|

Ich
musste unlängst eine neue Flasche Haarshampoo kaufen. Der Drogeriemarkt
gleich bei uns um die Ecke ist, was die Ladenverkaufsfläche betrifft,
eine eher verhältnismäßig kleine Filiale einer deutschlandweiten
Drogeriekette. Das Shampoo, das ich seit Jahren benutze, war just
ausverkauft. Trotzdem ich eigentlich ein Gewohnheitstier bin, bin ich
flexibel geblieben und schaute demnach nach einer Alternative. Nach fünf
Minuten des Schauens fühlte ich mich jedoch leicht überfordert. Die
Auswahl an reinen Haarshampoos (Spülungen, Kuren und was man sonst so
alles – nicht unbedingt – benötigt, nicht mitgerechnet, Shampoos für
Babyhaare ebenfalls nicht genauso wenig wie die 4 verschiedenen
Trockenshampoos) war so immens, dass ich einfach nicht umhin konnte, sie
zu zählen: Es waren 181 (in Worten: einhunderteinundachtzig)
unterschiedliche Shampoos von ca. 15 verschiedenen Herstellern.
Einzelheiten erspare ich Ihnen, frage aber: Wer braucht die Auswahl
zwischen 181 verschiedenen Sorten Shampoos? Wissen Sie, was letztendlich
dann für mich das Kriterium war, mich für eine Alternative zu
entscheiden? Die Farbe. Ich hatte Lust auf orange. In knallorange gabs
nur eins, von einem Hersteller, dessen Shampoos es auch schon zu meiner
Kinderzeit gegeben hat (damals aber noch nicht in orange). Zugegeben,
ich war etwas irritiert von der Beschreibung „mit
Superfruchtextrakten“ (Was um aller Welt sind Superfrüchte? Welcher
Geschmacks-, Verzeihung, Geruchsrichtung gehören Superfrüchte an und
sind die wirklich so orange?)
Apropos Früchte.
Neulich las ich einen Artikel über Äpfel. Der Autor beklagte sich
bitterlich darüber, dass er – selbst auf einem gut sortierten
Bio-Wochenmarkt – nur noch so wenig Auswahl an unterschiedlichen
Apfelsorten bekommt. Und die ganzen schönen alten Sorten, die er auch sämtlichst
namentlich erwähnte, würde er schon gleich nicht mehr bekommen (außer
übers Internet); heutzutage sei doch fast alles ein Einheitsapfel und
der oft noch nicht mal aus heimischem Lande. Ob er damit Recht hat,
vermag ich nicht zu beurteilen, ich war mit der Auswahl an Apfelsorten
unseres kleinen Gemüsehändlers (fast direkt gegenüber der
Drogeriefiliale!) immer recht zufrieden, na ja, vielleicht bin ich da
genauso anspruchslos wie bei Haarshampoos. Was mir allerdings doch
aufgefallen ist: In einer rechtzeitig vor Weihnachten nach
Komplettsanierung und Vergrößerung wiedereröffneten Filiale eines großen
Lebensmittelsdiscounters ist die Auswahl, gerade bei Äpfeln, jetzt
kundenfreundlich so einfach, wie es einfacher wohl kaum nicht mehr geht.
Man hat dort jetzt die Wahl zwischen roten und grünen Äpfeln. Basta.
Das erleichtert die Entscheidungsqual doch ungemein, oder? Als dritte
Kategorie an Äpfeln gibt es dort noch Kinderäpfel. Die sind aber auch
entweder rot oder grün, unterscheiden sich von den roten und grünen Äpfeln
für Erwachsene allerdings im Preis. Sie sind doch glatt ein weniger
günstiger, aufs Kilo gerechnet, als die GrünenfürErwachsene; jedoch
erheblich teurer als die RotenfürErwachsene. Das jedenfalls zum Zeitpunkt des
Fotografierens. Seis drum.

Beißen Sie also auch morgen noch kraftvoll in rote oder grüne Äpfel
und verwöhnen Sie Ihre Haare mit den orangefarbenen
Superfruchtextrakten. Wohl bekomms.
Am
15. diesen Monats möchte Poetry-Slammerin Sabrina
Schauer meine Lyrik „Wenn Ebbe ist“ auf der
monatlichen Spätlese im Kulturpunkt im Barmbek°Basch vortragen. Ich
freue mich riesig darüber und bedanke mich im Voraus. Siehe auch
Ausgesprochenes!
PS:
Ich hätte Ihnen auch gern ein Foto der 181 verschiedenen Haarshampoos
gezeigt, schon allein als Beweismittel, aber ich besitze nur eine ganz
normale kostengünstige Digitalkamera ohne besonderes
Weitwinkelobjektiv. Damit hätte ich die ganze Bandbreite nicht auf ein
einziges Foto bekommen.

Je
länger ich zu Hause bin, je besser es mir gesundheitlich geht, sowohl
physisch als auch psychisch, desto öfter werde ich – vorsichtig, ganz
vorsichtig – gefragt, „ob ich es wieder machen würde“. Und immer,
wenn ich dann versuche, meine ganze ambivalente Haltung darzulegen,
stellt sich oft heraus, dass die Frager gar nicht so wirklich daran
interessiert sind, ob ich mich wieder für eine Transplantation
entscheiden würde, sondern dass sie oft einfach meine Meinung zu
Organspende allgemein wissen wollen. Und da bin ich für mich ganz klar:
Organspende kann Leben retten. Eine Organspende hat mein Leben gerettet.
Ich kenne den Spender meines Organs nicht, aber ich weiß, dass ich das
Glück, ein Spenderorgan erhalten zu haben, nur der Bereitschaft eines
anderen Menschen verdanke, der seine Lunge gespendet hat und ich weiß
auch, dass dieses Geschenk mit dem Tod des anderen Menschen verbunden
war.
Unser heutiges Transplantationsgesetz, das Bundesrat und Bundestag in
breitem Konsens verabschiedet haben und das 1997 in Kraft trat, sieht
die so genannte erweiterte Zustimmungsmöglichkeit vor, nach dieser
einem Verstorbenen Organe nur dann entnommen werden dürfen, wenn er
selbst dazu die Einwilligung im Organspenderausweis dokumentiert hat.
Liegt keine schriftliche Erklärung vor, werden die nächsten Angehörigen
befragt (ob der Verstorbene sich ihnen gegenüber geäußert hat) und
wenn auch hierzu nichts bekannt ist, werden Angehörige nach dem mutmaßlichen
Willen des Verstorbenen befragt und gebeten, in seinem Sinne zu
entscheiden. Im Organspendeausweis kann man das Einverständnis auch nur
für bestimmte Organe geben, man kann bestimmte Organe ausschließen
oder auch der Entnahme von Organen und Gewebe gänzlich widersprechen
– in jedem Falle aber dokumentiert man damit seine Entscheidung.
Trotz breiter Zustimmung in der Bevölkerung bekunden nur sehr wenig,
unglaublich wenig Menschen ihre Entscheidung in einem
Organspendeausweis. Für viele Menschen ist Organspende nach wie vor ein
bedrohliches Tabuthema, weil es eine Auseinandersetzung mit dem eigenen
Tod bedeutet. Selbst im Familienkreis werden Gespräche darüber oft
vermieden. Auch die Angst, als möglicher Organspender keine optimale
medizinische Behandlung zu erhalten und zu früh „für tot erklärt zu
werden“, spielt eine Rolle.
Dabei kann nicht generell jeder Verstorbene ein Organspender sein, denn
als Spender von – durchbluteten – Organen kommen (außer
Lebendspenden) nur Hirntote mit künstlich aufrechterhaltenem
Herz-Kreislauf-System infrage. In den allermeisten Fällen tritt jedoch
der Herzstillstand zuerst ein. So kommen von den vielen Hunderttausend jährlich
in deutschen Krankenhäusern
Versterbenden sowieso nur ca. 1% als Organspender in Betracht, weil bei
ihnen der Hirntod dem endgültigen Herzstillstand vorausgeht.
 Hier
in Hamburg läuft seit 2010 eine Wanderausstellung mit dem Thema: „Ich
oder du? Künstlerische Positionen zur Organspende“. Studierende des
Fachbereichs Illustration der Hochschule für Angewandte Wissenschaften
haben sich, unterstützt von der Techniker Krankenkasse und der Behörde
für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz (Amt für
Gesundheit und Verbraucherschutz) mit dem hochsensiblen und komplexen
Thema Organspende beschäftigt. Dabei ging es nicht vordergründig um
eine positive Auseinandersetzung mit dem Thema. Auch negative Aspekte,
Ängste oder Vorurteile konnten aufgegriffen und künstlerisch umgesetzt
werden; die Themen Tod, Leid, Nächstenliebe, Fürsorge, Glück und
Hoffnung liegen eng beieinander. Herausgekommen ist dabei eine Vielfalt,
die mich sehr beeindruckt hat. Ein paar Mal musste ich auch tief
schlucken. Bis Ende des Monats ist die Ausstellung noch im Hamburg Haus
in Eimsbüttel, Doormannsweg 12, zu sehen. Laut BGV wird man sie im März
noch im Hamburger Rathaus besuchen können. Einen Ausstellungskatalog
„Ich oder du?“ gibt es (kostenlos) an den jeweiligen
Ausstellungsorten oder hier
als Download.
*
Illustrationen aus dem Ausstellungskatalog, Herausgeber: Freie und
Hansestadt Hamburg. 062, Lena Personn und 081, Rasmus Borkamp.

So um den 2. Advent
herum fing es an zu rumoren, dies Gefühl in mir. Im letzten Jahr fühlte
ich wie nie zuvor, dass Advent war. Ich fühlte, es war die Zeit, in der
sich neue Türen öffnen würden, sich andere Horizonte zeigen würden.
Ich fühlte deutlich, dass ich mal wieder an der Schwelle einer neuen,
veränderten und veränderbaren Zeit stehe.
Mehr nicht. Genauso vage. Trotzdem fühlte ich mich beseelt. Offen. In
Aufbruchstimmung. Meine häufige Missstimmung der Wochen zuvor schien
geringer, die Zeiten, in der ich sie so stark (und belastend) gefühlt
habe, diese Abhängigkeit von Beatmungs- und anderen Maschinen, der
Frust, der mich so häufig befiel, wenn ich wieder mal merkte, wie
hilflos ich mich in Bezug darauf fühlte, mich nicht adäquat ausdrücken
zu können, weil ich einfach die „technischen“ Voraussetzungen für
Sprache und Sprechen durch die Trachealkanüle nicht besitze. Wie
minderwertig ich mich manchmal deswegen fühlte, manchmal auch behandelt
fühlte „Kann sie auch sprechen? Kann sie mich denn verstehen?“
Ich fühlte Ruhe, lang ersehnte Ruhe. Gleich bleibend.
Am 2. Advent besuchten wir erstmals mit Sack und Pack eine Freundin zum
Tee, nicht um die Ecke, sondern einmal quer durch Hamburg. Am 3. Advent
besuchten wir eine andere Freundin, überquerten sogar die Grenze nach
Schleswig-Holstein. Das klappte prima, als hätten wir das immer so
gemacht. Routiniert packten wir alle Siebensachen zusammen, ins Auto,
dort und da wieder aus, später zusammen, zurück ins Auto, bei uns zu
Hause wieder aus. Die Beatmungsmaschine benutzte ich selten auf diesen
Besuchen, ich war fast immer spontan atmend. Nur mit dem Sprechen war es
wie immer kompliziert.
Am 4. Advent war das Wetter schlecht, grottenschlecht und das schlug
dann doch auch wieder auf meine Stimmung. Schlechtes Wetter war bislang
auch immer schlecht für meinen täglichen
Spontanatmungsstundendurchschnitt. Draußen war Spontanatmen einfach, so
einfach, keine Ahnung, warum. Stundenlang funktionierte das, während
ich drinnen in der Wohnung eigentlich immer dann am besten spontan atmen
konnte, wenn ich in Bewegung war. In Ruhe, vielleicht auf dem Sofa beim
Lesen oder am Schreibtisch beim Schreiben oder Tippen, das fiel mir
unsagbar schwer, meist klappte es gar nicht oder höchstens mal eine
Viertelstunde unter ziemlicher Anstrengung.
Wie gesagt, am 4. Advent war das Wetter so schlecht, dass an Rausgehen
überhaupt nicht zu denken war. Schon gar nicht im Rolli. Da kramte ich
ganz spontan diesen anderen Trachealkanülenaufsatz hervor, den ich in
den letzten Tagen im Betreuten Wohnen schon bekommen hatte: ein
Sprechventil. Das kann man benutzen, wenn man nicht an der
Beatmungsmaschine ist, also spontan atmet, aber der Unterschied zum herkömmlichen
Spontanatmen ist, dass hier die Trachealkanüle entblockt ist. Heißt,
kurz und knapp, man atmet wieder im physiologischen Sinne, also durch
Mund und Nase und nicht mehr durch die Trachealkanüle. (Genau deswegen
hatte das im Betreuten Wohnen noch nicht so richtig funktioniert, ich
hatte erhebliche Probleme, mich wieder auf „normale“ Atmung
einzustellen, ich hatte sozusagen das Gefühl, nicht mehr ausatmen zu können.)
Das Besondere hierbei aber ist auch, dass durch die Entblockung und die
normale physiologische Atmung auch die Stimmbänder wieder relativ
normal luftangeströmt werden und somit auch wieder vibrieren können
– man kann also relativ normal sprechen. Ein klein bisschen heiser
vielleicht und nicht so richtig laut, aber man kann die Stimme wieder
fast normal modulieren, hat also Sprachmelodie und und und.
Und dann, am 4. Advent, hatte ich auch plötzlich keinerlei Probleme
damit, „normal“ zu atmen. Und nicht nur, dass ich es nicht
schwierig fand, nein, aus mir noch nicht ganz klaren Gründen finde ich
es sogar einfacher, sehr viel
einfacher (inzwischen manchmal sogar einfacher als an der Maschine). Am
4. Advent wollte ich es nur einfach mal wieder versuchen, und sei es für
10 Minuten. Aus den 10 Minuten wurden auf Anhieb fünf Stunden. Und
abends noch einmal fast so viel. Ich muss gestehen, an diesem Abend
hatte ich Angst, an der Maschine ins Bett zu gehen und einzuschlafen.
Was, wenn es am nächsten Tag nicht mehr funktionieren würde? Was, wenn
das alles nur eine Eintagsfliege gewesen war?
Um es kurz zu machen: Es war (natürlich) keine. Und ich schlage damit,
um es pragmatisch auszudrücken, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe:
Ich spreche wieder und meine täglichen Stunden mit Spontanatmung sind
sofort sprunghaft angestiegen – seit dem 4. Advent auf zwischen (und
jetzt halten Sie sich fest!) so 10 und rekordverdächtigen 13,5 Stunden
am Tag. Das ist nun schon fast ein ganzer wacher Tag. Und: Ich bin noch
nicht am Ende angekommen.
Beides zusammengenommen ist ein solch enormes Plus an Lebensqualität,
wie ich es kaum in Worte zu fassen vermag. Manchmal kaum nachzufühlen
vermag. Dann sitze ich hier und denke: Das sind wirklich neue Horizonte.
Das sind ganz neue Perspektiven. Und da schießt mir auch manchmal das
Wort Wunder durch den Kopf.
Aber damit noch nicht genug (der Wunder). Es gibt weitere Horizonte, die
auf einmal wieder sichtbar werden. Erinnern Sie sich, nachdem ich wieder
zu Hause war, haben wir in der neuen Dialysepraxis einen Auslassversuch
unternommen, der recht erfolgreich war, sodass ich fast von Anfang an
statt dreimal nur noch zweimal wöchentlich dialysiert wurde. Was ich
noch nicht erwähnt hatte, glaube ich, dass wir einen zweiten
Auslassversuch gestartet hatten, Anfang letzten Monats: Im Dezember bin
ich nur noch einmal wöchentlich zur Dialyse gegangen und bis auf ein
paar Kleinigkeiten sind meine Werte stabil geblieben. (Gefühlt war es
natürlich weitaus mehr: An Dialysetagen ging es mir ja persé immer
ziemlich schlecht, auch hinterher. Es ist jetzt keine Milchmädchenrechnung,
die ich aufmache, wenn ich sage, je weniger Dialysetage, desto weniger
schlechte Tage gab es. Es war einfach so. Und da die Werte eben relativ
stabil geblieben sind, gab es ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk: Am
Mittwoch vor Weihnachten war vorerst die letzte Dialyse für mich.
Vorausgesetzt natürlich, die Werte halten sich. Wir pausieren. Diese
Woche bin ich also zum ersten Mal „nur“ zu einer Blutkontrolle und
zum Spülen/Verbinden des Katheters in der Praxis gewesen. Das Gefühl,
das ich dabei empfand, kann ich auch sehr schwer wiedergeben. Es war
schon ziemlich überwältigend.
Wie viel mehr Freiheit! Was für Möglichkeiten! Anderthalb Jahre nach
der Transplantation!
Natürlich ist mir etwas mulmig. Ich werde fürchterlich frustriert
sein, falls es auf Dauer nicht klappt und ich doch wieder an die Dialyse
muss. Aber wenn ich es nicht austeste, nicht ausprobiere, nicht wage –
dann werde ich nie wissen, ob es nicht vielleicht doch ganz ohne geht!
Ich wünsche mir also ganz einfach, dass es im Neuen Jahr so weitergehen
möge. Es gibt noch so viele weitere Ziele: den Rollstuhl loswerden,
wieder normal laufen können. Ausdauer bekommen, mehr und stärkere
Muskeln (sowohl in den Beinen als auch in der Lunge).
Ich wünsche mir, dass es mir wie momentan gelingt, bei Problemen
(welcher Art auch immer, sei es Blut im Sekret oder eine über 90-Jährige
Großmutter, die es über kurz oder lang nicht mehr bewältigen wird,
alleine zu Hause zu leben) nicht überzureagieren. Ich merke, dass ich
langsam wieder völlig rein finde in das, was man gemeinhin Leben nennt.
Davon möchte ich mehr. (Ja. Ich weiß. Es liegt an mir.)
Ich wünsche Ihnen ein fortschrittliches, gesundes, stabiles und
lebendiges 2012. Wir lesen uns. Sehen uns. Hören uns. Das ist ein
Versprechen.
Nachtrag
Dezember
2011
Wieder
einmal bedanke ich mich bei Autorin und Literaturinterpretin Rena
Larf, die am 14.12.2011 meinen Weihnachtstext „Heimkehr"
im Hamburger Literaturradio präsentierte!
Dezember
2011 – Ein Weg nach innen:
Momentaufnahmen, Rückbesinnung, Vorwärtsschauen
Neulich
auf einem Rollstuhlspaziergang an einer Ampel. Neben uns eine Mutter mit
Kinderkarre, in der ein schätzungsweise 3-4-jähriger Junge sitzt. Der
Knirps schaut mich lange, wirklich richtig lange an. Als die Ampel auf
Grün springt und sowohl mein Mann als auch seine Mutter loslaufen,
blickt er mir in die Augen „Kannst du nicht laufen?“ Daraufhin seine
Mutter: „Äh, also, wir machen einen längeren Spaziergang. Deshalb
habe ich die Karre genommen.“ (Ach was. Wir auch. Na ja, so in etwa.)
Neulich
an einer anderen Ampel. Es war ziemlich kalt, die Luftfeuchtigkeit hoch
und die mobilen Sauerstoffkanister, die immer hinten am Rollstuhl hängen,
dampften schwer arbeitend vor sich hin. Eine Frau mit Fahrrad und
(vermutlich) Enkel im Kindersitz schaut uns lange an, dann die
Sauerstoffkanister, dann wieder uns. „Ist wohl normal, dass es unter
Ihnen qualmt!?“
Neulich Abend auf einer Lesung. Wir sitzen im Publikum. Ich war die
ganze Zeit spontan atmend, aber kurz bevor die Lesung begann, hatte ich
mich wieder an die Beatmungsmaschine umgestöpselt. Kurz vor der ersten
Pause, als ein Autor gerade den vorangegangen ablöst, ruft der Mann
neben mir am Tisch, mit dem ich mich vor der Lesung schon einen
Augenblick unterhalten hatte, plötzlich ziemlich laut in den Raum:
„Eine Bitte an den Veranstalter. Hier ist irgendwo so ein Aggregat,
das ständig an- und wieder abschwillt, kann man das abstellen?“ Meine
Freundin, die ihm gegenüber am Tisch saß, beginnt zu grinsen „Klar
kann man das abstellen. Aber das ist eine Beatmungsmaschine. Wenn Sie
die abstellen, läuft Ihre Tischnachbarin blau an. Keine Maschine, keine
Atmung.“ (…)
Dezember
also.
Mein Weg führt nach innen. Rückbesinnung: Wie war das Jahr?
Vermutlich erklären Sie mich für verrückt, antworte ich jetzt nicht
mit „Gut war es.“. War es ja auch, zweifelsohne. Wer hätte vor
einem Jahr auch nur 10 Cent darauf gewettet, dass ich heute in so einem
Zustand sein würde wie ich es bin? Wer hätte je geglaubt, dass ich
nicht nur wieder die elementarsten Dinge des Seins selbst bewältigen würde
sondern dies sogar noch zu Hause würde tun können? Und dass ich wieder
arbeiten, lektorieren, wieder schreiben, ja, sogar mit einem neuen Buch
aufwarten würde können?
So viele Sehnsüchte haben sich im Laufe des Jahres für mich erfüllt,
die ich mich vor 12 Monaten noch nicht einmal getraut hätte laut
auszusprechen – geschweige denn, dass ich an die Möglichkeit einer
Erfüllung derer überhaupt geglaubt hätte.
Und auch wenn sich natürlich in den nun knapp drei Monaten zu Hause
eine Art Alltag eingestellt hat, in dem ich bislang ganz gut und
zunehmend besser zurecht komme, hat sich ein großer Wunsch nicht erfüllt.
Ich hatte ja sehr gehofft, dass die Krankheit meinen Alltag nicht allzu
sehr dominieren würde, dass ich sie ins Leben integrieren könnte,
quasi nebenher „laufen lassen“ könnte. Das funktioniert leider
nicht. Vielleicht ist das zu erwarten gewesen, dennoch bin ich immer
wieder neu erschlagen von der Allgegenwärtigkeit. Erschlagen von der
Abhängigkeit von der Beatmungsmaschine. (Auch, wenn ich mittlerweile über
7 Stunden täglich spontan bin.) Nichts, aber auch wirklich nichts ist
einfach. Jede meiner Handlungen, jeder einzelne Schritt, jede
Befindlichkeit steht in unmittelbarer Abhängigkeit zum Atmen, zum
Beatmetwerden oder Spontanatmen.
Ein
Weg nach innen. Neulich las ich im diesjährigen „Der andere
Advent“-Kalender das Gedicht „Vor dem Winter“ von Eva
Strittmatter, in dem sie davon spricht, ein Lied aus Stille zu machen,
ein Lied aus Licht, Schweigen, Farben, Gerüchen, Schreien; ein Lied aus
Räumen und Träumen – um nicht zu vergehen während des Winters.
Diese Lyrik hat mich in der Einfachheit und Schönheit der sprachlichen
Bilder nachhaltig beeindruckt. Solch ein Lied wünsche ich mir auch.
Nicht nur für den Winter.
Ich
wünsche Ihnen eine besinnliche Adventszeit. Lassen Sie sich nicht überrennen
und verrennen Sie sich nicht. Ich wünsche Ihnen eine Zeit mit Plätzchen
backen und Weihnachtsmarmelade kochen. (Wahrscheinlich fühlt sich das für
Sie hinterher auch nicht so an,
als hätten Sie gerade einen Marathon absolviert.) Mit Kerzenschein
statt LED-Beleuchtung. Mit Orgelkonzerten und Bratapfelduft. Mit Rückbesinnung
und Vorwärtsschauen: Ein neues Jahr wird beginnen.
Wieder verheißt es Leben.
Dann
noch dies: Auf der Dezember-Spätlese in der Bascherie im Kulturpunkt Barmbek˚Basch
wird meine Freundin Tatia Schirrmacher einen ihrer Beiträge
aus meinem Buch „Langer Atem“ lesen: Angst und Hoffnung. Ein sehr
intimer, sehr berührender Text.
21. Dezember, ab 19.30 Uhr.
Anfang nächsten Jahres liest Poetry-Slammerin Sabrina Schauer an
gleichem Ort meine Lyrik „Wenn Ebbe ist“, ebenfalls aus „Langer
Atem“.
Heike Hartmann-Heesch
November
2011 – Kleine Fluchten oder Mit den Laternenpfählen per du
Neulich
gegen Abend auf einem Spaziergang an unseren Weiher beobachteten wir
eine Fahrerflucht. Ein 5er-BMW, schwarz, verdunkelte Scheiben, streifte
beim Rückwärtsausparken einen auf der gegenüberliegenden Straßenseite
parkenden Smart. So schlimm war das nicht, der Smart hatte eine
Kunststoffstoßstange, aber drei blöde Kratzer blieben doch. Und was
soll ich sagen? Der BMW-Fahrer parkte weiter aus und fuhr dann in aller
Seelenruhe davon. Der ist nicht mal ausgestiegen, um nachzuschauen.
Okay, das war sicherlich nur ein winziger Schaden, aber man kann sich
doch nicht einfach so aus dem Staub machen! Also hinterließen wir einen
Zettel hinter der Windschutzscheibe des Smart mit der Uhrzeit, der
Autonummer des BMW und unserer Telefonnummer als Zeugen. Reichte das?
Gemeldet
hat sich bislang niemand.
Ich
träume momentan nachts sehr viel. Horrende Geschichten teilweise, die
mir nicht nur beim Aufwachen Angst machen, sondern die mir auch zeigen,
was für Ängste ich generell noch mit mir rumschleppe: Überbleibsel
der letzten Jahre, vornehmlich der Krankenhausaufenthalte. Fast alle
dieser Träume enden in irgendeiner Form damit, dass ich fliehe (n
muss). Aus Krankenhäusern. Mit Sauerstoffkanistern unterm Arm kann ich
in den Träumen über Balkongeländer springen, in Aufzüge hechten,
rennen, mich gleichzeitig umblicken, Treppen steigen und diverse weitere
Dinge. Im Traum weiß ich gar nicht, wohin ich will, mache mir auch
keine Gedanken darüber: Hauptsache weg. Über ein Ankommen denke ich im
Traum auch nicht nach. Nur über das Fliehen. Nie hilft mir jemand
dabei, immer bin ich allein. Die Flucht kriege ich immer gut hin,
niemand erwischt mich, niemand hält mich auf (nur verfolgt werde ich);
was danach kommt, weiß ich nicht, weil ich dann immer von selbst
aufwache oder wie z.B. heute Morgen just in dem Moment geweckt werde.
Spannend dabei finde ich ja, dass ich im Traum immer meine
Beatmungsmaschine vergesse. Die Sauerstoffkanister nehme ich immer beide
mit, die Maschine nicht. Sorgen macht mir das aber keine. Diese Träume
begleiten mich schon seit mehreren Wochen, sie begannen, kurz nachdem
ich wieder zu Hause war. Im Traum trage ich übrigens immer Stiefel. Ich
habe, seit ich den Kinderschuhen (-stiefeln) entwachsen bin, nie Stiefel
besessen.
Letzten
Samstag habe ich mir ein Paar braune Lederstiefel gekauft.
In
den Wochen, seit ich wieder zu Hause bin, wurde ich schon öfters
gefragt, ob ich nicht nach all den Jahren Lust hätte, in den Urlaub zu
fahren. Einen solchen Gedanken hatte ich anfangs auf Eis gelegt, ich
wollte erstmal zu Hause ankommen und – zumindest, was die
beatmungstechnischen Dinge betrifft – eine Art routinierten Alltag
schaffen. Was wann wie läuft, welche Schläuche dauerhaft an welche Geräte
angeschlossen werden, welche für mobile
Geräte bereitstehen müssen, welche Kabel wohin gehören. Welche
Maschinen wo stehen, damit es ökonomisch wird. Leider hab ich z.B. nur
zwei Beatmungsmaschinen, eine fürs Wohnzimmer und eine fürs
Schlafzimmer, praktischerweise bräuchte ich auch noch eine für den
Schreibtisch, damit man sie nicht immer hin- und hertransportieren muss
und auch die Sauerstoffverbindungsschläuche nicht immer trennen muss.
Sehr viel Durcheinander war anfangs und für mich war es oft schwierig,
weil ich noch nicht so weit bin, dass ich in die hintersten Ecken der
Zimmer kriechen kann, in die wir die meisten Maschinen verbannt haben,
damit sie nicht a) blöd im Weg rumstehen und b) nicht die ganze Wohnung
wie ein Krankenhauszimmer aussieht. Kriechen kann ich noch nicht, sorry,
und mit dem Transport der Geräte sieht es auch schlecht aus, denn wenn
ich zwischen den Zimmern hin- und herlaufe, bin ich ja immer
spontanatmend, das heißt, ich schleppe sowieso schon wenigstens einen
mobilen Sauerstofftank mit mir. Im Laufen kann ich nicht sprechen, denn
dann müsste ich einen zweiten Sauerstofftank mitschleppen. Dann hätte
ich aber keine Hand frei, um diesen Extra-Schlauch zu bedienen, der an
meiner Trachealkanüle zusätzlich mit drannehängt und der eigentlich für
eine subglottische Absaugung vorgesehen ist und nicht zum Sprechen. Mit
Trick 17 kann man damit aber doch sprechen, wenn man den Pijökel, der
eigentlich zum Anstöpseln des Absaugkatheters vorgesehen ist,
kurzerhand mit dem Daumen zudrückt. Dadurch gelangt dann Sauerstoff an
die Stimmbänder, die können fein hin- und hervibrieren und somit kann
ich sprechen. Etwas blechern zwar und anstrengend ist es auch, aber es
funktioniert. Aber drei Hände hab ich nun mal nicht. Alles klar so
weit? Grinsen Sie ruhig. Urlaub also.
Oder zum Üben ein verlängertes Wochenende. Inzwischen finde ich den
Gedanken ganz reizvoll, Urlaub als wunderbare kleine Flucht aus dem eben
doch noch recht eintönigen Alltag, denn für viele außerhäusige
Aktivitäten bin ich einfach noch nicht fit genug. Momentan also eher
Couch-Potatoe als Volkspark-Jogger. Aber draußen sind wir trotzdem
viel, jeden Tag, stundenlang, spazieren gehender- bzw. -fahrenderweise
selbst jetzt, wo es schon manchmal für Rolli-Benutzer empfindlich kalt
an den Beinen wird (trotz, Oma sei Dank, warmer Wollstrumpfhose). In
unserem Viertel kennen wir inzwischen fast jeden Pflasterstein. Also wäre
eine neue, uns nicht bekannte Gegend gar nicht schlecht. Insel wär auch
toll, schon wegen des Klimas.
Bei Insel fällt mir (natürlich) als erstes „meine“ Insel ein, die
seit des Eisenbahntunnelbaus vor nunmehr etlichen Jahren gar keine
richtige Insel mehr ist: Großbritannien. Das können wir vorerst aber
vergessen, denn Ausland funktioniert krankenkassentechnisch nicht mit
Beatmungsmaschine. Also muss eine Insel her, die geografisch nicht
unbedingt näher liegt, dafür aber zu unserem Lande gehört. Amrum wär
nicht schlecht, Rügen kommt sicherlich auch
in Betracht.
Aber
eigentlich möchte ich gar nicht fliehen momentan. Weder auf positive
noch albträumerische Art. Warum sollte ich auch? Noch vor ein paar
Monaten sehnte ich mich danach, wieder zu Hause zu sein und wieder einen
möglichst normalen Alltag leben zu können. Das gelingt in großen
Teilen schon recht gut, und dafür bin ich täglich dankbar. Auch wenn
wir draußen in der näheren Umgebung schon mit den Laternenpfählen per
du sind.
Ich
wünsche Ihnen keinen eintönigen November. Falls Sie doch einer
erwischt, müssen Sie sich halt ein paar Gedanken über Flucht machen.
Oktober
2011 – Zeichen, Wunder und andere Perspektiven
Den
ganzen Sommer über habe ich alle Menschen, die sich über eben jenen
verregneten aufregten und beklagten, vertröstet mit den Worten:
„Nicht traurig sein, der Sommer wird kommen, wenn ich zu Hause sein
werde.“ Dann war ich endlich zu Hause und prompt kamen die ersten
E-Mails: „Wo bleibt denn nun Ihr versprochener Sommer?“ Heute kann
ich nun mit gutem Gewissen sagen: „Na, seit nunmehr einer Woche haben
wir ihn doch!“ – auch, wenn es sich allenthalben nur um einen der
schönsten Altweibersommer der letzten Jahre handelt. Egal.
Temperaturen, die sogar noch ein Sonnenbad im Vorgarten zulassen. Einige
Freibäder haben ihre Tore noch einmal geöffnet. Die Menschen tragen
kurze Hosen und Sommerröcke, die an nicht viel mehr als einen breiten
Gürtel erinnern; in den Straßencafés findet man kaum einen freien
Platz, einen Sitzplatz auf einer Bank im Park noch viel weniger und bei
uns am Weiher haben die Menschen ihre Grills wieder hervorgeholt.
(In einem der Life-Style-Läden oder wie auch immer man das auf
Neudeutsch nennt wurden gestern die ersten Weihnachtsbäume im
Schaufenster geschmückt.) Punkt.
Es
ist ein geradezu bezauberndes Licht, das jetzt durch die weit geöffneten
Wohnzimmerfenster hereinfällt, während ich hier im Sessel sitze und
tippe, ein warmes Licht, ein einladendes, das seltsamerweise kaum oder
wenn doch dann geradezu komische Arten von Schatten wirft; die letzten
zartrosa Rosen am Strauch vorm Fenster blühen, die
quietschorangefarbenen Begonien stehen noch in voller Pracht und der
Wein, der nun schon bis in den 2. Stock rangt, leuchtet in einem Rot,
das die Welt noch nicht gesehen hat. (Unser Vorgarten wenigstens noch
nicht.) Die Bäume, Büsche und Hecken sind (noch) grün, aber es ist
nicht mehr das frühlingsfrische Grün sondern eines, das eine gewisse
Gelassenheit und Ruhe ausstrahlt, ein Wissen, ein erfahrenes, das die
Trockenheit des Frühlings, die Nässe des Sommers überstanden hat und
sich für die Stürme des Herbstes wappnet – dennoch: Momentan ist
Frieden, die Welt meint es gut.
Vier
ganze Wochen bin ich nun schon zu Hause und auch in mir breitet sich
langsam diese Art Frieden aus. Ich komme ein bisschen zur Ruhe, auch
wenn sich eine Art routinierter Alltag, der Sicherheit verspricht und hält,
noch nicht richtig eingestellt hat. Zu oft stelle ich doch fest, dass
ich für die allgemeinen Dinge des Alltags fünfmal mehr Zeit benötige
als früher. Ich traue mir täglich mehr zu, wachse stetig mit den
Aufgaben, die ich mir immer neu stelle – und bin trotzdem so oft
verwundert über den Zorn und die Enttäuschung, den und die ich fühle,
wenn ich die Anstrengung bemerke, die mich vieles kostet. Und kaum etwas
ist „einfach so mal auf die Schnelle gemacht“, alles braucht eine
gewisse Vorlaufzeit. Geduld ist auch hier das Zauberwort.
Ich genieße die viele Zeit, die ich zusammen mit meinem Mann draußen
verbringen kann, immer ohne Beatmungsmaschine, alles spontanatmend,
Stunden über Stunden auf Spaziergängen mit Mathilda in den
verwinkelten Straßen des Viertels und darüber hinaus, Gassen,
versteckte kleine Straßen, durch die ich in meinen nunmehr über 11
Jahren in Hamburg noch nie gegangen und Ecken, in denen ich noch nie
gewesen bin. Zauberhafte kleine Oasen. Freundliche Menschen. Spaziergänge
(-fahrten) in den Einkaufsstraßen nehme ich ganz anders wahr. Wie viele
Hunde gibt es doch, die unter den Caféhaustischen liegen, während sich
Frauchen oder Herrchen überm Tisch einem Latte Macchiato oder ähnlichem
widmen. Aus spaziergehender Perspektive sind sie mir selten aufgefallen.
Ebenso wie die vielen verschiedenen Ärsche der Menschen, die vor oder
neben uns flanieren. Hab ich früher nie drauf geachtet, aber nun sind
sie genau in meinen Blickwinkeln. Mit Grundschulkindern bin ich
ebenfalls auf Augenhöhe: „Was hast du da?“ (auf meine TK zeigend).
Ich gehe oft mit einkaufen und komme an weit mehr als 50% der Waren
nicht ran, zu hoch oder zu tief stehen sie in den Regalen, sofern wir überhaupt
mit Rollstuhl zu den entsprechenden Regalen vorstoßen, weil die Gänge
zu eng sind. Und Menschen stehen im Weg, im engen Supermarkt aber auch
auf dem Bürgersteig und hören mich nicht, wenn ich dann, so laut ich
es mit der TK vermag, mit „Entschuldigung …“ einen Satz anfange.
Bemerken Sie mich dann doch, erröten sie oft und hopsen fast zur Seite
und sagen ihrerseits „Oh, Entschuldigung“ – zu Detlef gerichtet,
nicht zu mir. Auch wird Detlef angesprochen, in Geschäften, selbst wenn
ich Ware, beispielsweise ein Halstuch, auf den Verkaufstresen lege. Nur
einmal kam eine der Verkäuferinnen zum Schluss sogar um den Tresen
herumgelaufen und drückte mir die Tüte in die Hand, statt sie mir über
ebenjenen breiten am Kopf vorbei auf den Schoß fallen zu lassen „Viel
Spaß damit!“.
(Diverse) Taxifahrer einer bekannten Hamburger Zentrale sehen sich außerstande,
meinen (zusammenklappbaren!) Rollstuhl zu befördern (obwohl der jedes
Mal extra mit angemeldet wird), manchmal, zweimal bislang, um genau zu
sein, probierten sie es gar nicht erst und ließen mich (und Pflegerin
Karin) an der Straße stehen „Ich schicke einen Kollegen“.
Behindertenparkplätze auf öffentlichen Parkplätzen sind rar und zu
oft mit Fahrzeugen besetzt, die nicht den erforderlichen Parkausweis
hinter der Frontscheibe stehen haben; ein fester (Behinderten)Parkplatz
vor unserem Wohnhaus (ich verweise auf die katastrophale
Parkplatzsituation in den Eimsbütteler Wohngebieten) steht uns nicht
zu, da ich das Fahrzeug nicht mehr selbst bediene. Ach was. Schade.
Ich
genieße das Gefühl sehr, wieder in meinem Zuhause zu leben, ist es
doch endlich genau das, was ich mir jahrelang so sehnlich gewünscht und
auf das ich so gehofft habe. So ganz finde ich mich aber selbst noch
nicht hier zu Hause. Klingt ein bisschen blöd, aber manchmal „suche
ich noch meine Rolle“ hier, suche mich. Ich vermisse einsame Stunden
am Schreibtisch (denn ich bin ja nie allein!!!). Ich ertappe mich doch
immer wieder dabei, ungerecht zu sein und maulig. Manchmal kann ich es
nicht verhindern, dass ich diese Gefühle auch an anderen auslasse, die
nun wahrlich nichts, aber auch gar nichts dafür können. Gute
Nachrichten realisiere ich mitunter erst spät, nehme sie manchmal fast
empfindungslos an und schimpfe mich dann selbst; denn so viel Gutes hat
sich, besonders auch gesundheitlich, entwickelt: Mein Lungenhochdruck
ist stark, sehr stark zurückgegangen, sodass man eventuell bald auch
die Medikation dafür reduzieren kann. Das Röntgenbild meiner Lunge (im
Vergleich zu vor einem Jahr) ist als das damalige nicht mehr zu
erkennen, so sehr hat sich meine Lunge „verbessert“; die Funktion
liegt jetzt ungefähr bei einem Drittel einer „normalen“ Lunge –
diese Zahl finde ich gar nicht einmal so erschreckend niedrig, zumal
alles noch ausbaufähig erscheint. Motorisch bin ich immer besser
zuwege, selbst mein rechtes Bein entwickelt sich und entwickelt sich und
verbessert sich. Ich lagere überhaupt kein Wasser ein, bei der Dialyse
wird auch nichts mehr entzogen und seit ich in der neuen Dialysepraxis
in Eimsbüttel bin, haben sich auf wunderbare Weise die Blutwerte
unglaublich verbessert. Wir haben jetzt sogar zwei Wochen lang je einen
Auslassungsversuch (also einen Tag Dialyse weniger in der Woche mit
engmaschiger Blutwertekontrolle) gestartet und ab nächste Woche ist es
vorerst amtlich: nur noch zweimal wöchentlich Dialyse, vorausgesetzt,
die Werte bleiben auf dem jetzigen Stand (oder verbessern sich weiter
…). Bei mir kam diese Nachricht über eine wohl unendlich lange
Leitung rüber, der Dialysearzt schien fast ein wenig enttäuscht „Na,
Frau Hartmann, andere Menschen fallen mir bei so einer Mitteilung um den
Hals oder machen mir einen Heiratsantrag und Sie schauen mich nur mit
großen Augen sprachlos an … Wir können auch alles so belassen, wie
es ist, wenn Sie damit besser zurechtkommen …“.
Auch ernährungsmäßig (vor allem wegen des Kaliums) brauche ich
momentan nicht gar so streng mit mir zu sein; vorletzte Woche bekam ich
sogar das Okay der Ernährungsberaterin für 2 Pellkartoffeln (!!!) mit
Quark. „Hat´s denn ordentlich geschmeckt?“ Selbstverständlich
hatte es das! Was ich jetzt nur noch benötige, sind ein paar mehr
Pfunde auf den Rippen – denn so richtig zunehmen, das klappt irgendwie
immer noch nicht.
Nun
ja.
Die Sonne strahlt, die Stühle stehen bereits im Vorgarten. Ich werde
jetzt wohl noch diesen Text hochladen und dann nach draußen gehen. Mit
viel Vorlauf natürlich: Die Maschinen müssen alle ein wenig umgestellt
werden, damit sie (innen) vorm Fenster griffbereit stehen, die mobilen
Sauerstoffkanister müssen geladen werden, denn ich versuche es draußen
erstmal wieder spontan … Apropos Sauerstoff: Noch haben wir die
Parameter an der Beatmungsmaschine nicht weiter gesenkt, weil meine BGA
manchmal noch sehr grenzwertig ist, was die pCO2-Werte (also den
Kohlendioxid-Gehalt im Blut) betrifft; oft ist dieser Wert noch ein
bisschen zu hoch. Dem versuchen wir entgegenzuwirken, indem wir die zusätzliche
Sauerstoffzufuhr verringern: An der Beatmungsmaschine atme ich „nur“
noch mit 0,5l zusätzlichem Sauerstoff pro Minute (vor einem Monat waren
es noch 2!). 0,5 sind ja nun fast gar nüscht mehr, alle Werte aber
trotzdem stabil. Wir haben es auch schon einen Tag mal probeweise mit
gar keinem zusätzlichen Sauerstoff probiert. Auch da blieben die Werte
super stabil – nur spielte da der Kopf noch nicht so richtig mit und
reagierte hin und wieder mit leichten Panikanfällen und vermeintlicher
Atemnot durch Anstrengung. Also lasse ich dem Kopf noch ein wenig Zeit,
um sich an den Gedanken, auch ohne zusätzlichen Sauerstoff gut an der
Maschine versorgt zu werden, zu gewöhnen. J Auch bei Spontanatmung reduziere ich: Nach Hause
gekommen bin ich mit noch 3-4 l/min zusätzlichem Sauerstoff, je
nachdem, ob ich in Ruhe war oder in
Bewegung; inzwischen bin ich konstant auf 2l, Tendenz steigend
(also, äh, fallend).
Jetzt
aber wirklich Schluss, erstmal.
Genießen Sie diesen wunderbaren Altweibersommer. Schieben Sie das
„Dicke-Socken-Stricken“ noch ein wenig auf, das läuft nicht weg.
Unsere Wohnzimmerdekoration (Hokaido-Kürbisse) werden wir auch erst
einmal aufessen und nicht liegen lassen. Lächeln Sie über die
Weihnachtsmänner in Geschäften und die geschmückten Tannenbäume in
Schaufenstern. Weihnachten? Pah – vorherrschend ist mein versprochener
Sommer!
2. September 2011 –
Going home, moving on
Ich ziehe um. Nach Hause. Dies ist der wohl schwierigste Umzug bislang
in meinem Leben (den „Umzug“ ins Krankenhaus sehe ich gar nicht als
solchen). Aber wohl auch der schönste, anstrengendste und aufregendste.
Geben Sie mir noch ein bisschen Zeit, all die Gedanken, die mich
momentan durchziehen, zu Ende zu denken und nieder zu schreiben. Danke.
PS:
Soeben erschienen: Das Mohland Jahrbuch 2011 zum Thema
„Ansichtssache“. Tolles Thema, finde ich. Von mir darinnen: „Wenn
Ebbe ist“.
Ebenfalls in diesem Monat, gegen Ende, erscheint die Anthologie
„Begegnungen 2011“. Diesmal mit beiliegender Hör-CD, auf der die
zehn besten Texte gelesen werden.
Mehr dazu unter PS!
August
2011
„Sie
hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der
Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal
zornig und böse.
Aber sie hat keine Angst.
Das wiegt alles auf: Daß wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen. Daß wir
aus dem vollen leben, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff
Leben.
Als könnte er nie zu Ende gehen.“
(Christa Wolf, „Der geteilte Himmel“)
Dies Zitat fiel mir vor ein paar Tagen wieder ein, als ich ein Exemplar
meines neuen Buches signieren wollte. (Ja-ha, beachten Sie den Wink mit
dem Zaunpfahl!) Ich habe lange nicht daran gedacht, obwohl ich es mag,
seit ich es im zarten Alter von 16 Jahren zum ersten Mal las.
Ich kann es so unterschreiben, heute vielleicht mehr denn je. Gerade
heute. Warum? Ganz einfach: Weil es gänzlich ohne Bitterkeit rüberkommt.
Das ist mein Thema, an dem ich momentan ein wenig knabbere. Melde mich
noch einmal, wenn ich ausgeknabbert habe.
Ich wünsche Ihnen einen August, der sich hoffentlich nicht so benimmt
als sei er der April!
PS: Ein Nachtrag zum letzten Monat. Über die Freude,
Ihnen mein neues Buch ankündigen zu dürfen (Zaunpfahl Numero 2), habe
ich die Lyrik-Prosa-Anthologie zum Thema „Abschied“ ganz vergessen,
ebenfalls im letzten Monat erschienen. Von mir darinnen eine kurze Erzählung
und eine Lyrik. Und – Eitelkeit ist auch mal erlaubt – stellen Sie
sich vor: Ich wurde mit einer Zeile aus der Lyrik im Klappentext
zitiert. Dolles Ding, wa?!
Näheres unter PS.
Juli
2011 – Mängelexemplar, Rattenschwänze und allerlei Diesunddassiges
Ich
liege gerade in bzw. an der Dialyse und ärgere mich.
Irgendwie habe ich seit ein paar Wochen immer an Dialysetagen ein
Riesenproblem mit meinem Sekret. Es lässt sich trotz ständigen
Inhalierens nicht gut absaugen, weil es sehr zäh ist, sehr sehr zäh,
eben zu zäh.
Dies Problem hätte ich vermutlich nicht, wäre ich nicht seit der
Transplantation dialysepflichtig, weil meine Nieren salopp gesagt den
Geist aufgegeben haben. Das hätten sie nicht, wäre bei mir keine
Lungentransplantation vonnöten gewesen, die dann auch noch nicht mal so
verlaufen ist wie alle (und ich) gehofft hatten und wären mir nicht
Abermillionen verschiedene hochdosierte Medikamente zugeführt worden.
Das hätten selbst die stärksten Nieren nicht ausgehalten und meine
eben auch nicht. So.
Das Problem hätte ich außerdem sowieso nicht, wäre ich nicht abhängig
von der Beatmungsmaschine. Würde ich ganz normal atmen können, könnte
ich mich einfach räuspern und gut wäre die Sache. Bin ich aber nicht,
kann ich aber nicht. Also muss ich Sekret absaugen. Das so zäh ist,
dass es manchmal fast weh tut. Ich wünsche mir, husten zu können. Kann
ich wegen der Trachealkanüle aber auch nicht. Grr.
Ich hänge also gerade an der Dialyse und ich ärgere mich, diesmal außerdem,
weil mein rechtes Bein wieder schmerzt. Es ist immer noch taub, zur Außenseite
hin, und schmerzt so, dass ich schreien würde, könnte ich es, wenn man
die Innenseite nur ganz vorsichtig berührt. Nervenschmerzen. Sie sind
ein wenig erträglicher geworden mit der Zeit, aber nicht weg. Mein Knie
ist komplett taub. Ich kann nicht einmal auf den Knien knien, weil ich
dann schlicht fast immer zur Seite umfalle – kein Gefühl im Knie!
Kein Halt, keine Balance. Nüscht. Bücken und aus der Hocke hochkommen
kann ich sowieso nicht.
Alles in allem: Mängelexemplar.
Während ich mich also immer noch ärgere, fällt mein Blick auf Herrn
M., einem grandios netten älteren Herrn, der mir direkt gegenüber auf
dem Bett liegt (sprich: auch dialysiert wird). Ich mag Herrn M. sehr, er
hat mir gerade die erste Zeit in der Dialyse, als es mir noch so richtig
schlecht ging, erträglich gemacht mit seinem oft polterigen Humor und
durch seine ironische Art. Er kann andere und sich selbst am meisten auf
die Schippe nehmen. Herr M. hat meine Fortschritte genau beobachtet. Er
ist immer schon früher in der Dialyse als ich und bekommt also mit,
wenn ich dort samt Pfleger und Gepäck (als wollte ich 1 Woche urlauben)
auflaufe. Neulich fragte er mich, ob ich mich auch noch an alles
erinnere und bevor ich antworten konnte, fuhr er fort: „Erst wurden
Sie mit Krankentransportern im Liegendtransport gebracht. Sie konnten
sich nicht rühren und rappeln, nicht drehen, kurz: sich gar nicht
bewegen. Irgendwann brachten die Krankentransporter Sie in so einem
Transportstuhl, obwohl Sie noch gar nicht allein aufstehen konnten. Man
musste Sie von vorne umarmen und aufs Bett drehen, damit Ihnen nicht die
Beine wegknickten. Nur ein wenig später wurden Sie in Ihrem eigenen
Rollstuhl gebracht, ohne Transporter, einfach nur der Pfleger und Sie.
Dann, plötzlich, auf einmal, kamen Sie mit dem Gehwagen. Ihre
Beatmungsmaschine stand oben auf der Sitzfläche, Ihre mobilen
Sauerstoffbehältnisse waren vorne drauf. Ganz schön wacklig auf den
Beinen, aber hochzufrieden kamen Sie an Ihrem Bett an. Gerade mal eine
Woche später kamen Sie genauso an – allerdings unter Spontanatmung!
Den ganzen Weg vom Betreuten Wohnen bis in die Dialyse unter
Spontanatmung. Toll. Dann, wieder ein Weilchen danach, schob Ihre
Pflegerin den Gehwagen – und Sie kamen hinterher an Handstöcken. So
wie ich einen zu Hause habe, einen guten altmodischen Handstock. Nur
waren Ihre nicht aus Holz, dafür knallrot und höhenverstellbar. Sie
kamen also den ganzen Weg unter Spontanatmung an Handstöcken. Und, ich
traute meinen Augen kaum, schon beim nächsten Mal kamen Sie ohne Stöcke,
freihändig, etwas breitbeinig zwar, aber so, wie es aussah, sehr
sicher. Die Phase der Stöcke wollten Sie überspringen, sagten Sie, und
ich musste grinsen. […]“
Während ich mich an Herrn M`s Worte erinnere, frei nach dem Motto
„Wie ich wieder sitzenstehenlaufen lernte“, lässt mein Ärger ein
bisschen nach. Er hat ja Recht. Und inzwischen bin ich sogar zu Hause
draußen einmal über einen halben Kilometer unter Spontanatmung
gegangen. Wahnsinn.
Und solche positiven Rattenschwänze gibt es für die verschiedensten Tätigkeiten
in allen möglichen Lebenssituationen, die ich hier wieder lernen
durfte, um so weit wie möglich selbständig zu werden. „Wie ich
wieder essen lernte“ (von der Sondennahrung über im Bett gefüttert
werden über „Wie ich lernte, ein Butterbrot zu schmieren“ bis zu
wieder selbst in der Küche kochen, in Etappen, unter Spontanatmung!),
„Wie ich wieder lernte, meinen Körper zu pflegen“ (vom komplett im
Bett gewaschen werden über langsam die Hand bis zum Gesicht heben und
dies mit dem Lappen berühren über an der Bettkante gewaschen werden
bis zu wieder alleine duschen können – vielleicht noch mit kleinen
Einschränkungen), „Wie ich lernte, mich an- und auszukleiden“ oder
auch, mit das Wichtigste wohl für mich, „Wie ich lernte, den Laptop
zu bedienen“ (motorisch, meine ich), also von jemand hebt meinen Arm
auf den Bett- und Beistelltisch („Alwina“, mit verstellbarer
Tischplatte), ich versuche, diesen mit der linken Hand zu stützen,
damit die rechte nicht wieder runterrutscht, und ich tippe im
Ein-Finger-Suchsystem-und-Kleinschreibung (sonst natürlich nicht!)
meine erste E-Mail bis zu ich tippe so schnell und so blind wie früher
(nach der Neuen Deutschen Rechtschreibung). Mit jeweils Dutzenden von
kleinen Zwischenschritten.
Diese Rattenschwänze könnte ich natürlich noch in epischer Breite
ausführen, lasse es aber tunlichst.
Mängelexemplar?
Ich
springe mal mit meinen Gedanken und wechsle abrupt das Thema, denn eine
richtig gute Nachricht habe ich noch: Ich werde das Betreute Wohnen
verlassen können und nach Hause kommen. Wirklich! Ich hatte ja schon
vor geraumer Zeit angefangen, mit dem Gedanken zu spielen; und vor gut
drei Wochen haben wir einen Pflegedienst damit beauftragt, sich um die
Kostenklärung mit der Krankenkasse zu kümmern und natürlich ein Team
zusammenzustellen, das dann für mich da ist in der Zeit, in der mein
Mann arbeitet und von zu Hause abwesend ist, also von früh – sehr früh!-
morgens bis zum späten Mittag. Mein innerer Stichtag war der 1.8., es
wird aber wohl auf den 1.9. hinauslaufen.
Ein bisschen, ehrlich gesagt, graut mir davor. „Fremde Leute“ in der
Wohnung, in der es nicht mal ein Gästezimmer für einen Rückzug gibt?
Ich werde versuchen, die Dialyse dann natürlich auf die Vormittage zu
legen, damit wären dann drei Vormittage schon mal „verplant“. Auch
das beunruhigt mich: Neues Dialysezentrum, neue Ärzte, neue
Physiotherapeuten – und vor allem, wie finde ich die (zusammen)?
Ich habe Angst vor Veränderungen. Jetzt. Im Moment.
Und ein bisschen, obwohl ich darüber ungern spreche, weil ich auch noch
nicht allzu häufig so konkret darüber nachgedacht habe, habe ich auch
Angst vor der Zukunft. Wie wird es sich tatsächlich im Alltag anfühlen,
so abhängig zu sein? Abhängig nicht nur von der Beatmungsmaschine und
dem zusätzlichen Sauerstoff, sondern abhängig auch von in erster Linie
wohl meinem Ehemann und dann den entsprechenden Pflegern. Nie mehr
allein sein, stundenlang – ich werde es unsagbar vermissen. Nicht mehr
alleine rausgehen können, selbst wenn ich irgendwann körperlich dazu
in der Lage sein sollte. So richtig machen müssen ja weder die Pfleger
noch mein Mann irgendetwas, versorgen kann ich mich (bis auf den
Trachealkanülenwechsel) komplett allein. Sie müssen einfach nur da
sein für einen eventuellen Notfall.
Wie eingeengt werden wir leben? Nicht einfach mal so spontan für ein
Wochenende irgendwo hinfahren können, weil ich alle 2 Tage zur Dialyse
muss und ohnehin – woher sollten wir für 2 oder 3 Tage mobilen
Sauerstoff bekommen, wenn doch das Gerät zum Nachladen bei uns in der
Wohnung steht? Das darf man mal nicht so einfach im Auto transportieren
(Gefahrengut). Ein Sauerstoffkonzentrator ginge natürlich, besser
gesagt 2, einer für die Beatmung und einer zum Sprechen, aber dann könnte
ich mich nicht aus dem Hotelzimmer herausbewegen, geschweige denn dass
Sauerstoff für die Rückfahrt da wäre.
Wie ist das mit ins Kino gehen oder Theater oder in ein Konzert?
Die Beatmungsmaschine ist zwar nicht superlaut, aber eben auch
nicht still, sie atmet „im Takt“, und sollte ich mal einen
„Hustenanfall“ bekommen oder irgendwie so atmen, dass die Maschine
meint, das sei nicht richtig, fängt sie, jawohl, ziemlich laut an zu
piepsen …
Ich habe die ganzen letzten Monate nie länger als so ein paar Tage im
Voraus gedacht und geplant. Wichtig war fast immer nur das Hier und
Jetzt. Aber so langsam kommen eben doch auch andere Gedanken. Ich
versuche dennoch, positiv zu bleiben. Wenn ich mal ehrlich bin: Wie oft
sind wir früher einfach mal so in ein langes Wochenende gefahren? Und
alle Naselang im Kino oder Theater waren wir auch nicht. Für einen
Besuch bei Freunden reicht der Sauerstoff wohl, zumindest wohl innerhalb
von Hamburg, und die Beatmungsmaschine hat ziemlich gute Akkus, die
halten auch einige Stunden.
Vielleicht sollte ich eher gespannt sein statt Angst zu haben. Es wird
ein anderes Leben. Aber es wird meines. Unseres. Wir haben es verdient!
Zum
Schluss noch eine richtig, richtig gute Nachricht: In diesem Monat
erscheint mein neues Buch „Langer Atem“,
über das ich Ihnen schon im März berichtet habe. Da sich alles ja
immer ein bisschen zieht, finden Sie also nicht nur die Monate März
2009 – März 2011 darin, sondern bis Juni 2011. Logisch. Alle
Einzelheiten finden Sie hinten (wie das klingt) auf der Webseite unter
PS. Klicken Sie einfach hier.
Haben
Sie einen guten, hoffentlich sommerlichen Juli.
Juni
2011 – Leben üben
Hatte
ich mich nicht noch vor einiger Zeit darüber beklagt, dass ich die
Wochenenden benötige, um mich zu erholen? Um mich auszuruhen? Kraft zu
tanken?
Nun, so schnell ändern sich die Dinge.
Seit Ostern verbringe ich jedes Wochenende zu Hause, inzwischen von
Freitagabend bis Sonntagabend. 2 Tage, die für mich anstrengender sind
als eine ganze Woche im Betreuten Wohnen. Denn: Ich übe. Ich übe
Leben. Alltagsleben. Ich bekoche meinen Mann. Die Zubereitung einer
Mahlzeit geschieht in Etappen, zum einen, weil ich noch nicht so lange
stehen kann, zum anderen, weil ich das alles unter Spontanatmung mache.
(Da komme ich dann auch schon mal auf so Rekordwerte von fast 6 Stunden
am Tag!)
Wir üben Routine zu bekommen, z.B. beim „Mathilda“
bepacken, und sei es auch nur für einen kurzen schnöden Spaziergang.
Unglaublich, was an Gerätschaften immer alles mit muss! Plus Notfallset
und allerlei Gedöns, welches mein Mann im Rucksack auf dem Rücken trägt.
Logistisch aber alles super gelöst!
Wir sind sogar schon U-Bahn gefahren, um zu schauen, wie das geht mit
all dem Gepäck. Prompt war natürlich der Aufzug am Haltebahnhof außer
Betrieb und ich musste Treppen steigen: 20 Stufen, ohne Beatmung und
ohne Sauerstoff. Und das mit einem fast tauben rechten Bein. Was soll
ich sagen? Hat prima geklappt. Ich muss allerdings dazusagen, dass ich
es auch gar nicht erst probiert hätte, wäre ich nicht vorab wirklich
sicher gewesen, dass ich es schaffe. Ich kann mich inzwischen ganz gut
einschätzen; bin vorsichtig, aber nicht übervorsichtig. Schließlich möchte
ich langsam aber sicher meine Grenzen erweitern, immer ein bisschen
weiter über den Tellerrand schauen.
Ich war inzwischen mit meinem Mann auch öfters einkaufen. Kompliziert!
Wenn Mathilda beladen ist und ich drin sitze, muss alles, was extra
dazukommt, bei mir auf dem Schoß transportiert werden. Kein Problem bei
einem neu gekauften, leichten Kleidungsstück – bei einem
Wochenendeinkauf sieht das aber schon ganz anders aus!
J
Außerdem habe
ich begonnen, im Geiste eine „schwarze Liste“ zu führen: Geschäfte
in Eimsbüttel, die für einen Rollstuhlfahrer (selbst mit Begleitung)
nicht zu betreten sind, u.a. wegen zu hoher Treppenstufen am Eingang;
Geschäfte, die wir zwar betreten, uns dann aber nicht mehr bewegen können,
u.a. wegen zu enger Gänge; Geschäfte, die wir sowohl betreten als auch
uns darin bewegen können, aber aus denen wir nicht mehr herauskommen,
u.a. wegen eines Kassenbereiches, der noch schmaler ist als Mathilda.
Ich muss kein Hellseher sein um jetzt schon zu behaupten, dass sich
diese Liste noch fortsetzen wird, je größer mein Aktionsradius wird. L
Ich übe.
Normale Sachen, die ich früher aus dem Effeff getan habe. Sachen, die
zu erledigen ich heute 3-5x so lange benötige. Aber ich realisiere,
dass vieles geht, wenn ich mich nur genug anstrenge.
Letztes Wochenende hatte ich mir in den Kopf gesetzt, unbedingt
Marmelade kochen zu wollen. (Mein Mann drehte schon vorab mit den
Augen.) Gesagt, getan. Es dauerte: lange. Aber: Superlecker ist sie
geworden, und eine ganz wunderbare Farbe hat sie. (Übrigens: Es ist
Erdbeer-Melonen-Marmelade mit einem Hauch von Vanille.)
Nächstes Wochenende möchte ich endlich wieder einmal Brot backen. Ich
liebe es, frischen Teig zwischen meinen Fingern zu haben und ihn zu
kneten.
Sie sehen: Ich übe Alltag.
Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, jetzt die
Wochenenden zu Hause zu verbringen. In langsamen Schritten wieder ins normale
Leben – jenseits von Krankenhäusern oder Betreuten Wohnen WGs – zurückzukehren.
Auch eine erste kleine Belastungsprobe haben wir bereits hinter uns und
gut und ziemlich souverän gemeistert: An einem schönen
Sonntagvormittag (wir erwarteten gerade den Besuch meiner Kusine)
verfiel die Beatmungsmaschine aus heiterem Himmel in einen
Daueralarmpiepston und signalisierte im Display „Schlauchsystem überprüfen“.
Da meine Maschine mich öfters dazu auffordert (allerdings sonst immer
nur mit einem einmaligen Piepsen und nicht mit Daueralarm) reagierte ich
so wie immer: Zunächst schaltete ich die Maschine aus und kurz danach
wieder an. Oft reicht das. An dem Sonntag nicht. Daraufhin wechselte ich
den HME-Filter. Das funktioniert sonst auch öfters. An dem Sonntag
nicht. (Langsam realisierte ich inzwischen auch, dass die Maschine nicht
mehr funktionierte. Auch merkte ich, dass ich keinen Sauerstoff mehr
bekam.) Daraufhin wechselte ich tatsächlich das komplette
Schlauchsystem an der Maschine – leider auch ohne den gewünschten
Erfolg: Immer noch Dauerpiepstöne ohne ein Funktionieren der Maschine.
Also schaltete ich ziemlich entnervt das Gerät ab, mein Mann holte die
Beatmungsmaschine Nummer 2 und schloss mich dort an. Aber genau das
hatte ich vermeiden wollen. Denn mit meinem Erstgerät betreibe ich ja
auch noch Weaning, also
Beatmungsentwöhnung, zusätzlich zu meiner Spontanatmung. Das bedeutet,
dass an dem Erstgerät Parameter wie Druck
(der Druck, mit dem die Maschine Luft in meine Lunge pustet), Peep
(der Druck, der in der Lunge verbleibt, damit sie sich beim/nach dem
Ausatmen nicht komplett zusammenfaltet und man sie mit jedem einzelnen
Atemzug komplett neu aufblasen muss) oder auch Atemfrequenz
(die Anzahl der Atemzüge, die von der Maschine unterstützt wird) nach
und nach, meist in wöchentlichen Abständen gesenkt werden. Heißt für
mich: Es wird anstrengender. Ich kann allerdings auch sagen, dass ich
die jeweils neuen Parameter bislang sehr gut angenommen habe.
Nun ist die 2. Maschine aber anders eingestellt, sie geht immer so 2-3
Wochen „nach“ für den Fall, dass es mir zwischendurch doch zu
anstrengend werden sollte und ich mich mal an der 2. Maschine
„ausruhen“ möchte. (Musste ich bislang aber nicht, glücklicherweise!)
Oder natürlich für den Fall einer Infektion, bei der das Atmen sowieso
schwerer fällt.
Jedenfalls hatte ich es vermeiden wollen, an die „leichter“
eingestellte Maschine zu müssen, weil ich ein wenig Angst hatte, mich
später nicht mehr an die alten, „schwereren“ Parameter adaptieren
zu können. Und natürlich wurmte es mich auch ein bisschen, die
Maschine nicht wieder funktionsfähig bekommen zu haben. (Sehr
beruhigend allerdings die Tatsache, dass der Techniker, der abends gegen
23.00 Uhr die Maschine genau unter die Lupe nahm, es auch nicht
schaffte. Er musste die Maschine einschicken und ich bekam ein Leihgerät.)
Leben üben ist – anstrengend.
Ist wunderbar. Jeder Schritt (im wahrsten Sinne des Wortes) motiviert
zum nächsten.
Leben üben gibt – Hoffnung.
Nährt Sehnsüchte. Die aber nicht mehr gänzlich unerreichbar scheinen.
Ich wünsche einen fröhlichen Juni. Mit viel Anstrengung. Mit Hoffnung,
die trägt, mit Sehnsüchten, die vielleicht erfüllt werden oder deren
Erfüllung in erreichbare Nähe rückt.
PS: Im Juni erscheint die Lyrik-Prosa-Anthologie „Die Facetten der
Liebe“. Mein Beitrag dazu die Erzählung „Die Dinge, wie sie
sind“. Genaueres unter PS hier auf der Website.
Mai
2011 – Integration oder: „Heeerz!!! Kannst du mal Herrn Meier
holen?“
Zum
ersten Mal seit zwei Jahren habe ich eine Nacht zu Hause verbracht, von
Samstag auf Ostersonntag. Nur mit meinem Mann, ohne zusätzliche
Pflegekraft des Pflegedienstes. Und soll ich Ihnen mal was sagen? Das
war sehr sehr gut. Alles hat prima geklappt, wir haben ziemlich schnell
gemerkt, wo welche Geräte am günstigsten zu stellen sind, damit ich möglichst
viel selbständig machen kann und nicht ständig auf Hilfe angewiesen
bin. Wir haben den Gehwagen (Darf ich vorstellen: Herr
Meier) in die Wohnung integriert, sodass ich tatsächlich alle Wege
dort selber gehen kann. Da unsere Wohnung relativ klein ist, würde ich
diese Wege sogar ohne Herrn Meier (und ohne Beatmungsmaschine) schaffen,
wenn, ja wenn ich nicht auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen wäre.
Diesen mobilen Sauerstoffkanister vermag ich noch nicht selbst über der
Schulter zu tragen, das ist noch zu schwer und würde mich noch arg aus
dem gerade gehaltenen Gleichgewicht auf 2 Beinen werfen …
Wie auch immer, natürlich fallen die ganzen Maschinen im Wohnzimmer und
das ganze übrige Zubehör etwas unschön ins Auge, es stört ein
bisschen „meine Harmonie“ in der Wohnung und macht doch schon ganz
klar, worauf es mir ankommt, wenn ich zu Hause bin und irgendwann ja
auch wieder ganz sein werde: Meine Krankheit nimmt viel Raum ein. Ist
dominant. Trotzdem möchte ich verhindern, dass ich mich von ihr
dominieren lasse. Sondern ich möchte sie integrieren. Wie die Maschinen
im Wohnzimmer, ohne dass es gleich nach Krankenhaus aussieht. Ich sehe
die Krankheit als Teil von mir (jetzt endlich!) und damit als eine Art
„Selbstverständlichkeit“. Ich möchte nicht, dass sie noch
besonderer wird als sie in ihrer Dominanz sowieso schon ist. Sie
begleitet mich, steht neben mir, ich will mich ihr aber nicht
unterordnen. Ich möchte, dass es keinen schalen Beigeschmack gibt, wenn
z.B. jemand zum Kaffee da ist und ich mich nebenbei mal absauge. Oder
mal eben von der Beatmungsmaschine auf Spontanatmung oder umgekehrt stöpsle.
Ich möchte kein Verstecken und keine Peinlichkeiten. Alles soll so sein
wie es nun mal ist. (Nur meine normale Stimme, die hätte ich schon gern
wieder! Geht aber nicht, so lange ich noch die Trachealkanüle im Hals
trage.)
Natürlich weiß ich, dass das nicht nur von mir abhängig ist. Aber
vielleicht kann ich es ja schaffen, diese „Selbstverständlichkeit“
auszustrahlen, mich mit ihrer Aura zu umgeben, um es einmal hochtrabend
auszudrücken.
Das fiel mir auch ganz besonders gestern auf. Gestern nämlich war ich
mit meinem Mann das erste Mal seit, ich weiß nicht, 2,5 Jahren wieder
in so etwas wie Stadt. Natürlich nicht gleich in der HHer Innenstadt,
aber wir waren in hier Volksdorf spazieren, in der Einkaufsstraße.
(D.h. ich natürlich im Rollstuhl, ähem, darf ich vorstellen: Mathilda,
ausgesprochen wie in Waltzing
Mathilda.) So viele Menschen, Geschäfte! Ich hatte, zugegeben,
vorher ein klein bisschen Angst, weil ich vermutete, dass mich das (das
Leben!) vielleicht ein wenig überfordern würde, aber nein, das hat es
nicht, ich habe es sehr genossen. Woran ich mich allerdings noch gewöhnen
muss, ist das Anschauen der Menschen. Sie gucken. Rollstuhl an sich ist
ja schon fast normal, aber die Kanüle im Hals ist, leider, doch ein
kleiner Hingucker. O.k., es war strahlender Sonnenschein und ich hatte
nur ein sommerliches Top an, hatte also die Kanüle wie auf dem Präsentierteller
– aber ich vergesse sie ja oft genug schon selbst. Und ich habe gelächelt.
Viel gelächelt. Die meisten Leute, die geschaut haben, haben dann nicht
peinlich berührt (weil „ertappt“) beiseite geschaut sondern zurückgelächelt.
Mag ja sein, dass die Volksdorfer ein extrem freundlicher Schlag von
Menschen sind (sogar die Jugendlichen sagen „danke“, wenn sie einen
auf dem Fahrradweg überholen und vorher geklingelt haben, da wir mit
Mathilda im Weg waren!) – aber im Stillen hege ich doch die Hoffnung,
dass diese Reaktion auch ein wenig auf meine Ausstrahlung, auf meinen
Umgang mit der Kanüle (eben: selbstverständlich) zurückzuführen ist.
Und: Lächeln fällt mir nicht schwer im Moment. Seit einigen Wochen
merke ich, wie schön es ist zu sagen: Es geht mir ganz gut. Und nicht
mit der Einschränkung hinterher: … den Umständen entsprechend …
Haben Sie einen guten Mai. Mit einem Frühling, der vielleicht weiterhin
so tut als sei er der Sommer. Für mich vereinfacht das die Rückkehr
ins Leben ganz ungemein!
April
2011: Disziplin
Ich
hatte mir eigentlich fest vorgenommen, diesen Monat etwas über
Disziplin zu schreiben. Das vorweg.
Es ist Samstag, mittlerer Nachmittag, und ich bin gerade aufgewacht.
Mein Kopf fühlt sich noch ein bisschen gaga an und ich versuche zu
rekapitulieren, was passiert ist. Scheint einfach: Ich bin vorhin
einfach eingeschlafen und habe anderthalb Stunden geschlafen wie ein
Baby. Das ist mir so noch nie passiert. Ich habe fast ein schlechtes
Gewissen.
Es ist Samstag, Wochenende und ich muss ein bisschen grinsen. Ich fühle
tatsächlich, dass Wochenende ist: Keine Physiotherapie, keine
irgendwelchen anderen Untersuchungen, keine Dialyse. Es fühlt sich fast
ein bisschen … normal an. Und außerdem fühlt es sich ein bisschen so
an, als müsse ich mich erholen. Das ist mir nicht ganz geheuer, zumal
dies „müsse mich erholen“ eigentlich so auch nicht stimmt. Es ist
sogar mehr: Ich brauche diese zwei Tage, um ein bisschen Luft zu holen,
um ein bisschen abzuschalten, und tatsächlich auch, um mich auszuruhen.
Als ich anfing, hier kleinste Fortschritte zu machen, haben mein Mann
und ich die Wochenenden dazu genutzt (weil dann die Zeit da war), zu üben,
zu üben und noch mal zu üben. (Das nenne ich mal Disziplin!) Natürlich
probieren wir jetzt an den Wochenenden auch noch mal Dinge aus, für die
ich sonst abends nach dem Tagesprogramm zu schlapp bin (wie z.B. ins
Treppenhaus gehen und schauen, ob ich Treppen steigen kann), aber in den
letzten Wochen war es auch am Wochenende ganz oft so, dass wir überhaupt
kein Programm hatten, manchmal auch keinen Besuch, und dann haben wir
oft stundenlang einfach nur nebeneinander oder uns gegenüber gesessen,
haben, jeder für sich, gelesen, getippt oder die Gedanken einfach
schweifen lassen. So normal! An manchen Tagen haben wir auch stundenlang
miteinander geredet, über Gott und die Welt, über alles und jeden, nur
nicht unbedingt über Krankheit. Normal!
Es ist ja nun auch nicht so, dass ich wochentags den lieben langen Tag
hier im Bett verbringe, Löcher in die Luft starre oder alternativ Solitär
am Computer spiele, um die Zeit totzuschlagen. Meine Woche ist schon gut
ausgefüllt. Seit ich mich weitestgehend selbst versorge, auch die täglichen
kleinen Dinge wie Filter und Gänsegurgel an meinem Schlauchsystem zu
wechseln, mein Tracheostoma mehrmals täglich zu reinigen und neu zu
„verbinden“, mich regelmäßig abzusaugen, realisiere ich erst, wie
zeitaufwändig das alles zusammengenommen ist. Auch einfach mal auf
Toilette gehen dauert. Is nich einfach aufstehen und los, nein, ich muss
mich vorher auf Spontanatmung umstöpseln, den mobilen Sauerstoffbehälter,
der vorne auf dem Rollator steht, anstellen, denn ohne Beatmung geht es
schon eine Weile, ohne Sauerstoff aber nicht …So vergeht Zeit, obwohl
das Bad gleich schräg gegenüber meines Zimmers ist. Disziplin?
Ich verpenne jetzt auch nicht mehr den halben Vormittag, darüber hatte
ich mich ja letzten Monat noch beklagt, sondern ich wache seltsamerweise
jetzt wirklich früh auf und bleibe dann wach. Das hat zwar noch nichts
mit meinen sonstigen frühmorgendlichen Stunden am Schreibtisch zu tun,
aber ich komme dem einen Schritt näher. Ich versuche, konsequent
mindestens schon mal drei Stunden am Tag zu arbeiten, zu korrigieren
(und ich habe genug Arbeit hier liegen). Disziplin? Korrigieren klappt
erstaunlicherweise ganz besonders gut in der Dialysezeit. Hat dann ja
auch den Vorteil, dass diese langen Stunden in der Dialyse gar nicht
mehr so lang erscheinen und tatsächlich viel schneller vorbeizugehen
scheinen … Disziplin?
Ich gehe täglich meinen Rundgang durch die WG, auch wenn ich eigentlich
viel zu schlapp bin und mich müde fühle. Disziplin?
Ich habe mich dumm und dusselig gesucht nach einer „ordentlichen“,
nachvollziehbaren, kurzen und schmissigen Definition von (allgemeiner)
Disziplin. Am Ende fand ich folgende, der Verfasser ist mir leider nicht
bekannt, im Internet:
„Disziplin ist nur eine Frage der Zielbewusstheit. Wer seine
inneren Bilder klar vor Augen hat,
kann die nächste Handlungsgelegenheit
gar nicht abwarten.“
Ist es tatsächlich
so einfach?
Ich denke, meine inneren Bilder sind ziemlich klar. Mein Ziel ist mir
durchaus bewusst. Deswegen bin ich aber noch längst nicht wild auf jede
nur erdenkliche Möglichkeit, etwas zu tun. Zu üben. Zu festigen. Oder
auch immer mal wieder noch neu zu lernen. Ich tue es trotzdem. Immer
wieder, jeden Tag, auch wenn ich manchmal regelrecht dazu zwingen muss.
Ängste überwinden muss. Disziplin?
Gehorche ich? Mir selbst? Dem Pflegeteam? Ich erinnere mich noch gut an
ein paar Situationen. Eine Pflegerin, die mich oft zur Dialyse
begleitet, meinte vor, ich weiß nicht mehr genau, sechs Wochen oder so:
„So, Frau Hartmann, heute bringe ich Sie nicht im Rollstuhl zur
Dialyse, heute laufen Sie selbst mit dem Rollator.“ Ich: „Ganz
bestimmt werde ich das nicht tun.“ Und dann bin ich selbst gelaufen,
am Rollator, und es klappte wunderbar. Ein paar Dialysen später kam sie
an und meinte: „So, Frau Hartmann, eigentlich könnten Sie heute doch
auch mal ohne Beatmung bis zur Dialyse gehen.“ Ich: „Ganz bestimmt
werde ich das nicht tun.“ Und dann bin ich ohne Beatmung gegangen, und
es ging gut.
Disziplin? Gehorchen? Der kleine Tritt in den Allerwertesten, der mir
vielleicht manchmal gut tut?
Und was will ich mit alldem hier sagen? Keine Ahnung. Mich selbst bestätigen
vielleicht. Da ich wochentags genug Selbstdisziplin besitze, um alle
Dinge so zu erledigen, dass ich oft das Gefühl haben kann, es geht
voran. Dass ich dann am Wochenende kein schlechtes Gewissen zu haben
brauche, wenn ich mal ein Stündchen schlafe. Und dann aufwache, mich
ein bisschen gaga im Kopf fühle und solcherlei Texte wie diesen hier
produziere.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen April. Mit Disziplin und
Fallenlassen, mit „einfach machen“ und „einfach lassen“.
Nachtrag
März
2011

Ich habe mich riesig darüber
gefreut und bedanke mich ganz doll! Hören
Sie selbst.
März
2011 – Standpunkte
Es ist wie bei der Wettervorhersage: Hamburg, -4°C, gefühlte -9°C.
Der Unterschied also zwischen dem objektiv Messbaren und dem subjektiv
Gefühlten …
Man kann es eher negativ oder eher positiv sehen. Ich könnte sagen,
hier herrscht völlige Stagnation, bisweilen sogar Rückschritte, ich könnte
aber auch sagen, ich lege gerade eine (verdiente) Ruhepause ein nach
vielerlei Fortschritten. Letzteres klingt natürlich sehr viel besser,
gefühlt ist es aber eher ersteres.
Dieser Monat ist etwas Besonderes.
Dieser Monat ist insofern etwas Besonderes, als dass ich ein neues Buch
geschrieben habe, das diesen Monat fertig wird und dann an den Verlag
geht. Hoffentlich nimmt er es dann auch so an, wie es ist. Ich könnte
auch sagen, mit diesem Monat endet dies neue Buch. Denn darin habe ich
einmal die letzten zwei Jahre zusammengefasst: vom Warten auf die
Lungentransplantation, von der Zeit nach der OP auf der Intensivstation,
und der ganzen Zeit jetzt im Betreuten Wohnen, hier, wo ich endlich
begann, kleine und dann größere Schritte Richtung Leben zu machen. Für
die Zeit, an die ich fast keinerlei Erinnerung habe (direkt nach der OP
und fast bis zum Betreuten Wohnen) lasse ich andere zu Wort kommen:
meinen Ehemann und meine Freundin.
Aber das Buch ist nicht nur Bericht mit mehr oder weniger
philosophischen Gedanken aus (m)einer Parallelwelt. Zwischendrin gibt es
immer wieder Erzählungen und Lyrik aus der entsprechenden Zeit. Ich
finde, es ist eine ganz gelungene Mischung. Trotzdem (oder deswegen)
habe ich jetzt das Gefühl, ich müsste einmal ein kleines Resümee
ziehen: Wo stehe ich jetzt? Was „kann“ ich? Wohin geht der weitere
Weg?
Objektiv muss ich wohl sagen, dass ich ganz schön selbstständig
geworden bin, gerade in den letzten Wochen. Ich kann mich selbst von der
Beatmungsmaschine abstöpseln und an die Spontanatmung anschließen und
umgekehrt. Ich kann mich, wenn ich entsprechend mit Spiegel hantiere,
selbst absaugen, also mein Sekret absaugen, meine ich.
Ich kann mich alleine aufsetzen, vom Bett, vom Stuhl. Ich benötige den
Rollstuhl fast gar nicht mehr (natürlich für größere Spaziergänge),
weil ich selbstständig am Rollator kleinere und manchmal auch etwas größere
Wege gehen kann, wenn man
ihn mir vor die Füße stellt. D.h. ich kann auch so alltägliche Sachen
bewältigen wie selbstständig auf die Toilette gehen (sehr wichtig).
Auch den Weg zur Dialyse dreimal die Woche kann ich selbst gehen, gefühlte
3 km, in realitas vielleicht (?) 75 Meter, ein Weg. Immerhin gehe ich
diesen Weg auch ohne Beatmung, genau wie alle anderen Wege. All das übt,
denn das Einzige, was ich wirklich noch nicht kann, ist länger selbstständig
atmen. Ich weiß, ich konnte es schon mal über zwei Stunden, aber das
geht im Moment gar nicht.
Deswegen auch das Gefühl der Stagnation bzw. des Rückschrittes.
Es beunruhigt mich fast, dass ich deswegen nicht noch beunruhigter bin.
Aber ich habe die große Hoffnung, dass auch dies nur eine Phase ist,
die wieder vorbei geht. Vielleicht reicht meine Kraft momentan nicht für
beides: viel Laufen üben, viel in Bewegung sein (auch geistig) – und
dann auch noch Atmen? Trotzdem übe ich jeden Tag, und wenn man alle
kleinen Wege ohne Beatmung zusammenzählt, na ja, ein bisschen kommt da
dann auch zusammen.
Ich bin inzwischen – nach neun Monaten – auch endlich einmal zu
Hause gewesen, einen ganzen Nachmittag lang. Als die Planung stand,
dachte ich, ich würde zu Hause sowieso nur heulen, weil ich so berührt
sein würde, aber weit gefehlt. Ich konnte es zum großen Teil einfach
sehr genießen, auch wenn es sehr anstrengend war. Und es war nicht nur
anstrengend, es war natürlich auch sehr aufwändig: Immerhin mussten
wir fast mein ganzes Zimmer (bis auf die Möbel …) mitnehmen, alle
Maschinen und auch noch alle doppelt für den Fall, dass eine ausfällt.
Mit dabei war Pflegerin Olga, der ich hiermit nochmals herzlich danke für
die Überstunden, die sie meinetwegen geschoben hat.
Nach diesem Besuch zu Hause haben mein Mann und ich angefangen, alles
das selbst zu üben, was wir vorher noch nicht selbst gemacht hatten,
vornehmlich das Absaugen des Sekrets. Anhand einer x-seitigen Checkliste
konnten wir sehen, wie fit wir in den Bereichen der Pflege sind. Detlef
wird jetzt noch die Gelegenheit haben, öfter beim Trachealkanülenwechsel
zuschauen zu können; und wenn er möchte, darf er es auch einmal selbst
probieren dann. (Ehrlich gesagt habe ich davor ein wenig Schiss, denn er
wird bestimmt besonders vorsichtig sein und gerade das ist falsch und
tut nur noch mehr und länger weh. Ein bisschen gezielte Gewalt ist da
angebrachter, dann ist die Kanüle schnell raus und auch relativ schnell
wieder drin …) Auch eine Notfallschulung hat man für Detlef für diesen
Monat organisiert.
Das alles hat zur Folge, dass wir auch einmal allein weggehen können,
nach Hause können, ohne dass noch ein Pfleger oder eine Pflegerin dabei
sein muss. Vielleicht darf ich dann ja auch mal ein ganzes Wochenende zu
Hause sein. Das wäre insofern auch wichtig, als dass wir schon einmal
schauen könnten, für welche Bereiche wir – sollte ich denn
irgendwann mal ganz zu Hause sein – vielleicht externe Hilfe (also
einen Pflegedienst) beauftragen müssten, denn Detlef arbeitet ja auch.
Auch könnten wir schon einmal schauen, wie und wo man entsprechende Gerätschaften
stellt oder besser: positioniert, damit ich auch allein einigermaßen
zurechtkommen könnte. Vorstellen können wir uns einen Pflegedienst
allerdings nur stundenweise. Rund um die Uhr ginge nicht, denn in
unserer 2-Zimmer-Wohnung (mit dem Wohnzimmer als Durchgangsraum) würden
wir uns, wären wir ständig zu dritt, sicherlich schnell die Köpfe
einschlagen.
Ich glaube, fast am meisten freue ich mich darauf, zu Hause am
heimischen Schreibtisch zu sitzen. Ich merke es hier in den ganzen
letzten Wochen, dass es mir sehr gut tut, wieder zu arbeiten (ich habe
gerade einen längeren Roman bzw. Erlebnisbericht zum Lektorat hier)
oder aber auch zu schreiben, denn ich bin ansonsten oft genervt von mir
und davon, dass ich mich so schlapp fühle und dann gehen lasse. Da ich
nachts im ¾-Stunden-Takt wach bin, weil entweder die Pfleger zum Messen
kommen, ich aufs Klo muss oder Hunger habe (manchmal lasse ich mir
nachts bis zu sechs Scheiben Brot schmieren!!!), schlafe ich oft den
halben Vormittag durch. Das passt mir gar nicht und passt auch nicht zu
mir. Ich bin immer Früh-, man könnte auch sagen Frühstaufsteher
gewesen und die morgendlichen Stunden am Schreibtisch (alternativ hier
am Laptop) vermisse ich sehr. Geht im Moment aber nicht. Wie so vieles.
Aber anderes geht. Ich werde selbstständiger. Ich kehre im wahrsten
Sinne des Wortes Schritt für Schritt ins Leben zurück. Ich werde es
schaffen.
Ich wünsche einen möglichst frühlingshaften März. Melde mich
zwischendurch noch einmal.
PS:
Ach ja, der Titel meines neuen Buches: „Langer Atem“. Passt doch,
oder nicht?
Februar
2011 – savage tulips
Nein, natürlich haben wir noch keinen Frühling.
Aber neulich sagte ich zu meinem Mann, er möge doch bitte die ersten
Tulpen, die er in irgendeinem Laden sieht, mitbringen. Ich kann nicht
einmal genau sagen, warum, schließlich will ich – genau wie im
letzten Jahr – keinen Frühling, weil er mich nur umso deutlicher
daran erinnert, wie lange diese unsägliche Krankengeschichte schon
dauert. Dennoch wollte ich Tulpen. Sie blühten einige Tage auch sehr
schön und statt die Köpfe hängen zu lassen, sind sie sozusagen nach
innen oder innerlich vertrocknet. Ganz klein und fast knochig (ganz
anders auf der obigen Bildleiste, das waren Tulpen aus dem letzten Jahr)
sahen die ehemals prachtvollen Blütenköpfe aus, selbst die Stängel,
so war jedenfalls mein Gefühl, vertrockneten und wurden dünner und
gerader. Sie zogen sich zurück, irgendwie.
Ähnlich fühle ich mich auch. Objektiv gesehen mache ich immer noch
Fortschritte, ständig passiert hier zwar etwas Neues und es geht,
manchmal sogar in etwas größeren als kleinen Schritten, beständig
weiter, subjektiv fühle ich mehr Stagnation als alles andere. Ich
merke, wie ich immer sensibler werde, ich fühle mich ganz leicht
„angefasst“, lege jedes Wort auf die Goldwaage und bade mich oft in
meiner Sehnsucht. (Ja, der Spagat zwischen Physis und Psyche.) Immer
noch geht mir alles nicht schnell genug und außerdem kann mir natürlich
immer noch keiner versprechen, dass alles gut geht. Oft muss ich mich
selbst zwingen, all die kleinen Schritte immer und immer wieder zu
wiederholen, um eben nicht stehen zu bleiben. Das ist meine größte
Angst: irgendwann womöglich zu wissen: weiter wird es nicht mehr gehen.
Die Angst, dass es hier doch die Endstation wird, dass ich nie wieder
nach Hause werde kommen können, nie mehr mit meinem Mann an den kleinen
Weiher bei uns werde spazieren gehen können und derlei Sachen mehr.
Immerhin durfte ich neulich schon zweimal mit meinem Mann und Pfleger/in
nach draußen. Raus! Sie können sich kaum vorstellen, was das für mich
bedeutet. Himmel sehen, Wolken, und zwar nicht durchs Fenster. Es war
wunderschön, auch wenn es beim ersten Mal ein bisschen geregnet hat und
beim zweiten Mal wirklich eine schöne Hamburger ssstteife Brise wehte,
mir genau ins Gesicht. Und das bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt.
Es waren Geschenke, die wiederum die Sehnsucht nähren.
Der Dialysearzt hat mir vor zwei Wochen gesagt, wie er meinen Weg sieht:
weg von der Beatmungsmaschine, dann 6-8 Wochen schauen, wie es
funktioniert, wenn ich nur alleine atme und dann eine
Lebend-Nieren-Spende. Uff, das hat wieder mal gesessen. Lebendspende
deshalb, weil ich eine Wartezeit von mittlerweile 7 (in Worten: sieben)
Jahren nicht überleben würde. Was ich brauche, ist einen Spender mit
derselben Blutgruppe. Da haben wir ein ähnliches „Problem“ wie bei
der Lunge (auch, wenn es da nicht um Lebendspende ging): Ich mit
Blutgruppe 0 bin zwar Universalspender für alle anderen Blutgruppen,
darf aber selbst nur 0 bekommen. Und in der Regel dürfen es bei
Lebendspenden nur wirklich nahe Angehörige / Verwandte sein, in
Ausnahmefällen auch ein/e Freund/in, mit dem / der ich quasi seit der
Kindergartenzeit befreundet bin. Und: Alle potenziellen Spender werden
vor / von einer Ethikkommission geprüft. (Nicht, dass ich mein
Sparkonto plündere und jemandem vorm Hauptbahnhof eine Niere abkaufe.)
Allerdings sieht es so aus, dass keiner aus meiner Familie ein passender
Spender ist. Auch nicht mein Ehemann. Was bleibt, ist jetzt also über
eine blutgruppeninkompatible Spende nachzudenken. Ja, auch das gibt es
inzwischen, wenn auch natürlich nicht häufig und nur in speziellen
Zentren.
Dann versuche ich natürlich weiterhin, mich einzulassen. Nicht nur auf
meinen Heilungsprozess, sondern auf das, was andere mir vom Leben
berichten: vom geplanten Hauskauf einer Freundin, einem London-Kurztrip
meiner Kusine mit vielen virtuellen Postkarten für mich, von besuchten
Lesungen von Bekannten, von Wettbewerbsausschreibungen, bei denen fast
alle Kollegen, mit denen ich in Kontakt bin, „schon eine Geschichte
haben“, nur mich so überhaupt kein Plot anfliegt, auch wenn schon die
halbe Pfleger/innenschaft am Brainstorming beteiligt ist.
Aber apropos Text: Vom 22.-28. Februar können Sie unter www.weblesungen.de
meine Erzählung „Im nächsten Leben“ aus dem Buch „Zwischen den
Schatten“ anhören. Klicken Sie doch mal rein. (Die Weblesungen werden
im Auftrag der Hamburger Kulturbehörde seit 2001 von Rüdiger Käßner
organisiert und präsentiert.)
Und doch, Sie
werden es ahnen, spielt auch das Gefühl von Neid eine Rolle. Ich
beneide die Menschen, die alles das können, was ich jetzt nicht kann,
was ich vielleicht nicht einmal tun möchte im Moment; es geht, glaube
ich, einfach um das „Ich könnte, wenn ich wollte“, und das kann ich
nun mal nicht. Alltagsdinge, Kleinigkeiten, über die selten jemand
nachdenkt, sondern die selbstverständlich sind. Einfach morgens
aufwachen und aufstehen können. Auch das erinnert mich an „früher“:
Noch vor ein paar Jahren gehörten diese Augenblicke zwischen dem
Aufwachen und Aufstehen zu den schönsten des Tages für mich; wenn ich
mit meinem Mann auf der Bettkante saß und wir den ersten Kaffee des
Tages gemeinsam tranken, noch ein bisschen dizzy von der Nacht, aber
offen für den gerade beginnenden Tag.
Sich dann einfach anzuziehen, an den Schreibtisch zu setzen, zu
arbeiten, zu schreiben, zu korrigieren, vielleicht ein bisschen die
Wohnung auf Vordermann bringen, auf dem Markt frisches Gemüse zu kaufen
und eine kleine Mahlzeit vorzubereiten, wenn mein Mann von der Arbeit
kommt.
Einfach so rausgehen zu können: Jacke an und los. Geht nicht, geht
alles nicht. Da bin ich schon neidisch, das dürfen Sie mir gern
glauben. Gut ist das nicht, ich weiß, Neid zerfrisst die Seele und
verhindert eben, dass ich mich arrangieren kann. (Obwohl ich denke, dass
ich das sowieso nicht gut kann: Niemals würde ich mich mit der
Situation abfinden, wie sie jetzt ist. Aber vielleicht ist abfinden auch
nicht das gleiche wie arrangieren.)
Damit Sie aber endlich auch mal wieder ein paar ausschließlich positive
Texte lesen können statt immer nur Frust oder über Krankheit, habe ich
tief in der Schublade gegraben und vier kurze Beschreibungen für
Raumparfüms wieder rausgekramt, die ich vor Jahren mal für die Firma
Organic Avenue geschrieben habe. Wirklich sehr schön, der Auftrag hat
Spaß gemacht. Sie finden die Texte hier
auf dem Schreibtisch. Viel Spaß damit.
Und nicht vergessen: Vom 22.02. an der Text „Im nächsten Leben“ bei
den Hamburger Weblesungen.
Ich wünsche einen angenehmen Februar, vielleicht mit beginnendem Frühling,
vermutlich eher aber noch mal mit Schnee und Eis.
Januar
2011 die 2. –
Risiko

Januar
2011 – I`m walking …

Es
ist Ende Dezember und wir befinden uns in der Zeit, die man „zwischen
den Jahren“ nennt. Das alte Jahr ist noch nicht ganz vorüber, das
neue hat noch nicht begonnen. Es ist die Zeit, in der gute Vorsätze für
das neue Jahr geschmiedet werden, die man Silvester großartig
herumposaunt und die oft schon am Neujahrstag wieder vergessen sind,
meist ohne schlechtes Gewissen.
Ich habe nur einen einzigen Vorsatz, wobei Vorsatz eigentlich das
falsche Wort ist, Wunsch passte besser oder Hoffnung auf … und zwar,
dass ich nicht aufhöre, mich immer wieder zu motivieren auf dem Weg zurück
ins Leben.
Viel hat sich getan in den letzten zwei Wochen. Zum einen habe ich wider
Erwarten doch mit der Entwöhnung von der Beatmungsmaschine begonnen,
eine der Schwestern hier meinte, wir könnten es doch einfach mal
probieren, und wenn’s nicht mehr geht, dann ist eben Schluss. (Ja ja,
das haben sie im Krankenhaus auch gesagt, dann die Beatmung abgestöpselt
und mich allein gelassen.) Hier aber ist es tatsächlich der Fall: Wenn
ich sage „Ich kann nicht mehr. Es ist gut.“, dann werde ich sofort
zurückgestöpselt an die Beatmung. Hier ist auch die ganze Zeit über
jemand anwesend, ich werde nicht eine Sekunde allein gelassen dabei. Das
zahlt sich aus. Mein „Rekord“, wenn ich das mal flapsig so nennen
darf, liegt jetzt bei 32 Minuten Spontanatmen, also selbstständig
atmen.
Und dann, neulich, als ich mal wieder das Gefühl von Starre und
Stillstand hatte und mich nur kaum dazu motivieren konnte, meine Stehübungen
am Rollator zu machen, fing mein Mann plötzlich an zu sticheln, um mir
einen kleinen Adrenalinstoß zu geben: „Na, kannst du nicht doch
laufen?“ Ich schüttelte den Kopf und begann gleichzeitig, den rechten
Fuß ein bisschen nach vorne zu setzen, dann den linken, dann wieder den
rechten – und dann war Schluss, weil die Kabel vom Beatmungs- und vom
Sauerstoffgerät nicht länger waren und ich ging vorsichtig rückwärts
zurück und setzte mich aufs Bett. Aber dann wollte ich es wissen: Ich
bat meinen Mann, besagte Gerätschaften vorne auf dem Rollator zu
verstauen. Gesagt, getan. Und dann ging es los. Ganz vorsichtig raus aus
dem Zimmer Richtung Gemeinschaftsraum. Die Schwestern und Pfleger kamen
aus dem Staunen nicht heraus. Dort habe ich gedreht und den Rückweg
aber nur noch halb geschafft. Den Rest musste Detlef mich „schieben“
(wie gut, dass man auf dem Rollator einen kleinen Sitz hat!). Das war am
1. Feiertag. Am 2. Feiertag schaffte ich dann eine ganze Runde durch die
Betreute-Wohnen-WG, 160 Schritte. Als nach Weihnachten der
Physiotherapeut wieder kam und ich ihm das erzählte, war er baff. Er
lobt sonst nicht viel („schon ganz ordentlich“), aber diesmal meinte
er „super“. Es ist schon erstaunlich, was der Körper alles
kompensieren kann – in diesem Fall die Lähmung des rechten
Oberschenkels und rechten Knies. Ich liefe wie jemand mit einem künstlichen
Kniegelenk, stichelte er grinsend, aber wer das nicht wisse, bemerke es
auch kaum.
Alles hat aber nach wie vor seine zwei Seiten: Je mehr ich wieder selber
kann, desto öfter realisiere ich aber auch, was ich alles nicht mehr
kann; was ich verloren zu haben scheine; was fehlt. Und das ist so eine
Menge!
Rückschläge sind immer die drei Dialysetage in der Woche, weil mir die
Dialyse in der Regel doch arg zusetzt mit mich übergeben müssen,
schier unerträglichen Kopfschmerzen und frieren, ich kann meist gar
nicht so schnell klappern, wie ich friere, trotz Decke(n) und heißem Körnerkissen.
Wie auch immer, ich wünsche Ihnen ein segensreiches Neues Jahr. Auf
dass sich viele Ihrer Wünsche erfüllen mögen und die Kraft, wieder
aufzustehen und weiter zu machen, wenn Ihnen Steine in den Weg gelegt
werden, Sie stolpern oder gar fallen. Ansonsten werde ich versuchen, es
wie Goethe zu halten: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt
werden, kann man etwas Schönes bauen.“ Nicht wahr?
Hier neu auf dem Schreibtisch: Das ultrakurze Gedicht: „Wenn
Erinnerung wird“.
Ich bedanke mich außerdem bei Autorin und Literaturinterpretin Rena
Larf, die am 10.01.11 um 11.00 Uhr meinen Text „Zum Meer“ aus dem
Buch „Zwischen den Schatten“ in ihrem Hamburger Literatur-Radio präsentiert.
Ich würde mich freuen, wenn Sie reinhören!
Dezember 2010 die 2. – Gestrandetes
Dies
ist eine Premiere – zum ersten Mal in all den Jahren schreibe ich zum
zweiten Mal (außer kleiner Nachträge) in einem Monat. „Schuld“
daran ist Treibholz sammelnde Wegbegleiterin Ute Leser, die mir die Bilder für diese zwei
Bilderleisten schickte und bei denen ich, als ich sie so, wie Sie sie
hier jetzt sehen, zusammengestellt hatte, sofort dachte: Ja. Das passt
zu mir. Genau so fühle ich mich: wie Treibgut – und ich meine das
keineswegs so negativ, wie es vielleicht klingen mag.
Treibgut, das gestrandet ist. Ich bin auch gestrandet, für den Moment.
(Mein großes, großes Ziel ist natürlich ein anderes, nämlich
irgendwann auf meinen eigenen Beinen und ohne Beatmungsmaschine nach
Hause gehen zu können.) Aber, wie gesagt, im Moment bin ich hier im
Betreuten Wohnen gestrandet. Hier darf ich mich ausruhen, Kraft sammeln
und alles das wieder lernen, was ich eben nicht mehr konnte. Und das war
ja fast alles, was einen Menschen zum Menschen macht. Als ich hier
ankam, war ich im Grunde wie ein nasser Sack, ich konnte mich so gut wie
gar nicht selbst bewegen, gerade einmal den Kopf drehen allein. (Es ist
schon seltsam, wie schnell ich die Erinnerungen daran verdränge!) Hier
lernte ich dann auch flugs den Physiotherapeuten kennen, der mir in den
nächsten Monaten helfen darf, mich zu mobilisieren. Und ich verrate
Ihnen eines: Er ist klasse. Glauben Sie mir, ich habe in den letzten
Jahren einige Physios kennen
gelernt, ich wage es zu beurteilen, ob mir jemand gut tut und ob ich
genug gefordert werde. Er hat nicht nur dazu beigetragen, dass ich unter
anderen vielen, vielen „kleinen“ Dingen heute, anderthalb Monate
nach Aufnahme hier, rollstuhlmobil bin, wenn mir jemand
hilft, da ich ja immer die Beatmungsmaschine und das
Sauerstoffgerät mitschleppen muss oder dass ich mit Hilfe sogar schon
stehen kann, selbst wenn mein rechter Oberschenkel nach wie vor gar
nichts tut. Ich kann alleine trinken und anständig mit Messer und Gabel
essen, und zwar am Tisch und nicht mehr im Bett. Natürlich ist es immer
enorm viel Aufwand, mich nur allein die 2,5m vom Bett an den Tisch
umzusetzen, mich kostet es unendlich viel Anstrengung, aber all das
hilft; all das mobilisiert. Und dieser Physiotherapeut (genauso übrigens
wie der, bei dem ich 2x wöchentlich eine Lymphdrainage bekomme)
mobilisiert nicht nur körperlich, sondern er hat auch erheblich zur
Stabilisierung der Psyche beigetragen. Das wiederum tun die Schwestern
und Pfleger hier tagtäglich; aber
allein die Tatsache, dass es mir mithilfe der Lymphdrainagenphysios und
der Dialyse, zu der ich dreimal die Woche für etwas über vier Stunden
gehen muss, da meine Nieren vermutlich durch die vielen, vielen
Medikamente nach der Transplantationsop „zerschossen“ wurden, also
allein dadurch, dass es mir gelungen ist, die weit über 20 kg an
Wasser, die ich in meinem Körpergewebe mit mir rumgeschleppt habe, auch
wieder loszuwerden (in so kurzer Zeit), motiviert natürlich zum
Training. Klar, ich bin ja auch viel leichter jetzt und kann mich
einfacher bewegen.
Aber allen voran motiviert mein Mann. Ich habe oft ein schlechtes
Gewissen, weil ich denke, er hat gar nichts mehr vom Leben außer
Arbeit, einkaufen, sich in die U-Bahn setzen, halb Hamburg
zu durchqueren, um mich zu besuchen, abends für mich zu kochen
und irgendwann schlafen, nie genug schlafen natürlich, weil wir es doch
nie schaffen, dass er mal abends früh nach Hause fährt, obgleich er
nach wie vor morgens um halb vier aufsteht. Ich denke fast täglich, wie
müde er aussieht, wie erschöpft; und wir haben oft sogar Streit, weil
ich finde, dass er sich übernimmt und er sich (gerade auch hier) immer
mehr Aufgaben an den Hals holt. Dabei vergesse ich nur allzu häufig
seine Motivation dahinter: Liebe. So einfach ist das.
Liebe ist auch nur eines der Gefühle, die ich neu erfahren darf. Genau
wie Vertrauen. Nein, nicht meinem Mann gegenüber, aber zum Beispiel
gegenüber den Ärzten und Pflegekräften. Die ganze Krankenhauszeit,
zumindest die, die ich bei vollem Bewusstsein erlebte, war geprägt von
Gefühlen wie Ausgeliefertsein und Angst. Kein Tag, den ich nicht unter
höchster Anspannung verbracht habe, weil ich immer nur Angst vor den
Momenten hatte, in denen eine Schwester oder ein Pfleger ins Zimmer kam,
um mich von der Beatmungsmaschine abzustöpseln, sodass ich eigenständig,
also allein, atmen musste. Während ich manchmal das Gefühl hatte, irre
zu werden vor Atemnot, hieß es nur „Was wollen Sie denn? Ihre Werte (Sauerstoffsättigung
im Blut, unter anderem) sind wunderbar, Sie bekommen genug Luft
…“ Es gab Momente, da war die Atemnot so groß, dass es mir tatsächlich
gelang, an der Beatmung bleiben zu dürfen, nur hieß es dann schlicht
und einfach „Sie torpedieren die ganze Therapie“. Das, um es noch
einmal ganz deutlich zu sagen, war natürlich niemals meine Intention.
Es hat auch nichts genutzt, mich unter Beruhigungsmittel zu setzen,
meine innere Anspannung war immer stärker.
Die hat sich hier im Betreuten Wohnen auch nur langsam gelöst, obwohl
mir von Anfang an (glaubhaft) vermittelt wurde und auch immer noch wird,
dass ich (zumindest mit-) entscheide, was getan wird und wie. Ich werde
ernst genommen. Als Patient (als „Kunde“), als Mensch. Ich konnte
lernen, dass es mir auch mal schlecht gehen darf; als so ziemlich erstes
lernte ich weinen, Rotz und Wasser heulen, um mich in der nächsten
Minute wieder voll Demut und Dankbarkeit über irgendeine Kleinigkeit zu
freuen. Ich ließ mich also ein auf den Weg der kleinen Schritte, und
manchmal gelingt es mir sogar, die Sprichworte „Drückt dich der
Schuh, trenn dich vom Schuh, nicht vom Weg“ oder „Die Kunst ist es,
einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird“ zu eigen zu machen.
So banal sie auch klingen mögen.
Es gehört schon eine Menge Mut (und irgendwo auch Gottvertrauen) dazu,
dies tägliche Hin und Her an Gefühlen auszuhalten: mal der
optimistische Blick in die Zukunft, voll Hoffnung und auch
Selbstvertrauen, dass doch alles wieder „gut“ wird und ich mein großes
Ziel erreiche; und dann wieder die Momente der abgrundtiefen
Verzweiflung, des Heimwehs und des Gefühls, dass nichts, aber auch gar
nichts wieder so werden wird wie früher; Momente, in denen ich sehr in
der Vergangenheit hänge und diese betrauere; Momente, in denen ich
ungerecht bin („Warum ich? Was habe ich verbrochen …?). Ich könnte
natürlich auch fragen „Warum nicht ich?“ oder „Wer denn dann an
meiner Stelle?“; Momente, in denen ich einfach nur nach Hause will.
Mich frei bewegen können, in meinem Bett schlafen, an meinem
Schreibtisch mit Blick auf den Hauseingang sitzen. Einfach so aufstehen
und an den nahe gelegenen Weiher spazieren gehen können oder auch in
den nächsten Supermarkt oder auf einen Markt überhaupt, ohne daran zu
denken, was ich alles nicht mehr essen darf aufgrund der Transplantation
und aufgrund der kaputten Nieren (so eiweißreich, aber so phosphat- und
kaliumarm wie möglich, was natürlich auf den Lebensmitteln nicht
deklariert ist): kein Müsli, kein grünes Gemüse, keinen rohen Fisch,
überhaupt keine frischen Sachen, die sich nicht wirklich gut putzen
lassen, keine Salami, kein (rohes) Hackfleisch, kein Eis beim Italiener,
nichts, aber auch wirklich gar nichts, was in irgendeiner Form
keimbehaftet sein könnte, keine Vollkornprodukte sondern weißes Brot,
… Aber keine Sorge, es bleibt schon noch ein kleiner Rest über, aus
dem man etwas zaubern kann.
Eines allerdings vergesse ich auch in guten Momenten nur allzu oft und
allzu gern: Um wirklich mein großes Ziel zu erreichen, steht vorher
noch eines auf dem Programm: die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine
(das Weaning) … Davon hängt alles ab.
Ich verabschiede mich bis zum Januar mit den Worten, die ich auch schon
im Dezember 2009 geschrieben habe: Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes
Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2011. Es wird ein
Gottesgeschenk sein, denn es verheißt Leben.
Hier neu auf dem Schreibtisch: „Wenn Ebbe ist“.
Heike
Hartmann-Heesch
Dezember
2010 – Einblicke, Ausblicke, Durchblicke
Wir
haben Ende November und gestern fühlte es sich auch genauso an: Es
wurde und wurde nicht hell draußen, die Temperaturen sanken und die
ersten Schneeflocken fielen. Heute dagegen ganz anders: Die Sonne
versteckt sich hinter kleinen Schäfchenwolken, zwischen denen sich
blauer Himmel zeigt. Das Ganze natürlich noch zwischen kahlen Bäumen,
aber man könnte trotzdem fast denken, die trüben Monate seien vorbei
und wir hätten schon Januar. Dazwischen liegt aber noch Weihnachten,
und ich habe einen ganz festen Wunsch: nämlich dass es mir endlich
gelingen möge, die Situation wirklich so anzunehmen, wie sie nun mal
ist. Zum Teil funktioniert das schon ganz gut, führt aber irgendwie
dazu, dass ich meine Gefühle wieder bändige, sie doch wieder sehr
kontrolliere. Das spiegelt sich auch im Schreiben wider: Ich vermisse
das Herzblut, mit dem ich ungefähr bis zur Transplantation geschrieben
habe. Ich habe gezetert, gebeten, geklagt, gebetet … über und um die
verschiedensten Dinge, vornehmlich darüber, dass mich kaum einer
besuchen kommt oder ähnliches. Das kann ich jetzt auch noch tun, denn
im Vergleich zu vor einem Jahr hat sich nichts daran geändert. Trotz
Anschreiben meinerseits – ich bekomme sehr oft nicht mal mehr
E-Mail-Antworten, was ich ganz schön frustrierend finde. „Aus den
Augen, aus dem Sinn.“ Oder: Es ist wohl tatsächlich so, dass ich
selbst die Schwierigkeit bin, nur weil ich Krankheit öffentlich mache.
Aber ich möchte auch klagen, weil ich mich einfach auch im Stich
gelassen fühle. Weil es so weh tut zu merken, dass ich letzten Endes
doch allein bin. Anders wäre es vielleicht, wenn ich wenigstens allein
das Bett verlassen könnte, meinetwegen auch im Rollstuhl. Kann ich aber
alles nicht, noch nicht mal alleine stehen kann ich. Ich weiß, dass ich
momentan sicherlich nicht einfach zu ertragen bin, ich kann mich ja
manchmal selbst kaum aushalten.
Ich habe in den letzten Wochen versucht, ein bisschen Durchblick zu
bekommen und „weiß“ jetzt einfach auch viel mehr als noch zu
Krankenhauszeiten. Die Idee des Betreuten Wohnens, gegen die ich mich
anfangs sehr gesträubt habe, jedenfalls war goldrichtig. Hier habe ich
nach zwei Jahren Krankenhaus endlich auch mal wieder das Gefühl, ernst
genommen zu werden. Allein auch deswegen bin heilfroh, inzwischen hier
zu sein, und das auch schon über vier Wochen jetzt. Ich mache
Fortschritte (physisch), die nicht einmal ich ignorieren kann und die
wiederum lassen wieder einen klitzekleinen Hoffnungsschimmer zu. So
einfach aufgeben, möglicherweise sterben, geht nicht mehr, genauso
wenig wie weiter einen auf nur leidend machen, nur heulen (sobald jemand
das Zimmer betritt) und allen das Leben schwer machen – dafür sind
die Fortschritte zu groß. Ich glaube schon, dass es mir (und auch
meinem Mann) gelungen ist, Ihnen kleine Einblicke in meinen Alltag zu
geben. Was mir wirklich fehlt, ist Leben. Ich bedanke mich sehr bei den
Menschen (Tatia, Benita, Beate, Anna-Maria, Dirk), die mir in schöner
Regelmäßigkeit ein Stück „Leben draußen“ ans Bett bringen,
schriftlich und/oder mündlich und wünsche mir, dass noch ein paar
andere Menschen darüber nachdenken mögen, nun doch mal vorbeizukommen.
(Verdammte Bettelei!!!)
In diesem Sinne wünsche ich, dass sich diesen Monat viele Ihrer
Herzensträume erfüllen.
Heike
Hartmann-Heesch
November
2010: Dornige Schritte – Sehnsuchtshäuschen – gefangen
Was
für gemischte Gefühle in diesem Herbst. Wenn ich von meinem Bett aus
dem Fenster blicke, sehe ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite
ein kleines Hexenhäuschen stehen, so wie ich mir immer eines
vorgestellt hatte. Indian Summer umhüllt dies Haus, Bäume in allen
Herbstfarben – mal ein bisschen verklärt, wenn die Sonne auf Haus und
Bäume scheint und die Farben zur Nacht noch einmal aufleuchten lässt;
mal trist und grau, wenn der Regen keine Rücksicht nimmt und immer
gerade den Teil der Sonne erlöschen lässt, der sich meinen Bäumen und
meinem Sehnsuchtshäuschen zuwandte.
Romantik beiseite, denn romantisch ist hier nun schon seit zwei Jahren
gar nichts mehr. Meine Situation ist unverändert außer, dass ich
zurzeit nicht mehr im Krankenhaus bin sondern in einer Art Betreutes
Wohnen. Früher habe ich immer gedacht „Lieber Gott, lass mich bitte
nie so alt und oder so krank werden, dass mir so etwas bevorsteht.“
Und nun stecke ich mittendrin und bin noch nicht einmal alt.
Ich schaffe die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine nicht, deswegen
wird das Weaning hier erst
einmal auf Eis gelegt und ich, weiterhin voll beatmet, soll hier erst
mal versuchen, neuen Mut, neue Kraft – vor allem auch psychische –
zu sammeln und natürlich wieder Motivation erlangen, das Weaning
irgendwann noch einmal neu in Angriff zu nehmen. Aber, to be honest, ich
mag nicht mehr. So einfach ist es – und so einfach ist das eben doch
alles nicht.
Über die Zeit bis zur Transplantation hatte ich Ihnen berichtet, über
die Zeit danach mein Mann, und nur dadurch, dass mein rechter Arm nicht
mehr taub und wieder etwas bewegungsfähig ist, können Sie heute wieder
von mir selbst getippt lesen. Trotz allem, ich bin locked, gefangen in
meinem Körper. Und dass mein Kopf endlich wieder auf seiner alten Höhe
ist, tja, das macht alles nicht einfacher.
Hier neu auf dem Schreibtisch: der Text „Der 7. Tag“.
Ich wünsche Ihnen einen restlichen bunten Herbst, Kürbissuppe und
selbst gestrickte warme Socken.
Heike
Hartmann-Heesch
Oktober
2010

Heike konnte im vergangenen Monat nicht
vorankommen, musste sie doch wieder eine schwere Begleiterkrankung
bewältigen ...
In diesem Monat erscheint das
Mohland-Jahrbuch 2010 (siehe PS). Heikes Beitrag dafür „Wenn die
Krokodile weinen“ können Sie auch auf dem Schreibtisch nachlesen.
Detlef Heesch
September
2010

Die Entwöhnung von der
Beatmung ist für Heike schwerste Arbeit. Bei allen Erfolgen kommt es
immer auch wieder zu Rückschlägen; das ist bei dieser komplexen
Behandlung nicht ungewöhnlich.
Man hat uns gesagt, es wird lange dauern ...
Detlef Heesch
August
2010

Eine Lungenentzündung
hat Heike im Verlauf des Juli in ihren Fortschritten aufgehalten; als
Folge der notwendigen Medikamentengaben sind dann auch noch
Entzündungen der Speiseröhre und Magenschleimhaut hinzugekommen.
Trotzdem kommt die Entwöhnung
von der Atemunterstützung langsam voran.
Zeit wird zur Summe bewältigter Tage, Zuversicht und Verzagen liegen
nah beieinander, das Wort
G e d u l d klingt provozierend ...
Detlef Heesch
Juli
2010

Nachdem bleierner
Stillstand im Heilungsprozess zur Mitte des Monats Schlimmes befürchten
ließ, ist während der vergangenen zwei Wochen endlich eine deutliche
Verbesserung der Funktion Heikes neuer Lunge zu beobachten. Sie kann
phasenweise ohne Unterstützung selbst atmen, ihre Mobilität ist jetzt soweit fortgeschritten, dass Heike sich ein wenig
bewegen und mit der Hand schreiben kann.
Nicht mehr ganz sprachlos.
Es ist vorgesehen, sie in den kommenden Tagen von der
herzchirurgischen Intensiv- auf eine andere Station zu verlegen, um bei
der Entwöhnung von der Beatmungsmaschine weiter voran zu kommen.
Ich bin zuversichtlich, dass Heike den nächsten Beitrag an dieser
Stelle wieder selbst schreiben kann.
Ein langer Weg.
Detlef Heesch
Juni
2010

Heike ist in der Nacht zum
14. Mai transplantiert worden. Ihr Zustand ist kritisch, ein Ödem hatte
sich im Spenderorgan entwickelt. In der endlos langen Zeit seitdem ist
es gelungen, die Ansammlung von Flüssigkeit und damit die Schwellung
der Lunge allmählich zu reduzieren, die Lungenfunktion zu verbessern
und den Thorax endlich zu schließen (30. Mai).
Ein wenig besser. Kleine Schritte. Geduld.
Nach der Intubation verläuft die Beatmung jetzt über einen Zugang
direkt in die Trachea. Heike ist wach und klar, sie kann die Lippen
bewegen, aber nicht sprechen. Zum schreiben ist sie noch zu schwach.
Sprachlos.
Warten auf die nächsten kleinen Schritte.
Detlef Heesch
Mai
2010:
über die Dinge, wie sie sind (und wozu meine Vorstellung nicht mehr und
dennoch reicht)

Haben
Sie sie auch gesehen? Diese unglaublich faszinierenden Bilder des isländischen
Vulkans mit
dem schönen Namen
Eyjafjallajökull? Mit
Verlaub, aber ich war nicht ganz so gut auf Vulkane zu sprechen! Die Folge, nämlich das europaweite Flugverbot wegen
der Luftbelastung durch Aschestaub, der gefährlich unter anderem für
die Triebwerke von Flugzeugen ist, galt natürlich auch für Organtransporte.
Ich konnte nicht verhindern, dass ich Gedanken hatte wie „Was, wenn
ausgerechnet jetzt vielleicht ein Organ in, sagen wir, Österreich zur
Verfügung steht?“. Die hätte nach Hamburg eingeflogen werden müssen,
weil das Zeitfenster für einen Transport per Bahn oder sonstwie nicht
ausreicht. Aber bei Flugverbot geht auch das natürlich nicht. Organe
wie Herzen oder Lungen können dann nur regional vergeben werden. Mir
fielen also buchstäblich isländische Lavabrocken vom Herzen, als der
Flugraum wieder geöffnet wurde!
Ansonsten: Die Sehnsucht hört weder auf noch wird sie weniger, je mehr
Zeit vergeht. Nun ist schon Mai, und nie, wirklich nie habe ich mir
anfangs (alb-)träumen lassen, dass die Wartezeit auf eine Spenderlunge
so lange dauern würde. Neulich am Sonntag bin ich mit meinem Mann zum
ersten Mal in diesem Jahr „richtig“ draußen gewesen; mit dem
Rollstuhl machten wir eine lange Spazierfahrt rund ums Krankenhausgelände.
Es war wunderbar frühlingshaft warm, blauer Himmel, die Sonne strahlte;
nur saß mir die ganze Zeit ein richtig dicker Kloß im Hals, denn auch
diesen Spaziergang haben wir uns im Herbst letzten Jahres, als wir genau
diese Runde zum letzten Mal drehten, bevor es draußen zu kalt wurde,
etwas anders vorgestellt: Im Herbst nämlich glaubten wir tatsächlich
noch fest daran, dass ich genau diesen Weg beim nächsten Mal schon mit
neuer Lunge und auf eigenen zwei Füßen gehen würde – und eben nicht
aus der Rollstuhlperspektive erleben müsste. Momentan gibt es immer
seltener Momente, in denen ich es mir tatsächlich vorstellen kann, dass
sich das, wonach ich mich sehne, auch tatsächlich erfüllen könnte:
ein ganz normales Leben wieder haben. Mein Leben. Außerhalb eines
Krankenhauses.
Kleiner wird auch die Angst nicht; jetzt ist da nicht mehr nur die Angst
vor der OP, vor einer ungewissen Zukunft nach der OP, hinzu kommen so
langsam auch Gedanken, ob ich die Zeit bis dahin überhaupt körperlich
überstehe.
Ich fühle mich zunehmend sprachlos.
Deswegen diesen Monat kurz und knapp: Am 8. Mai findet im Kulturhof
Dulsberg das 5. Dulsberger MaiRauschen statt: Lesung und
Kunstausstellung zum Thema „HerzFlugZeit“. Ich bedaure es zutiefst,
nicht vorlesen, ja, noch nicht einmal im Publikum sitzen zu können. Wie
in jedem Jahr gibt es zeitgleich das Buch zur Lesung (für mehr Infos
siehe PS). Darin finden Sie dann auch meinen Text „Die
Dinge, wie sie sind“. (Und hier auf dem Schreibtisch.) Der
Text, als Geschichte,
beschreibt sicherlich viel intensiver einen Teil der Emotionen der
ganzen langen letzten Monate als ich mich das hier im Blog jemals
getraut hätte zu sagen.
April
2010: von Wolkenfängern, Erdverbundenheit und brutalen Zeitschleifen

John
Updike schrieb einmal, Schreiben sei eine illusorische Befreiung, eine
vermessene Zähmung der Wirklichkeit, eine Möglichkeit, das Unerträgliche
leicht und heiter darzustellen und dass man im Morgenlicht zügig, ohne
die geringste Beschleunigung des Pulses über das schreiben könne, über
das man im Dunkeln nicht einmal nachdenken könne, ohne Zuflucht bei
Gott zu suchen.
Wenn ich heute Morgen aus dem Fenster blicke, sehe ich blauen Himmel,
nicht mal ein einziges Schäfchenwölkchen irgendwo. Die Sonne strahlt
und reflektiert sich in den Fenstern des gegenüberliegenden Gebäudes.
Auf dem Tisch bei mir im Zimmer steht seit Wochen ein Strauß
Forsythien, knallgelb die Blüten, wunderschön, und oben an den Spitzen
wachsen schon grüne Blätter. Der Winter hat, so scheint es, endlich
seinen frostigen Mantel ausgezogen. Der Frühling ist nah. Und so gern
ich ihn sonst begrüßt habe, den Frühling, so sehr ich auf Zeichen in
der Natur gewartet habe, auf erste Schneeglöckchen und Krokusse, später
Narzissen, auf bunte Primeln und Tulpen in den Läden, auf die ersten grünen
Blätter an den Bäumen draußen – in diesem Jahr begegne ich all dem
mit ziemlich gemischten Gefühlen. Wenn ich ehrlich bin: Ich will jetzt
gar keinen Frühling, wollte ich den ganzen März über schon nicht. Es
schmerzt, es schmerzt unermesslich, körperlich, auch noch den Frühling,
das Wiedererwachen der Natur, hier in Warteposition zu verbringen. Im
Juni letzten Jahres kam ich hier an, erlebte den Sommer, einen heißen
Sommer, den Herbst, der auf einen langen und „richtigen“ Winter
vorbereitete und in dem ich noch Hoffnung hatte, vielleicht, ganz
vielleicht das Weihnachtsfest oder das Neue Jahr schon wieder zu Hause
oder wenigstens in der Reha begrüßen zu dürfen. Und nun haben wir
Ende März und die Natur erwacht aus ihrem Winterschlaf, Ostern steht
vor der Tür – und ich liege immer noch hier. Da verliere ich schon
manchmal den Mut, das dürfen Sie mir gerne glauben.
Da fällt es auch schwer, hier in der Gegenwart zu bleiben, in der jeder
Traum den Alb schon in sich trägt, jede Hoffnung die Enttäuschung,
jeder Wunsch die Versagung. Schreiben in dem Sinn, wie John Updike es
oben verstand, brachte mir in den letzten Wochen tatsächlich
vermeintlich „Erleichterung“. So sehr es mir half, hier in der
Gegenwart zu bleiben, genauso brachte mich Schreiben wieder einmal an
Grenzen (Ist es o.k., hier auf der Grenze zwischen Leben und Tod zu sein
und innigste Liebesgeschichten zu schreiben? Sollte ich nicht eher
meinen Verstand beieinander behalten und – ja,
was eigentlich? Auf welche tatsächlichen und vermeintlichen Grenzen
stolpere ich denn nun schon wieder?) – und auch die Frage taucht auf,
welche Grenzen ich noch überschreiten darf. In mir oder um mich rum.
Wenn Sie hier
klicken und weiter lesen, lesen Sie das, was vielleicht wieder
die eine oder andere überschreitet. In mir oder um mich rum.
März
2010 - Schnee im Frühling und weinende Krokodile

Im März 2007,
Sie können es unten nachlesen, wenn Sie wollen, hatten wir bereits Frühling,
einen wunderbaren Frühling und ich stellte eine Liebesgeschichte für
Sie online. Der März 2008 war, soweit ich mich zurückerinnere,
ziemlich kalt und verregnet, aber ich war gerade aus einem Frühlingsurlaub
auf Madeira zurückgekehrt und freute mich darüber, dass ich für die
ein Jahr zuvor entstandene Liebesgeschichte einen Preis erhalten hatte.
In besagtem Urlaub allerdings wurde mir – beim Bergaufwandern – zum
ersten Mal deutlich bewusst, dass „irgendwas“ mit meiner Lunge ganz
und gar nicht in Ordnung sein konnte.
Wie das Wetter im März 2009 war? Ehrlich gesagt kann ich mich daran
nicht erinnern, denn der März gehörte zu den Monaten, die ich stationär
verbringen musste, und nicht nur stationär sondern größtenteils
bettlägerig,
nachdem die Lunge mehrmals kollabiert und von alleine nicht wieder zu
stabilisieren war. Im letzten März also realisierte ich, dass Zeit tatsächlich
zählbar geworden war. Schon damals war klar, dass für mich, wollte ich
überhaupt eine Chance auf (Wieder-mein-)Leben haben, über kurz oder
lang eine Lungentransplantation der letzte und einzige Weg sein würde.
Seitdem hat sich vieles verändert und ändert sich noch.
Meine Hoffnung für März 2010 war, dass Sie ganz andere Zeilen von mir
hier lesen. Ich hatte welche vorformuliert, Mitte Februar schon, Hamburg
lag zu diesem Zeitpunkt noch in tiefem Schnee (siehe Bilderleiste oben).
Und zwar vorformuliert für den Fall, dass ganz auf einmal doch eine
Spenderlunge zur Verfügung gestanden hätte, ich transplantiert worden
und danach nur noch nicht rechtzeitig wieder fit genug gewesen wäre, um
meinen monatlichen Beitrag zu schreiben.
Dies ist aber leider nicht so, und deshalb lege ich Ihnen jetzt ohne
weitere Worte noch einen meiner neuen Texte auf den Schreibtisch:
„Wenn die Krokodile
weinen“. Behutsame Wörter um große Gefühle.
Heike
Hartmann-Heesch
Nachtrag:
Ich bedanke mich bei Literaturinterpretin und Autorin Rena
Larf, die am
12.03. um 11.00 Uhr meinen Text „Im Winter trägt man morgens um 6
keine Sonnenbrille“ auf 1000mikes.com
– Das Hamburger Literatur-Radio präsentiert. Hören Sie
doch mal rein!
Februar
2010 – ohne Umwege
„Ich kann
meine Träume nicht fristlos entlassen. Ich schulde ihnen noch mein
Leben.“ (Frederike Frei)

Gefühle sichtbar machen. Zeigen, wie es in mir aussieht. Zeigen, wie
ich mich sehe, wenn ich genau hingucke. Das hat diese Illustration von
Ralf Wasselowski geschafft. Und zwar ohne den Umweg über Wörter. Ohne
Erklärungen. Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung: das Gefühl,
mich nicht erklären zu müssen und, wahrscheinlich viel wesentlicher
und essenzieller, auch nicht zu wollen, auch nicht vor mir und für mich
selbst, sondern einfach nur hinzugucken und zu sehen. Dafür ist weder
die Entstehungsgeschichte der Illustration wichtig noch der Kontext, in
den Wasselowski sie gestellt hat (zu seinem Gedicht „Die Grenze zur
Entschiedenheit“).
Was ich sehe, jedenfalls, sind keine Monster (okay, ein paar Fratzen und
Kobolde sind schon dabei). Was ich auch sehe: wie gleichsam ein Gefühl
dem anderen entspringt, aus ihm geboren wird, wie sie zusammengehören.
Was ich nicht sehe, für den
Moment, ist Angst. Für mich bedeutet das: Ich muss mich nicht fürchten
vor dem, was ich in mir trage. Ich muss mich nicht vor meinen Gefühlen
fürchten. Ich brauche mich nicht bedroht zu fühlen.
Ich bin.
So einfach.
Januar
2010: Sterne, Stürme – und Zeit, die stillsteht
Ich möchte am Anfang dieses neuen Jahres zwei Kunstwerke mit Ihnen teilen. Ein
Bild, das mein Mann vor vielen Jahren einmal auf der Elbe fotografiert
hat und ein Gedicht, das auf der Rückseite einer Postkarte gedruckt
steht, die ich mit Weihnachtsgrüßen erhielt. Und mehr
brauche ich nicht, um die Stimmung wiederzugeben, mit der ich ins
Neue Jahr gehe.
Ich hoffe, Sie folgen mir!
RUDERN ZWEI
Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein
Reiner Kunze
(aus:
frühe gedichte, aufgenommen in R. Kunze, gespräch mit der amsel,
© S.
Fischer Verlag, Frankfurt am Main)
Ich wünsche
ein wunderbares 2010 voller Sterne und Stürme. Wenn Sie Lust haben,
sich mal wieder einen Text von mir anzuhören: vom 12. Januar an unter www.weblesungen.de:
„Die Zeit steht still“ – was sie natürlich niemals tut, auch wenn
es sich manchmal so anfühlt. Viel Spaß.
Dezember
2009 – Vielleicht Antworten auf die Frage, was wir uns nicht wünschen
Das Schwierige
ist nicht, nicht mehr zu wissen, was ein Liter Milch im Supermarkt
kostet. Das Schwierige ist auch nicht, mich zu fragen, ob ich noch ganz
bei Sinnen bin, wenn ich mich dabei ertappe, E-Mails an eine große
Modefirma zu schreiben, um sie auf grobe grammatische Schnitzer in
Texten einer ihrer Online-Werbekampagnen aufmerksam zu machen oder wenn
ich Rechenaufgaben löse, die mir vermeintlich verraten, wie es um
meinen IQ bestellt ist, nur um meinen Kopf von anderen Grübeleien
abzuhalten, wenn ich gerade nichts zu arbeiten habe. Als richtig
schwierig empfinde ich momentan noch nicht einmal das Warten auf den Tag
unbekannten Datums, an dem endlich die Tür aufgehen, (vermutlich) einer
der Ärzte hereinkommen und sagen wird: „Wir haben eine Spenderlunge für
Sie. Nun geht es los.“, weil sich meine Angst vor dem Danach
inzwischen potenziert hat und mir die Situation des Wartens hier dagegen
so verdammt vertraut ist. Ich habe mich arrangiert. Schwierig ist die
Angst. Nie in meinem Leben war so viel Angst mein ständiger Begleiter,
und unabhängig davon, dass es mir meistens ganz gut gelingt, die Angst
mit ins Boot zu ziehen, kann ich sie doch schwer annehmen, weil ich ja
noch nicht einmal genau sagen kann, wovor ich mich denn so fürchte, ich
kann es immer nur umschreiben mit „der Situation nach der OP“. Wird
alles „gut gehen“? (Und was heißt „gut gehen“?) Wie wird mein
Leben danach aussehen? Es ist immer nur so ein vages Gefühl von „worst
case“, das ich in Kopf und Bauch habe. Nicht immer bin ich ruhig
genug, alles auf mich zukommen zu lassen und Tag für Tag zu leben.
Und manchmal muss ich selbst da ein bisschen zynisch grinsen, denn ich
habe zurzeit nicht oft das Gefühl zu leben. Oft genug fühlt es sich
eher an, als sei ich ein einsamer Autobahnrastplatz, an dem das Leben
manchmal für einen Moment Pause macht, um danach mit Vollgas
weiterzubrausen und schon nach wenigen Momenten sogar den Namen des
Rastplatzes vergessen zu haben. Dies Bild ist bitter und traurig, ich weiß,
trotzdem trifft es. Schwierig ist es auch, diese Bitterkeit zu ertragen,
spricht daraus doch so große Enttäuschung und ja, auch Selbstmitleid:
Wo sind sie, die Menschen, die vorher gesagt haben „Wir stehen das mit
dir durch. Wirst schon sehen, wir wechseln uns ab und geben uns die
Klinke in die Hand.“ (Das ist O-Ton.) Oder: „Ob ich mit dir zu Hause
einen Kaffee trinke oder in der Klinik, ist doch egal.“ (Das auch.) So
große Enttäuschung! Ja, ich weiß, es ist hinlänglich bekannt, dass
sich in solch Ausnahmesituationen gerade im engeren
privaten Bereich die Spreu vom Weizen trennt, nur hätte ich nicht
gedacht, dass es so extrem
einsam, dass ich so extrem
allein sein würde. Für alle anderen da draußen geht eben das Leben
ganz normal weiter. Düsterer November, letzte Herbsturlaube, erste
Weihnachtsvorbereitungen. Gleichzeitig bin ich damit horrend ungerecht,
denn es gibt eine Handvoll Menschen, die da sind (und einen, der es immer
ist). Die ich regelmäßig sehe und an deren Leben ich weiter teilhaben
kann, weil sie mir erzählen, vom Leben, von kleinen Glücksgefühlen
und großen Ungerechtigkeiten, von tieftraurigen Momenten und
hoffnungsvollen Aufbrüchen, von gelangweilter Gleichförmigkeit und
ebenfalls unsagbar schmerzhaften Enttäuschungen, von kleinen Problemen
und Lebensentscheidungen. Und nach deren Besuch ich mich trotzdem nicht
des Rastplatzgefühls erwehren kann. Gerade dann nicht! Denn: Ich bin
eben nicht da. Nicht vor Ort. Nicht präsent. Mir muss man alles erzählen.
Ich erlebe nichts mit. Habe eben doch nicht richtig teil. (Und das seit
nunmehr einem Jahr fast am Stück!)
Ungerecht bin ich, weil ich natürlich weiß, dass ich hier schön in
meinem Muspott gefangen bin. Ich bin nur hier. Alle meine Gefühle hier
sind Gratwanderungen und gleichzeitig Schritte in 7-Meilen-Stiefeln, aus
denen schon fast eine gewisse Arroganz erwächst: Was interessieren mich
Milchpreise? Viel dringlicher ist es, morgens die Schmerzen in den Griff
zu kriegen.
Mitunter noch schwieriger ist das Gefühl auszuhalten, dass ich
meinerseits anscheinend nicht viel tun kann, um für andere da zu sein.
Ein paar Mal habe ich in E-Mails Sätze lesen müssen wie „Ach, damit
wollte ich dich nicht belasten.“ Nein? Oder war damit eher gemeint:
„Lass gut sein, du kannst da eh nichts tun von deinem Krankenbett
aus.“ Nicht? Schade. Ich kann vieles ganz besonders gut hier. Still
sitzen und zuhören zum Beispiel. Zulesen
übrigens auch. Was ich auch gut kann, ist schreiben. Wenn ich den
Eindruck habe, jemand fragt nicht nur einfach so „Wie geht es dir?“
sondern „Wie geht es dir wirklich?“
Dann lege ich los. Komme vom 100sten ins 1000ste, offenbare mich. Das
geht meist nach hinten los, denn selten bekomme ich Antwort. Bin ich
vielleicht die Schwierigkeit, weil ich Krankheit öffentlich mache? Wäre
es einfacher (und wenn ja, für wen?), ich hätte vor einem Jahr gesagt
„Ich bin dann mal weg“ und würde, wenn alles vorbei ist, mit einem
Buch über Lungentransplantation zurückkommen? Bin ich schwierig, weil
ich auch keine fertigen Antworten darauf habe, ob so was alles in der
Schöpfung überhaupt vorgesehen ist?
Und dann ist da Wut. Manchmal ist es so schwierig, wütend zu sein. Wie
streite ich mit meinem Partner, wenn es für keinen von uns möglich
ist, mal für 10 Minuten die Küchentür hinter sich schließen zu
können, um
danach ins Wohnzimmer zurückzukehren und (vielleicht) um Verzeihung zu
bitten? Oder um weiter zu streiten?
Wie gehe ich mit dem Gefühl um, undankbar zu sein, wenn alle „es doch
nur gut meinen“?
Neulich haben mein Mann und ich angefangen, einen „Wunschzettel“ mit
umgekehrten Vorzeichen zu erstellen: also aufzulisten, was wir uns ganz
bestimmt nicht mehr wünschen im Moment. Mir fiel als erstes eben oben
erwähnter Satz ein „Ich meine es doch nur gut …“. Den möchte ich
nicht mehr hören. Und mein Mann wünscht sich keine Engelfiguren mehr.
Von niemandem.
Er hat Recht. Wir haben so viele. Alle von Menschen, die es gut meinen.
Die Trost spenden wollten, als sie sie uns schenkten. Sind wir jetzt
undankbar? Ungerecht? Unhöflich
gar? Nein, beschließe ich, das sind wir nicht.
Wir fühlen uns nur auch – hilflos oft. Traurig. Verunsichert. Allein
in unseren Hoffnungen und unserer Aggression. In unserer Liebe, in
unserem Aufbrausen und nicht zuletzt in unserer Angst. All dies liegt
nah, ganz nah beieinander. Und alles darf nebeneinander sein, in unserer
Demut, unserer Zuneigung und unserem Respekt gegenüber dem Leben und
den Menschen, die einfach nur immer noch da sind, in lauten und vor
allem den leisen Stunden.
Ich
wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start in
das Jahr 2010. Es wird ein Gottesgeschenk sein, denn es verheißt Leben.
Heike
Hartmann-Heesch
November
2009 – Kälte, Mond, Frühlingsvögel und andere Veränderungen
Es ist jetzt schon längst dunkel draußen, wenn wir uns abends auf den
letzten kurzen Spaziergang des Tages begeben. Heute ist es den ganzen
Tag diesig und grau gewesen, aber am späteren Nachmittag wurde es
zunehmend windig und der Himmel klarte auf. Du schiebst meinen Rollstuhl
bis ans östliche Ende des Krankenhausgeländes. Drei Bänke stehen
hier. Vom Folgetag meiner stationären Aufnahme an sitzen wir, oft
mehrmals täglich, schon die ganze Wartezeit über hier für eine Weile.
Diese kleine Oase hinter Büschen, Sträuchern und kleinen Bäumen,
sogar ein Apfelbaum ist darunter, ist anfangs, von Juni den Sommer über,
ein Ort des Rückzugs innerhalb des trubelvollen Areals für uns
gewesen, ein Platz, an dem wir Augenblicke zusammen allein sein konnten.
Erzählen. Uns anlehnen. Marienkäfer zählen, Schneckenhäuser
wiedererkennen und Libellen beobachten. Schauen, aber selbst nicht
angeschaut werden. Kraft schöpfen. Oder manchmal auch, mein Kopf an
deiner Schulter, miteinander schweigen. Im September kamen Gärtner und
machten Kahlschlag: stutzten die Bäume, rissen Sträucher raus und
schnitten alle restlichen Büsche auf geschätzte 1m Höhe.
Jetzt aber ist es eh dunkel und eigentlich auch schon zu kühl, um lange
auf der Bank zu sitzen, aber wie schon ein paar Mal zuvor bemerke ich
die Kälte, die von unten meine Hosenbeine hoch kriecht, erst, als du plötzlich
und leise Ist dir kalt? fragst.
Siehst du das? fragst du eine Weile später in die Dunkelheit hinein,
die gar nicht mehr so dunkel wirkt, wenn man in den Himmel blickt. Was?
antworte ich. Na, den Mond! sagst du. Schau doch mal, sagst du, siehst
du nicht, dass er ganz komisch schief am Himmel hängt heute Abend?
Stimmt, lächele ich und greife nach deiner Hand, er hängt sogar
ziemlich schief da oben!
Hörst du das? fragst du dann in die Stille hinein, die in meinen Ohren
gar nicht still ist. Je ruhiger die Außenwelt, desto stärker nehme ich
das Rauschen des Sauerstoffs in der Sauerstoffbrille wahr, das
unerbittlich lärmt im Kopf. Hörst du das? fragst du erneut und drückst
meine Hand. Ja, sage ich und wundere mich ein wenig. Laut sind die,
sagst du, und ich nicke in die Dunkelheit, ja, das finde ich auch.
Durchdringend laut, sagst du. Haben die immer so laut gezwitschert? will
ich wissen. Nein, antwortest du, erst jetzt, ist dir das noch nicht
aufgefallen? Seit die Bäume ihre bunten Blätter verlieren, klingen
einige der Frühlingsvögel befremdlich laut, sagst du und warm und
sicher umschließt deine Hand die meine.
Ich halte die Luft an. Ängstigen auch sie sich? frage ich dich endlich,
fast ein bisschen atemlos.
Ich weiß es nicht, sagst du irgendwann später, so leise, dass ich es
kaum vernehmen kann: Ich weiß es doch nicht.
Oktober
2009
Es
ist spannend zu beobachten, sagt der Kopf, welche verschiedenen
emotionalen Phasen ich durchlebe in dieser stationären Wartezeit auf
eine Spenderlunge. Vom Pendeln zwischen den Extremen mit Angst und
Hoffnung über eine forsche Sprachlosigkeit, die Heimweh und Abschiede
weder formulieren noch zeigen sondern nur im ganz Geheimen (nach)fühlen
kann über eine Zeit des unbeirrbaren Optimismus zu einer Zeit des Rückzugs
und der Abgrenzung. Momentan sind Stillstand, der zermürbt; Unruhe, die
auffrisst; Reibung, die treibt.
Jede Phase schmerzt anders, sagt der Bauch – und er fühlt und fühlt
und kommt doch nicht hinterher und packt vor lauter Unzulänglichkeit
kleine Gefühlsschächtelchen, Gefühl rein, Deckel drauf, ab in den
Schrank zur Aufbewahrung. Aber gemeinerweise gibt es vielerlei kleine
Krankenhausmonster, die sitzen in den Regalböden der Schränke und
fressen mit Vorliebe kleine Löcher in ebenjene Gefühlskartons.
Pappsatt halten sie sich dann die Bäuche und beobachten die einzelnen
Gefühle, die sich dann durch die Löcher wieder nach außen quetschen
und mich manchmal übermannen und die Aufmerksamkeit erzwingen, die ich
zu verweigern suche.
Und einmal mehr krame ich all meinen Mut zum Durchhalten zusammen, um
den Monstern anderes entgegenzusetzen, auf dass die Gefühle aufgefangen
werden mögen: alte Weggefährten, langjährige Begleiter und neue
Freunde, Liebgehabtes, Zartes und Geknuddeltes; Beobachter, Beschützer
und Bewahrer.
Ich wünsche einen Oktober, in dem Fragen beantwortet, Monster gebändigt
und Gefühle bewahrt werden können – und Wünsche in Erfüllung gehen
mögen.
September
2009

Früher, ganz
viel früher, habe ich immer gedacht, wie schön es sein muss, wenn man
so frei sein könnte, nur mit dem zu leben, was man direkt um sich rum
hat. Wenn man nicht mehr braucht als das, was man bei sich tragen kann.
Früher dachte ich da natürlich an Reisen nur mit Rucksack, Wohnen auf
dem Sprung, ohne feste Wurzeln. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass
ich weder das eine noch das andere je richtig, also ernsthaft,
ausprobiert habe, weil ich ganz schnell gemerkt habe, dass ich wohl
nicht der Typ Schnecke bin. Ich habe sofort mit dem Einzug in meine
erste eigene Wohnung ein paar Wochen nach dem Abitur versucht, aus
dieser Wohnung mehr zu machen als nur ein Dach über dem Kopf, nämlich
ein Zuhause. Meine damaligen Freundinnen schüttelten die Köpfe
und rollten mit den Augen, tobten sich aus in WGs und fremden Städten.
Viele Jahre später erst wurde mir klar, warum das so war: Alle meine
Freundinnen konnten, wann immer und von wo auch immer zurückkehren, zurückkehren
in das Haus ihrer Kindheit, zu ihren Eltern (oft noch beiden
Elternteilen!), in unsere Stadt. Wurzeln eben. Viele hatten, einige
haben bis heute, noch ihre alten Zimmer, in denen heute manchmal schon
Enkel übernachten, wenn sie Oma und Opa besuchen. Bei mir war das
anders: Mein Auszug damals hatte etwas Endgültiges, denn der Haushalt,
wie ich ihn damals mit meiner Mutter und Schwester hatte, löste sich
auf. Meine Mutter heiratete erneut (in einer anderen Stadt), meine
Schwester begann zeitgleich eine Ausbildung (ebenfalls andere Stadt) und
ich begann nach Praktikum und ein bisschen Jobberei mein Studium.
Ebenfalls in einer anderen Stadt. Wohnen aber blieb ich vorerst in der
Stadt meiner Kindheit, meiner Jugend. Wenigstens das! Das ließ sich
bewerkstelligen, weil ich pendeln konnte zur Uni. Es blieb das Gefühl:
Alle anderen hatten noch ein Zuhause, ich musste erst mal wieder eines
schaffen.
Aber mal ehrlich: Welch ein Wahnsinn, nur, weil ich mich nicht trennen,
nicht loslassen, nicht richtig Abschied nehmen und neu, für mich,
anfangen konnte. Das nämlich passierte erst ein Studium, zweimal
Ausland, einmal Referendariat und wieder Jobben, sechs Wohnungen in vier
verschiedenen Orten und alles in allem 12 Jahre später. Zu Hause fühlte
ich mich während dieser ganzen Jahre nie; nie wirklich. So fühlte ich erst, als ich nach
Hamburg kam. Hier hatte ich sofort das Gefühl, angekommen zu sein. Dazu
brauche ich immer noch mehr als ein Dach über dem Kopf, nämlich vor
allem den einen Menschen, der dieses Zuhause
mit mir teilt und die restliche Handvoll Menschen, die dies zu
Hause sein mit mir leben und lebenswert machen. Dazu brauche ich
Gegenständliches, Bücher, Möbel, aber auch Abstrakteres: Farben, Gerüche,
Licht, Stimmungen: Wie es ist, wenn ich den Schlüssel zur Wohnungstür
umdrehe an einem heißen Sommertag und mich das lichtdurchflutete
Wohnzimmer empfängt, wie anders es ist, wenn ich während eines
ordentlichen Regengusses zu Hause in meinem Ohrensessel sitze, das
Fenster weit geöffnet ist und der Regen prasselt und die Luft nach
nasser Erde aus dem Vorgarten duftet. Wie es ist, morgens aufzuwachen
und den ersten Kaffee des Tages zu kochen. Wie das duftet. Das Gefühl,
zu Hause zu sein und ein Zuhause zu haben, könnte ich jetzt noch weiter
in epischer Breite ausführen, lasse es aber tunlichst. Aber gerade
jetzt im Moment schöpfe ich enorme Kraft aus diesem Gefühl, weil ich
hier jeden Abend weiß, was und warum ich es so vermisse und wie
unendlich doll ich mich darauf freue, irgendwann diese Pforten des
Krankenhauses hinter mir lassen zu können und wieder dort zu sein. Zu
Hause. Und bis das so sein wird, mache ich einen auf Schnecke. Reduziere
mich in meinem Umfeld auf das Wesentliche. (Und es ist eine gute
Erfahrung zu erleben, dass ich das kann!) Ich möchte dies Krankenzimmer
nicht heimelig gestalten. Es ist (und soll auch bleiben) eine Übergangsstation
auf dem Weg zurück nach Hause. Ich möchte es hier nicht gemütlich
haben. Ich möchte nicht möglichst viele Dinge von zu Hause hier haben,
die mich erinnern. Ein paar wenige, ja, kleine Gegenstände, ja, aber wirklich reduziert.
In mir trage ich mein Zuhause sowieso. Und weil ich weiß, weil ich fest
daran glaube, auch geografisch dahin zurückzukehren in einem Zustand,
der mich darin auch wieder gut leben lässt, kann ich diese jetzige
Situation (meist) ganz gut ertragen.
Am 04.09. stellen Ihnen Beate Finkenzeller, Wolfgang A. Gogolin, Claus Günther,
Yvonne Naumann, Sabrina Schauer, Tatia Schirrmacher und ich mein neues
Buch auf einer Lesung hier im UKE vor (Ausgesprochenes).
Ebenfalls dabei: Gitarrist Matthias Fehlberg.
Ich wünsche Ihnen einen zuhausigen Monat, wo immer Sie sich auch gerade
befinden.
Heike
Hartmann-Heesch
August
2009

Ich konnte nie
besonders gut warten. Ich werde z.B. immer ziemlich böse, wenn jemand
zu einer Verabredung zu spät kommt. Dann aber gibt es wenigstens einen
Termin, einen festen, und ich kann böse werden, wenn jemand den nicht
einhält (und, nein, ich möchte jetzt nicht darüber diskutieren, dass
man auch „sinnvoll“ warten kann!). Mein jetziges Warten, das
belastende stationäre Warten auf eine Spenderlunge und damit mein Gefühl
für Zeit bekommen eine andere Qualität: Es gibt keinen festen,
abgesprochenen Termin, nur ein paar statistische Werte; ein Spenderorgan
könnte übermorgen zur Verfügung stehen oder erst in sieben Monaten,
Tendenz eher letzteres. Es geht mir nicht sonderlich gut (physisch),
aber trotz allem auch noch nicht wirklich schlecht (psychisch). Viele
Tage gleichen einander sehr, nur ich gleiche mir immer weniger. Trotzdem
halte ich mich ganz gut, vor allem hoffe ich, unbeirrbar zu bleiben.
(Dies Wort brachte ein ehemaliger Freund neulich auf den Tisch, als er
mir zum Schluss in einer Mail innere Ruhe und Unbeirrbarkeit wünschte
– und nicht: gute Besserung. Das fand ich sagenhaft, da haben wir fast
25 Jahre keinen Kontakt und dann wünscht er mir Unbeirrbarkeit. Toll!)
Allerdings merke ich deutlich, dass (und was) von Woche zu Woche weniger
geht; und so ändert sich nicht nur mein Gefühl für zeitliche
Relationen sondern auch für Verhältnismäßigkeiten: Was betrauere
ich, das nicht mehr geht und was hake ich einfach ab? Wie kann ich
meinen kleinen Kosmos hier funktionieren lassen (sprich: Wie mache ich
mich unsichtbar, um nicht unnötig oft aufzufallen und wie schreie ich
gleichzeitig am lautesten, um bloß nicht überhört zu werden)? Wie
gesagt, vieles geht nicht mehr wie früher, und selbst in wirklich guten
Momenten sitze ich hier nicht und schreibe einen Arztroman (Traum meiner
schlaflosen Nächte!) oder ein Drehbuch für eine neue Krankenhaussoap.
Nee, nee, schön wärs. Die Idee zu „Dr. House“ hatte leider der
kanadische Drehbuchautor, Produzent und Regisseur David Shore lange vor
mir – und die kann ich eh nicht toppen. Auch an einem
Erfahrungsbericht arbeite ich nicht – dafür erfahre ich vielleicht
momentan einfach zu viel?!
Etwas Neues zu lesen kann ich Ihnen außer dem im letzten Monat
erschienenen Buch „Zwischen den Schatten“ also zurzeit noch nicht
bieten. Aber anhören können Sie mich mal wieder. Wie auch schon beim letzten
Mal war ich so klug und weise J
und habe einen Text für die Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde
eingelesen, bevor ich ins
Krankenhaus ging, auf dass etwas bleibe, für die Zeit, während
ich hier liege und in der ich es nicht mehr oder wenigstens nicht mehr
so gut kann, atemtechnisch gesehen. Das merkt man leider auch schon ein
bisschen bei „Zum Meer Klammer auf in 4 Bildern Klammer zu“. Ein
bisschen nur und somit macht es nicht viel. Vom 04.-10. August anzuhören
unter www.weblesungen.de.
Danach dann dort im Archiv oder hier auf dem Schreibtisch. Ich bedanke
mich bei Organisator Rüdiger Käßner und wünsche angenehme 8 Minuten
irgendwas.
Den 04. für den nächsten Monat, September, können Sie auch schon
einmal vormerken, denn dann werde ich mein neues Buch vorstellen. D.h.,
nicht ich, das schaffe ich nicht (ich wiederhole mich: atemtechnisch
gesehen), sondern einige meiner tollen Hamburger Autorenkollegen werden
es für mich tun, hier vor Ort, hier im Hamburger Universitätsklinikum
Eppendorf. Im „Raum der Stille“. Dazu später im Monat Genaueres
unter Ausgesprochenes. Schauen Sie also noch mal rein hier.
Ich wünsche einen guten Monat.
Juli
2009: Neue Welten
Und ein
Nachtrag vorweg (10.07.)
Nun ist es also da. Rechtzeitig genug, um noch als Urlaubslektüre mit
eingepackt zu werden: Mein
neues Buch „Zwischen den Schatten“, das ich Ihnen hiermit sehr ans
Herz lege. Schreiben Sie mir doch mal ein paar Zeilen, wenn Sie es
gelesen haben. Eine Leseprobe finden Sie auf dem Schreibtisch, im
nächsten Monat auch eine Hörprobe, und alle weiteren Details wie immer
unter PS. Angenehme Lektüre!
Stichworte
für diesen Monat: Abschied. Heimweh. Würde, meine Würde wahren, das
ganz besonders!
Im Moment jedoch fühle ich mich ziemlich sprachlos.
(Kaum vorzustellen, nicht wahr?) Deswegen schweige ich jetzt erst mal
und versuche, die kommende Zeit ganz anders zu, tja, leben. Und mir
dabei vielleicht sogar ein paar kluge Gedanken mache, was ich auf der
Papiersinfonie ändern kann. Ich möchte das Archiv rausschmeißen und
durch eine andere Rubrik ersetzen, um nicht immer die ganze Heimat-Seite
mit den LungenFortRückSeitSchritten zu füllen sondern diese wieder für
das nutzen kann, für das sie ursprünglich mal geplant war: Ankündigungen
neuer Texte, Bücher, Lesungen und vielleicht mal kleine Anekdoten. Ich
lasse mir was einfallen. Warten Sie es ab.
Für die Zeit. Die nie stillsteht.
Haben Sie einen guten Monat!
Mit Puste, die hoffentlich nie ausgeht.
Juni
2009:
Den
Himmel berühren

Als
so ziemlich das Schwerste an meiner momentanen Situation des Wartens,
des Harrens, des Aushaltens empfinde ich das Schwanken, das Pendeln
zwischen Extremen. Zwischen guten Momenten und ganz schlechten Tagen.
Zwischen Verzweiflung und doch wieder immenser Hoffnung.
Zwischen abgrundtiefer Angst und völliger Ruhe. Zwischen Selbstmitleid
und Mut. Zwischen Trotz und (vermeintlichem) Pragmatismus. Zwischen Betrauern eines Lebens, das war und nicht mehr so
ist, wie es eben war und der Erkenntnis, dass das, was war, schon
ziemlich, ziemlich gut gewesen ist und dem Gefühl, dies nie genügend
zu schätzen gewusst zu haben. Anerkannt zu haben. Genossen zu haben
vielleicht auch.
Ich
realisiere, wie sich Wichtigkeiten verschieben. Wie früher Selbstverständliches
einen ganz neuen Stellenwert bekommt.
Was mich trägt, jetzt, jeden Tag neu, ist Liebe. Was mich hält, sind
Gefühle von Dankbarkeit und Demut. Und eine fast unaussprechliche
Sehnsucht, den Himmel und das Licht zu berühren und zu halten. Ganz
fest zu halten. Immer wieder. Es geht. Kommen Sie, versuchen Sie es mit
mir.
Pusten Sie. Recken, strecken Sie sich. Lassen Sie sich treiben. Ruhen
Sie. Umarmen Sie.
Leben – ist alles.
Mai
2009: Kleine Oasen
Ich stelle diesen Monat
für mich unter das Motto „kleine Oasen“.
Seit fast 10 Jahren lebe ich in einem der schöneren Stadtteile in einer
der schönsten Städte der Welt. In einer Parterrewohnung in einer
ruhigen Tempo-30-Zonen-Einbahnstraße. Mit ein bisschen Rasen und Hecke
vor den Wohnzimmerfenstern. Und Rosenbüschen und einer kleinen
Kastanie, die leider so nah an die Fenster ranwuchsen, dass der Platz für
eine nutzbare Terrassenfläche nicht da war: Zwischen Fenstern und Rosen
war es gerade breit genug für ein paar schöne Terracottatöpfe mit Kräutern
und Tomatenpflanzen. Machte ja auch nichts, ein kleiner Weiher samt Park
war nah für sommerliche Sonnennutzung zur gesunden Teintbildung. War
nah, ebenfalls in Anführungsstrichen. Denn für mich ist er jetzt
unerreichbar, den Weg dorthin schaffe ich allein nicht mehr. Aber wie es
der Zufall (?) so wollte: Der vorvergangene Winter war nass, sehr nass,
bis auf einmal über Nacht die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt
sanken, dort eine Woche verharrten und die Nässe an den Rosenbüschen
gefror. Das hat ihnen grundsätzlich nicht geschadet, allerdings haben
sie aber ihr Gewicht verlagert und sind schwer abgesunken Richtung Straße.
So blieben sie auch, nachdem das Eis getaut war. Im letzten Jahr passte
deswegen schon ein Stuhl auf die Fläche zwischen Rosen und
Fenstern.
Und dies Jahr? Nun,
mit ein bisschen Nachhelfen (entsprechendes Schneiden) und Verlegen von
ein paar alten Platten habe ich jetzt direkt vorm Fenster eine kleine
Oase. Passend für einen Liegestuhl plus einen weiteren Stuhl.
Sauerstoffversorgung nach drinnen inklusive. Ich kann also raus, wenn
ich möchte. Ein bisschen Sonne und Vitamin D tanken. Ohne Rollstuhl,
ich klettere einfach durchs Fenster, das kriege ich gerade so hin.
Klasse, oder? Heimzukommen nach fast 6-monatigen fast ununterbrochenen
Klinikaufenthalten in einen April mit diesem Wetter, und dann auch
einfach draußen sein zu können, haben mir entsprechend gut getan!
Helfen natürlich nicht unbedingt bei den Entscheidungen, die jetzt
anstehen, helfen aber grundsätzlich dabei, mir immer wieder, tagtäglich,
andere kleine Oasen zu schaffen für die Momente, in denen ich sie
dringend benötige. Ähnlich wie die kurzen, guten Momente am
Schreibtisch, die ich auch fast jeden Tag erleben darf.
In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen einen Mai voll mit kleinen Oasen.
Eine davon kann ich Ihnen anbieten und mit Ihnen teilen: Die 4.
Dulsberger MaiRauschen-Lesung gleich am 2. Mai. Unter Ausgesprochenes.
Ich werde dort sein, trotz (oder gerade wegen!) aller Handicaps. Und
viele meiner tollen Kollegen auch. Lassen Sie sich das nicht entgehen.
Das Buch zur Lesung gibt’s wie jedes Jahr zeitgleich, diesmal zum
Thema „Nachspiel“. Hier unter PS.
April
2009: Ist Vergessen auch eine Form von Erinnern?
Ich fasse mich
diesen Monat (verhältnismäßig) kurz, obwohl ich selbstredend wieder
einen Roman schreiben könnte, erspare Ihnen die negativen Entwicklungen
und nenne Ihnen die positiven Veränderungen: Meine Stimme ist wieder
da. Kein Aprilscherz. Einfach so. Ich wachte eines Morgens in Rostock
auf der Intensivstation auf und krächzte plötzlich lauter und nicht
mehr so heiser. Am nächsten Tag kamen meine Worte nicht mehr so
gepresst. Und am Tag drauf sprach ich wieder fast normal. Jemand, der
mich nicht kennt, würde sicherlich bloß denken, ich sei ein bisschen
verschnupft. Gott sei Dank. Ich kann mich wieder äußern. Wieder laut
sein und Laut geben. Gott sei Dank. Sie werden mich also wieder lesen hören!
Das ist ein Versprechen.
Dann habe ich es immerhin ohne erneuten Lungenkollaps nach erneuten 4
1/2 Wochen Klinik schon mal bis in eine Reha geschafft und wachse
bislang täglich mit meinen Aufgaben, indem ich vieles fast von Grund
auf neu lerne: stehen, laufen, mich bewegen, alleine duschen und natürlich
atmen – und fühle mich zum ersten Mal seit Mitte November, als lebte
ich wieder. Ein bisschen. Gott sei Dank! Wie ich „leben“ merke? Ganz
einfach: größtenteils durch die Anstrengung, die ich bei den kleinsten
Kleinigkeiten spüre. Wenn ich Muskelkater habe, nur weil ich 15 Minuten
Armgymnastik gemacht habe. Erstaunlicherweise sind meine Beine ziemlich
fit, auch wenn diese seit Mitte November ja fast ausschließlich eines
getan haben, nämlich nichts. Eine neue Lunge habe ich natürlich noch
nicht. Und es braucht schon ein bisschen Übung und auch ich nenne es
mal Geschicklichkeit, sich zu bewegen, wenn man immer einen Schlauch mit
sich schleppt, an dem man entweder mobil oder stationär mit einem
Sauerstoffgerät verbunden ist.
Und es, das können Sie sich munter vorstellen, ist überaus übel,
durch die Nase atmen zu müssen, wenn man sich einen grippalen Infekt zugezogen hat und die
Nase dicht ist! Wie auch immer, Sie werden mich also nicht nur wieder
lesen hören sondern auch lesen sehen. Auch dies ist ein Versprechen,
denn ich habe nicht vor, mich zu verstecken! Ignorieren Sie dann doch
bitte einfach den Sauerstoffschlauch in meiner Nase, das mobile
Sauerstoffgerät und reichen Sie mir eine Hand, um auf die Bühne zu
kommen – dann kann ich den Rollator unten stehen lassen. Eitelkeit grüßt.
Die Ankündigungen unter Ausgesprochenes.
Und weil ich es besser auch nicht ausdrücken kann, um was es diesen
Monat, früher sowieso und zukünftig auch immer wieder, geht, hier ein
Zitat aus Katharina Hagenas wunderbarem Buch „Der Geschmack von
Apfelkernen“. Eine Besprechung dazu reiche ich Ihnen nach.
„Wurden
nur die Menschen vergesslich, die etwas zu vergessen hatten? War
Vergesslichkeit einfach nur die Unfähigkeit, sich etwas zu merken?
Vielleicht vergaßen die alten Leute gar nichts, sie weigerten sich nur,
sich Dinge zu merken. Ab einer bestimmten Anzahl von Erinnerungen musste
es doch jedem zu viel werden. Also war Vergessen auch nur eine Form des
Erinnerns. Würde man nichts vergessen, könnte man sich auch nicht an
etwas erinnern. Das Vergessen war ein Ozean, der sich um Gedächtnisinseln
schloss. Es gab darin Strömungen, Strudel und Untiefen. Manchmal
tauchten Sandbänke auf und schoben sich an die Inseln, manchmal
verschwand etwas. Das Hirn hatte Gezeiten.“
Ich
wünsche Ihnen einen guten April. Mit vergessen und erinnern. Und immer
wieder: mit atmen und leben.
März
2009: Wenn Zeit zählbar wird
Es geht um
Grenzen. Und Grenzerfahrungen. Weshalb?
Nun: Die rechte Lungenseite hält nicht. Nach dem letzten
Krankenhausaufenthalt nur genau eine Woche. Gerade angekommen in der
Reha an der Ostsee kollabierte sie erneut, Mitte letzten Monats.
Deswegen liege ich in diesem Moment, in dem ich dies schreibe, auch
nicht in Hamburg in der Klinik sondern in Rostock. Wieder an Drainagen,
wieder unter Sog. Fast möchte ich schreiben, das gleiche Spiel
wie zuvor … seit Monaten … zum 3. Mal nun … wenn ich mir dabei
nicht langsam blöde vorkäme, das so zu schreiben. Ja, wirklich, blöde.
Soll ich dies hier etwa als Editorial verkaufen, wenn es eigentlich
nicht mehr ist als ein bestenfalls sentimentaler (nach Mitgefühl
fragender) Blog? So was wollte ich nie! Interessiert es Sie überhaupt?
Es geht um Grenzen. Grenzen des Aushaltens. Grenzen der Mut- und oft
Hoffnungslosigkeit. Grenzen des Glaubens. Und ich kann mich nur
wiederholen: Versagt die Lunge als elementares Organ für Leben, für
Atem, für genug Atem, geht es
um Entscheidungen, die mich ziemlich überfordern. Aber Entscheidungen,
die ich früher oder später treffen muss und die auch niemand anders
treffen kann und darf. Eine neue Lunge gibt es weder im Supermarkt zu
kaufen noch bei e-Bay zu ersteigern. Denn auch darum geht es: Grenzen
des Lebens. Es geht um Endlichkeit. Es geht darum, dass die Sanduhr von
dem Moment an, in dem man sie umgedreht hat, abläuft. Darum, dass Zeit
zählbar wird. Und das ist kein Spiel mehr. Freud war der Ansicht, das
Gegenteil von Spiel sei nicht
etwa Ernst, sondern Wirklichkeit, und dass Menschen in der Spielwelt unbewusst danach
trachten, Situationen zu meistern, die ihnen in der Lebenswirklichkeit
Schwierigkeiten bereiten. In diesem Sinn ist Spiel also nicht nur das
Gegenteil von Wirklichkeit, sondern auch Spiegel, auch Projektionsfläche.
Aber wo befinde ich mich derzeit? Wo kann ich ansetzen? Was wiegt
schwerer - das Geschenk, dass ich 5 Schritte gehen kann, ohne Atemnot zu
bekommen? 5 Schritte!!! Oder der Verlust, nicht einmal mehr 20m mehr
gehen zu können, ohne fast zusammenzubrechen? Vor 4 Monaten konnte ich
noch Rad fahren. Auch hier geht es um Grenzen. Um Verschiebungen. Um
Ziele. Um Umdenken. Um Umblicke, rück- und vorwärts. Um Wertigkeiten.
Im Dezember habe ich mich fast noch ein bisschen lustig gemacht über
die Sauerstoffschläuche in den Nasen von „Dr.-House-Patienten“ im
TV – jetzt benötige ich selbst einen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die
Woche, zu Hause, in der Klinik, beim Essen, beim Tippen, beim Fernsehen
gucken, auf dem Klo und beim Küssen erst recht. Darum geht’s auch: um
Brutalität. Realität. Um verschlossene Türen und die Zweifel, die
manchmal als Gelegenheiten an diese Türen klopfen und die nicht das
Ziel, sondern die Hilfsmittel sind. Wenn ich sie annehme. Annehmen kann.
Und wieder geht es auch um Schönheit und Ganzheit(lichkeit). Um die
Ambivalenz aller Dinge. Genau die finden Sie – wieder einmal – in
den Fotos von Ute Leser. Wenn Sie sich trauen, genau hinzuschauen. Ich
habe mich getraut und ich fühle große Dankbarkeit, dass ich mich ihrer
Fotos bedienen darf; oft drücken diese genau die Gefühle aus, für die
meine Worte nicht annähernd hinlänglich sind. Manchmal sind ihre
Bilder Ergänzung. Manchmal Unterstützung. Aber immer: Bereicherung.
Eine Bereicherung wird auch das neue Buch meines Kollegen Sven-André
Dreyer sein, das diesen Monat erscheint. Im letzten Jahr habe ich Ihnen
sein 2. Werk „Langsamland“ vorgestellt, und ich bin
aufgeregt-gespannt auf sein neues: „Freizeichen“. Sobald ich es habe
lesen können, werde ich es für Sie besprechen. Denn ich spüre, dass
es (für mich) ein Mutpunkt sein könnte. Und ich vielleicht für einen
Augenblick meine momentanen Grenzen vergesse. Auch darum geht es: Um
Fallenlassen und Festhalten.
Hier ansonsten neu auf dem Schreibtisch: Die ganz kurze, aber für mein
neues Buch titelgebende Erzählung „Zwischen den Schatten“ aus dem
letzten Jahr. Zwischen dem Thema da und meinen heute liegen Welten. Und
doch sind es nur ein paar Monate.
Ich wünsche Ihnen einen guten Monat.
Atmen Sie. Leben Sie. Verästeln
Sie sich. Pieksen Sie. Blühen Sie.
Heike
Hartmann-Heesch
Februar 2009
Ich hatte so gehofft, Ihnen diesmal ein richtig frohes, vielleicht sogar
fröhliches Editorial schreiben zu können … Soll wohl leider nicht
sein – obwohl ich versuche, es hoffnungsfroh wenigstens zu schreiben.
Also, kurz und knapp: Doch, die kollabierte linke Lungenhälfte ist
prima stabil geblieben. Alle Narben sind wunderbar verheilt. Nur: Kurz
darauf, Mitte Januar, kollabierte die rechte Lungenhälfte. Plopp.
Einfach so, genau so wie zuvor die linke. Nun liege ich seit Mitte des
letzten Monats wieder in der Klinik, the same procedure as last year, nur mit allen Problemen auf der anderen Seite. Wieder
Drainagen, wieder unter Sog, wieder OP, jetzt immer noch Drainagen und
die Hoffnung darauf, die erste der Drainagen bald ziehen zu können.
Bald. Ganz bald, bitte.
Was mir so sehr am Herzen liegt jetzt: Ich würde gern versuchen, „mit
meiner Lunge noch mehr Hand in Hand zu gehen“. Anders geht es doch
nicht, oder? Ich würde ihr gern so was sagen wie „Hey, ich tue jetzt
alles, damit es dir gut, wenigstens nicht schlechter, geht; ich rauche
nicht mehr, ich mache Atemtherapie, ich versorge mich noch mit zusätzlichem
Sauerstoff, um die Sättigung schön hoch zu halten, ich habe nun schon
sechs Wochen Kortisontherapie hinter mir, ich liege hier nicht wie ein Häufchen
Elend, ich sauge jede positive Kleinigkeit auf, die mir widerfährt (und
das sind viele am Tag!) – könntest du dann vielleicht versuchen,
nicht wieder zu kollabieren? Uns die Chance zu geben, dass wir es
gemeinsam schaffen?“
Ich habe dies eine Bild hier, das ich wieder einmal von Ute Leser
geschenkt bekam (ein dickes Dankeschön!) – sehen Sie die Engel-Flügel?
So zart, verästelt, voll Hunger strecken sie sich aus nach Leben –
und doch, als Bild meiner Lungenflügel, gleichzeitig so vernarbt, so löchrig,
rufen sie nach Leben.
Ein schönes Bild, in seiner Ambivalenz.
Und ich möchte mit meiner Stimme kommunizieren. Ihr sagen, wie toll es
wäre, wenn ich auch wieder laut sein dürfte. Meine Gedanken nicht mehr
nur flüstern könnte. Meine Wünsche, meine Sehnsüchte. Auf dass ich
gehört würde. Aber wer weiß, manchmal liegt ja auch gerade in der
Stille des Wortes die Kraft. Aber wohin dann manchmal mit der Wehmut,
der Traurigkeit, die kommt und geht, wenn ich z.B. ältere eingelesene
Texte von mir anhöre? Werde ich mich wieder so mitteilen können? Für
Sie lesen können? Sprechen? Aussprechen?
Ich wünsche Ihnen einen Monat mit genug Luft: Zum Atmen, zum
Kopffreipusten, zum Sprechen, zum Leben.
Hier neu auf dem Schreibtisch: „Mücken“, eine kurze Erzählung aus
dem letzten Jahr. Eine neue Besprechung unter Lesezeichen reiche ich
Ihnen nach. Und unter PS können Sie schon einmal einen Blick werfen …
auf das Neue. Das neue Buch.
Januar 2009
Verbringt man sechs
Wochen im Krankenhaus, von denen man drei Wochen das Bett nicht
verlassen kann, bleibt auf jeden Fall eines: Zeit.
Zeit zum Nachdenken, Zeit für Besinnung darauf, was wirklich wichtig
ist. Kann man dann noch nicht einmal sprechen, findet man
andere Möglichkeiten der Kommunikation, um
sich verständlich zu machen, und es bleibt: Dankbarkeit.
Dankbarkeit für kleine liebevolle Gesten, Dankbarkeit gegenüber
Menschen, die einen nur ansehen und wissen, was man benötigt. Versagt
die Lunge als elementares Körperorgan für Leben, bleibt sie auch nach
einer erneuten OP über lange lange Tage nicht von alleine stabil,
bekommt das den Beigeschmack einer Entscheidung, die man selbst scheinbar nicht mehr in der Lage ist zu
treffen. Wenn dann, buchstäblich von einer Minute zur anderen, die
medizinischen Apparaturen anzeigen, dass auf einmal doch keine Luft mehr
in den Pleuraspalt gelangt und damit die Ausdehnung der Lunge nicht
mehr verhindert, sodass diese für die Atmung doch vielleicht
wieder zur Verfügung steht, kann man schon ein bisschen paranoid werden und möchte
am liebsten alle drei Minuten nachschauen, ob dem auch tatsächlich so
ist, weil man es fast nicht glauben kann und die Angst vor Enttäuschung,
vor Rückschlag, so immens groß ist – und dann scheue ich mich nicht,
die Worte kleines Wunder in
den Mund zu nehmen. So habe ich es empfunden. An jedem der Tage, an
denen die Drainagen gezogen waren und meine Lunge wieder alleine in der
Lage war zu arbeiten. Zu atmen. Zu leben. Mir Leben zu schenken. Wie
gebrochene Erde, aus der das Leben neu erwachsen darf.
Was bleibt, ist die Angst, dass dieser Zustand nicht zu halten sein wird. Damit lerne ich jetzt umzugehen. Und, in großer Dankbarkeit und
auch ein bisschen Demut, um ein weiteres kleines Wunder zu beten, obwohl
das sogar vielleicht schon ein bisschen vermessen anmutet: dass auch
meine Stimme wiederkommen möge.
Hier neu auf dem Schreibtisch: Der kurze Text „Gott und ich oder:
Enten füttern verboten“.
Ich wünsche Ihnen ein friedvolles, gesundes Jahr 2009 mit vielen
kleinen oder größeren Wundern.
Mit dem Vertauen darauf, dass auch Regenschauer ihr Gutes haben, da nach
ihnen oft neues Wachstum möglich ist. Mit dem entsprechenden
Sonnenschein.
Mit der Gewissheit, dass es für alles seine Zeit gibt.
Heike
Hartmann-Heesch
Dezember
2008
Bislang dachte ich, das Schlimmste, das einer Autorin
passieren könne, sei eine Schreibblockade. Schreibblockade, pah!
Peanuts! Ich weiß jetzt, was schlimmer ist: Keine Stimme mehr zu haben!
Momentan kann ich nur flüstern - und
selbst das Flüstern klingt noch heiser. Wie soll ich je wieder vorlesen
können? frage ich mich im Moment ziemlich verzweifelt.
Warum ich nur noch flüstern kann? Hm. Nun, mach einer
Routineuntersuchung (Bronchoskopie) im Krankenhaus kollabierte meine sowieso schon
angeschlagene Lunge (deshalb ja die Untersuchung) – allerdings erst drei Tage später, als
ich schon aus dem Krankenhaus entlassen war, zu Hause auf den Befund
wartete, der ca. eine Woche später kommen sollte und ich mich arg
wunderte, dass es mir stündlich schlechter als besser ging.
Dann kam Atemnot.
Und dann versagte die Stimme.
Ich also zurück ins Krankenhaus, Notaufnahme und binnen einer Stunde
lag ich auf dem OP-Tisch. Und nun bin ich ohne Stimme und bettlägerig.
Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der linken Seite zwischen zwei Rippen
die Drainage, die meine Lunge wieder dazu bringen soll, auf normale Größe
„zurück zu wachsen“, auf der rechten Seite die ganzen Braunülen für
Antibiotika, Kochsalzlösungen und weiteren Infusionen. Nicht zu
vergessen das Sauerstoffschläuchchen in der Nase (und hinter den Ohren
festgeklemmt), welches bei „Dr. House-Patienten“ immer so nett
dekorativ ausschaut. Ich kann Ihnen versichern: Es ist weder dekorativ
noch nett – nur eben manchmal gesundheitlich verdammt nötig. Und:
Mein Aktionsradius beschränkt sich momentan also auf ca. einen Meter
rund ums Bett.
Also: Wie gut, dass ich die Erzählung „Heimkehr“ für die
Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde schon im Oktober eingelesen
habe. Die können Sie sich dann vom 16.-22.12. unter www.weblesungen.de
anhören. Danach dort im Archiv. Und natürlich neu hier auf dem
Schreibtisch zum Selbstlesen. Oder auch in der Anthologie
„Weihnachtsgeschichten für Erwachsene“ (siehe PS). Unter PS
ebenfalls neu: Das Mohland-Jahrbuch 2008.
Ihnen jetzt wünsche ich erst einmal eine friedvolle Adventszeit, frohe
Weihnachten und einen guten Start für 2009. Ich mache mich jetzt rar, kümmere
mich um meine Lunge und komme im neuen Jahr zurück: Hoffentlich gesund
(wenigstens gesünder), auf jeden Fall aber mit neuer Energie, einem
neuen Buch und hoffentlich mit gewohnter ALTER Stimme.
(Was für ein Roman! Goethe wars, glaub ich, der gesagt
haben soll: Ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen).
November
2008
Im
Herbst des vergangenen Jahres waren mein Mann und ich eine Nacht zu Gast
auf der Burg Hornberg (ja, die, auf der auch Götz von Berlichingen 45
Jahre seines Lebens verbrachte). Dabei entstand dieses Foto. Schauen Sie
genau hin, was dort fleucht und flattert ... Schöne Einstimmung auf den
November, nicht wahr?
Wer fürchtet sich vor „Novemberblues"? Ich jedenfalls nicht!
Denn es gibt: viele tolle Lesungen und Veranstaltungen (Ausgesprochenes), neue Bücher (PS) und hier auf dem Schreibtisch einen
brandneuen Text („Zum Meer"). Meer? War ich nicht gerade noch in
den Bergen rund um die Burg?
Oktober
2008
Nun ist es
kaum noch zu ignorieren: Der Herbst ist da. Die Tage scheinen wieder kürzer
zu werden, aber eigentlich sind sie ja nur länger dunkel. „Es gibt
keine Finsternis an sich, sie ist nur ein Mangel an Licht“ lässt
Jostein Gaarder seine Sofie in „Sofies Welt“ sagen. Und was kann
mehr Licht schaffen in trüben Tagen als große Gefühle? Jetzt schon
als kleine Einstimmung auf die Novemberlesungen
stelle ich Ihnen unter Lesezeichen das unlängst als Taschenbuch
erschienene Werk „Gut gegen Nordwind“ vor.
Oder blättern Sie doch ein bisschen in der in diesem Monat
erscheinenden Anthologie „Erste Liebe" (siehe PS),
herausgegeben vom KulturStammtisch Dulsberg als Projekt zur Dulsberger
HerbstLese 2008.
Außerdem werde ich in diesem Monat noch einmal zu Gast bei Rüdiger Käßner
sein, der seit 2001 die Weblesungen für die Hamburger Kulturbehörde
organisiert. Ich werde, nein, keinen Herbsttext einlesen sondern – ich
traue mich kaum es zu tippen – schon einen
adventlich-vorweihnachtlichen. Schließlich werden Sie ihn sich ja auch
erst im Dezember anhören können …
Weitere Termine unter Ausgesprochenes.
Ich wünsche einen bunten Herbst mit Kürbissuppe, Apfelchutney, selbst
gestrickten warmen Wollsocken und
Indian Summer (auch mitten in der Großstadt)!
September
2008
Die letzten Augusttage
zeigen sich hochsommerlich: sonnig, warm und trocken. Gedanken an den
bevorstehenden Herbst kommen erst langsam.
Für mich ist der Herbst oft eine Zeit des Umbruchs gewesen.
Entscheidende Veränderungen in meinem Leben manifestierten sich
seltsamerweise immer im Herbst; und diese Veränderungen waren
oft verbunden mit Wehmut, mit Abschiednehmen (und dies noch gar nicht
wollen), mit Loslassen (und dies vielleicht noch gar nicht können).
Immer schien die vermeintliche Leichtigkeit des Sommers zu Ende zu
gehen.
In diesem Herbst werde ich (auch) mit viel Dankbarkeit zurückblicken: „Herbstzeitlose",
hier neu auf dem Schreibtisch. Zum Lesen und Anhören. Oder lesen Sie meine Herbstgedanken nach
im Text „Das
Geschenk" in „Der Rattenfänger"
(siehe PS).
Ebenfalls unter PS: Der Live-Mitschnitt der Lesung vom
Mai im Hamburger STZ - jetzt als Hör-CD! Und auch die neue
Matthias-Fehlberg-CD ist nun endlich erhältlich! Unter Ausgesprochenes
die ersten Termine der Herbstlesungen!
August
2008
Da!
Schauen Sie
genau hin! Ich habe es für Sie gesucht!
Und aufgestöbert! Gefunden!
Das Sommerloch!
Passen Sie auf, dass Sie nicht hineinfallen!
Ich kann es sicherlich nicht ganz füllen, aber doch wenigstens ein
bisschen:
Diesen Monat erscheint die Anthologie „Begegnungen 2008“ der
editionleselust (siehe PS). Meinen Beitrag dafür „Im nächsten
Leben“ können Sie auch auf dem Schreibtisch nachlesen. Aber natürlich
können Sie ihn sich auch anhören, wenn Sie das lieber möchten.
Wiederum aus dem Live-Mitschnitt meiner Mai-Lesung im Hamburger STZ.
Sogar ohne Versprecher.
Außerdem erscheint diesen Monat die 21. Ausgabe des Magazins „Verstärker“
zum Thema „Schein“. Lassen Sie sich die nicht entgehen, genauso
wenig wie die dazu veranstaltete Lesung in Berlin am 23. August (Ausgesprochenes). Ich werde dort
sein!
Fotoimpressionen dann ebenfalls unter Ausgesprochenes.
Haben Sie einen guten Monat – ohne allzu viele oder wenigstens nicht
so große Löcher.
Juli
2008
Diesen Monat
gibt’s was auf die Ohren. Und es gibt ein paar Dankeschöns.
Wie schon im Juni angekündigt, können Sie vom 01.-07.07. meinen Text
„Im Winter trägt man morgens um 6 keine Sonnenbrille“ aus dem Buch
„Vertrauenssache“ auf den Weblesungen der Hamburger Kulturbehörde
anhören. Link dorthin auf dem Schreibtisch. Danach wandert der Text
dort ins Archiv. Mein Dank gilt Rüdiger
Käßner, der seit 2001 die Weblesungen organisiert.
Dann bedanke ich mich bei Thies
Stein. Er hat den Text „Die Zeit steht still“ (aus dem Buch:
„Der Rattenfänger…“), aus dem ein kleiner Ausschnitt auf der CD
„Blues Between the Lines“ von Matthias Fehlberg erscheinen wird, in der
Studio-Version bearbeitet. Den gesamten Text können Sie sich ab sofort
hier auf dem Schreibtisch anhören. Matthias
sage ich danke dafür, dass er den Text so sehr mag, dass er ihn auf seiner CD
musikalisch begleitet.
Und ich bedanke mich bei Thomas
Stelter. Er hat meine Mai-Lesung im Hamburger STZ aufgezeichnet.
Hier davon zu hören: „Post an
von Paul“ (schön spöttisch in der Vorleseversion!), ebenfalls auf
dem Schreibtisch.
Und jetzt gibt’s
noch was für die Augen. Dieter
Aipperspach hat eine Interpretation zu meinem Text „Gefallener
Engel“ (auch aus „Der Rattenfänger…“) gemalt, die mich sehr berührt.
Auf zweierlei Weise zu betrachten, also „von oben und von unten“.
Hier die Version „von oben“. Auch dafür danke.
Ich wünsche Ihnen einen guten Monat!
Juni
2008
Wir schreiben den einunddreißigsten
Tag im fünften Monat des zweitausendundachten Jahres. Des Herrn,
meinetwegen. In Hamburg ist Hochsommer ausgebrochen. Ich war auf einer
Veranstaltung und habe ungefähr zum vierundzwanzigeinhalbten Mal den „Sonnenbrillen"-Text
gelesen. Siehe Schreibtisch und Ausgesprochenes. (Den Sie sich übrigens
ab dem ersten Kalendertag des siebten Monats unter Weblesungen.de anhören
können.) Es war sehr heiß. Danach habe ich im Park in der Sonne
gelegen und hundertdreiundzwanzig Seiten des Buches „Die
Bücherdiebin" gelesen. (Darüber schreibe ich Ihnen eine
Besprechung. Demnächst. Unter Lesezeichen.) Ich habe dies Buch nicht
gestohlen sondern zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich bin ein Jahr älter.
Es ist jetzt genau siebzehnuhrdreiundfünfzig und die deutsche
Fußballnationalmannschaft bestreitet ihr letztes Testspiel vor der EM.
(Darüber werde ich nicht schreiben.)
Ich klinge gelangweilt? Oh nein. Nur ein bisschen ausgepowert. Deswegen
die ganzen „demnächsts"
in diesen Zeilen.
Aber: Den kurzen anderen Text „Ganz
anders" können Sie sich ab sofort auch anhören. Aus einem
Livemitschnitt meiner Lesung vom fünften fünften dieses Jahres. Mit
allen Versprechern, der Aufregung, aber auch dem Applaus. (Auf dem Schreibtisch.)
Dankeschön. Und ich verweise noch einmal auf den Videomitschnitt der „Vorspiel"-Lesung.
Damit Ihnen nicht langweilig wird. (Unter Ausgesprochenes.)
Meine Tomatenpflanzen vor dem Wohnzimmerfenster haben schon jeweils vier
Blüten. Und Ihre???
Mai 2008
Upps, nun haben wir schon Mai. Die Tage
sind länger. Stimmt natürlich nicht, die Tage sind nur länger hell,
das scheint mir wesentlich.
Klicken Sie mal auf Ausgesprochenes. Für die jetzt hoffentlich
lichtdurchflutete Zeit stehen einige spannende Lesungen mit noch
spannenderen Themen an: Grenzgänge, Vorspiel, Umbruch...
Meinen Text „Die Fremdgängerin" im Rahmen des „Vorspiels"
finden Sie auf dem Schreibtisch. Allerdings erst am Tag nach der Lesung.
Ich möchte Ihnen die Pointe ja nicht vorher stehlen. Die Anthologie mit
allen Texten zum Thema erscheint übrigens zeitgleich zur Lesung.
Näheres unter PS.
Und, falls Sie die Lesung verpasst haben sollten, unter Ausgesprochenes
eine Videodokumentation.
April 2008
Kennen Sie das? Fragen Sie sich auch
manchmal, warum Sie gerade das tun, was Sie tun? Oder, schwerwiegender
vielleicht noch: Ob das, was Sie tun, eigentlich das Richtige ist? Mich
jedenfalls haben in den letzten Wochen oft solche Fragen beschlichen.
Dazu passt, hier neu unter Lesezeichen, das Büchlein „Briefe
an einen jungen Dichter" von R.M. Rilke. Und, neu auf dem Schreibtisch,
der ganz kurze Text: „Ganz
anders". Er erscheint zeitgleich in der April-Ausgabe des Magazins „Kurzgeschichten".
Siehe PS. Unter Ausgesprochenes die neuesten Lesetermine.
Ich wünsche einen zauberhaften Frühling.
März 2008
Mit der Eröffnung vom Café Leonar und
dem Jüdischen Salon am Grindelhof hier in Hamburg kehrt ein Stück
Kultur zurück in das ehemalige jüdische Viertel um die
Talmud-Tora-Schule. Meinen Beitrag „Der Koch als
Heiratsvermittler" darüber finden Sie in der März-Ausgabe von „Das Viertel" und hier auf dem Schreibtisch.
Ebenfalls neu auf dem Schreibtisch: Der von der Jury als bester Beitrag preisgekrönte Text
des Mohland Jahrbuchs 2007: „Und mein Herz ist offen"
(siehe Presse unter PS).
Unter Ausgesprochenes können Sie die ersten Fotoimpressionen der „Rattenfänger"-Lesung
anschauen.
Ansonsten: Die Veränderungen hören nicht auf: Ab April wird es das
Stadtteilmagazin „Das Viertel"
nach fünfeinhalb Jahren aus verschiedenen Gründen
nicht mehr geben. Was mich sehr bestürzt. Sehr. Es fühlt sich für
mich an wie unter einem Gewitterguss. Und momentan mag ich gar nicht
daran glauben, dass ja bekanntlich nach und aus Regen viel Neues
erwachsen kann. Drücken Sie also bitte die Daumen.
Ende Januar / Februar 2008
Nun ist das neue Jahr schon fast einen
Monat alt und wieder einmal finde ich es erstaunlich, wie viele
Veränderungen sich in so kurzer Zeit manifestieren...
Hier neu: Eine
Besprechung. Denn wenn Sie endlich mein (ja nun schon nicht mehr ganz) neues Buch „Der
Rattenfänger" gelesen haben (oder mich auf meiner Lesung am 04.02.
daraus vorlesen gehört haben - siehe Ausgesprochenes -), dann
besorgen Sie sich unbedingt das zweite Werk des Autors Sven-André
Dreyer „Langsamland".
Unter Lesezeichen vorgestellt.
Januar 2008
Mein Viertel, DAS Viertel, ist
international. Hier können Sie sogar die Metropolitan Opera in New York
besuchen. Wo? Das sagt Ihnen mein Januar-Artikel in „Das
Viertel". Nachzulesen unter „The
Metropolitan Opera goes HOLI..." auf dem Schreibtisch.
Außerdem: Zwei Buchbesprechungen meines neuen Buches unter PS.
Ich wünsche uns ein friedvolles und vor allem gesundes 2008.
Heike Hartmann-Heesch
Dezember 2007
Wir
können es nicht mehr ignorieren: Das Jahr neigt sich dem Ende...
Schokoweihnachtsmänner und Engel aller Variationen in den Läden
(bereits seit Mitte September), Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen
und Weihnachtsmärkte (bereits vor dem Ewigkeitssonntag) und, halten Sie
sich fest, ein 6er-Pack hart gekochte, bunt gefärbte Eier im Sonderangebot (gesehen in
einem Reklameblatt eines deutschen Lebensmittelkonzerns am letzten
Novemberwochenende)...
Das
Jahr geht zu Ende...
Hier neu: Ein Artikel über den Verein SOS Kinderdorf e.V., der auch
hier bei uns im Viertel seit 25 Jahren Beratungs- und Betreuungsangebote
für Kinder, Jugendliche und Familien anbietet, denen es in unserer
schnelllebigen Zeit oft an Orientierung und Perspektiven mangelt. Unter „Jungen
Leuten helfen" auf dem Schreibtisch.
Mir bleibt nur zu sagen: Haben Sie, so möglich, eine besinnliche
Adventszeit.
Genießen Sie Abende bei Kerzenschein und Tee. Lassen Sie sich nicht
hetzen und nicht stressen. Bleiben Sie bei sich. Legen Sie eine schöne
CD auf. Lesen Sie ein neues Buch. Meines zum Beispiel. „Der
Rattenfänger und andere Grenzgänge". Ab 11.12. zu erhalten. Nähere
Informationen unter PS... Oder das Romandebüt „Auf
einen Schlag" von
Florian Tietgen. Im Archiv.
Und: Klicken Sie doch mal auf den Nikolaus. Dort finden Sie meinen
Beitrag für einen besinnlichen und bewussten Advent.
November 2007
Wer
sagt, diese Jahreszeit sei dunkel, kühl und trübe?
Ich jedenfalls finde, es ist die Zeit für ganz große Gefühle. Und um
die gehts in „Post
an von Paul". Auf dem Schreibtisch. Und in der Oper „Aelita" geht es ebenfalls darum - um große
Gefühle jenseits von Zeit und Raum. In der aktuellen Novemberausgabe
von „Das Viertel" stelle ich Ihnen den Hamburger
Aelita-Musiktheater-Verein e.V. vor. Unter „Die Liebe auf dem Mars,
Oper „Aelita" im Hamburg-Haus" hier inzwischen im Archiv nachzulesen.
Ende September
/ Oktober 2007
„Enge
wird und duftet bang und bitter
Diese Welt, dem Lichte abgewendet.
Rüsten wir uns auf das Spätgewitter,
das des Lebens Sommertraum beendet!"
So schrieb Hermann Hesse 1947.
Was ich schreibe, 60 Jahre später, lesen Sie unter „Das
Geschenk" auf dem Schreibtisch.
Und: Seit über 40 Jahren gibt es in Hamburg-Eimsbüttel das „Hamburg-Haus",
ein Kulturzentrum für alle Einwohner des Bezirks, unabhängig von
Alter, Einkommen und Interessen. Den Bericht darüber finden Sie in der
Oktober-Ausgabe von „Das Viertel".
Unter Ausgesprochenes die Fotoimpressionen der 2. Glinder Autorennacht.
Ende
August / September 2007
Kurz und knapp:
Vor genau einem Jahr startete das Hamburger Magazin „Das
Viertel" eine Serie, in der bekannte und weniger bekannte Autoren
aus „dem Viertel" (also: unserem! meinem!) aus ihrer subjektiven
Sicht über „ihr" Viertel schreiben. Meinen Beitrag „Vogelperspektive"
dazu finden Sie in der aktuellen September-Ausgabe. Und hier nachzulesen
ebenfalls auf dem Schreibtisch.
Ich wünsche einen angenehmen Spätsommer (oder Frühherbst, ganz, wie
Sie mögen).
Juli
/August 2007
300000 Kinder, vom Säugling bis zum
Jugendlichen, werden laut Dunkelfeldstudien in Deutschland pro Jahr
sexuell missbraucht. In der aktuellen Ausgabe von "Das Viertel"
stelle ich Ihnen den Verein "Zündfunke e.V." vor, der sich um
Aufklärung und Prävention bemüht. Hier nachzulesen unter "Wenn
Kinder um Hilfe rufen" auf dem Schreibtisch.
Ansonsten: Foto-Impressionen einer Open Air Lesung unter Ausgesprochenes
und unter PS neue, na, was wohl, Reklame.
Juni 2007
Hier neu unter Lesezeichen: die
Rezension eines der faszinierendsten Bücher, das ich in den letzten
Jahren gelesen habe!
Mai
/ Juni 2007
Wie
bunt und facettenreich Leben ist, konnte ich in den letzten vier Wochen
mal wieder überdeutlich erfahren. Und wie sich die vermeintlichen
Gegensätze von Geborgenheit und Angst, Heimat und Fremde, Gesundheit
und Krankheit, Atmung und Atemlosigkeit und auch Leben und Tod doch
immer wieder neu vereinigen.
Wie reich das Leben sein kann, wenn man sich darauf einlässt. Wie
bereichernd, wenn man neue Erfahrungen machen darf und neue Wege
beschreiten kann, zu denen einem vielleicht vorher lange der Mut gefehlt
hat.
Hier neu: Eine Erzählung auf dem Schreibtisch und kleinere
Veränderungen unter Ausgesprochenes, Pinnwand und PS.
Ende April 2007
Und soll ich analog zum letzten Eintrag
sagen: Der Sommer ist da? Nö. Stattdessen gebe ich Ihnen lieber
eine kleine Illu meines Mannes, die die Lage hier in Hamburg so
beschreibt: „An und in der Elbe Auen drängen die Fischköpfe zur
Freiheit, zur Wonne. Es gibt ein Leben nach Windjacke, Schal und
Handschuhen." Wie wahr.

Und ich stelle Ihnen ein
tolles Hamburger Projekt für Kinder/Jugendliche zwischen 9 und 14
Jahren des Vereins „Hamburger Kulturbrücke e.V." vor:
„Switch
- Eine Weltreise in 4 Tagen". Kinder-Botschafter für mehr
Freundschaft, als Chance für Vorbehaltlosigkeit. "Wie Koreaner
essen". Auf dem Schreibtisch.
Ende
März / Anfang April 2007
Der Frühling ist da. Fast ohne Vorwarnung.
Der Frühling ist da. Deshalb ebenfalls neu hier: „Und mein Herz
ist offen", eine Liebesgeschichte, und ein „April"-Beitrag
auf dem Schreibtisch. Und, ganz passend zum Frühling, die Rezensionen
im Archiv: ein Buch über die Liebe und das Glück und zwei winterliche
CDs.
Zu guter Letzt: „Im Winter trägt man morgens um 6 keine
Sonnenbrille", eine neue Leseprobe aus meinem Buch „Vertrauenssache". Der Text wurde im März zum Publikumssieger
auf der Offenen Bühne im Hamburger Literaturcafé Mathilde gewählt -
zum Thema „Frühling" natürlich. Und mit Glück können Sie
sich diesen Text auch bald hier anhören, aus einer Aufzeichnung der
Radiosendung „Radio Blattgold - Literatur zum Anfassen" aus
dem vergangenen Jahr. Wenn ich kapiert habe, wie ich das technisch
bewerkstelligen kann.
Und denjenigen, denen jetzt im Frühling (oder wann auch immer...)
Reisegefühle im Buch kribbeln, empfehle ich die Anthologie „Unterwegs".
Unter „Lesezeichen".
Februar 2007
„Man tötet einen Geschichtenerzähler damit, dass man ihn auf die
Wahrheit verpflichtet. Die Wahrheit bleibt dem Ernst des Erzählenden überlassen“,
sagte der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel. Viel Spaß bei der
Entdeckung von Wahrheit und Fiktion in meinen Texten.
Und wenn Sie lange genug hier auf der „Papiersinfonie“ blättern,
werden Sie auch wissen, woher der Name kommt und was er ursprünglich
einmal für mich bedeutete… J
Heike
Hartmann-Heesch, 02/2007
nach
oben
|