch fast jeden Tag erleben darf.
In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen einen Mai voll mit kleinen Oasen. Eine davon kann ich Ihnen anbieten und mit Ihnen teilen: Die 4. Dulsberger MaiRauschen-Lesung gleich am 2. Mai. Unter Ausgesprochenes. Ich werde dort sein, trotz (oder gerade wegen!) aller Handicaps. Und viele meiner tollen Kollegen auch. Lassen Sie sich das nicht entgehen. Das Buch zur Lesung gibt’s wie jedes Jahr zeitgleich, diesmal zum Thema „Nachspiel“. Hier unter PS.

April 2009: Ist Vergessen auch eine Form von Erinnern?
Ich fasse mich diesen Monat (verhältnismäßig) kurz, obwohl ich selbstredend wieder einen Roman schreiben könnte, erspare Ihnen die negativen Entwicklungen und nenne Ihnen die positiven Veränderungen: Meine Stimme ist wieder da. Kein Aprilscherz. Einfach so. Ich wachte eines Morgens in Rostock auf der Intensivstation auf und krächzte plötzlich lauter und nicht mehr so heiser. Am nächsten Tag kamen meine Worte nicht mehr so gepresst. Und am Tag drauf sprach ich wieder fast normal. Jemand, der mich nicht kennt, würde sicherlich bloß denken, ich sei ein bisschen verschnupft. Gott sei Dank. Ich kann mich wieder äußern. Wieder laut sein und Laut geben. Gott sei Dank. Sie werden mich also wieder lesen hören! Das ist ein Versprechen.
Dann habe ich es immerhin ohne erneuten Lungenkollaps nach erneuten 4 1/2 Wochen Klinik schon mal bis in eine Reha geschafft und wachse bislang täglich mit meinen Aufgaben, indem ich vieles fast von Grund auf neu lerne: stehen, laufen, mich bewegen, alleine duschen und natürlich atmen – und fühle mich zum ersten Mal seit Mitte November, als lebte ich wieder. Ein bisschen. Gott sei Dank! Wie ich „leben“ merke? Ganz einfach: größtenteils durch die Anstrengung, die ich bei den kleinsten Kleinigkeiten spüre. Wenn ich Muskelkater habe, nur weil ich 15 Minuten Armgymnastik gemacht habe. Erstaunlicherweise sind meine Beine ziemlich fit, auch wenn diese seit Mitte November ja fast ausschließlich eines getan haben, nämlich nichts. Eine neue Lunge habe ich natürlich noch nicht. Und es braucht schon ein bisschen Übung und auch ich nenne es mal Geschicklichkeit, sich zu bewegen, wenn man immer einen Schlauch mit sich schleppt, an dem man entweder mobil oder stationär mit einem Sauerstoffgerät verbunden ist. Und es, das können Sie sich munter vorstellen, ist überaus übel, durch die Nase atmen zu müssen, wenn man sich einen grippalen Infekt zugezogen hat und die Nase dicht ist! Wie auch immer, Sie werden mich also nicht nur wieder lesen hören sondern auch lesen sehen. Auch dies ist ein Versprechen, denn ich habe nicht vor, mich zu verstecken! Ignorieren Sie dann doch bitte einfach den Sauerstoffschlauch in meiner Nase, das mobile Sauerstoffgerät und reichen Sie mir eine Hand, um auf die Bühne zu kommen – dann kann ich den Rollator unten stehen lassen. Eitelkeit grüßt. Die Ankündigungen unter Ausgesprochenes.
Und weil ich es besser auch nicht ausdrücken kann, um was es diesen Monat, früher sowieso und zukünftig auch immer wieder, geht, hier ein Zitat aus Katharina Hagenas wunderbarem Buch „Der Geschmack von Apfelkernen“. Eine Besprechung dazu reiche ich Ihnen nach.

„Wurden nur die Menschen vergesslich, die etwas zu vergessen hatten? War Vergesslichkeit einfach nur die Unfähigkeit, sich etwas zu merken? Vielleicht vergaßen die alten Leute gar nichts, sie weigerten sich nur, sich Dinge zu merken. Ab einer bestimmten Anzahl von Erinnerungen musste es doch jedem zu viel werden. Also war Vergessen auch nur eine Form des Erinnerns. Würde man nichts vergessen, könnte man sich auch nicht an etwas erinnern. Das Vergessen war ein Ozean, der sich um Gedächtnisinseln schloss. Es gab darin Strömungen, Strudel und Untiefen. Manchmal tauchten Sandbänke auf und schoben sich an die Inseln, manchmal verschwand etwas. Das Hirn hatte Gezeiten.“

Ich wünsche Ihnen einen guten April. Mit vergessen und erinnern. Und immer wieder: mit atmen und leben.

März 2009: Wenn Zeit zählbar wird

 
Es geht um Grenzen. Und Grenzerfahrungen. Weshalb?
Nun: Die rechte Lungenseite hält nicht. Nach dem letzten Krankenhausaufenthalt nur genau eine Woche. Gerade angekommen in der Reha an der Ostsee kollabierte sie erneut, Mitte letzten Monats. Deswegen liege ich in diesem Moment, in dem ich dies schreibe, auch nicht in Hamburg in der Klinik sondern in Rostock. Wieder an Drainagen, wieder unter Sog. Fast möchte ich schreiben, das gleiche Spiel wie zuvor … seit Monaten … zum 3. Mal nun … wenn ich mir dabei nicht langsam blöde vorkäme, das so zu schreiben. Ja, wirklich, blöde. Soll ich dies hier etwa als Editorial verkaufen, wenn es eigentlich nicht mehr ist als ein bestenfalls sentimentaler (nach Mitgefühl fragender) Blog? So was wollte ich nie! Interessiert es Sie überhaupt?
Es geht um Grenzen. Grenzen des Aushaltens. Grenzen der Mut- und oft Hoffnungslosigkeit. Grenzen des Glaubens. Und ich kann mich nur wiederholen: Versagt die Lunge als elementares Organ für Leben, für Atem, für genug Atem, geht es um Entscheidungen, die mich ziemlich überfordern. Aber Entscheidungen, die ich früher oder später treffen muss und die auch niemand anders treffen kann und darf. Eine neue Lunge gibt es weder im Supermarkt zu kaufen noch bei e-Bay zu ersteigern. Denn auch darum geht es: Grenzen des Lebens. Es geht um Endlichkeit. Es geht darum, dass die Sanduhr von dem Moment an, in dem man sie umgedreht hat, abläuft. Darum, dass Zeit zählbar wird. Und das ist kein Spiel mehr. Freud war der Ansicht, das Gegenteil von Spiel sei nicht etwa Ernst, sondern Wirklichkeit, und dass Menschen in der Spielwelt unbewusst danach trachten, Situationen zu meistern, die ihnen in der Lebenswirklichkeit Schwierigkeiten bereiten. In diesem Sinn ist Spiel also nicht nur das Gegenteil von Wirklichkeit, sondern auch Spiegel, auch Projektionsfläche. Aber wo befinde ich mich derzeit? Wo kann ich ansetzen? Was wiegt schwerer - das Geschenk, dass ich 5 Schritte gehen kann, ohne Atemnot zu bekommen? 5 Schritte!!! Oder der Verlust, nicht einmal mehr 20m mehr gehen zu können, ohne fast zusammenzubrechen? Vor 4 Monaten konnte ich noch Rad fahren. Auch hier geht es um Grenzen. Um Verschiebungen. Um Ziele. Um Umdenken. Um Umblicke, rück- und vorwärts. Um Wertigkeiten. Im Dezember habe ich mich fast noch ein bisschen lustig gemacht über die Sauerstoffschläuche in den Nasen von „Dr.-House-Patienten“ im TV – jetzt benötige ich selbst einen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, zu Hause, in der Klinik, beim Essen, beim Tippen, beim Fernsehen gucken, auf dem Klo und beim Küssen erst recht. Darum geht’s auch: um Brutalität. Realität. Um verschlossene Türen und die Zweifel, die manchmal als Gelegenheiten an diese Türen klopfen und die nicht das Ziel, sondern die Hilfsmittel sind. Wenn ich sie annehme. Annehmen kann.
Und wieder geht es auch um Schönheit und Ganzheit(lichkeit). Um die Ambivalenz aller Dinge. Genau die finden Sie – wieder einmal – in den Fotos von Ute Leser. Wenn Sie sich trauen, genau hinzuschauen. Ich habe mich getraut und ich fühle große Dankbarkeit, dass ich mich ihrer Fotos bedienen darf; oft drücken diese genau die Gefühle aus, für die meine Worte nicht annähernd hinlänglich sind. Manchmal sind ihre Bilder Ergänzung. Manchmal Unterstützung. Aber immer: Bereicherung.
Eine Bereicherung wird auch das neue Buch meines Kollegen Sven-André Dreyer sein, das diesen Monat erscheint. Im letzten Jahr habe ich Ihnen sein 2. Werk „Langsamland“ vorgestellt, und ich bin aufgeregt-gespannt auf sein neues: „Freizeichen“. Sobald ich es habe lesen können, werde ich es für Sie besprechen. Denn ich spüre, dass es (für mich) ein Mutpunkt sein könnte. Und ich vielleicht für einen Augenblick meine momentanen Grenzen vergesse. Auch darum geht es: Um Fallenlassen und Festhalten.
Hier ansonsten neu auf dem Schreibtisch: Die ganz kurze, aber für mein neues Buch titelgebende Erzählung „Zwischen den Schatten“ aus dem letzten Jahr. Zwischen dem Thema da und meinen heute liegen Welten. Und doch sind es nur ein paar Monate.
Ich wünsche Ihnen einen guten Monat. 
Atmen Sie. Leben Sie. Verästeln Sie sich. Pieksen Sie. Blühen Sie.
Heike Hartmann-Heesch  
 

Februar 2009
Ich hatte so gehofft, Ihnen diesmal ein richtig frohes, vielleicht sogar fröhliches Editorial schreiben zu können … Soll wohl leider nicht sein – obwohl ich versuche, es hoffnungsfroh wenigstens zu schreiben. Also, kurz und knapp: Doch, die kollabierte linke Lungenhälfte ist prima stabil geblieben. Alle Narben sind wunderbar verheilt. Nur: Kurz darauf, Mitte Januar, kollabierte die rechte Lungenhälfte. Plopp. Einfach so, genau so wie zuvor die linke. Nun liege ich seit Mitte des letzten Monats wieder in der Klinik, the same procedure as last year, nur mit allen Problemen auf der anderen Seite. Wieder Drainagen, wieder unter Sog, wieder OP, jetzt immer noch Drainagen und die Hoffnung darauf, die erste der Drainagen bald ziehen zu können. Bald. Ganz bald, bitte.
Was mir so sehr am Herzen liegt jetzt: Ich würde gern versuchen, „mit meiner Lunge noch mehr Hand in Hand zu gehen“. Anders geht es doch nicht, oder? Ich würde ihr gern so was sagen wie „Hey, ich tue jetzt alles, damit es dir gut, wenigstens nicht schlechter, geht; ich rauche nicht mehr, ich mache Atemtherapie, ich versorge mich noch mit zusätzlichem Sauerstoff, um die Sättigung schön hoch zu halten, ich habe nun schon sechs Wochen Kortisontherapie hinter mir, ich liege hier nicht wie ein Häufchen Elend, ich sauge jede positive Kleinigkeit auf, die mir widerfährt (und das sind viele am Tag!) – könntest du dann vielleicht versuchen, nicht wieder zu kollabieren? Uns die Chance zu geben, dass wir es gemeinsam schaffen?“
Ich habe dies eine Bild hier, das ich wieder einmal von Ute Leser geschenkt bekam (ein dickes Dankeschön!) – sehen Sie die Engel-Flügel? So zart, verästelt, voll Hunger strecken sie sich aus nach Leben – und doch, als Bild meiner Lungenflügel, gleichzeitig so vernarbt, so löchrig, rufen sie nach Leben.
Ein schönes Bild, in seiner Ambivalenz.
Und ich möchte mit meiner Stimme kommunizieren. Ihr sagen, wie toll es wäre, wenn ich auch wieder laut sein dürfte. Meine Gedanken nicht mehr nur flüstern könnte. Meine Wünsche, meine Sehnsüchte. Auf dass ich gehört würde. Aber wer weiß, manchmal liegt ja auch gerade in der Stille des Wortes die Kraft. Aber wohin dann manchmal mit der Wehmut, der Traurigkeit, die kommt und geht, wenn ich z.B. ältere eingelesene Texte von mir anhöre? Werde ich mich wieder so mitteilen können? Für Sie lesen können? Sprechen? Aussprechen?
Ich wünsche Ihnen einen Monat mit genug Luft: Zum Atmen, zum Kopffreipusten, zum Sprechen, zum Leben.
Hier neu auf dem Schreibtisch: „Mücken“, eine kurze Erzählung aus dem letzten Jahr. Eine neue Besprechung unter Lesezeichen reiche ich Ihnen nach. Und unter PS können Sie schon einmal einen Blick werfen … auf das Neue. Das neue Buch.

Januar 2009

Verbringt man sechs Wochen im Krankenhaus, von denen man drei Wochen das Bett nicht verlassen kann, bleibt auf jeden Fall eines: Zeit. Zeit zum Nachdenken, Zeit für Besinnung darauf, was wirklich wichtig ist. Kann man dann noch nicht einmal sprechen, findet man  andere Möglichkeiten der Kommunikation, um  sich verständlich zu machen, und es bleibt: Dankbarkeit. Dankbarkeit für kleine liebevolle Gesten, Dankbarkeit gegenüber Menschen, die einen nur ansehen und wissen, was man benötigt. Versagt die Lunge als elementares Körperorgan für Leben, bleibt sie auch nach einer erneuten OP über lange lange Tage nicht von alleine stabil, bekommt das den Beigeschmack einer Entscheidung, die man selbst scheinbar nicht mehr in der Lage ist zu treffen. Wenn dann, buchstäblich von einer Minute zur anderen, die medizinischen Apparaturen anzeigen, dass auf einmal doch keine Luft mehr in den Pleuraspalt gelangt und damit die Ausdehnung der Lunge nicht mehr verhindert, sodass diese für die Atmung doch vielleicht wieder zur Verfügung steht, kann man schon ein bisschen paranoid werden und möchte am liebsten alle drei Minuten nachschauen, ob dem auch tatsächlich so ist, weil man es fast nicht glauben kann und die Angst vor Enttäuschung, vor Rückschlag, so immens groß ist – und dann scheue ich mich nicht, die  Worte kleines Wunder in den Mund zu nehmen. So habe ich es empfunden. An jedem der Tage, an denen die Drainagen gezogen waren und meine Lunge wieder alleine in der Lage war zu arbeiten. Zu atmen. Zu leben. Mir Leben zu schenken. Wie gebrochene Erde, aus der das Leben neu erwachsen darf.
Was bleibt, ist die Angst, dass dieser Zustand nicht zu halten sein wird. Damit lerne ich jetzt umzugehen. Und, in großer Dankbarkeit und auch ein bisschen Demut, um ein weiteres kleines Wunder zu beten, obwohl das sogar vielleicht schon ein bisschen vermessen anmutet: dass auch meine Stimme wiederkommen möge.
Hier neu auf dem Schreibtisch: Der kurze Text „Gott und ich oder: Enten füttern verboten“.

Ich wünsche Ihnen ein friedvolles, gesundes Jahr 2009 mit vielen kleinen oder größeren  Wundern. Mit dem Vertauen darauf, dass auch Regenschauer ihr Gutes haben, da nach ihnen oft neues Wachstum möglich ist. Mit dem entsprechenden Sonnenschein.
Mit der Gewissheit, dass es für alles seine Zeit gibt.

Heike Hartmann-Heesch
 

Dezember 2008
Bislang dachte ich, das Schlimmste, das einer Autorin passieren könne, sei eine Schreibblockade. Schreibblockade, pah! Peanuts! Ich weiß jetzt, was schlimmer ist: Keine Stimme mehr zu haben! Momentan kann ich nur flüstern -  und selbst das Flüstern klingt noch heiser. Wie soll ich je wieder vorlesen können? frage ich mich im Moment ziemlich verzweifelt.
Warum ich nur noch flüstern kann? Hm. Nun, mach einer Routineuntersuchung (Bronchoskopie) im Krankenhaus kollabierte meine sowieso schon angeschlagene Lunge (deshalb ja die Untersuchung)  – allerdings erst drei Tage später, als ich schon aus dem Krankenhaus entlassen war, zu Hause auf den Befund wartete, der ca. eine Woche später kommen sollte und ich mich arg wunderte, dass es mir stündlich schlechter als besser ging.
Dann kam Atemnot.
Und dann versagte die Stimme.
Ich also zurück ins Krankenhaus, Notaufnahme und binnen einer Stunde lag ich auf dem OP-Tisch. Und nun bin ich ohne Stimme und bettlägerig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der linken Seite zwischen zwei Rippen die Drainage, die meine Lunge wieder dazu bringen soll, auf normale Größe „zurück zu wachsen“, auf der rechten Seite die ganzen Braunülen für Antibiotika, Kochsalzlösungen und weiteren Infusionen. Nicht zu vergessen das Sauerstoffschläuchchen in der Nase (und hinter den Ohren festgeklemmt), welches bei „Dr. House-Patienten“ immer so nett dekorativ ausschaut. Ich kann Ihnen versichern: Es ist weder dekorativ noch nett – nur eben manchmal gesundheitlich verdammt nötig. Und: Mein Aktionsradius beschränkt sich momentan also auf ca. einen Meter rund ums Bett.
Also: Wie gut, dass ich die Erzählung „Heimkehr“ für die Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde schon im Oktober eingelesen habe. Die können Sie sich dann vom 16.-22.12. unter www.weblesungen.de anhören. Danach dort im Archiv. Und natürlich neu hier auf dem Schreibtisch zum Selbstlesen. Oder auch in der Anthologie „Weihnachtsgeschichten für Erwachsene“ (siehe PS). Unter PS ebenfalls neu: Das Mohland-Jahrbuch 2008.
Ihnen jetzt wünsche ich erst einmal eine friedvolle Adventszeit, frohe Weihnachten und einen guten Start für 2009. Ich mache mich jetzt rar, kümmere mich um meine Lunge und komme im neuen Jahr zurück: Hoffentlich gesund (wenigstens gesünder), auf jeden Fall aber mit neuer Energie, einem neuen Buch und hoffentlich mit gewohnter ALTER Stimme.
(Was für ein Roman! Goethe wars, glaub ich, der gesagt haben soll: Ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen).

November 2008
Im Herbst des vergangenen Jahres waren mein Mann und ich eine Nacht zu Gast auf der Burg Hornberg (ja, die, auf der auch Götz von Berlichingen 45 Jahre seines Lebens verbrachte). Dabei entstand dieses Foto. Schauen Sie genau hin, was dort fleucht und flattert ... Schöne Einstimmung auf den November, nicht wahr?
Wer fürchtet sich vor „Novemberblues"? Ich jedenfalls nicht! Denn es gibt: viele tolle Lesungen und Veranstaltungen (Ausgesprochenes), neue Bücher (PS) und hier auf dem Schreibtisch einen brandneuen Text („Zum Meer"). Meer? War ich nicht gerade noch in den Bergen rund um die Burg?

Oktober 2008

Nun ist es kaum noch zu ignorieren: Der Herbst ist da. Die Tage scheinen wieder kürzer zu werden, aber eigentlich sind sie ja nur länger dunkel. „Es gibt keine Finsternis an sich, sie ist nur ein Mangel an Licht“ lässt Jostein Gaarder seine Sofie in „Sofies Welt“ sagen. Und was kann mehr Licht schaffen in trüben Tagen als große Gefühle? Jetzt schon als kleine Einstimmung auf die Novemberlesungen stelle ich Ihnen unter Lesezeichen das unlängst als Taschenbuch erschienene Werk „Gut gegen Nordwind“ vor.
Oder blättern Sie doch ein bisschen in der in diesem Monat erscheinenden Anthologie „Erste Liebe" (siehe PS), herausgegeben vom KulturStammtisch Dulsberg als Projekt zur Dulsberger HerbstLese 2008.
Außerdem werde ich in diesem Monat noch einmal zu Gast bei Rüdiger Käßner sein, der seit 2001 die Weblesungen für die Hamburger Kulturbehörde organisiert. Ich werde, nein, keinen Herbsttext einlesen sondern – ich traue mich kaum es zu tippen – schon einen adventlich-vorweihnachtlichen. Schließlich werden Sie ihn sich ja auch erst im Dezember anhören können … Weitere Termine unter Ausgesprochenes.

Ich wünsche einen bunten Herbst mit Kürbissuppe, Apfelchutney, selbst gestrickten warmen Wollsocken und Indian Summer (auch mitten in der Großstadt)!  

September 2008
Die letzten Augusttage zeigen sich hochsommerlich: sonnig, warm und trocken. Gedanken an den bevorstehenden Herbst kommen erst langsam.
Für mich ist der Herbst oft eine Zeit des Umbruchs gewesen. Entscheidende Veränderungen in meinem Leben manifestierten sich seltsamerweise immer im Herbst; und diese Veränderungen waren oft verbunden mit Wehmut, mit Abschiednehmen (und dies noch gar nicht wollen), mit Loslassen (und dies vielleicht noch gar nicht können). Immer schien die vermeintliche Leichtigkeit des Sommers zu Ende zu gehen.
In diesem Herbst werde ich (auch) mit viel Dankbarkeit zurückblicken: „Herbstzeitlose", hier neu auf dem Schreibtisch. Zum Lesen und Anhören. Oder lesen Sie meine Herbstgedanken nach im Text „Das Geschenk" in „Der Rattenfänger" (siehe PS). 
Ebenfalls unter PS: Der Live-Mitschnitt der Lesung vom Mai im Hamburger STZ - jetzt als Hör-CD! Und auch die neue Matthias-Fehlberg-CD ist nun endlich erhältlich! Unter Ausgesprochenes die ersten Termine der Herbstlesungen!

August 2008
Da! 
Schauen Sie genau hin! Ich habe es für Sie gesucht!
Und aufgestöbert! Gefunden! 
Das Sommerloch! 
Passen Sie auf, dass Sie nicht hineinfallen! 
Ich kann es sicherlich nicht ganz füllen, aber doch wenigstens ein bisschen:
Diesen Monat erscheint die Anthologie „Begegnungen 2008“ der editionleselust (siehe PS). Meinen Beitrag dafür „Im nächsten Leben“ können Sie auch auf dem Schreibtisch nachlesen. Aber natürlich können Sie ihn sich auch anhören, wenn Sie das lieber möchten. Wiederum aus dem Live-Mitschnitt meiner Mai-Lesung im Hamburger STZ. Sogar ohne Versprecher.
Außerdem erscheint diesen Monat die 21. Ausgabe des Magazins „Verstärker“ zum Thema „Schein“. Lassen Sie sich die nicht entgehen, genauso wenig wie die dazu veranstaltete Lesung in Berlin am 23. August (Ausgesprochenes). Ich werde dort sein! Fotoimpressionen dann ebenfalls unter Ausgesprochenes.
Haben Sie einen guten Monat – ohne allzu viele oder wenigstens nicht so große Löcher.  

Juli 2008
Diesen Monat gibt’s was auf die Ohren. Und es gibt ein paar Dankeschöns.
Wie schon im Juni angekündigt, können Sie vom 01.-07.07. meinen Text „Im Winter trägt man morgens um 6 keine Sonnenbrille“ aus dem Buch „Vertrauenssache“ auf den Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde anhören. Link dorthin auf dem Schreibtisch. Danach wandert der Text dort ins Archiv. Mein Dank gilt Rüdiger Käßner, der seit 2001 die Weblesungen organisiert.
Dann bedanke ich mich bei Thies Stein. Er hat den Text „Die Zeit steht still“ (aus dem Buch: „Der Rattenfänger…“), aus dem ein kleiner Ausschnitt auf der CD „Blues Between the Lines“ von Matthias Fehlberg erscheinen wird, in der Studio-Version bearbeitet. Den gesamten Text können Sie sich ab sofort hier auf dem Schreibtisch anhören. Matthias sage ich danke dafür, dass er den Text so sehr mag, dass er ihn auf seiner CD musikalisch begleitet.
Und ich bedanke mich bei Thomas Stelter. Er hat meine Mai-Lesung im Hamburger STZ aufgezeichnet. Hier davon zu hören: „Post an von Paul“ (schön spöttisch in der Vorleseversion!), ebenfalls auf dem Schreibtisch.
Und jetzt gibt’s noch was für die Augen. Dieter Aipperspach hat eine Interpretation zu meinem Text „Gefallener Engel“ (auch aus „Der Rattenfänger…“) gemalt, die mich sehr berührt. Auf zweierlei Weise zu betrachten, also „von oben und von unten“. Hier die Version „von oben“. Auch dafür danke.
Ich wünsche Ihnen einen guten Monat! 


Juni 2008
Wir schreiben den einunddreißigsten Tag im fünften Monat des zweitausendundachten Jahres. Des Herrn, meinetwegen. In Hamburg ist Hochsommer ausgebrochen. Ich war auf einer Veranstaltung und habe ungefähr zum vierundzwanzigeinhalbten Mal den Sonnenbrillen"-Text gelesen. Siehe Schreibtisch und Ausgesprochenes. (Den Sie sich übrigens ab dem ersten Kalendertag des siebten Monats unter Weblesungen.de anhören können.) Es war sehr heiß. Danach habe ich im Park in der Sonne gelegen und hundertdreiundzwanzig Seiten des Buches Die Bücherdiebin" gelesen. (Darüber schreibe ich Ihnen eine Besprechung. Demnächst. Unter Lesezeichen.) Ich habe dies Buch nicht gestohlen sondern zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich bin ein Jahr älter. 
Es ist jetzt genau siebzehnuhrdreiundfünfzig und die deutsche Fußballnationalmannschaft bestreitet ihr letztes Testspiel vor der EM. (Darüber werde ich nicht schreiben.)
Ich klinge gelangweilt? Oh nein. Nur ein bisschen ausgepowert. Deswegen die ganzen demnächsts" in diesen Zeilen. 
Aber: Den kurzen anderen Text Ganz anders" können Sie sich ab sofort auch anhören. Aus einem Livemitschnitt meiner Lesung vom fünften fünften dieses Jahres. Mit allen Versprechern, der Aufregung, aber auch dem Applaus. (Auf dem Schreibtisch.) Dankeschön. Und ich verweise noch einmal auf den Videomitschnitt der „Vorspiel"-Lesung. Damit Ihnen nicht langweilig wird. (Unter Ausgesprochenes.)
Meine Tomatenpflanzen vor dem Wohnzimmerfenster haben schon jeweils vier Blüten. Und Ihre???

Mai 2008
Upps, nun haben wir schon Mai. Die Tage sind länger. Stimmt natürlich nicht, die Tage sind nur länger hell, das scheint mir wesentlich.
Klicken Sie mal auf Ausgesprochenes. Für die jetzt hoffentlich lichtdurchflutete Zeit stehen einige spannende Lesungen mit noch spannenderen Themen an: Grenzgänge, Vorspiel, Umbruch...
Meinen Text „Die Fremdgängerin" im Rahmen des „Vorspiels" finden Sie auf dem Schreibtisch. Allerdings erst am Tag nach der Lesung. Ich möchte Ihnen die Pointe ja nicht vorher stehlen. Die Anthologie mit allen Texten zum Thema erscheint übrigens zeitgleich zur Lesung. Näheres unter PS.
Und, falls Sie die Lesung verpasst haben sollten, unter Ausgesprochenes eine Videodokumentation.

April 2008
Kennen Sie das? Fragen Sie sich auch manchmal, warum Sie gerade das tun, was Sie tun? Oder, schwerwiegender vielleicht noch: Ob das, was Sie tun, eigentlich das Richtige ist? Mich jedenfalls haben in den letzten Wochen oft solche Fragen beschlichen. Dazu passt, hier neu unter Lesezeichen, das Büchlein Briefe an einen jungen Dichter" von R.M. Rilke. Und, neu auf dem Schreibtisch, der  ganz kurze Text: Ganz anders". Er erscheint zeitgleich in der April-Ausgabe des Magazins „Kurzgeschichten". Siehe PS. Unter Ausgesprochenes die neuesten Lesetermine.
Ich wünsche einen zauberhaften Frühling.

März 2008
Mit der Eröffnung vom Café Leonar und dem Jüdischen Salon am Grindelhof hier in Hamburg kehrt ein Stück Kultur zurück in das ehemalige jüdische Viertel um die Talmud-Tora-Schule. Meinen Beitrag Der Koch als Heiratsvermittler" darüber finden Sie in der März-Ausgabe von Das Viertel" und hier auf dem Schreibtisch.
Ebenfalls neu auf dem Schreibtisch: Der von der Jury als bester Beitrag preisgekrönte Text des Mohland Jahrbuchs 2007: Und mein Herz ist offen" (siehe Presse unter PS).
Unter Ausgesprochenes können Sie die ersten Fotoimpressionen der Rattenfänger"-Lesung anschauen.
Ansonsten: Die Veränderungen hören nicht auf: Ab April wird es das Stadtteilmagazin Das Viertel" nach fünfeinhalb Jahren aus verschiedenen Gründen nicht mehr geben. Was mich sehr bestürzt. Sehr. Es fühlt sich für mich an wie unter einem Gewitterguss. Und momentan mag ich gar nicht daran glauben, dass ja bekanntlich nach und aus Regen viel Neues erwachsen kann. Drücken Sie also bitte die Daumen.

Ende Januar / Februar 2008
Nun ist das neue Jahr schon fast einen Monat alt und wieder einmal finde ich es erstaunlich, wie viele Veränderungen sich in so kurzer Zeit manifestieren...
Hier neu: Eine Besprechung. Denn wenn Sie endlich mein (ja nun schon nicht mehr ganz) neues Buch „Der Rattenfänger" gelesen haben (oder mich auf meiner Lesung am 04.02. daraus vorlesen gehört haben - siehe Ausgesprochenes -), dann besorgen Sie sich unbedingt das zweite Werk des Autors Sven-André Dreyer „Langsamland". Unter Lesezeichen vorgestellt.

Januar 2008
Mein Viertel, DAS Viertel, ist international. Hier können Sie sogar die Metropolitan Opera in New York besuchen. Wo? Das sagt Ihnen mein Januar-Artikel in „Das Viertel". Nachzulesen unter „The Metropolitan Opera goes HOLI..." auf dem Schreibtisch.
Außerdem: Zwei Buchbesprechungen meines neuen Buches unter PS.
Ich wünsche uns ein friedvolles und vor allem gesundes 2008.
Heike Hartmann-Heesch

Dezember 2007
Wir können es nicht mehr ignorieren: Das Jahr neigt sich dem Ende...
Schokoweihnachtsmänner und Engel aller Variationen in den Läden (bereits seit Mitte September), Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen und Weihnachtsmärkte (bereits vor dem Ewigkeitssonntag) und, halten Sie sich fest, ein 6er-Pack hart gekochte, bunt gefärbte Eier im Sonderangebot (gesehen in einem Reklameblatt eines deutschen Lebensmittelkonzerns am letzten Novemberwochenende)...
Das Jahr geht zu Ende...
Hier neu: Ein Artikel über den Verein SOS Kinderdorf e.V., der auch hier bei uns im Viertel seit 25 Jahren Beratungs- und Betreuungsangebote für Kinder, Jugendliche und Familien anbietet, denen es in unserer schnelllebigen Zeit oft an Orientierung und Perspektiven mangelt. Unter „Jungen Leuten helfen" auf dem Schreibtisch.
Mir bleibt nur zu sagen: Haben Sie, so möglich, eine besinnliche Adventszeit.
Genießen Sie Abende bei Kerzenschein und Tee. Lassen Sie sich nicht hetzen und nicht stressen. Bleiben Sie bei sich. Legen Sie eine schöne CD auf. Lesen Sie ein neues Buch. Meines zum Beispiel. „Der Rattenfänger und andere Grenzgänge". Ab 11.12. zu erhalten. Nähere Informationen unter PS... Oder das Romandebüt „Auf einen Schlag" von Florian Tietgen. Im Archiv.
Und: Klicken Sie doch mal auf den Nikolaus. Dort finden Sie meinen Beitrag für einen besinnlichen und bewussten Advent.

November 2007
Wer sagt, diese Jahreszeit sei dunkel, kühl und trübe?
Ich jedenfalls finde, es ist die Zeit für ganz große Gefühle. Und um die gehts in „Post an von Paul". Auf dem Schreibtisch. Und in der Oper „Aelita" geht es ebenfalls darum - um große Gefühle jenseits von Zeit und Raum. In der aktuellen Novemberausgabe von „Das Viertel" stelle ich Ihnen den Hamburger Aelita-Musiktheater-Verein e.V. vor. Unter „Die Liebe auf dem Mars, Oper „Aelita" im Hamburg-Haus" hier inzwischen im Archiv nachzulesen.

Ende September / Oktober 2007
„Enge wird und duftet bang und bitter
Diese Welt, dem Lichte abgewendet.
Rüsten wir uns auf das Spätgewitter,
das des Lebens Sommertraum beendet!"

So schrieb Hermann Hesse 1947.
Was ich schreibe, 60 Jahre später, lesen Sie unter „Das Geschenk" auf dem Schreibtisch.
Und: Seit über 40 Jahren gibt es in Hamburg-Eimsbüttel das „Hamburg-Haus", ein Kulturzentrum für alle Einwohner des Bezirks, unabhängig von Alter, Einkommen und Interessen. Den Bericht darüber finden Sie in der Oktober-Ausgabe von „Das Viertel".
Unter Ausgesprochenes die Fotoimpressionen der 2. Glinder Autorennacht.

Ende August / September 2007
Kurz und knapp: 
Vor genau einem Jahr startete das Hamburger Magazin „Das Viertel" eine Serie, in der bekannte und weniger bekannte Autoren aus „dem Viertel" (also: unserem! meinem!) aus ihrer subjektiven Sicht über „ihr" Viertel schreiben. Meinen Beitrag „Vogelperspektive" dazu finden Sie in der aktuellen September-Ausgabe. Und hier nachzulesen ebenfalls auf dem Schreibtisch.
Ich wünsche einen angenehmen Spätsommer (oder Frühherbst, ganz, wie Sie mögen).

Juli /August 2007
300000 Kinder, vom Säugling bis zum Jugendlichen, werden laut Dunkelfeldstudien in Deutschland pro Jahr sexuell missbraucht. In der aktuellen Ausgabe von "Das Viertel" stelle ich Ihnen den Verein "Zündfunke e.V." vor, der sich um Aufklärung und Prävention bemüht. Hier nachzulesen unter "Wenn Kinder um Hilfe rufen" auf dem Schreibtisch.
Ansonsten: Foto-Impressionen einer Open Air Lesung unter Ausgesprochenes und unter PS neue, na, was wohl, Reklame.

Juni 2007
Hier neu unter Lesezeichen: die Rezension eines der faszinierendsten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe!

Mai / Juni 2007

Wie bunt und facettenreich Leben ist, konnte ich in den letzten vier Wochen mal wieder überdeutlich erfahren. Und wie sich die vermeintlichen Gegensätze von Geborgenheit und Angst, Heimat und Fremde, Gesundheit und Krankheit, Atmung und Atemlosigkeit und auch Leben und Tod doch immer wieder neu vereinigen.
Wie reich das Leben sein kann, wenn man sich darauf einlässt. Wie bereichernd, wenn man neue Erfahrungen machen darf und neue Wege beschreiten kann, zu denen einem vielleicht vorher lange der Mut gefehlt hat. 
Hier neu: Eine Erzählung auf dem Schreibtisch und kleinere Veränderungen unter Ausgesprochenes, Pinnwand und PS.

Ende April 2007
Und soll ich analog zum letzten Eintrag sagen:  Der Sommer ist da? Nö. Stattdessen gebe ich Ihnen lieber eine kleine Illu meines Mannes, die die Lage hier in Hamburg so beschreibt: An und in der Elbe Auen drängen die Fischköpfe zur Freiheit, zur Wonne. Es gibt ein Leben nach Windjacke, Schal und Handschuhen." Wie wahr.

Und ich stelle Ihnen ein tolles Hamburger Projekt für Kinder/Jugendliche zwischen 9 und 14 Jahren des Vereins Hamburger Kulturbrücke e.V." vor: Switch - Eine Weltreise in 4 Tagen". Kinder-Botschafter für mehr Freundschaft, als Chance für Vorbehaltlosigkeit. "Wie Koreaner essen". Auf dem Schreibtisch.

Ende März / Anfang April 2007
Der Frühling ist da. Fast ohne Vorwarnung.
Der Frühling ist da. Deshalb ebenfalls neu hier: Und mein Herz ist offen", eine Liebesgeschichte, und ein April"-Beitrag auf dem Schreibtisch. Und, ganz passend zum Frühling, die Rezensionen im Archiv: ein Buch über die Liebe und das Glück und zwei winterliche CDs.
Zu guter Letzt: Im Winter trägt man morgens um 6 keine Sonnenbrille", eine neue Leseprobe aus meinem Buch Vertrauenssache". Der Text wurde im März zum Publikumssieger auf der Offenen Bühne im Hamburger Literaturcafé Mathilde gewählt - zum Thema Frühling" natürlich. Und mit Glück können Sie sich diesen Text auch bald hier anhören, aus einer Aufzeichnung der Radiosendung Radio Blattgold - Literatur zum Anfassen" aus dem vergangenen Jahr. Wenn ich kapiert habe, wie ich das technisch bewerkstelligen kann.
Und denjenigen, denen jetzt im Frühling (oder wann auch immer...) Reisegefühle im Buch kribbeln, empfehle ich die Anthologie Unterwegs". Unter Lesezeichen".

Februar 2007
„Man tötet einen Geschichtenerzähler damit, dass man ihn auf die Wahrheit verpflichtet. Die Wahrheit bleibt dem Ernst des Erzählenden überlassen“, sagte der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel. Viel Spaß bei der Entdeckung von Wahrheit und Fiktion in meinen Texten.
Und wenn Sie lange genug hier auf der „Papiersinfonie“ blättern, werden Sie auch wissen, woher der Name kommt und was er ursprünglich einmal für mich bedeutete…
J  

Heike Hartmann-Heesch, 02/2007

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